Der Knochenleser

Bill Bass/Jon Jefferson
Der Knochenleser. Der Gründer der legendären Body Farm erzählt

Originaltitel: Death’s Acre: Inside the Legendary Forensic Lab the Body Farm Where the Dead Do Tell Tales (New York : G. P. Putnam’s Sons 2003)
Übersetzung: Sebastian Vogel
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2004 (Goldmann Verlag)
384 S.
ISBN-13: 978-3-442-31020-3
Neuausgabe: Mai 2006 (Goldmann Verlag/TB Nr. 15394)
384 S.
ISBN-13: 978-3-442-15394-7

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Eine Farm nur für die Toten

Knoxville im US-Staat Tennessee gehört zu jenen Städten, die nur über eine einzige echte Sehenswürdigkeit verfügen, mit der indes rein gar kein touristischer Staat zu machen ist: Hier hat die University of Tennessee ab 1971 die „Body Farm“ eingerichtet. Dr. Bill Bass, ein forensischer Pathologe, der von kriminalistischen Einrichtungen aller Art immer wieder als Berater bei rätselhaften Leichenfunde zu Rate gezogen wurde, war lange Zeit mit der ärgerlichen Tatsache konfrontiert, dass bei der Bestimmung der Zeit, die so ein ‚Kunde‘ in einem Wald, einem Fluss oder unter dem Fundament eines Hauses gelegen hatte, der Zeitpunkt des Todes nicht präzise genug festgestellt werden konnte: Niemand wusste wirklich, wie der Prozess der Verwesung ablief.

Aus Gründen, die auf der Hand liegen, waren selbst Wissenschaftler vor grundsätzlichen Forschungen auf diesem Gebiet zurückgeschreckt. Es bedarf einer besonderen Sorte Mensch, um sich planmäßig dem Grauen zu stellen, das Zeit, Feuchtigkeit & vor allem Insekten aus einer Leiche modellieren. Bill Bass ist ein solcher Mensch; zwar nicht immun gegen die unerfreulichen Seiten seiner Arbeit, aber mit Leidenschaft dabei, das Notwendige anzugehen. Den letzten Anstoß gab ihm die offenherzig dargestellte, in ihrer grausigen Komik äußerst unterhaltsame Episode mit einer kopflosen Leiche, die er in einer bizarren Verkettung unglücklicher Zufälle um mehr als ein Jahrhundert falsch datierte.

Anschließend richtete Bass jene Institution ein, die von den dankbaren Medien später „Body Farm“ getauft wurde: Auf einem Stück Land wurden (und werden) Leichen auf den Waldboden oder in Pkw-Kofferräume gelegt, in Wasserbecken getaucht, flach oder tief begraben – und dann in Ruhe gelassen; in Ruhe der Fäulnis überlassen, um es beim Wort zu nennen, wobei dieser Vorgang detailliert in Wort und Bild festgehalten wird. Damit gewinnt man Vergleichsdaten ,die es möglich machen, Leichen zu ‚entschlüsseln‘, um so Todesursachen und -zeitpunkte zu fixieren.

Geschmackvolle Darstellung der Leichenforschung

Dass dies nicht nur Voyeure be- und Igittisten entgeistert, sondern von Wert für die kriminologische Alltagsarbeit ist, weiß Bass an vielen Beispielen anschaulich zu belegen. So manchem Mörder konnte er ins Handwerk pfuschen, bevor dieser allzu sehr in Serie ging. Auch in der Archäologie sowie in allen Wissenschaften, die an den Überresten von Menschen über Menschen forschen, weiß man die Erkenntnisse zu schätzen, die Bass und seine magenstarken Kolleginnen und Kollegen ihren stinkenden Versuchspersonen entlocken.

Mit den Schilderungen berühmter oder ’nur‘ interessanter Fällen, an denen er forensisch beteiligt war, verknüpft Bass seine Lebensgeschichte. Beide Bereiche erklären einander, so dass Bass es nie nötig hat, in regelmäßigen Abständen einen neuen Gruselkadaver ins Geschehen zu bringen, um den gelangweilten Leser zu fesseln: „Der Knochenleser“ ist eine Biografie mit rotem Faden, keine kunterbunte Sammlung aberwitziger Anekdoten. An denen spart der Verfasser nicht, aber er stellt sie in den Dienst seiner Geschichte. Diese wird dadurch auch zur Historie der (US-) Forensik in den vergangenen fünfzig Jahren.

Der Sinn des beobachteten Sterbens

Weil Bass dabei das Persönliche nicht scheut, stellt er sich auch der verständlichen Frage, wie ein Mensch nur solche Arbeit tun kann. Unausgesprochen steht sie während der Lektüre immer im Raum. Die Labor- und Feldgeschichten sind spannend, sogar faszinierend, dazu witzig, aber dennoch … Wie schafft der Mann es, Tag für Tag mit grässlich anzusehenden Leichen umzugehen, ohne darüber verrückt zu werden?

Die Antwort ist einfach – oder typisch amerikanisch, wenn man so urteilen möchte: Es gibt halt ein höheres Ziel und damit einen Sinn in dieser Tätigkeit. Bass sieht sich einerseits als Wissenschaftler, d. h. als Kopf-Mensch, der den Verstand an- und den Bauch (und die Nase) abschaltet, sobald ein Job – die Identifizierung und Untersuchung eines Kadavers – ansteht. Andererseits gibt dies besagter Leiche, die einst ein Mensch war, der unter ungeklärten Umständen das Leben verlor, seine Identität, seine ‚Stimme‘ zurück: Wenn er, Bill Bass, nicht klärt, was zum Zeitpunkt des Todes geschah, kommt ein Mörder davon und kann seine Tat womöglich wiederholen.

