Carl Laemmle. Der Mann, der Hollywood erfand

Cristina Stanca-Mustea
Carl Laemmle. Der Mann, der Hollywood erfand

Deutschsprachige Erst- u. Originalausgabe (geb.): Februar 2013 (Osburg Verlag)
247 S.
ISBN-13: 978-3-95510-005-6

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Inhalt:

Laupheim war (und ist) eine kleine Stadt in Württemberg. Hier nahm im Jahre 1867 eine jener Geschichten, die offenbar nur das Leben schreiben kann, ihren Anfang. Dabei schien Carl Laemmle, der in die jüdische Gemeinde seiner Heimatstadt geboren wurde, eine sichere und solide aber langweilige Laufbahn in der Textilbranche bevorzustehen. Doch nach dem Tod der Mutter siegte die Abenteuerlust. Wie schon der ältere Bruder wanderte Carl 1884 in die USA aus.

Dort versuchte er sich in vielen Berufen und hielt sich viele Jahre eher schlecht als recht über Wasser, bis er – schon beinahe vierzigjährig – sein eigentliches Metier fand: Carl Laemmle wurde auf das junge Medium Kino aufmerksam, das 1906 diesen Namen freilich noch nicht trug und sich vielmehr als Jahrmarktsattraktion darstellte. Laemmle erkannte das bisher vernachlässigte Potenzial und sorgte dafür, dass ‚seine‘ Filme in besucherfreundlich hellen und sauberen Räumen gezeigt wurden.

Ein neues Kapitel schlug Laemmle 1909 auf. Nach guter, alter US-amerikanischer Tradition war das frühe Kino fest im Griff eines Trusts, der möglichst sämtliche Kinobetreiber unter sein Joch zwingen wollte. Diesem stand ausgerechnet der nur vordergründig selbstlose Multi-Erfinder Thomas Alva Edison vor, dessen Schergen notfalls mit Gewalt dafür sorgten, dass Filme nur über seine „Motion Picture Patents Company“ gedreht und verliehen wurden. Laemmle gedachte sich diesem Zwang nicht zu beugen und wurde selbst Filmproduzent. Fernab der MPPC-Spione und -Schläger gründete er 1912 sein „Universal“-Studio in einem verschlafenen kalifornischen Nest namens Hollywood. Der Erfolg gab nicht nur Laemmle Recht: In den nächsten Jahren folgten weitere Produzenten seinem Beispiel.

Die Jahre nach 1912 waren geprägt von Laemmles Aufstieg zum Kino-Mogul, der schon 1915 „Universal City“ gründen konnte. Dennoch stand Laemmle ab 1914 unter Druck: Seine Kontakte zur deutschen Heimat hatte er nie abreißen lassen. Nach Ausbruch des I. Weltkrieg musste er sich für ein Land entscheiden. Laemmle zeigte sich als Amerikaner. Um dies zu ‚beweisen‘, produzierte er einige Filme, die den Kaiser und das Militär als Kriegstreiber bloßstellten. Dass er das deutsche Volk von jeder Kriegsschuld ausklammerte, wurde ‚daheim‘ ignoriert. Spätestens die Nationalsozialisten erinnerten an den „Verräter“ – und Juden – Carl Laemmle, der seiner eigentlichen Gesinnung Ausdruck verlieh, als er 1930 den Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ produzierte.

Zumindest in den USA wurde „Universal“ in den 1920 Jahren zu einer festen Marke der Kinowelt. Lange beschränkte sich Laemmle auf die Produktion möglichst kostengünstig gedrehter, meist kurzer Filme, aber später kamen Meisterwerke wie „Der Glöckner von Notre-Dame“ (1923) oder „Das Phantom der Oper“ (1925) zustande. In den Tonfilm startete „Universal“ mit noch heute berühmten Horrorfilmen wie „Dracula“ (1930), „Frankenstein“ (1931) oder „Die Mumie“ (1933).

Doch die Weltwirtschaftskrise und zu spät erkannte Veränderungen des Filmgeschäfts forderten ihren Tribut. 1936 war „Universal“ bankrott und wurde verkauft, Laemmle musste als König seines Reiches abdanken. Allerdings fand er eine neue Aufgabe: Die letzten drei Jahre seines Lebens widmete Laemmle dem Versuch, so viele Juden wie möglich aus Nazi-Deutschland zu retten. Mindestens dreihundert Menschen konnten auf seinen Namen in die Vereinigten Staaten einreisen. Am 24. September 1939 ist Carl Laemmle gestorben.

Der übersehene Pionier

Natürlich gilt zu bedenken, dass alles, was sich vor dem Jahre 2000 ereignet hat, für die Generation Internet Teil einer grauen Vorzeit geworden ist, in der u. a. der Kampf um Stalingrad mit der Schlacht um Troja zu einem (unwichtigen) Gesamtgeschehen zusammenfließt. Allerdings schien der Film als noch relativ junges und überschaubares Medium davon weniger stark betroffen zu sein. Doch es gibt noch Lücken; vielleicht tun sie sich sogar erst auf, je weiter diese Vergangenheit zurückliegt. Die Geschichte von Carl Laemmle ist jedenfalls sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks nur lückenhaft bekannt.

