CIA – Die ganze Geschichte

weiner-cia-cover-tb-2009Tim Weiner
CIA – Die ganze Geschichte

Originaltitel: Legacy of Ashes – The History of the CIA (New York : Doubleday, a division of Random House 2007)
Übersetzung: Elke Enderwitz, Ulrich Enderwitz, Monika Noll, Rolf Schubert
Deutsche Erstausgabe (geb.): Februar 2008 (S. Fischer Verlag)
864 S.
ISBN-13: 978-3-100-91070-7
Als Taschenbuch: Mai 2009 (Fischer Taschenbuchverlag/TB Nr. 17865)
864 S.
ISBN-13: 978-3-596-17865-0
www.fischerverlage.de

Frankensteins Spitzel- und Terror-Monster

„Der Krieg ist der Vater aller Dinge“, sprach der Philosoph Heraklit schon im 6. Jh. vor Chr., aber er fuhr so fort: „Die einen macht er zu Göttern, die andern zu Menschen, die einen zu Sklaven, die andern zu Freien.“ Dieser Teil wird im Zitat gern unterschlagen. Damit wollte Heraklit auf die Ambivalenz der Dinge hinweisen, die ein Krieg hervorbringen kann.

Man könnte meinen, der weise Mann habe bereits vor 2500 Jahren die Gründung der „Central Intelligence Agency“ und ihr Scheitern vorausgesehen. Denn ein Kind des Krieges, des II. Weltkriegs sogar, ist diese CIA, die ursprünglich Nachrichten aus aller Welt sammeln, sichten und auswerten sollte, die für die politische Alltagsarbeit des US-Präsidenten von Relevanz sein konnten.

In sechs Kapiteln berichtet der Journalist Tim Weiner, wie einer an sich guten Idee ein Monster entsprang, das die Weltgeschichte auf kriminelle Weise veränderte und entscheidende Mitschuld daran trägt, dass die heute stärkste Großmacht auf Erden Instrumente wie Mord und Folter in ihre Politik aufgenommen hat.

„Anfangs wussten wir nichts“, überschreibt Weiner das erste Kapitel, das die Gründerjahre der CIA unter Präsident Truman (1945-1953) beschreibt. Der Kampf gegen die Nazis und die Japaner war gewonnen, der Kalte Krieg mit der Sowjetunion und China stand bevor. Um ihn nicht militärisch führen zu müssen, waren Informationen nötig, die der neue Gegner selbstverständlich sorgfältig geheim hielt. Von der Informationsbeschaffung bis zum Informationsdiebstahl war es daher nicht nur gedanklich ein kurzer Weg.

Doch Hektik, Unkenntnis und Ratlosigkeit wurden die drei grundsätzlichen Pfeiler der CIA, die ohne Wissen um die Mechanismen erfolgreichen Spitzelns den Feind hinter dem Eisernen Vorhang ausspionieren sollte. Jeder wusste, dass man eine solche Institution benötigte, doch niemand hatte einen Ahnung, wie sie aufzubauen und zu organisieren war.

Dies blieben keine Anfangsschwierigkeiten. „Die CIA unter Eisenhower, 1953 bis 1961“, lernte rein gar nichts aus ihren Fehlern, sondern ergänzte die lange Liste falsch geplanter und fehlgeschlagener Spionage-Einsätze um eine neue Todsünde: Die CIA begann politisch aktiv zu werden, indem sie missliebige Regierungen und Gruppierungen zu unterwandern und aus dem Feld zu schlagen suchte. Verbündete oft zweifelhafter Herkunft wurden mit Geld und Waffen versorgt, Sabotageakte und Attentate gefördert, die Autonomie der betroffenen Nationen und das Recht mit Füßen getreten. Korea und Kuba bildeten die Klammer für die CIA-Aktivitäten dieser Jahre, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie aufflogen, fehlschlugen und ein blutiges Ende nahmen; meist geschah dies alles gleichzeitig.

„Unter Kennedy und Johnson“ komplettierte die CIA nicht nur die außenpolitischen Debakel durch den Vietnamkrieg. Die US-Regierung begann den Geheimdienst zur Bespitzelung der eigenen Bürger zu missbrauchen. Wachsende Kritik an den Menschenrechtsverletzungen durch die und den Diskriminierungen in den USA machte dem politischen Establishment zu schaffen, das keineswegs daran dachte, sich mit der Opposition und ihren gerechtfertigten Forderungen arrangieren, sondern diese den „Commies“ gleichsetzte und als Staatsfeinde betrachtete.

Pikanterweise begann der Abstieg der CIA ausgerechnet unter den Präsidenten Nixon und Ford (1968-1977) – pikanterweise deshalb, weil der paranoide Nixon, den seine Watergate-Schnüffeleien zu Fall brachten, nicht einmal den Hightech-Spitzel der CIA traute. Die Öffentlichkeit wurde aufmerksam, die CIA einer endlosen Serie von „Reorganisationen“ unterzogen, die sämtlich torpediert wurden und die bekannten Zustände konservierten. Die CIA verwaltete sich weiterhin am liebsten selbst und agierte ohne Zustimmung der Regierung. So kam es, dass seit den 1970er Jahren afghanische Rebellen im Kampf gegen die sowjetischen Invasoren mit modernen Massenvernichtungsmitteln ausgerüstet wurden, die sie später zur Errichtung strikt antiwestlicher Gottesstaaten befähigten: Das Terror-Problem der USA ist weitgehend hausgemacht.

