Sir John jagt den Hexer

Andreas Neumann
Sir John jagt den Hexer
Siegfried Schürenberg und die Edgar-Wallace-Filme

(sfbentry)
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2005 (Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag)
224 S.
ca. 340 s/w und farbige Abbildungen
ISBN-13: 978-3-89602-473-2

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Zum Inhalt:

Siegfried Schürenberg (1900-1993) gehörte nie zu den Stars des deutschen Theaters, Films und Fernsehens. Schauspieler wie ihn nennt man Charakterdarsteller; sie stellen ihre Arbeit in den Dienst der erzählten Geschichte und tragen eher unauffällig ihren dennoch gewichtigen Teil dazu bei, diese möglichst unterhaltsam ablaufen zu lassen. Die Rollen sind meist klein aber so prägnant, dass sie dem Publikum lange im Gedächtnis bleiben.

Manchmal gelingt es einem Charakterdarsteller über solche Rollen, aus dem zweiten Glied hervorzutreten. Schürenberg kam in der Rolle des kauzigen „Sir John von Scotland Yard“ zu spätem Ruhm, als in den 1960er Jahren die deutschen Edgar-Wallace-Filme in Serie gedreht wurden. Der Künstler war darüber hinaus als Theaterschauspieler tätig. Sicherlich ebenso wichtig ist sein Wirken als Synchronsprecher. Erst recht unsichtbar lieh er seine sonore Stimme zahlreichen US-Schauspielern und sprach u. a. für Clark Gable in der deutschen Fassung des Klassikers „Vom Winde verweht“.

Andreas Neumann lernte Siegfried Schürenberg kennen, nachdem dieser sich 1974 zur Ruhe gesetzt hatte. Aus dem Fan wurde ein Fachmann, der sein Wissen schließlich in diese Biografie einfließen ließ. „Sir John jagt den Hexer“ arbeitet Leben und Werk des Darstellers chronologisch auf, wobei das Hauptgewicht auf der Schauspielertätigkeit liegt und sich hier auf die Jahre konzentriert, in denen Schürenberg besagten Sir John mimte. Die Bekanntschaft mit dem Rialto-Produzenten Horst Wendlandt öffnete dem Verfasser die Tür zu einer wichtigen Quelle der deutschen Filmgeschichte und vor allem zu einem bemerkenswerten Fotoarchiv, aus dem Neumann mit sichtlicher Freude und Gewinn für seine Leser schöpft. Mehr als 300 s/w-Fotos illustrieren den Text; zwischen den Seiten 112 und 113 gibt es eine 32-seitige Farbfotostrecke. Ein umfangreicher Anhang mit kommentierten Listen der Theaterauftritte, Kino- und Fernsehfilme, den Synchronsprechrollen und geplanten aber nicht zu Stande gekommenen Filme Schürenbergs runden zusammen mit einem Literaturverzeichnis das Werk ab.

Kein Gesicht hinter der Maske

Wer ist Siegfried Schürenberg? In der Welt des Films geschieht es oft, dass ein Darsteller als Person hinter einer Rolle quasi verschwindet, die womöglich zur Rolle seines Lebens wird. Auch in diesem Fall wird die Reaktion auf die einleitende Frage vermutlich meist ein Kopfschütteln sein, während ein Bild Schürenbergs als Sir John selbst bei jüngeren Zeitgenossen eine Aha-Reaktion auslöst. Zwar sind die Edgar-Wallace-Filme der späten 1950er bis frühen 1970er Jahre längst passé, doch so zahlreich waren sie und erfolgreich, dass die Erinnerung nur verblasst aber nicht verschwunden ist. Außerdem bilden diese Filme einen Grundstock, auf den die meisten deutschen TV-Sender ungern verzichten würden. Ständig werden sie wiederholt und durchaus gern gesehen, denn sie bieten nostalgisch angestaubtes, gut gemachtes Handwerk, das weiterhin seinen vorgesehenen Zweck erfüllt: zu unterhalten.

Siegfried Schürenberg war ein wichtiges (aber kein unverzichtbares, wie er selbst feststellen musste) Element dieser Wallace-Serie. Diese Tatsache ist wichtig, denn sie prägt Andreas Neumanns Werk entscheidend: Der Informationsfluss wird erst dann zur Flut, als er die Schürenberg-Biografie zur Wallace-Schau erweitern kann; hier betritt Neumann sicheren Boden, denn er kann sich auf Sekundärliteratur sowie eigene Quellen stützen.

