Tolkiens Reise nach Mittelerde

Christopher Snyder
Tolkiens Reise nach Mittelerde
Ein neuer Blick in die Welten J. R. R. Tolkiens

Originaltitel: The Making of Middle-earth: A New Look Inside the World of J. R. R. Tolkien (New York : Sterling Publishing 2013)
Übersetzung: Marcel Aubron-Bülles, Frank Weinreich (Kap. 5) u. Ulrike Reihn-Hamburger (Anhang)
Deutschsprachige Erstausgabe (geb.): Dezember 2013 (Heel Verlag)
337 S.
ISBN-13: 978-3-86852-826-8

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Inhalt – der Hauptteil:

In fünf Großkapiteln und vier Anhängen sowie abgesichert durch einen ausführlichen Anmerkungsapparat versucht der englische Kulturhistoriker Christopher Snyder einen neuen Zugang zum Mittelerde-Mythos. Er beginnt mit der Vorstellung seines Schöpfers, des Wissenschaftlers und Universitätslehrer John Ronald Reuel Tolkien, der 1892 in Südafrika geboren wurde und 1973 in Bournemouth starb. Dazwischen lagen prägende Jugendjahre, der Fronteinsatz im I. Weltkrieg, eine akademische Laufbahn, Jahrzehnte der Schriftstellerei und ein relativ später Ruhm („Das Handwerk erlernen“, S. 1-35).

Mittelerde ist eine Weltenschöpfung, die sich weniger auf historische Fakten als auf historische Literatur gründet. Tolkien war fasziniert von den Legenden des Altertums und des Mittelalters. Das antike Griechenland und Rom, das keltische Britannien und Irland, die Einflüsse durch Angelsachsen und Wikinger, die nordische Sagenwelt, die mittelenglische Literatur: Tolkien sah in diesen Werken eine parallele Weltgeschichte, die mit der Realität nur mittelbar zu tun hatte. Stattdessen unterdrückten ihre Verfasser das Banale und hoben das Schöne wie das Tragische hervor. Das war der Stoff, aus dem Mittelerde entstand („Tolkiens Mittelerde“, S. 37-93).

Schon in den Jahren des I. Weltkriegs begann Tolkien mit dem Entwurf seiner Welt. Ersten Ruhm erwarb er sich mit dem 1937 veröffentlichten Roman „Der Hobbit“.  Hier sammelte und verwob Tolkien viele bisher episodisch gebliebene Kapitel seiner Weltgeschichte zu einem Roman, der trotz einer scheinbar schlichten Handlung das enorme Potenzial von Mittelerde unter Beweis stellte („Hin und zurück“, S. 95-121).

Knapp zwei Jahrzehnte später griff Tolkien ein zentrales Geschehen des dritten Zeitalters von Mittelerde heraus und entfesselte den Ringkrieg. In drei Bänden schuf er ein Epos, das nicht nur aufgrund der fesselnden Handlung, sondern auch wegen der faszinierenden, bis in kleinste Details ausgearbeiteten Hintergründe unsterblich bzw. selbst zu einem literarischen Klassiker wurde („Die Erzählungen des dritten Zeitalters“, S. 123-173).

Lange blieb den meisten Lesern verborgen, dass der „Hobbit“ und der „Herr der Ringe“ keineswegs Tolkiens einzige Ausflüge in die Welt von Mittelerde darstellten. Tatsächlich ging diese alternative Weltgeschichte weit darüber hinaus. Erst nach Tolkiens Tod begann sein Sohn mit der Aufarbeitung eines Nachlasses, der bereits viele Buchbände füllt und noch längst nicht ausgeschöpft ist. Vor allem das „Silmarillion“ und „Die Kinder Húrins“ sammeln weitere Geschichten aus Mittelerde, die in ihrer Gesamtheit nach dem Willen Tolkiens keinen vollständigen Korpus bilden sollen, da auch die reale Welthistorie lückenhaft überliefert ist („Das Lied Ilúvatars“, S. 175-215)

Inhalt – die Anhänge:

Der unerhörte Erfolg auf der einen und Tolkiens Talent auf der anderen Seite machen sein Werk zur Fundgrube für (Literatur-) Historiker und Kritiker. Die Interpretation hat sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. „Der Herr der Ringe“ und vor allem „Der Hobbit“ wurden beileibe nicht aus dem Stand zu Klassikern. Viele Kritiker erschreckte und ärgerte der globale Erfolg einer fiktiven Mythenschöpfung, während die wahren literarischen Schätze und sie, ihre Hüter – anders als Tolkien –, weiterhin unbeachtet blieben. Selbst kommentierte Tolkien den Bierernst, mit dem sich seine Kritiker auf Mittelerde stürzten, eher spöttisch („Anhang I: Ungeheuer und ihre Kritiker“, S. 218-233).

Tolkiens Welt fand ihren Weg in andere Medien mit einiger Verzögerung. Christopher Snyder erinnert an Künstler, die seine Werke illustrierten. Er greift die BBC-Sendungen von 1955/56 und 1981 auf, um dann auf die erste Verfilmung – Ralph Bakshis „Herr der Ringe“ von 1978 – einzugehen, bevor er sich ausführlich Peter Jacksons Trilogie widmet („Anhang II: Mittelerde und die Medien“, S. 234-263).

