Star Trek Archive. 40 Jahre Sci-Fi-Kult

Scott Tipton
Star Trek Archive. 40 Jahre Sci-Fi-Kult

Originaltitel: Star Trek Vault – 40 Years from the Archives (New York : Abrams 2011)
Übersetzung: Barbare Knesl, Veronika Knesl
Deutschsprachige Erstausgabe (geb.): Mai 2013 (Panini Verlag)
128 S.
ISBN-13: 978-3-8332-2655-7

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Information und Werbung

Als 1966 erstmals eine zwar inhaltsfrische aber trotzdem nur bedingt erfolgreiche TV-Serie ausgestrahlt wurde, die darüber hinaus schon nach drei Staffeln ihr Ende fand, hätte niemand damit gerechnet, den Start eines der erfolgreichsten Franchises der Unterhaltungsgeschichte erlebt (oder versäumt) zu haben. Da war offensichtlich etwas, das den Nerv eines Publikums berührte, weshalb es dem „Raumschiff Enterprise“ nicht nur treu blieb, sondern dies auch lautstark äußerte, Nachschub verlangte sowie sich mikrobenschnell vermehrte.

Vor allem der letzte Punkt überzeugte die notorisch geizigen Produzenten. „Star Trek“ ging wieder auf Reisen – im Kino, im Fernsehen, als Zeichentrick-Version, als vierfacher „Spin-of“, als Reboot. Comic, Buch und Internet kamen später dazu. „Star Trek“ ist zum Phänomen der Populärkultur geworden und versucht sich als solches immer wieder neu zu erfinden.

In diesem Rahmen hat sich ein eigener Franchise-Ableger prächtig entwickelt. Die „Trekker“ lieben Blicke hinter die Kulissen ‚ihrer‘ Serie/n. Sie werden geliefert; aufgearbeitet, d. h. in der Regel gefiltert und geschönt, um die Illusion einer heilen –gemeint ist: einträglichen – „Star-Trek“-Welt zu wahren. Bekanntes wird in diesen ‚Dokumentationen‘ mit Neuem gemischt und mit schönen Bildern garniert. Die Rechnung geht auf, denn dem „Trekker“ sitzt der Geldbeutel locker, wenn es gilt, den von der Industrie stets vorgehaltenen Bestand an Sammelstücken aller Art aufzustocken.

Der sorgfältig gesicherte Weg zu den Quellen

Das Franchise liebt keine „Star-Trek“-Publikationen, die nicht von ihm herausgebracht oder anderweitig kontrolliert werden. Die Herolde des toten (und daher praktischerweise nicht länger störenden) und als Lichtgestalt verehrten Gene Roddenberry werden sorgfältig ausgesucht und unterwiesen, damit sie auf Franchise-Linie bleiben. Scott Tipton gehört zum inneren Kreis. Er scriptet normalerweise Comics. Auch das „Star-Trek“-Universum hat er mit seinen Geschichten bereichert, er kennt sich dort aus. Außerdem arbeitet Tipton für einen großen Hersteller in Los Angeles. Er ist dort dafür zuständig, die Kinder der Welt über in Spielzeugform gepresstes und bemaltes Plastik zu informieren, damit diese ihre Eltern zum baldigen Erwerb zwingen können. Vor allem Actionfiguren sind im Angebot, wobei neben den Helden die Bösewichte und Außerirdischen aus „Star Trek“ nicht fehlen dürfen.

Für das Franchise ist Tipton der ideale Schnittstellen-Kandidat, wenn es darum geht, Information und Werbung zu kombinieren und dabei so zu verquicken, dass letztere von Lesern und Kritikern möglichst für erstere gehalten wird. Um es vorwegzunehmen: Es ist hier nicht wirklich gelungen. Der Leser merkt deutlich, wenn Tipton in der Beschreibungen der Film- und Fernsehwelt einhält, um auf „Star-Trek“-Malbücher, Sammelkarten, Sticker und eben Plastik-Spielzeug umzuschwenken.

Pop-Universum im Schnelldurchflug

Der „Star-Trek“-Kosmos ist wie gesagt riesig aber gut gegliedert, sodass sich Tipton an seiner Chronologie orientieren kann. In Kapitel 1 widmet er sich der Originalserie (1966-1969), in Kapitel 2 der Zeichentrick-Serie (1973/74), in Kapitel 3 den sechs Kinofilmen mit der Original-Besatzung (1979-1991), in Kapitel 4 der Serie „Das nächste Jahrhundert“ (1987-1994), in Kapitel 5 den Kinofilmen um Picards Crew (1994-2002), in Kapitel 6 der Serie „Deep Space Nine“ (1994-1999), in Kapitel 7 der Serie „Voyager“ (1995-2001) und in Kapitel 8 der Serie „Enterprise“ (2001-2004). Ausgeklammert bleibt der Reboot ab 2009. Damit erklärt sich auch der zunächst verwirrende Untertitel. Tipton konzentriert sich auf „40 Jahre Sci-Fi-Kult“ bis ca. 2006. (Dies übrigens, obwohl „Star Trek Archive“ 2011 erstmals erschien. Das deutsche Publikum hinkt weitere zwei Jahre hinterher.)