Dabei stellt Laemmle nicht nur eine Gründergestalt von Hollywood dar. Zeitweise repräsentierte er die Filmstadt, später stand er an der Seite bekannter Film-Mogule wie Darryl F. Zanuck (20th Century Fox), Louis B. Mayer (MGM) oder die vier Warner-Brüder (Warner Bros.) Doch während diese sich auf das US-amerikanische Kino konzentrierten und demonstrativ fest in den Vereinigten Staaten verwurzelt waren, gab sich Laemmle globaler. „Universal“ nannte er sein Studio nicht grundlos: Er sah die ganze Welt als Filmpublikum und -markt. Mit dieser Sicht war er den meisten Zeitgenossen zu weit voraus. Eine Geschichte, die vom I. Weltkrieg und dem heraufdämmernden Nationalsozialismus geprägt wurde, sorgte für zusätzlichen Gegenwind, dem Laemmle letztlich nicht gewachsen war.

Dennoch erstaunt, dass auch die Filmhistoriker, die darauf spezialisiert sind, unbekannte Kapitel der Filmgeschichte ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, bisher nur Bruchstücke der Laemmle-Biografie rekonstruierten. Die Historie von „Universal“ wurde dagegen mehrfach untersucht und dargestellt. Der Gründer wurde jedoch erst im 21. Jahrhundert von der Forschung entdeckt. (Dies sogar zweifach, denn nur einen Monat vor dem hier vorgestellten Buch veröffentlichte Uwe Bayer „Carl Laemmle und die Universal: Eine transatlantische Biographie“.)

Forschen in zwei Welten

Die Kulturwissenschaftlerin und Filmhistorikerin Cristina Stanca-Mustea entschied sich, mit einer Biografie über Carl Laemmle zu promovieren. Dieses Manuskript wurde für den ‚normalen‘ Leser, der nicht in einem Meer von Fußnoten verloren gehen mag, zu einem Buch umgearbeitet. Trotz intensiver Recherchen, die eine Materialsichtung in deutschen und US-amerikanischen Archiven erforderlich machten, ist das Ergebnis ein erstaunlich handlicher, geradezu schmaler Band.

Die Lektüre zeigt indes rasch, dass dieses Sprichwort nicht grundlos ein hohes Alter erreicht hat: „In der Kürze liegt die Würze“. Gerade Biografen erliegen oft der Versuchung, die Ergebnisse meist jahrelanger Forschungsarbeit vor ihren Lesern förmlich auszubreiten. Sie haben sich Mühe gegeben und in staubigen Archiven viel Interessantes ausgegraben. Nichtsdestotrotz ist ein Leben mehr als eine Sammlung von Anekdoten. Es lässt sich durchaus konzentrieren. Wenn der Autor – hier die Autorin – weiß, wie man gewichten muss, entsteht daraus ein ausbalanciertes Werk, das nicht in Details versinkt, sondern ohne Abschweifungen einen Lebensgeschichte nicht nacherzählt, sondern berichtet.

Dabei beschränkt sich Stanca-Mustea nicht einmal streng auf Carl Laemmle. Sie stellt sein Leben und Wirken stets in den jeweiligen kulturhistorischen Zusammenhang. Die Frühgeschichte von Hollywood bleibt beispielsweise unverständlich ohne Wissen um den „Trust“, der unfreiwillig die Gründung der Filmstadt motivierte. Auch Laemmles bis dato in der Branche unbekanntes Talent, Werbung bewusst auf das Medium Film zuzuschneiden, ist für die Entwicklung des Kinos, wie wir es heute kennen, überaus wichtig.

Eine besondere Erwähnung verdient die Beschäftigung mit dem ‚späten‘ Carl Laemmle, der mehr als ein Film-König war und sich nach seiner Abdankung für eine neue Aufgabe jenseits des Hollywood-Glitzers engagierte. Stanca-Mustea beschreibt jene diffuse Mischung aus Gleichgültigkeit und nur übertünchtem Judenhass, der den deutschen Nationalsozialisten in die Hände spielte: Um das lukrative Europa-Geschäft nicht zu gefährden, ignorierten die meisten US-Filmstudios die nach 1933 immer rigorosere Ausgrenzung und Verfolgung der Juden im Deutschen Reich. Der alternde und hinfällige Carl Laemmle schaute nicht weg, und er ließ nicht locker in seinem Bemühen, auf ein Verbrechen hinzuweisen und Abhilfe zu schaffen.

Die Spannung der Fakten

Dass „knapp“ nicht „informationsarm“, sondern „informationspräzise“ bedeuten kann, ist eine Erkenntnis, die der mit immer seitenstärker werdenden Biografien konfrontierte Leser beinahe vergessen hat. 219 Seiten ‚nur‘ zählt Stanca-Musteas Buch im Textteil. Anschließend fühlt man sich ausgezeichnet informiert. Bei aller Sachlichkeit ist der Text außerdem flüssig lesbar.

Schade ist die weitgehende Abwesenheit von Bildern, die bekanntlich oft mehr sagen als viele Worte. Hier dominierte vermutlich der rationale Geschäftssinn: Eine Carl-Laemmle-Biografie dürfte nur ein vergleichsweise schmales Publikum finden. Die daraus resultierende Auflage muss dennoch oder gerade deshalb preisgünstig bleiben. Dem Werk kann man eine möglichst weite Verbreitung jedenfalls wünschen!

Copyright © 2013 by Michael Drewniok (md)

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