„Die CIA unter Carter, Reagan und George H. W. Bush“ setzte 1977 bis 1993 die Reihe der blamablen Fehlschläge fort. Der redliche Carter wollte die CIA zerschlagen, und selbst der intellektuell beschränkte Reagan bemerkte die Ahnungslosigkeit der gar nicht ‚intelligenten‘ Agenten, die vom Fall der Berliner Mauer oder vom Zusammenbruch des Ostblocks eiskalt überrascht wurden. George Bush der Ältere reihte sich ein, als er den wackligen und geschönten Berichten über einen atom- und chemiewaffengerüsteten Irak Glauben schenkte und den ersten Golfkrieg entfesselte.

„Die Abrechnung“ erfolgte 1993 bis 2007 unter Clinton und George W. Bush. Der zweite Golfkrieg wurde ebenfalls unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geführt, die zornige Gegenreaktion im Nahen Osten vom Geheimdienst entweder falsch interpretiert oder ignoriert. Den traurigen Höhepunkt bildete die Attacke auf das World Trade Center im September 2001 – eine Terroraktion, von der sogar die CIA längst wusste, ohne entsprechende Schritte zu einzuleiten. Als Konsequenz büßte die Agency 2006 ihre Vormachtstellung ein – sie untersteht nun dem Nationalen Nachrichtendienst und wird abermals neu organisiert …

Gut gemeint aber mörderisch mutiert

Tim Weiners Geschichte der CIA ist ein Buch, das sich im Grunde nur in kurzen Abschnitten lesen lässt, weil die Lektüre garantiert zu erhöhtem Blutdruck und ungesunden Wutanfällen führt. Das Schlimme ist, dass selbst Weiners Kritiker dem Verfasser zugestehen müssen, wie redlich er recherchiert und ausgewertet hat, was er in jahrzehntelangem Quellenstudium sowie im Rahmen unzähliger Interviews in Erfahrung bringen konnte.

Man wünscht sich verzweifelt eine logische Erklärung dafür, wie eine Institution, die Tod und Leid über die Welt gebracht und Unsummen für groteske und höchst kriminelle Aktionen verprasst hat – Geld, das dem Sozial- und Gesundheitswesen oder der Bildung entzogen wurde –, sich mehr als sechs Jahrzehnten nicht nur halten konnte, sondern wuchs und gedieh und ihre üblen Machenschaften weiterhin fortsetzt.

Weiner liefert diese Erklärung, aber sie befriedigt nicht, weil sie Binsenweisheiten zu einer Dimension verhilft, die schlicht atemberaubend i. S. von niederschmetternd ist: Angst und Ahnungslosigkeit schufen eine Einrichtung, die unkontrolliert Ziele verfolgen konnte, die nicht selten von psychisch kranken oder offen kriminellen Menschen formuliert wurden und schließlich sakrosankt wirkte: ein Monster, das nach außen menschlich wirkt, während es insgeheim ganze Kontinente verwüstet und ins Unglück stürzt.

Seinen Widersachern macht es Weiner schwer. Er überzieht sie mit Daten und Fakten. Wer seiner Auswertung nicht trauen mag, kann sie ab S. 669 anhand 664 oft mehrseitiger Anmerkungen nachprüfen, die bis zur Seite 834 noch einmal ein eigenes Buch ergeben. Dabei konfrontiert Weiner Worte mit Taten. Die Diskrepanz ist deutlich und lässt sich schwerlich wegerklären.

Eine wertvolle Informationsquelle stellten die Männer und Frauen dar, die für die CIA gearbeitet haben, die Strukturen dort kennen und unglücklich über die Realität einer ebenso ineffizienten wie illegal arbeitenden Einrichtung waren. Als Achillesferse der CIA entpuppte sich stets die Unfähigkeit des Menschen, Geheimnisse zu wahren oder unter den Tisch zu kehren. „Es gibt kein Geheimnis, das die Zeit nicht enthüllt“ – mit diesem Zitat des Schriftstellers Jean Racine (1639-1699) leitet Weiner sein Mammut-Werk ein.

Ist Weiner einseitig? Ihm dies vorzuwerfen ist schwierig, sollte auch nur teilweise zutreffen, was er ans Tageslicht befördert hat. Die „Falken“ zürnen, weil sie an der Willkür als Mittel im Kampf gegen den Terror festhalten wollen und ein Buch wie dieses, das viele heilige Kühe der politischen, wirtschaftlichen oder militärischen US-Geschichte förmlich schlachtet, als kontraproduktiv betrachten. Im Zweifelsfall sind freilich auch die Moralisten Hilfe suchend zur CIA gelaufen, wenn es irgendwo brannte und die Wiederwahl in Gefahr war.

