AC/DC – Maximum Rock ’n‘ Roll

Murray Engleheart/Arnaud Durieux
AC/DC – Maximum Rock ’n‘ Roll

(sfbentry)
Originaltitel: AC/DC – Maximum Rock ’n‘ Roll (Pymble/New South Wales : HarperCollins Publishers Australia Pty Limited 2006)
Übersetzung: Kirsten Borchardt u. Stefan Rohmig
Deutsche Erstausgabe (geb.): März 2007 (Wilhelm Heyne Verlag)
507 S.
ISBN-13: 978-3-453-12115-7
Als (überarbeitetes/aktualisiertes) Taschenbuch: Februar 2009 (Wilhelm Heyne Verlag/TB Nr. 60120)
512 S.
ISBN-13: 978-3-453-60120-8
Als eBook: Februar 2009 (Wilhelm Heyne Verlag)
512 S.
ISBN-13: 978-3-641-01811-5

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Blick zurück in eine turbulente Vergangenheit

Vor mehr als drei Jahrzehnten sind sie der Musikwelt unter bemerkenswerten Schmerzen und ausgerechnet in Australien geboren worden: AC/DC, die Band mit dem Blitz, der Höllenglocke und einem vom Teufel besessenen Gitarristen in Schuluniform, die sich den reinen, wahren Rock auf die Fahnen geschrieben hat und ihm unerschütterlich die Treue hält. Ihre Auftritte sind Spektakel, denn sie leisten ihren Job mit vollem Körpereinsatz, hinter dem das musikalische Können manchmal zu verschwinden droht.

Mit Fortschreiten des 21. Jahrhunderts ist auch für AC/DC der Punkt erreicht, an dem die Vergangenheit wichtiger als die Gegenwart zu werden beginnt. Die wirklich großen Schlachten sind geschlagen, die Helden zwar nicht ruhiger aber abgeklärter geworden. Die Zeit für einen Rückblick in glorreiche Zeiten ist gekommen. In unserem Fall übernehmen zwei Hofberichterstatter diese Aufgabe: Murray Engleheart und Arnaud Durieux begleiten die Band fast so lange wie es sie gibt. Sie hüten archivalische Schätze aus der AC/DC-Urzeit und konnten nicht nur mit den Musikern, sondern auch mit unzähligen Wegbegleitern, Freunden und Familienangehörigen sprechen. Stolz werden die entsprechenden Zahlen präsentiert: Mehr als 60 Interviews mit der Band hat das Autorenduo geführt, 5000 Artikel und 700 TV- und Radio-Interviews ausgewertet.

Rock als Familien-Unternehmen

Erstaunliches kam dabei zutage, wobei „erstaunlich“ an dieser Stelle ein wenig anders definiert wird als dies die Musik-Journalisten Engleheart & Durieux vermutlich täten. Sie leisten gute Arbeit im Wurzelbereich der Bandgeschichte. Die australische Musikszene der 1960er Jahre ist sicherlich ein Thema, über das selbst eingefleischte Rockfans nicht zwangsläufig Bescheid wissen. AC/DC: Das sind im Kern die Brüder Malcolm, Angus und George Young, wobei George hinter den Kulissen als Berater und Produzent wirkte, AC/DC dabei jedoch nicht weniger prägte als die beiden Jüngeren. Sie alle haben ihre Vorgeschichten, die musikalische Knochenarbeit in diversen, meist rasch vergessenen aber oftmals fähigen australischen Bands beinhaltet.

Die Familienbande – und dies ist ein Faktor, den Engleheart & Durieux deutlich herauszustellen wissen – sind womöglich neben ihrem Talent und dem Glauben der Youngs an den unverfälschten Rock ’n‘ Roll das dritte Standbein von AC/DC. Mit welchen Schwierigkeiten die Band auch immer konfrontiert wurden, die Familie erdete sie, fing sie auf, gab ihr die Kraft zum Neustart.

