Perry Rhodan – Die Chronik. Biografie der größten Science Fiction Serie der Welt, Bd. 3

Hermann Urbanek
Perry Rhodan – Die Chronik. Biografie der größten Science Fiction Serie der Welt, Bd. 3
Zu neuen Ufern (Die Jahre 1981-1995)

Originaltitel = dt. Erstausgabe (geb.): Mai 2013 (Hannibal Verlag)
Cover: bürosüd/München (nach einer Vorlage von Johnny Bruck)
656 S.
ISBN-13: 978-3-85445-342-0

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Turbulenzen im Solaren Imperium

1980 war zumindest die reale „Perry-Rhodan“-Welt in Ordnung. Nachdem die Serie 1961 ihren Anfang genommen und sich etabliert hatte, setzte sie sich aufgrund ihrer Unterhaltungsqualitäten gegenüber jeder thematisch ähnlich ausgerichteten Konkurrenz durch und dominierte schließlich den Science-Fiction-Heftroman.

Auch inhaltlich ließen sich Fortschritte erkennen. Die ‚militärische‘ bzw. von der Ära des Kalten Krieges geprägte SF des K. H. Scheer ergänzte und ersetzte Exposé-Nachfolger William Voltz um das Element der „Inner Fiction“. Nicht mehr nur die Technik, sondern auch der Mensch und seine Probleme, die sich auch zukünftig nicht mit Waffengewalt werden lösen lassen – flossen in die PR-Reihe ein. Sie erreichte 1980 mit „Der Terraner“ ihren 1000. Band – ein Meilenstein und der Beleg für die Beliebtheit einer sicherlich trivialen aber ausgezeichnet umgesetzten Unterhaltungsserie, die den abqualifizierenden Titel „Groschenroman“ längst nicht mehr verdiente.

Wie jedes Reich konnte auch das Solare Imperium nicht ewig wachsen. Spätestens 1985 geriet der PR-Kosmos in eine ernste Krise. 1984 starb William Voltz, der die Serie redaktionell kongenial gesteuert und die Fäden dabei fest in der Schreibhand gehalten hatte. Parallel dazu fand eine Marktbereinigung nie gekannten Ausmaßes statt: Ein übersättigter Heft- und Taschenbuch-Markt implodierte und führte dazu, dass die meisten Serien eingestellt wurden.

Die Neukonsolidierung war mühsam, und sie forderte ihre Opfer. In der eng verzahnten und begrenzten Welt der deutschen Unterhaltungsautoren bedeutete diese Entwicklung eine Katastrophe; viele Autoren verloren ihre Existenzgrundlage, weil ihre Dienste nicht mehr benötigt wurden.

Der steinige Weg zurück zur Stabilität

Zwar überstand die PR-Serie diese harte Phase, aber auch sie geriet in Turbulenzen. Hinter den Kulissen steuerten nun primär Expokraten-Teams die Handlung, was selten ohne Konflikte ablief und Kompromisse erforderte, die sich wiederum auf die Serie niederschlugen. Erst nach Jahren des Schlingerkurses stabilisierte sich der PR-Kosmos wieder. Die Geschichte vom „Erben des Universums“ nahm nun eine andere, wieder bodenständigere Entwicklung.

In diese Zeit fiel auch ein Generationenwechsel. Die Autoren der frühen Jahre zogen sich zurück oder wurden ‚ersetzt‘ durch jüngere, die ein Werk übernahmen, dessen Gründerväter es ihnen nicht in allen Aspekten gern oder freiwillig überließen. „Perry Rhodan“ wuchs, und mit ihm nahm die Zahl derer zu, die in seinem Diensten standen. Die Zeit einer eher familiär anmutenden und arbeitenden PR-Stube war vorüber. Nicht nur Aschenbecher und Bierflaschen verschwanden von den Konferenztischen. Hinter den Kulissen verwandelte sich der PR-Kosmos. Es ging professioneller aber strenger und unpersönlicher zu.

