„Etwas Besseres als den Tod …“ Filmexil in Hollywood

Helmut G. Asper
„Etwas Besseres als den Tod …“ Filmexil in Hollywood

Originalausgabe = dt. Erstausgabe: 2002 (Schüren Verlag)
679 S.
ISBN-13: 978-3-89472-362-0

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Das Ende der (künstlerischen) Freiheit

Wer weiß heute noch, dass Deutschland einst eine Filmlandschaft war, die sich in Größe fast und in Erfolg und künstlerischem Reichtum auf jeden Fall mit Hollywood messen konnte? In den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts war dies tatsächlich der Fall. Deshalb hielten die großen US-Studios stets die Augen offen, was sich im Land der Dichter und Denker tat, und waren sich nicht zu schade, Talente und Stars für die eigenen Filme abzuwerben. Kein Wunder, denn Deutschland war ein Tummelplatz fabelhafter Unterhaltungskünstler, die auf eine lange und ungebrochene Kultur-Tradition zurückblicken und -greifen konnten.

Dass ein großer Teil dieser Künstler jüdischen Glaubens war, störte nur die üblichen antisemitischen Wirrköpfe, die jedoch ihr Gift hauptsächlich unter ihresgleichen verspritzen mussten und so gering an Zahl blieben, dass ihr Wirken eher störend oder lästig als bedrohlich war. Das änderte sich nachdrücklich und endgültig im Januar 1933, als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland buchstäblich ergriffen. Hitlers Wahnidee eines verschworenen Weltjudentums, das es im Namen des Guten und Reinen zu bekämpfen und zu vernichten galt, wurde sogleich in die Tat umgesetzt – vorsichtig vorläufig noch, da der Umgang mit dem Instrumentarium der Macht erst erlernt und Rücksicht auf die misstrauischen innen- und vor allem außenpolitischen Gegner der Nazis genommen werden musste, aber bereits konsequent.

Dem deutschen Film wurde die zweifelhafte Gnade zuteil, schon sehr früh ins Zentrum des nationalsozialistischen Interesses zu rücken. Dies verdankte er dem frisch ernannten „Reichsminister für Propaganda“ Joseph Goebbels, der Ende März 1933 in einer Rede vor Vertretern der Filmwirtschaft deutlich machte, dass er und die Nazis die jüdischen Künstler, Techniker und Kaufleute so rasch wie möglich auszuschalten gedachten. Der später ob seiner Vorliebe für junge Starlets heimlich „Bock von Babelsberg“ genannte Demagoge wusste sehr gut um die Möglichkeiten, die der Film den Nazis bot, mehr oder weniger offen im Sinne der „Partei“ auf das Publikum Einfluss auszuüben. Dazu mussten vorab jedoch die “feindseligen” Elemente der Filmwirtschaft eliminiert werden.

Die Flucht ins Ungewisse

Genauso und durchaus unter Mithilfe besagter Filmwirtschaft geschah es in den nächsten Jahren. Tausende verloren erst ihre Arbeit, dann ihre Heimat und später das Leben, wenn es ihnen nicht früh genug gelang, Deutschlands Staub von ihren Schuhen zu schütteln. Etwa 2000 jüdische Filmschaffende wählten das Exil, für sie ein bitterer Abschied in eine ungewisse Zukunft, da man nirgendwo in der Welt auf sie gewartet hatte, wie sich bald herausstellte. Mit ihnen reisten ihr Talent und ihre Erfahrungen, und sie ließen einen deutschen Film hinter sich, der sich von diesem selbst auferlegten Aderlass nie erholen würde.

800 Auswanderer und Flüchtlinge gingen ab 1933 nach Hollywood, was nicht so selbstverständlich war wie man heute vermuten könnte: Die meisten jüdischen Filmschaffenden wichen zunächst lieber in Länder des vertrauten Europas aus, doch als ab 1939 die Nazi-Kriegsmaschine praktisch sämtliche Nischen überrollte, wurden die USA notgedrungen zum Gelobten Land.

Hollywood kam sehr gut mit den eigenen Leuten zurecht und empfing die Konkurrenz aus dem Ausland gleichgültig und nicht selten feindselig. Doch beseelt von dem Drang, auch in der Fremde als Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Filmarchitekt usw. tätig zu werden, begannen die Neuankömmlinge Hollywood zu belagern. Trotz aller Widrigkeiten ist es den unfreiwilligen Gästen aus der Fremde gelungen, Fuß zu fassen in der seltsamen kalifornischen Kunstwelt. Aber auch denen, die erfolglos blieben, verdankte die US-amerikanische Filmwirtschaft künstlerische, technische und wirtschaftliche Impulse, die ihr Gesicht nachhaltig veränderten und prägten, um nach und nach doch Fuß zu fassen in der Trutzburg aus Zelluloid – oder kläglich unterzugehen.