Informationsbasis mit Löchern

Schürenberg selbst war ein schwieriger bzw. unzugänglicher Mensch. Autor Neumann schildert, wie er als junger Mann den Schauspieler in seinen letzten Lebensjahren kennen lernte. Es entstand eine Freundschaft, doch es blieb eine Distanz, die nicht durch den Altersunterschied allein zu erklären ist. Schürenberg schwieg sich über Privates offenbar grundsätzlich aus, was für einen Biografen misslich ist.

Die Eckdaten von Schürenbergs Leben und vor allem seine Arbeiten für Theater, Film und Synchronstudios lassen sich recherchieren. Es bleiben jedoch Fragen. So fällt Schürenbergs frühe Karriere in die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, die den deutschen Film und das Theater keineswegs aussparte. Wer so gut beschäftigt war wie er, hat sich mit dem Regime zumindest arrangiert und wurde umgekehrt von ihm akzeptiert. Und was hat Schürenberg gewusst oder gedacht, als jüdische Kollegen und Kolleginnen verschwanden? Geäußert hat er sich dazu nie, weder öffentlich noch seinem Biografen gegenüber. Ebenso stellt sich die Frage nach dem wahren Wesen des nach außen so beherrscht und distinguiert wirkenden Mannes, der viermal verheiratet war.

Neumann ist sich des Dilemmas durchaus bewusst und spricht es offen an: Die Faktendecke des Schürenberg Charakterbildes ist dünn. Lücken bleiben, was einerseits die richtige Entscheidung ist, denn der Verfasser verkneift sich in der Regel nachträgliche Interpretationen. Andererseits hätte ein erfahrener Biograf wohl intensiver nachgeforscht, andere Quellen gesucht und offen gelegt, wo Neumann an der Oberfläche bleibt.

Film als Job

Fragt sich indes, ob jemand eine ‚vollständige‘ Biografie Schürenbergs überhaupt lesen möchte. So bemerkenswert war dessen Leben nicht. Es wurde von einer (Film-) Arbeit überragt, die Neumann sehr richtig als exemplarisch für einen deutschen kontinuierlich aktiven Schauspieler darstellt. Vom Theater der Weimarer Republik über den Nazifilm, das Kunterbunt-Kino der Wirtschaftswunderjahre, die „Euro-Pudding“-Coproduktionen der 1960er Jahre bis zum Zusammenbruch von „Papas Kino“ im Lümmel-Lederhosen-Sumpf der 1970er Jahre spannt sich Schürenbergs Karriere. Als Repräsentant professionell und fließbandmäßig gefertigter Unterhaltung ist Schürenberg interessant und vor allem darstellbar. In diesem Umfeld war er gut gebucht und trotzdem nur ein kleiner Fisch, den seine Produzenten in den Teich zurückwarfen, wenn er nicht ‚funktionierte‘ oder zu viel Geld verlangte.

In solchen Passagen liest sich „Sir John jagt den Hexer“ außerordentlich spannend. Der Autor schreibt sachlich und sachkundig, lockert die Fakten mit Anekdoten auf, ohne sich in ihnen zu verlieren. Ins Auge stechen natürlich die zahlreichen Fotos, darunter seltene Privataufnahmen, aber auch selten oder nie gesehene Standfotos, Plakate, Porträtaufnahmen, Schnappschüsse von Dreharbeiten, ausnahmslos hervorragend reproduziert auf gutem Kunstdruckpapier.

Wenn auch der Mensch Siegfried Schürenberg nach der Lektüre kaum vertrauter geworden ist, so kann man sich ein umfassendes Bild von einem hochprofessionellen Schauspieler machen, der ohne seinen Fan und Freund Andreas Neumann definitiv im Reich der vergessenen Darsteller von Gestern verschollen geblieben wäre. Insofern trägt der Verfasser einen wichtigen Mosaikstein zum Gesamtbild der deutschen Filmgeschichte bei. Das macht „Sir John jagt den Hexer“ zu einem Filmbuch, mit dem auch der Fachmann zufrieden sein kann, zumal es angesichts seiner Ausstattung erfreulich kostengünstig geraten ist.

[md]

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