Starke Argumente, keine Frage, aber Mr. Bass gehört dennoch eindeutig einem ganz besonderen Menschenschlag an! Möglicherweise ist es ja auch sein Sinn für Humor bzw. die Absurditäten des Lebens & des Todes, die ihn zu seiner Arbeit befähigen. Negativ-Kritiker werden es ihm ankreiden, dass er es manchmal am vorgeblich gebotenen Ernst mangeln lässt. Sie werden freilich generell wie viele Bürger von Knoxville urteilen: Macht es, wenn es denn sein muss, aber schweigt darüber! Doch Bass ist stolz darauf, was er mit seinem Team geschafft hat. Außerdem will er der Mythenbildung vorbeugen.

Medien & Maden arbeiten gut zusammen

Denn die „Body Farm“ ist spätestens seit Anfang der 1990er Jahre in aller Munde, als sie hohen Besuch bekam: Die ehemalige Forensikerin und spätere Schriftstellerin Patricia Cornwell besuchte Knoxville und ließ sich von Bass in die Geheimnisse der „Farm“ einweihen, die sie anschließend reichlich in einen ihrer enorm erfolgreichen Kay-Scarpetta-Romane („The Body Farm“; dt. „Das geheime ABC der Toten“) einfließen ließ. Seitdem genießt der seltsame Ort fast schon zu viel Publicity; sogar Pfadfindergruppen fragten schon Führungen nach … Faszination und Abscheu liegen beim Thema Tod sehr nahe beieinander!

„Der Knochenleser“ beinhaltet zwei Fotostrecken, die sich glücklicherweise nur in Andeutungen dessen ergehen, was der Verfasser im Text überaus drastisch beim Namen nennt. Der optische Eindruck davon, was den Alltag des Dr. Bass ausmacht, steigert allerdings die Bewunderung für das, was dieser Mann leistet. Seien wir ehrlich: Möchten wir wirklich die Fotos vom Hinterhof jenes pflichtvergessenen Bestatters sehen, der ’seine‘ Leichen nicht urnengerecht verbrannte, sondern sie zwischen Waldbäumen stapelte, in Schrottautos stopfte oder sonstwie „entsorgte“ – 339 Stück? Da kam es bei der anschließenden Identifizierung zu unerfreulichen Wiedersehensszenen zwischen Familienangehörigen, von denen die Lebenden die Toten längst in der Urne auf dem Kaminsims wähnten … (Das US-Fernsehen griff den „Tri-State Crematory Scandal“ von 2002 für denkwürdige Episoden der Erfolgsserien „CSI: Miami“ und „Law & Order: Criminal Intentions“ auf.)

Nein, wir sind Dr. Bass dankbar, dass er uns in klaren Worten, aber nicht gar zu krass über seine Arbeit informiert; darüber hinaus müssen und wollen wir nicht alles wissen! Das überlassen wir den Spezialisten, die es wissen müssen, um es anwenden zu können. Dank Bill Bass (wohltuend unterstützt vom wortgewandten Journalisten Jon Jefferson) ist uns nun klar, dass dieser Job keine Horde ghulischer Frankensteine erfordert, sondern Menschen mit Köpfchen, Herz & stählernen Nasen!

Autor

William M. Bass (III.) wurde 1928 in Staunton (US-Staat Virginia) geboren. Er studierte Psychologie an der University of Virginia. Nach seinem Abschluss 1951 leistete Bass seinen Wehrdienst bei der US Army. 1953 ging er an die University of Kentucky und studierte Anthropologie; den Doktortitel in diesem Fach verlieh ihm 1961 die University of Pennsylvania. Bass wechselte ins Lehrfach. Zwischen 1960 und 1971 lehrte er an der University of Kansas, bevor ihn die University of Tennessee die Leitung des Anthropologischen Fachbereichs übertrug. Bis zu seiner Emeritierung (1995) hatte Bass diese Position inne; darüber hinaus war er von 1992 bis 1994 Direktor des „Forensic Anthropology Center“.

Seine einschlägigen Kenntnisse ließen Bass zum oft frequentierten Berater des FBI avancieren, der an der Lösung zahlreicher Kriminalfälle beteiligt war. Vor allem dieser Aspekt seiner Forschertätigkeit (sowie natürlich sein Amt als Leiter der Body Farm) machten Bass für die Medien interessant. Das verstärkte sich 2003, nachdem Bass unter dem Titel „Death’s Acre“ erfolgreich seine Memoiren (dt. „Der Knochenleser“) veröffentlichte. Er hatte sie gemeinsam mit dem Journalisten und Schriftsteller Jon Jefferson geschrieben. (Eine ‚Fortsetzung‘ erschien 2007.)

Mit Jefferson als Co-Autor (aber wohl unter dessen federführender Leitung) verfasste Bass ab 2006 als „Jefferson Bass“ eine Serie von Kriminalromanen um den forensischen Anthropologen Dr. Bill Brockton – die Verfasser machen keinen Hehl daraus, an welches reale Vorbild sich diese Figur anlehnt -, der unter Einsatz jenes Leichenlabor-Ambientes, welches sich dank Patricia Cornwell, Kathy Reichs und „CSI“  großer Publikumsbeliebtheit erfreut, eigentlich unmögliche Fälle löst.

Über „Jefferson Bass“ informiert diese Website.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Eine Hand voll Asche

Jack the Ripper – Anatomie einer Legende

Black Mass. Der Pate von Boston

Zodiac. Auf der Spur eines Serienkillers

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.