True Crime. Die spektakulärsten Verbrechen der Geschichte

Nick Yapp
True Crime
Die spektakulärsten Verbrechen der Geschichte

(sfbentry)
Originaltitel: True Crime (Bath : Parragon Books Ltd. 2006)
Übersetzung: Heinrich Degen
Deutsche Erstausgabe (geb.): Mai 2007 (Parragon Verlag)
304 S.
ISBN-13: 978-1-4054-9795-4

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Inhalt:

„Banditen und Anarchisten“ (S. 8-35): Die Geschichte des Verbrechens beginnt für Verfasser Yapp offensichtlich erst im 19. Jahrhundert und beschränkt sich auf den Wilden Westen der USA, das revolutionäre Mexiko Emilio Zapatas und Pancho Villas, springt kurz nach Großbritannien, dann zu den US-Desperados John Dillinger und Bonnie & Clyde, um dann im späteren 20. Jahrhundert mit der Baader-Meinhof-Gruppe (!) und der Terrorattacke auf die israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen von 1972 auszuklingen.

„Unrechtmäßiges Geld“ (S. 36-53) in möglichst hohen Summen zu ergaunern, ist das Ziel aller Berufskriminellen, was hier am Beispiel von Schwarzbrennern, Hochstaplern, Trickbetrügern,  Finanzjongleuren, Schiebern, Räubern und Aktienschwindlern dargestellt wird.

„Justizirrtümer?“ (S. 54-87) kommen überall vor, wo gerichtet wird. Meist geschehen sie guten Glaubens, weil die Justiz auf der Basis vorhandener Indizien irrt, oft verbergen sich politische Ränkespiele hinter ihnen, in deren Verlauf das Recht willkürlich gebrochen wird. Ein besonderes – und düsteres – Kapitel stellen die Lynchmorde in den USA dar, denen meist Afroamerikaner zum Opfer fielen. Der Verfasser schwenkt unvermittelt über zum Brand des Berliner Reichstags 1933, um dann über die letzten (öffentlichen) Hinrichtungen in den USA und Großbritannien zu berichten. Schließlich wird der Fall O. J. Simpson aufgerollt; er demonstriert die Abwege und Sackgassen der modernen Rechtsprechung.

„Gangster und Monster“ (S. 88-141): Im Rudel jagt es sich erfolgreicher – eine Regel, die auch die kriminellen Elementen der Gesellschaft beherzigen. Das organisierte Verbrechen wird exemplarisch am Beispiel Al Capones erläutert. Weitere US-Gangsterprominenz wird vorgestellt: der psychopathische Dutch Schultz, der geschäftstüchtige Frank Costello, der charismatische Lucky Luciano, der eitle Bugsy Siegel. Nach einem kurzen Intermezzo zum Thema „Verräter im Zweiten Weltkrieg“ geht es weiter mit eher geisteskranken Sadisten und Serienkillern wie den Kray-Zwillingen und Charles Manson. Auch das Thema religiöser Wahn wird anhand der Tragödien von Jonestown und Waco angesprochen. Moderne Kriegsverbrechen (hier auf dem europäischen Balkan) finden Erwähnung. Mit dem noch jungen Phänomen des Schulmassakers sowie dem aktuellen Problem extremistischer Terrorangriffe (auf das World Trade Center oder die Pendlerzüge von Madrid) schließt dieses Kapitel.

„Serienmörder“ (S. 142-201): In keiner Darstellung zu diesem Thema fehlt Jack the Ripper, aber auch „Blaubart“ Landru, Peter Kürten, Ed Gein, der Yorkshire-Ripper, der „Son of Sam“ oder Jeffrey Dahmer sind vertraute historische Schreckgestalten. Weniger bekannt aber nicht minder entsetzlich waren Marie Besnard, die „Schwarze Witwe von Loudon“, Dr. Petiot, der im II. Weltkrieg Juden versprach, sie ins Ausland zu schmuggeln, um sie stattdessen zu ermorden und auszurauben, der „Säurebadmörder“ John Haigh, „Jack the Stripper“ oder die „Moormörder“ Brady & Hindley. Unter die Serienmörder fallen für den Verfasser auch die Nazis, aus deren Reihen er sich Hermann Göring und Klaus Barbie herauspickt, sowie die selbst ernannten „Gnadenengel“, die in Krankenhäusern und Seniorenheimen alte oder todkranke Menschen umbringen.

„Attentate“ (S. 202-243) sollen den Lauf der Geschichte ändern, indem gezielt die aktuelle Führung des Gegners ausgeschaltet wird. In diesem Kapitel werden die (nicht immer gelungenen) Anschläge auf Abraham Lincoln (1865), Erzherzog Franz Ferdinand (1914), König Alexander I. von Jugoslawien, Leo Trotzki (1940), Adolf Hitler (1944), John F. Kennedy (1963), Martin Luther King (1968), Robert Kennedy (1968), John Lennon (1980), Ronald Reagan (1981) und Papst Johannes Paul II (1981) dokumentiert.