Aller Anfang ist laut

Viele Seiten widmen die Autoren den wüsten Touren der Band durch australische Städte und pittoreske Hinterländer des Inselkontinents. Wir erleben die späteren Stars bei wahrer Kärrnerarbeit, beim Schuften für einen Erfolg, der sich nur zäh einstellt und flüchtig ist, wenig einbringt außer der Zufriedenheit eines gut getanen Werks sowie Pöbeleien durch aufgeputschte ‚Fans‘, den Abscheu braver Durchschnittsbürger oder Stadtväter und die Wut von Vätern, Brüdern und Freunden, denen die lebenslustigen Bandmitglieder die Töchter, Schwestern und Freundinnen verführen.

In den 1970er Jahren beginnen die Anstrengungen endlich Früchte zu tragen. AC/DC lassen Australien hinter sich, erobern zunächst England, nach neuerlichen Rückschlägen auch die USA und letztlich die ganze Welt. Sie überstehen sogar das wohl schlimmste Ereignis: den Tod des genialen aber alkohol- und drogensüchtigen Leadsängers Bon Scott Anfang 1980.

AC/DC kehrt noch im gleichen Jahr mit dem neuen Sänger Brian Johnson zurück ins Rampenlicht. Die 1980er Jahre bringen künstlerisch wie finanziell den Durchbruch an die musikalische Weltspitze. Von dort aus kann es nur noch nach unten gehen; es folgen einige weniger erfolgreiche, von internen Querelen und den Nachstellungen politisch korrekter Weltverbesserer geprägte Jahre, bevor AC/DC in den 1990ern wieder durchstartet.

Trotz des musikalischen Purismus, der die Band am archaischen Rock festhalten lässt, hat sie sich der Veränderung der Musikszene geschmeidig angepasst. AC/DC heute ist eine Band, die sich mit den Medien gut steht, obwohl die Musiker in der Regel von Leuten interviewt werden, die ihre Enkel sein könnten. Engleheart & Durieux folgen AC/DC auch auf diesem Weg, der sie dem Status lebender Legenden entgegen trägt. Die Chronik endet, die Geschichte der Band wohl noch lange nicht.

Schmutz & Schweiß, literarisch veredelt

„Maximum Rock ’n‘ Roll“ ist ein aufwändig geplantes und verwirklichtes Buchprojekt, was noch in der Taschenbuch- bzw. Paperback-Neuauflage der Preis belegt. Hier wird die Quadratur des Kreises versucht; der Geschichte einer ‚proletarischen‘ Rockband wird ein feines Gewand geschneidert. Diese Ambivalenz spiegelt ein konzeptionelles bzw. inhaltliches Dilemma wider:  Die Geschichte von AC/DC wirkt so, wie sie hier erzählt wird, erschreckend langweilig. Dem Hardcore-Fan mag das nicht so vorkommen. Leser, die sowohl Musik als auch Bücher lieben, bemerken freilich diverse Schwachpunkte.

Die Aufgabe einer Biografie beschränkt sich nicht auf die Zusammenstellung einer möglichst lückenlosen Chronik. So etwas gehört zu den Vorarbeiten, und dass die ordentlich geleistet werden, ist eine verbindliche Forderung der Leser an die Autoren. Zwar halten sich diese mit Daten zurück, doch haben sie die musikalische Vergangenheit von AC/DC überzeugend rekonstruiert.

Freunde sind schlechte Biografen

Zur Tätigkeit der Biografen gehört es aber außerdem, das Entdeckte und Beschriebene zu werten, was hier bedeutet, es in seine musikalischen, biografischen und historischen Zusammenhänge zu stellen. Engleheart & Durieux drücken sich vor dieser Aufgabe leider gern. Stattdessen erschlagen sie ihre Leser förmlich mit einem Wust AC/DC-spezifischer Fakten, aus denen man sich die relevanten Informationen selbst herausfischen muss. Sie können sich von dem, was sie sicherlich oft mühsam herausgefunden haben, nicht trennen; noch der letzte Gig in einer längst verfallenen Spelunke wird dem Nebel des Vergessens entrissen, wobei unerheblich ist, ob das Wissen darum das Gesamtbild ergänzt oder einfach nur aufschwemmt.