Die Leser können sich auf einem Text freuen, der das „Star-Trek“-Universum auf nur 124 und deshalb recht gedrängt abhandelt, zumal diese Seiten oft großformatig bebildert sind. Tipton versteht es jedoch, sich auf das Wesentliche zu beschränken und dennoch den Zusammenhang zu wahren. Es ist sogar Raum für Exkurse und Anekdoten, die wiederum verdeutlichen, wie tief „Star Trek“ in die Alltagswelt vorgedrungen ist: Selbst ein Space Shuttle trug den Namen „Enterprise“ und wurde im Beisein der ‚echten‘ Crew enthüllt. Der Kreis zwischen Fiktion und Realität hat sich längst geschlossen.

Was sich vor und hinter den Film- und Fernsehkameras, auf den berühmt-berüchtigten „Conventions“ oder eben in den Spielzeugregalen der Welt in Sachen „Star Trek“ tat, wird durch mehr als 300 meist farbige, gut ausgesuchte Bilder illustriert. Die Wiedergabequalität ist außerordentlich, was auf dem dicken, hochwertigen Kunstdruckpapier erst recht zur Geltung kommt. Produktionszeichnungen, Plakatentwürfe oder Konzepte vermitteln den Lesern den Eindruck, speziell ihnen vorbehaltene Blicke in das „Star-Trek“-Getriebe werfen zu dürfen.

Jäger und Sammler

Wesentlich einfallsreicher als Captain Kirk selig in seinen Bemühungen, einmal pro Sendewoche das Universum zu retten, zeigen sich seit jeher die Erfinder jenes Plunders, den sich die Hardcore-Fans dreidimensional in ihre Regale stellen können. Die Mission der Merchandiser zielt auf die Börse dieser Gruppe, die – wenn man Autor Tipton Glauben schenken möchte – vor allem scharf auf „Actionfiguren“ ist. Diese heißen so, obwohl es sich um plastiksteife Puppen handelt, die auf Sockelplatten fixiert werden müssen, damit sie nicht umfallen; die einzige „Action“, zu der sie fähig sind, die aber wahrscheinlich erspart bleibt, fristen sie doch ihr Dasein vielfach in den originalen Verkaufskartons, damit sich Glanz und Wert erhalten. „Spielzeuge“ sind diese Objekte jedenfalls nicht!

Freilich gibt es keinen Fanartikel, der absurd genug ist, um nicht hergestellt zu werden. Tipton selbst favorisiert den absurden (und absurd teuren) Marshmallow-Spender (samt Plastik-Löffel und Gabel), der im Film „Star Trek V – Am Rande des Universums“ zum Einsatz kam.

Auch der Großteil der sonst vorgestellten Artikel springt dem skeptischen Spielverderber primär aufgrund der billigen Machart und wegen akuter Hässlichkeit ins Auge. Auch Merchandising will gelernt sein – diese Lektion vermag uns das Panoptikum der kaum mit der Serien-‚Realität‘ in Einklang zu bringender Schreck- und Lachgestalten eindrucksvoll zu verdeutlichen. Vor allem die Sehnsucht der frühen Fans und Sammler war offensichtlich so groß, dass sie sich nicht einmal durch Figuren, Comics oder Sammelkarten abschrecken ließen, die eine Ähnlichkeit mit den Vorbildern höchstens vage erahnen ließen.

Buch mit Taschen

Einige dieser dennoch zu Sammelobjekten avancierten Artikel kann der Leser sogar in die Hand nehmen. Immer wieder stößt er in diesem Buch auf Papiertaschen, die u. a. die Reproduktion eines „Star-Trek“-Malbuches von 1966, ein „Keep-on-Trekking!“-Folienbild zum Aufbügeln, Sticker, Sammelkarten, ein japanisches Filmposter zu „Star Trek IV – Zurück in die Gegenwart“ oder eine Blaupause für den Kommandosessel der „Enterprise E“ enthalten. Separat eingeklebt findet man darüber hinaus eine Drehbuchseite, eine Einladung zur Abschlussfeier anlässlich der fünften Staffel von „Deep Space Nine“ (1997) oder einen „Spock-Lives!“-Wimpel.

Diese haptischen Schmankerl sollen den Mehrwert eines Buches erzeugen, dessen Verfasser ungeachtet der gefälligen Textdarstellung eben doch nur Bekanntes widerkäut. Solche Spielereien muss man mögen sowie bezahlen wollen, denn – so würde Spock es ausdrücken – es gibt keine logische Begründung dafür. Was wir aus diesen Taschen ziehen können, ließe sich problemfrei als normale Abbildung präsentieren. Das „Star-Trek“-Malbuch auf S. 17 ist ein gutes Beispiel: Warum wird gerade dieses primitive Teil nachgebildet? Es ist den Aufwand nicht wert!

Dazu wirken die meisten Gimmicks (Stichwort Wimpel, Drehbuchseite) billig und wenig vorbildgerecht. Sie sollen nicht informieren, sondern ihrerseits die Begehrlichkeit wecken, dieses Buch zu erwerben, das sicherlich selbst einmal Sammelwert beanspruchen wird. Zu guter Letzt steckt es in einen dicken, schweren, schön gestalteten aber wiederum unnützen und preistreibenden Pappschuber. Das Ergebnis macht sich immerhin ähnlich ansehnlich im Regal wie eine der vorgestellten Actionfiguren oder ein Modell des klassischen „Enterprise“-Kommunikators. Wer die Form dem Inhalt vorzieht, wird deshalb gern 50 Euro für dieses Buch zahlen.

(Ein witziger Lapsus sei abschließend bloßgestellt: Unter dem Titel der amerikanischen Originalausgabe liest man im Impressum „Star Wars Vault“.)

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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