Dazu gehörte eine neue Form des Marketings, die über den Abdruck neu gegründeter PR-Clubs oder das Angebot altertümlicher Stammtisch-Wimpel weit hinausging. Die gewachsene und wachsende Schar der PR-Leser wurde allmählich als Gruppe erkannt, die es zu umwerben und zu pflegen galt. Große und kleine bzw. überregionale und regionale „Conventions“ kamen zustande; sie machten deutlich, dass sich „Perry Rhodan“ über einen Heftroman hinaus zu einem modernen Populärmythos mit erstaunlicher Breitenwirkung entwickelt hatte.

Die ‚alten‘ und die ‚neuen‘ Leser

Diverse zerschnittene Tischtücher später hatte „Perry Rhodan“ um 1995 eine neue und stabile Basis gewonnen. Neue Herausforderungen tauchten auf: Die PR-Saga, die inzwischen Nr. 1500 hinter sich gelassen hatte, drohte unter ihrer eigenen, dicht vernetzten und immer komplexer werdenden Geschichte zusammenzubrechen. Selbst die Bände des „Perry-Rhodan“-Lexikons, das doch ein nur Kondensat der wichtigsten Serien-Begriffe war, erreichten allmählich Brockhaus-Breite.

Auch hier mussten radikale Schnitte gesetzt werden. Sie forderte eine Kritik heraus, die sich jenseits der Sache verselbstständigte: Wie das Autorenteam begann sich auch die Leserschaft zu differenzieren. Zu den „Altlesern“, die seit Nr. 1 dabei waren, gesellten sich die ‚Neuen‘, die keinen gesteigerten Wert auf die strikte Gewährleistung einer Chronik legten, die sie nicht oder nur zum Teil kannten.

Beide Fraktionen erwiesen sich als nur bedingt kompatibel. Verlagsseitig wollte man beiden gerecht werden, doch irgendwann musste man sich entscheiden. Die Neu-Leser gewannen, denn sie waren die PR-Käufer der Zukunft. Entweder behutsam oder radikal – hier schieden sich die Urteile des Publikums – wurde „Perry Rhodan“ ‚renoviert‘, ein Prozess, der im neuen Jahrtausend an Vehemenz noch zunahm.

Chronik-Epos für eine epische Serie

Nachdem Michael Nagula signalisiert hatte, dass er nach Band 2 für die Fortsetzung der „Perry-Rhodan“-Chronik nicht mehr zur Verfügung stehen würde, sprang Hermann Urbanek in eine Bresche von beträchtlicher Breite. Für dieses Projekt hat man glücklich jemanden gefunden, der die erforderliche Grundvoraussetzung erfüllt: Ein Berg von Fakten muss gesichtet, sortiert und schließlich so aufbereitet werden, dass der Chronist, der nun zum Autor wird, sein Thema einem Publikum informationskorrekt aber unterhaltsam darlegen kann.

Die „Perry-Rhodan“-Chronik ist ungeachtet ihres Titels keine ‚echte‘ Chronik; sie soll es bzw. kann es wohl auch nicht sein. Dazu hätte sich der Verfasser sehr viel tiefer in die Materie einarbeiten müssen. Urbanek präsentiert in erster Linie Fakten. Hierin hat er sichtlich Erfahrung; so stellt er seit 1986 (!) Berichte über die nationale und internationale SF-Szene für das „SF-Jahr“ des Heyne-Verlags zusammen. Urbaneks Bio- und Bibliografien stellen zudem Grundpfeiler für das „Lexikon der utopisch-phantastischen Literatur“ des Corian-Verlags dar. Man darf sich deshalb darauf verlassen, dass Urbanek wirklich jedes Info-Fitzelchen berücksichtigt hat, das die PR-Historie markiert.

Die Form der Chronik erleichtert und erschwert dem Verfasser die Arbeit. Einerseits ist es hilfreich, wenn sich der Stoff quasi selbstständig nach einem zeitlichen Ablauf sortiert. Andererseits sorgt diese Ordnung für ständige Unterbrechungen dort, wo eine einmalige Gesamtdarstellung ein Thema verständlicher vorstellen würde.