Übrigens ist Weiner nicht grundsätzlich gegen Spionage. Ein geschickter Geheimdienst kann gefährliche Pläne des Gegners offenlegen und diesem damit den Wind aus den Segeln nehmen. Weiner prangert vor allem miserable Spionage an, weil mangelhafte oder fehlende Informationen immer kontraproduktiv sind und die USA in den Vietnamkrieg und andere Desaster geführt haben.

Kriminelle Geschichte oder Geschichte als Krimi?

Sollte jemand bisher der Ansicht gewesen sein, dass Geschichte langweilig ist, wird ihn die Lektüre dieses Buches eines Besseren belehren. „CIA“ ist ein Werk, das jeden Thriller deklassiert, denn wieder einmal ist die Realität stärker als jede Fiktion. Weiner kann beweisen, was er schreibt, was Schilderungen ermöglicht, für die man jeden Schriftsteller mit Hohn und Spott übergießen würde. Wer würde ohne entsprechende Belege glauben, dass der US-Geheimdienst ernsthaft probte, Tokio in der Endphase des II. Weltkriegs mit Brandbömbchen zu verheeren, die man den dort beheimateten Fledermäusen umschnallen wollte …? Mit solchen und ähnlich bizarren Anekdoten lockert Weiner seinen Text immer wieder auf. Das Lachen bleibt dem Leser im Halse stecken, wenn er unmittelbar darauf informiert wird, wie viele meist unschuldige Menschenleben solcher Schwachsinn kostete.

Weiner schließt mit der Hoffnung, die ’neue‘ CIA von 2006 werde endlich ihren eigentlichen Aufgaben gerecht. Er will dies annehmen, denn er glaubt wie gesagt an das Konzept der CIA. Die unerfreuliche Realität hat er aufgedeckt, was er jedoch nicht als wütende Attacke, sondern als Warnung versteht. Die CIA ist für Weiner trotz ihrer Sünden ein Teil der US-Regierung geworden. Sie lässt sich hoffentlich umstrukturieren und zukünftig besser kontrollieren, darf aber nicht abgeschafft werden. Dieses Fazit wird vielen (deutschen) Lesern nicht schmecken, doch Weiner ist letztlich Amerikaner, der an das politische, ökonomische und moralische Primat ’seiner‘ USA glaubt.

Wen interessiert in Deutschland die CIA?

Die deutsche Ausgabe von „CIA – Die ganze Geschichte“ wurde von vier Übersetzern bearbeitet, um so ein zum Original möglichst zeitnahes Erscheinen zu ermöglichen. Brüche oder stilistische Unterschiede lassen sich nicht feststellen; der seitenstarke Band liest sich wie aus einem Guss.

Wer sich fragt, wieso die Übeltaten der CIA so rasch einem deutschen Publikum nahe gebracht werden oder dieses interessieren sollten, wird durch ein separates „Vorwort zur deutschen Ausgabe“ aus seinem Dornröschenschlaf geweckt: Selbstverständlich arbeiten der US-amerikanische und der deutsche Geheimdienst seit 1945 eng zusammen; die CIA stützte sich in den Anfangsjahren sogar gern auf die vorzüglich ausgebildeten Fachleute der Gestapo … Deutschland hat seinen Preis für die von der CIA ‚beratene‘ und damit mitgeprägte Politik zahlen müssen und war u. a. für Jahrzehnte Pufferzone für eventuelle Atom-Attacken aus dem roten Osten, denn natürlich stationierten die USA ihre Raketen am liebsten dort, wo dies das eigene Land nicht in Gefahr brachte. Auch im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung hat sich die CIA nicht mit Ruhm bekleckert. Geheimdienstarbeit war offensichtlich schon globalisiert, als dieser Begriff noch gar nicht existierte. Frieden oder Stabilität hat sie der Welt nicht gebracht, aber Weiner macht uns klar, dass dies womöglich niemals geplant war oder ist.

Verfasser

Tim Weiner berichtet als Journalist seit mehr als zwei Jahrzehnten über die Außenpolitik der Vereinigten Staaten. Er arbeitete in Washington, dem Herz der US-Politik, sowie in Mexiko City als Auslandskorrespondent. 1988 wurde er für eine vom „Philadelphia Inquirer“ veröffentlichte Reportage, die geheime Schmiergeld-Praktiken des Pentagons und der CIA offenlegte, mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet.

Weiner blieb dem Thema bzw. weitete seine Recherchen aus. Zwischen 1993 und 1999 schrieb er für die „New York Times“ mehr als 100 Berichte über die CIA. Er gilt längst als einer der besten Kenner des US-amerikanischen Geheimdienstsystems. In „Legacy of Ashes“ (dt. „CIA – Die ganze Geschichte“), seinem dritten Buch, fasste er die Ergebnisse seiner Nachforschungen 2007 zusammen. „CIA“ erklomm die Bestseller-Listen und wurde mit dem „National Book Award Non-Fiction“ 2007 ausgezeichnet.

[md]

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