Filmgeschichte ohne Glamour

Dr. Helmut G. Asper, der seit 1974 Theater, Film und Fernsehen an der westfälischen Universität Bielefeld lehrt, ist nicht der erste Historiker, der über das deutsche Film-Exil in Hollywood gearbeitet hat. Das bedeutet nicht, dass es keine weißen Flecken mehr gäbe. Asper gelingt es, viele Lücken mit Wissen zu füllen. Dies wirkt sich aus auf ein wichtiges (kunst-) historische Gesamtbild, das der Verfasser auf diese Weise ergänzen oder korrigieren kann.

Das deutsche (oder besser deutschsprachige, da unfreiwillige ‚Gäste‘ auch aus den „heim ins Reich“ geholten, d. h. okkupierten Ländern Europas wie z. B. Österreich stammten) Film-Exil in den USA bestand eben nicht nur aus hüben wie drüben anerkannten Stars wie Marlene Dietrich, Fritz Lang oder Billy Wilder, sondern auch aus mindestens ebenso fähigen Männern und Frauen, denen unter Umständen nur das im Leben so wichtige Fünkchen Glück zum großen Durchbruch fehlte: Reginald le Borg ist einer dieser großen Unbekannter, die Asper vor dem Vergessen rettet: ein fabelhafter Regie-Handwerker, der sein gesamtes berufliches Leben nach 1933 in der Vorhölle des B-Movies verbrachte, wo er für wenig Geld mit kaum bekannten Darstellern in Rekordzeit kleine Juwelen der Filmgeschichte herstellte, mit denen heute nur noch einige Fachleuten vertraut sind.

Ähnliche Geschichten erzählt Asper viele. Sie sind oft tragisch, noch öfter jedoch erhellend, wenn z. B. der gern und oft geäußerte Vorwurf, Hollywood habe seine Gäste in die Mittelmäßigkeit gezwungen, einleuchtend relativiert wird. Berühmtheiten wie Bertold Brecht oder Alfred Döblin haben ihre Jahre in den USA im Rückblick als Kette von Demütigungen und Misserfolgen geschildert. Aspers deckt auf, dass dies durchaus nicht immer so gewesen ist bzw. viele Exilanten sich selbst im Wege standen, weil sie nicht willens oder fähig waren, sich auf ihre neue Situation und ihre neue Heimat einzustellen.

Selbst wenn sie ihren Aufenthaltsort meist nicht freiwillig gewählt hatten, wurden sie in den USA immerhin weder verfolgt noch fielen sie durch das soziale Netz. Asper beschreibt Einrichtungen wie den „European Film Fund“, in den die Mehrzahl der arrivierten Emigranten Geld einzahlten, das ihren weniger vom Glück begünstigten Kolleginnen und Kollegen zu Gute kam. Er erinnert weiter an die Praxis viele großer Studios, Einwanderer pro forma für ein Jahr anzustellen, was diesen die Möglichkeit bot, sich finanziell abgesichert in das US-System einzugliedern. Dass vielen dies nicht gelang bzw. viele dies gar nicht erst versuchten, weil sie dem Verlust ihres Ruhms und ihres Einflusses in Europa hinterhertrauerten, kann nicht unbedingt den Amerikanern zum Vorwurf gemacht werden. (Selbst dem undankbarsten Emigranten war freilich stets bewusst, dass die Nazis die wahren Schuldigen in diesem Trauerspiel waren.)

Dickes Buch mit schwachem Rücken

Natürlich ist es nicht möglich, 800 Exilanten-Lebensläufe zu rekonstruieren. Das ist auch gar nicht nötig: Asper fasst zusammen, was für das Thema relevant ist, und verdeutlicht seine Thesen durch gut gewählte Beispiele. Anhand von Porträts, Produktionsnotizen zu einzelnen Filmen und Originaldokumenten – Briefe, Memos, Zeitungsartikel – wird die Exilanten-Szene wieder lebendig. Aspers monumentales Werk, fast 700 Seiten stark, aber niemals langweilig, ist im buchstäblichen Sinne ein Gegengewicht zu der Flut plapperdummer Filmsternchen-Biografien, die durch die Buch-Großmärkte geschleust werden.

Schade nur, dass ein so wichtiges Werk seine Bedeutung nicht durch sein Äußeres unterstreichen kann. Viele seltene Fotos ergänzen den Text vorzüglich (statt ihn zu ersetzen, wie das so typisch für die Film-Literatur der Gegenwart geworden ist), und damit sie möglichst gut zur Geltung kommen, wurden sie auf hochwertiges Papier gedruckt. Leider sparte der Verlag anschließend am Einband. Knapp 700 dicke und glatte Seiten ergeben einen schwergewichtigen Papierblock, der nach einem festen Deckel förmlich schreit. Stattdessen wird er an dünne Pappe geleimt, die auch beim vorsichtigen Blättern die losgerissenen Seiten nur so purzeln lässt und sich selbst in unschöne Falten legt.

„Etwas Besseres als der Tod“ ist ein kostspieliges Buch, was angesichts des Themas und der damit einher gehenden niedrigen Auflagenzahl in Ordnung geht. Als Käufer darf man aber in diesem Fall handwerkliche Präzision erwarten: ein Buch, das man gern in den Schrank stellt, und in dem man lesen kann, ohne es anschließend wieder zusammensetzen zu müssen.

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