„Tatbestand Mord“ (S. 244-261) ist eine bunt gemischter Sammelsurium schön schauriger, bizarrer und mit vielen Schlagzeilen verbundenen Kriminalfälle überschrieben. Es treten u. a. auf: Gattinnenmörder Dr. Crippen und der gescheiterte ‚perfekte‘ Mörder Dr. Buck Ruxton. Aufgerollt werden außerdem die Affäre Dominici und das Polizisten-Massaker in der Braybrook Street (West-London).

„Verbrechen aus Leidenschaft“ (S. 262-285) wurden und werden gern primär Frauen zugeschrieben. Deshalb steht am Beginn dieses Kapitels die Gattenmörderin Florence Maybrick. Weitere Damen, die mordeten oder für die gemordet wurden, folgen: Amélie Hélie, die Gräfin Tarnowska, Madame Caillaux (die einen allzu stark an ihrem Privatleben interessierten Zeitungsredakteur erschoss und straffrei ausging), Yvonne Chevallier, Ruth Ellis. Das Kapitel erinnert außerdem an das Ende des Mafia-Gangsters Johnny Stompanato, der von der Tochter der Hollywood-Diva Lana Turner mit einem Messerstich erledigt wurde, an die Profumo-Affäre sowie an die Ermordung des Modedesigners Gianni Versace.

„Entführungen“ (S. 286-301) lassen unliebsame Zeitgenossen verschwinden (der Fall General Kutepow), aber in der Regel sollen sie Geld erpressen. Eine der berühmtesten (und traurigsten) Fälle war 1932 die Entführung (und Ermordung) von Charles Lindbergh jr., dem Sohn des berühmten Fliegerhelden, der im Alleinflug den Atlantik überquert hatte. Patty Hearst gab 1974 dem „Stockholm-Syndrom“ ein Gesicht, nachdem sie sich mit ihren Kidnappern solidarisierte und eine Bank überfiel. Politisch motiviert war 1978 die Entführung des italienischen Politikers Aldo Moro, während Joyce McKinney 1977 in die Schlagzeilen kam, weil sie einen Priester als Sexsklaven entführt hatte.

Register, Bildquellen/Danksagungen (S. 302-304)

Leser statt Voyeure

Publicityträchtig sind Berichte über „wahre“ Verbrechen seit jeher. Die Menschen gruseln sich gern über Mord & Totschlag, solange sie selbst nicht davon betroffen werden. Schon im Mittelalter verdienten reisende Moritatensänger gutes Geld, wenn sie von möglichst grausigen Untaten kündeten, wobei drastisch gehaltene Holz- oder Kupferstiche dies auch optisch illustrierten. Mit der Zeit änderten sich zwar die Methoden der Darstellung, nicht aber die Liebe zum Bösen & Gewalttätigen. Heute können sich die Liebhaber des Kriminellen auf Kino & Fernsehen natürlich auf das Internet verlassen, gelüstet es sie nach bluttriefenden Details. Das Buch gilt inzwischen als altmodisches Medium, kann sich aber im Wettbewerb weiterhin ganz gut halten.

„True Crime“ ist ein typischer Vertreter seiner oft zwielichtigen Art. Wahre Verbrechen definieren die Autoren entsprechender Werke gern als Spektakel, die sie wie Spielfilme inszenieren. Ermittlungen werden als sportlicher Wettkampf zwischen Polizei und Täter dargestellt, wobei Spannung mit der Frage geschürt wird, wie viele arme Teufel letzterer noch killen wird, bevor sie ihn endlich erwischen. (Hoffentlich viele!). Das Leid der Opfer wird eingestreut, wo es seinen dramatischen Zweck erfüllt, aber ansonsten ignoriert, weil es den Lesern den Spaß verderben könnte; der Kummer des Mitmenschen wirkt manchmal schrecklich ernüchternd..

Nick Yapp ist ein Spezialist für (Sach-) Bücher, die wie solche aussehen, aber im Grunde nur Loseblattsammlungen sind. „True Crime“ beschränkt sich auf die Darstellung bekannter i. S. berüchtigter Verbrechen, die in ihrem Verlauf jeweils kurz dargestellt aber selten wirklich erläutert werden. Ein Mord, ein Bankraub, eine Entführung: Dies sind keine isolierten Phänomene, sondern Taten, die in ein bestimmtes (kriminal-) historisches Umfeld eingebettet sind. Darüber informiert uns Yapp nur in Ansätzen – wenn überhaupt -, bevor er zur nächsten aufregenden Übeltat umblendet.