Urbanek versucht den Spagat, indem er immer wieder aufgreift, was bereits früher angesprochen wurde. Auf diese Weise vermeidet er, dass Informationen aus dem chronologischen Zusammenhang gerissen werden. Gleichzeitig produziert er notgedrungen Wiederholungen, die indes vor allem oder nur auffallen, wenn man dieses Buch ‚am Stück‘ liest. William Voltz muss beispielsweise immer wieder sterben. Als Chronik kann dieses Buch freilich nur tauglich sein, wenn die Jahreseinträge separat für sich stehen können.

Die volle Dosis – oder Dröhnung?

Für Autor Urbanek ist offensichtlich die Vollständigkeit das Maß aller Dinge. In diesem Punkt muss er sich in der Tat keiner Flüchtigkeiten beschuldigen lassen. Was immer das PR-Verlagshaus verlassen hat, wurde von ihm aufgespürt und vorgestellt. Das dabei entstandene Werk ist zwar dick aber flach. Was paradox klingt, gewinnt Sinn, registriert man beispielsweise die inflationär eingeschobenen Übersichten zur PR- (sowie Atlan-) Handlung. Sie haben – in dieser epischen Länge – nichts in einer Chronik verloren bzw. müssten (und könnten) auf grundsätzliche Kerninformationen zusammengekürzt werden.

Auch sonst ist Urbanik kein echter Freund der Paraphrase. Gern zitiert er aus Leserkontaktseiten, Magazinartikeln, „Logbüchern“, Verlagsinfos u. a. Texten, die gedruckt oder digital vorliegen. Doch Originalton ist nicht zwangsläufig einer selektiven Informationsauswahl oder gar der Interpretation überlegen. Hier entsteht der Eindruck, der Autor wolle Zeit sparen. Darüber ignoriert er, dass vielen zeitgenössischen Äußerungen kaum oder kein Informationswert mehr innewohnt. Dies betrifft in erster Linie die ausufernden Con-Berichte, die sich inhaltlich so sehr gleichen, dass gut ausgewählte Einzelpassagen als Zitate ihren Zweck besser erfüllt hätten. Anders ausgedrückt: Dieser dritte Chronik-Band müsste keineswegs 650 Seiten stark (und noch einmal fünf Euro teurer) sein. Die Menge der Info-Füllsel ist enorm, das wertvolle Instrument der Kürzung blieb dagegen stumpf.

Dass die Recherche meist an der Oberfläche bleibt, ist sicher auch auf eine gewisse Vorsicht zurückzuführen. Viele Personen, die namentlich erwähnt werden, leben noch und verfolgen, was über sie geschrieben wird. Dies zwingt einen Chronisten zur Faktengenauigkeit, kann ihn aber auch hemmen: Die PR-Historie ist nur zum Teil schriftlich fixiert. Sie beruht zu einem großen Teil auf mündlicher Überlieferung. Die Erinnerungen der Protagonisten sind subjektiv und klaffen in jedem Fall auch in derselben Sache oft weit auseinander. Gleichzeitig ist der Chronist auf das Wohlwollen derer angewiesen, die er persönlich befragt – ein Dilemma, das auch diese „Chronik“ über weite Strecken in eine kommentierte Liste reiner Ereignisse verwandelt.

Das ist schade, denn die PR-Historie ist reich an produktiven Konflikten, die nicht automatisch gleichzusetzen sind mit persönlichen Streitereien. Die einen beleuchten das Thema, die anderen sind Privatsache. Urbanek weicht von seinem Schongang selten und primär jenseits des PR-Komplexes ab. Beim Niedergang der „Atlan“-Heftserie findet man endlich jenen Klartext, den sonst vermisst. Die für das Gesamtbild informativen aber recht sprunghaften sowie zu detailreichen Ausflüge in die Welt der deutschen Phantastik jenseits des PR-Tellerrandes könnten dagegen gezügelt werden.

What you see is what you get?