Viel zu oft gleiten die Autoren ins Anekdotische ab, schwelgen in alten Klischees von den unverwüstlichen Rock-’n‘-Rollern, die nach Feierabend bis zum Umfallen saufen, kiffen, bumsen & und das Establishment bloßstellen, um unverdrossen am nächsten Tag musikalische Höchstleistungen zum Besten zu geben. Die Schattenseiten dieses Lebensstils kommen dagegen selten zur Sprache bzw. müssen wiederum zwischen den Zeilen erahnt werden. So erscheint Bon Scott ganz klassisch als Rock-Heros, den es ebenso tragisch wie plötzlich auf dem Zenit seiner Karriere dahinrafft. Sein akutes Alkohol- und Drogenproblem wird von Engleheart & Durieux lesbar zögerlich zur Sprache gebracht. Ähnlich unwillig wirkt es, wenn sie Malcolm Youngs Alkoholismus und die daraus resultierenden Probleme thematisieren – oder eben nicht.

Selbst unter der Prämisse, dass „Maximum Rock ’n‘ Roll“ – übertrieben ausgedrückt –  in erster Linie ein Rocker-Märchen darstellt (s. u.), wirken die Erinnerungen an wilde Zeiten matt. Kein Wunder, denn Exzesse sind nur dann aufregend, wenn sie selbst erlebt oder doch wenigstens in Wort und Bild aufgezeichnet werden. In der erzählerischen Rückschau und doppelt gefiltert durch die Hirne zweier Biografen sowie zweier Übersetzer lassen die Skandale von einst kalt.

Insgesamt finden die Autoren nicht jenen Standpunkt, der dem guten Biografen vorbehalten bleibt: Über die Person deiner Recherchen berichte sachlich und vor allem mit gebührendem Abstand. Journalismus und Intimfreundschaft schließen einander aus. Engleheart & Durieux stehen dagegen eindeutig auf der Seite „der Jungs“. Die haben sich dafür zu zahlreichen Interviews hinreißen lassen, was sie sonst ungern tun, und dafür zeigen sich ihre Biografen erkenntlich.

Mut zur Lücke?

Darf man „Maximum Rock ’n‘ Roll“ überhaupt als Biografie bezeichnen? Geht es nicht primär darum, in Erinnerungen an eine der besten und inzwischen dienstältesten Rockbands der Welt zu schwelgen, wobei hübsche Legenden den nackten Fakten allemal vorzuziehen sind? Schreiben Engleheart & Durieux für Leser, die etwas über AC/DC erfahren i. S. von lernen möchten, oder bedienen sie einfach die zahlreichen Fans, die bestätigt sehen möchten, was sie ohnehin wissen oder wissen möchten? Bei objektiver Lektüre bleiben einfach zu viele Lücken.

So irritieren beispielsweise die Schlusskapitel, die eine ungebrochen virile Bandgeschichte suggeriert. Tatsächlich haben sich AC/DC seit den 1990er Jahren erheblich verändert. Engleheart & Durieux möchten ihnen nur zugestehen, im Umgang mit den verhassten und früher gern vor die Köpfe gestoßenen Mitgliedern des Musik-Business ‚zahmer‘ und umgänglicher geworden zu sein. Dass dies Teil einer allgemeinen Evolution oder gar eines Reifungs- oder wenigstens Alterungsprozesses sein könnte, würden die Autoren möglicherweise als Sakrileg auffassen.

Erstaunlich mutet in einer Musik-Biografie dieses Kalibers die klägliche Bebilderung an. AC/DC ist eine Band, die auf der Bühne (zumindest in ihrer Glanzzeit) förmlich explodierte. Gute Fotografen können diese Energie durchaus im Bild festhalten. „Maximum Rock ’n‘ Roll“ bietet nur eine endlose Folge öder, meist kleinformatiger Schnappschüsse, die erst junge und dann alternde Männer zeigen, die mit den musikalischen Tempeleinreißern des Textes schwer oder gar nicht in Verbindung zu bringen sind. Farbe ist ein integraler Bestandteil der AC/DC-Shows; es ist definitiv dumm, dies nicht zu zeigen. Soll das Schwarzweiß der Abbildungen etwa den dokumentarischen Anstrich dieses Buches unterstreichen? Es misslingt wie so vieles in diesem Buch, das über viele gute Ansätze verfügt, die insgesamt unbefriedigend umgesetzt wurden.

[md]

Titel bei Buch24.de
Titel bei Libri.de
Titel bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.