Vergesst den Text, lobt das Bild!

Was uns zur wahrlich abenteuerlichen ‚Gliederung‘ dieses Buch führt. Autor Yapp hat entweder wenig Zeit in die Recherche investiert oder von dem, was er da beschreibt, wenig Ahnung. Auf jeden Fall verblüfft es schon, unter den wahren Verbrechen u. a. das Attentat auf Hitler (1944). den (erschütternd lücken- und fehlerhaft beschriebenen) Reichstagsbrand (1933) oder im Kapitel „Unrechtmäßiges Geld“ einen Artikel über die letzte öffentliche Hinrichtung in den USA (1936) zu finden. Steht hier der hingerichtete Mörder oder die Hinrichtung als Volksfest für „True Crime“?

Wenn überhaupt etwas für „True Crime“ spricht, so ist dies die Ausstattung, die ein besseres Buch verdient hätte. Man erwirbt einen großformatigen, fest gebundenen Band mit Schutzumschlag. Das Papier ist von guter Qualität und wie geschaffen für seinen eigentlichen Zweck: „True Crime“ ist ein Bildband des Verbrechens – und unter dieser Voraussetzung lässt das Buch wenig Wünsche offen. Die Fotografie ist mehr als 150 Jahre alt und wurde selbstverständlich sofort auch als Instrument zur Dokumentation krimineller Taten eingesetzt. Bis es soweit war, schufen begabte Kunsthandwerker eindrucksvolle Zeichnungen, die den gleichen Zweck erfüllten.

„True Crime“ schöpft aus den Beständen der Archive und Sammlungen von Getty Images, die 70 Millionen Bilder umfasst. Kein Wunder, dass Yapp bemerkenswerte Bildbeispiele für historische Gesetzesbrüche liefern kann. Dies betrifft die Motivwahl ebenso wie die Detailschärfe. Natürlich bedienten jene, die sie einst schufen, vor allem die Sensationsgier des Massenpublikums. Deshalb finden wir in „True Crime“ unzählige Bilder, auf denen Schurken und Opfer in ihrem Blut liegen oder anderweitig ausgestellt werden. (Was würde Leo Trotzki sagen, könnte er sehen, wie auf S. 219 sein vom Eispickel durchbohrtes Hirn untersucht wird?) Wen die inhaltliche Dünnbrettbohrerei nicht stört, kann sich immerhin dieser historischen Aufnahmen erfreuen, die – das alte Sprichwort trifft hier ins Schwarze – oft mehr aussagen als tausend Worte und ganz sicher mehr als tausend Worte von Nick Yapp.

Autor

Nick Yapp ist eine Art Automat für Sachbücher: Man wirft oben eine Münze ein, wählt das gewünschte Thema und findet im Auswurfschacht das Produkt. Yapp, ein ehemaliger Lehrer, schreibt über das, wofür man ihn bezahlt bzw. wringt sich ein dünnes Textchen aus dem Hirn, das großzügig von Fotos und anderen Abbildungen umrahmt wird. Solche Bücher entstehen gezielt für die Grabbeltische von Buchhandelsketten, auf denen unerfahrene Leser sich für billiges Geld mit ‚lehrreicher‘ Lektüre versorgen (oder ein kostengünstiges Geschenk finden). Die Rechnung geht trotz des vergleichsweise geringen Verkaufspreises auf, weil diese Werke in der Herstellung – was das Schreiben ausdrücklich einschließt – wenig kosten und das Vertriebsrisiko gering ist. Parragon Books, der Verlag, der für „True Crime“ verantwortlich zu machen ist, sitzt in Bath (England), New York, Singapur, Hong Kong, Köln, Dehli und Melbourne. In die entsprechenden Landessprachen übersetzte Exemplare von „True Crime“ werden zeitgleich mit der deutschen Ausgabe (die in China gedruckt wurde …) in die Kettenfilialen gepresst.

Man kann den Urhebern solcher Als-ob-Sachbücher nicht einmal einen Vorwurf machen: Der Käufer erhält, wofür er (oder sie) bezahlt: ein flaches, gesichtsloses, immerhin hübsch bzw. dekorativ aussehendes Objekt für den Kaffeetisch oder das primär zu Ausstellungszwecken angeschaffte Bücherregal.

Kurzkritik für Ungeduldige: In Gestalt eines Sachbuchs liefert dieses keiner logisch nachvollziehbaren Gliederung unterworfene Werk Artikel über ‚berühmte‘ Schwerkriminelle und bekannte Verbrechen, die arm an Informationen und reich an unstatthaften Verkürzungen und Fehlern sind. Für „True Crime“-Fans sprechen die für den niedrigen Preis ausgezeichnete Ausstattung sowie die zahlreichen, meist großformatig und in hochwertiger Qualität wiedergegebenen Fotos.

[md]

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