Wohl den dicksten Schwachpunkt stellen die Abbildungen dar. Drei Fotostrecken gibt es, die in der Motivwahl willkürlich wirken und deren Wiedergabequalität eine Zumutung darstellt. Zu Recht werden die zahlreichen Inkarnationen belegt, die „Perry Rhodan“ im Lauf des Darstellungszeitraumes hervorbrachte. Im Mittelpunkt stehen die Serie und ihre Begleitpublikationen: die PR-Planetenromane, das PR-Magazin, das Lexikon. die Risszeichnungsbände.

Die Fotos illustrieren die erstaunliche Bandbreite des PR-Kosmos‘, der über sein Heft-Fundament weit hinausgewachsen ist. Allerdings hält sich der Informationsgehalt in Grenzen, wenn sich auf den oft viel zu kleinen, unscharfen, schlecht belichteten, ausschließlich schwarzweiß und grobkörnig reproduzierten Abbildungen kaum etwas oder gar nichts erkennen lässt. Die Risszeichnung der „Basis“ auf Bildseite 242, die des „Klotzes“ auf S. 439 oder die PR-Zinnfiguren auf S. 442/43 sind gute Beispiele für grottenschlechtes und damit kontraproduktives Bildmaterial. Wie im Text geht dem Verfasser die Quantität über die Qualität: Bloß keinen Aspekt unberücksichtigt lassen!

Ähnlich nutzlos sind die fotografischen Erinnerungen an diverse PR-Cons. Auch vor dem digitalen Zeitalter entstandene Fotografien zeigen durchaus scharf, was sich vor der Linse befand. Auf den Seiten 426-431 ‚sieht‘ man allerdings nur kontrastschwach in Grau- und Schwarztönen ersaufende Schnappschüsse, die zudem auf das Format einer größeren Briefmarke (6 X 3,5 cm, um genau zu sein) verkleinert wurden. Selbst unter der Lupe darf man in der Regel raten, wer oder was abgebildet ist. Die traurige Krönung stellen miserabel abfotografierte Vorlagen wie das „Humanidrom“-Poster auf S. 485 dar, die es nie ins Buch hätten schaffen dürfen.

Großzügig aber wahllos wurde auf Material zurückgegriffen, das im Verlagsarchiv greifbar war: Werbeträger, Pressemappen, Autogrammkarten etc. Nur: Wen interessiert der „Flyer zum PERRY RHODAN-Meeting 1984“ (S. 247), das „VHS-Cover aus dem Jahr 1989 der englischen Fassung des PERRY RHODAN-Films ‚SOS aus dem Weltraum‘“ (S. 417) wirklich? Wieso füllen ausgerechnet „PERRY RHODAN-Werbeaufkleber und -button aus den 1990er Jahren“ (S. 504) mehr schlecht als recht dort eine ganze Fotoseite, wo sich sonst die Bildchen drängen?

Für den noch ausstehenden vierten Chronik-Band ist eine weitere Inflation entsprechender Nichtig- und Nebensächlichkeiten zu befürchten. Zu wünschen wäre eine striktere Kanalisation der einbezogenen Quellen und eine stärkere Konzentration auf längst Bekanntes. Unabhängig davon ist es wichtig, gerade die Frühzeit der PR-Historie aufzuarbeiten, solange es noch Zeitzeugen gibt. Die „PR-Chronik“ mag nicht tiefgründig sein. Als Bestandsaufnahme ist sie allerdings bedeutungsvoll, und unterhaltsam ist sie ebenfalls!

Kurzkritik für Ungeduldige: Nachdem die „Perry-Rhodan“-Serie erfolgreich die 1980er Jahre erreicht hatte, forderten gleich mehrere Rückschläge eine inhaltliche Neuausrichtung, die durch ein modernes Marketing, die stärkere Einbindung der Leserschaft und die Nutzung neuer Medien flankiert wurde. Der Durchstart gelang, er wird in diesem dritten Band der „PR-Chronik“ kenntnisreich und unterhaltsam aber selten tiefschürfend nachgezeichnet (sowie schauerlich bebildert): lesenswert auch aufgrund der Blicke über den PR-Tellerrand.

[md]

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