Mittelerde hat sich längst von Tolkiens Entwurf entfernt. Die Populärkultur hat ebenso Besitz von ihr ergriffen wie die Unterhaltungsindustrie. Mittelerde gilt als Maßstab ‚literarisch wertvoller‘ Fantasy. Unzählige Buch- und Drehbuchautoren bedienen sich bei Tolkien, das Merchandising blüht, und im Internet existieren buchstäblich unzählige Websites („Anhang III: Tolkieniana“, S. 264-271).

Während Tolkien der Religion in Mittelerde nur wenig Raum gab, schuf er dennoch ein klares ethisches System, das er durch seine Figurenzeichnungen unterstrich („Anhang IV: Die moralischen Werte Mittelerdes“, S. 272-275).

Sehnsucht nach klaren Strukturen

Ausgerechnet ein stockkonservativer britischer Gelehrter erschuf eine Welt, in der sich unzählige Menschen zu Hause fühlen. J. R. R. Tolkien ging es nicht um die akribische Rekonstruktion einer realen Vergangenheit. Ihm schwebte etwas ganz anderes vor: „Für Tolkien handelt es sich … nicht einfach um einen Akt der Zweitschöpfung, sondern um eine Fähigkeit, die uns verlorene Schönheit wiederentdecken lässt.“ (S. 20) Dies war der Schlüssel zum Erfolg, denn auf dieser Ebene gibt es sehr wohl eine Berührungsfläche zwischen dem Akademiker Tolkien, den Hippies der 1970er Jahre oder dem Fantasy-Publikum der beiden Film-Trilogien, die auf Tolkiens Werken basieren.

Talent, Wissen und ein nie verlöschender Gestaltungswille flossen zu Mittelerde zusammen. Es war ein langer Weg, den Christopher Snyder nachzeichnet. Wo seine eigenen Kenntnisse es gestatten, ist er dabei akribisch. Behutsam schält er Schicht um Schicht von der Mittelerde-Welt ab, um uns ihre vielen Kerne offenzulegen. Das ist generell keine leichte Aufgabe, und es wird auch deshalb schwierig, weil es in den Sagen und Legenden der Vergangenheit zwar dramatisch zugeht, ihre Deutung aber trotzdem zu einem recht trockenen Stoff werden kann – eine Herausforderung, die Snyder in der Regel meistert.

Dabei hilft ihm eine reiche, gut ausgewählte Bebilderung. Auf festem, feinem, nie durchscheinendem Kunstdruckpapier kommen die wiedergegebenen Stiche, Gemälde und Fotos scharf zur Geltung. Manchmal sind sie recht klein geraten, was interessante Details verschwinden lässt. Das Layout ist überhaupt sehr aufwendig, kaum eine Stelle des Buches bleibt ohne Schmuck oder Dekor, ohne dass die Gestaltung aufdringlich wirkt; höchstens die Kalligraphie diverser Zitate ist schwer zu entziffern, weil sehr verspielt.

Der Zwang zur Vollständigkeit

Als Literaturhistoriker fühlt sich Snyder durchweg trittsicher. Vermutlich hat man ihn verlagsseitig irgendwann vorsichtig mit der Tatsache konfrontiert, dass selbst ein Buch, das „Tolkiens Mittelerde“ heißt, womöglich die Leser abschreckt, weil sie zwar sachkundig aber eben auch wissenschaftlich mit dem Thema konfrontiert werden.

Also folgen dem Hauptteil diverse Anhänge, die sich den leichten (und seichten) Seiten von Mittelerde widmen. Hier war Snyder entweder überfordert oder hatte keine Lust. Die Beschäftigung mit der multimedialen Mittelerde-Rezeption bleibt oberflächlich und lückenhaft. Diese Anhänge wirken wie eine Pflichtübung. Sie zerfasern immer stärker, bis sich der Leser nach dem Sinn eines Anhangs – hier Nr. IV – fragt, der nur wiederholt, was im Hauptteil längst gesagt wurde.

Ein trauriges Kapitel stellen die zahlreichen Grammatik- und Rechtschreibfehler dar. Da liest man „Liederfristen“ statt „Lieferfristen“ (S. 115), „warum“ statt „warm“ (S. 116), „widerum“ statt „wiederum“ (S. 163), „vonstattengehen“ statt „vonstattenging“ (S. 164), „reisen“ statt „zu reisen“ (S. 167), „Dine“ statt „Dinge“, „wahn“ statt „Wahn“, „erschaffen“ statt „Erschaffen“ (alle S. 186), „Jugenliteratur“ statt „Jugendliteratur“ (S. 219), „Gandalfn“ statt „Gandalf“ (S. 237), „Einmer“ statt „Eimer“ (S. 261). Die Liste ist keineswegs vollständig. Ein derartiges Hau-ruck-Lektorat demonstriert eine Gleichgültigkeit gegenüber dem geschriebenen Text und seinen Lesern, die einem Werk dieser Ausstattungsqualität (und Preisklasse) erst recht schadet.

Ungeachtet dessen legt Snyder ein Werk vor, das sich angenehm von der schier endlosen Reihe derjenigen Mittelerde-Bücher abhebt, die sich primär mit den Filmen beschäftigen. Diese Kuh wird bis zum Umfallen gemolken, während Tolkiens durchaus akademische Grundidee allzu weit in den Hintergrund geraten ist. Mittelerde ist mehr als ein Steinbruch für denkfaule aber kopierstarke Fantasy-Autoren. Bücher wie dieses sorgen unterhaltsam für entsprechende Klarheit.

Copyright © 2014/2016 by Michael Drewniok (md)

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