Crime Wave. Auf der Nachtseite von L. A.

James Ellroy
Crime Wave. Auf der Nachtseite von L. A.

Originaltitel: Crime Wave (New York : Vintage Crime/Black Lizzard 1999)
Übersetzung: Stephen Tree
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1999 (Ullstein Verlag)
335 Seiten
ISBN-10: 3-550-08289-4
Neuausgabe: November 2000 (Ullstein Verlag/TB-Nr. 24972)
335 Seiten
ISBN-13: 978-3-548-24972-8

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Keineswegs staubige Fundstücke aus dem Autorenschrank

Die hier gesammelten elf Beiträge erschienen zwischen 1993 und 1996 in dem bekannten und in den USA auch von Krimi Afficionados gern gelesenen Magazin „GQ“ („Gentlemen’s Quaterly“). Der Name James Ellroy besitzt einen Ruf wie Donnerhall und sein Träger eine entsprechende Fangemeinde. Die „GQ“ Redaktion durfte sich glücklich schätzen. Ellroy schätzt das Magazin; er war und ist sich – ganz auf den Spuren der von ihm verehrten Altmeister – nicht zu schade, für Magazine zu schreiben. Ellroy gehört zu den Autoren, die stets ihr Bestes geben. So hat er für „GQ“ (und ein hübsches Honorar) nicht einfach einige verstaubte Manuskripte aus seinem Schreibtisch gezogen, sondern sich durchaus bemüht, dem schon 1999 imposanten Gebäude seines Gesamtwerks einige kräftige Balken einzuziehen.

Zu erwähnen sind aus dem ersten Teil („Ungelöst“) vor allem die beiden Artikel „Leichenfunde“ und „Der Killer meiner Mutter“. Hier schreibt Ellroy über den Mord an seiner Mutter und seine wilden Jugendjahre. Der Verfasser brachte eine lange, durchgängig trübsinnig stimmende ‚Karriere‘ als Kleinkrimineller hinter sich, bevor er sich Ende der 1970er Jahre fing und als Schriftsteller seine ganz eigene Stimme und ein Ventil für seine zahlreichen Obsessionen fand.

Ellroy fasste diesen Weg 1996 in seinem „True-Crime“ Bestseller („My Dark Places“; dt. „Die Rothaarige. Auf der Suche nach dem Mörder meiner Mutter“) zusammen. Die für „GQ“ entstandenen Beiträge sind interessant, weil der Autor dieses Buch quasi fortzusetzt. Die Suche nach dem Mörder von Jean Hilliker Ellroy ging zu diesem Zeitpunkt weiter; ihr Sohn dachte nicht daran, die Jagd aufzugeben.

Fiktion und Fakten im spannenden Clinch

Neu sind zwei Kurzgeschichten um die bizarren Machenschaften des skrupellosen Klatschreporters Danny Getchell im zweiten Teil von „Crime Wave“. Ihm und dem infamen „Hush Hush“ Magazin begegneten wir u. a. schon in Ellroys Roman „L. A. Confidental“ (1990; dt. „Stadt der Teufel“). Gemeinsam mit Getchell rühren im Hollywood Sumpf der 1950er Jahre bekannte Ellroy-Figuren wie die käufliche Polizistin Dot Weinstein und eine ganze Reihe non fiktiver Gangster , Sänger und Schauspielergrößen – die Übergange sind bei Ellroy immer fliessend – wie Mickey Cohen, Frank Sinatra, Lana Turner oder Rock Hudson, die allesamt in einer Weise geschildert werden, die stark abweicht von den Hagiographien, die wir aus diversen hochglanzbebilderten Star Biographien kennen.

Ellroys Hollywood ist ein Ort des ganz normalen Wahnsinns, in dem Betrug, Korruption und Mord – dies ist nur eine kleine Auswahl aus einer sehr viel längeren Liste – an der Tagesordnung sind. Wie stets gibt es für Ellroy keine ‚guten‘ Menschen. Seine fiktiven oder realen Figuren werden getrieben von offenen und heimlichen Begierden, die sie immer wieder in Krisen geraten lässt, die sich oft in beispiellosen Gewaltaktionen entladen.

Ellroy experimentiert in seinen beiden Getchell Geschichten mit verschiedenen stilistischen Mitteln. Typisch sind für ihn die kurzen, stakkatohaften Sätze, die er wie Schrotschüsse auf seine Leser abfeuert. Darüber hinaus ist er sichtlich bemüht, in die Figur des gerissenen, drogensüchtigen, auf verdrehte Weise seinen schmutzigen Job liebenden Skandalreporters zu schlüpfen. Er lässt Getchell denken, wie dieser für „Hush Hush“ schreibt: hauptsächlich in plakativen Stabreimen. Normalerweise passt Ellroys atemlose Prosa sehr gut zu den wüsten Plots, die seinem fiebrigen Hirn entspringen. Hier übertreibt er es jedoch und schwelgt in delirierenden Wortgewittern, die eindeutig zu oft die Grenze zum bloßen Gestammel überschreiten – eine düstere Vorahnung des Weges, den der Autor seitdem noch weiter beschritten hat.

Musik und Film, aber kein Glamour

Kontrollierter widmet sich Ellroy im dritten Teil seiner „Crime Wave“ der (weitgehend fiktiven) Biographie des Musikers Richard „Dick“ Contino. Von ihm, der kurz nach dem II. Weltkrieg zum Superstar aufstieg, bis sein Stern nur wenige Jahre später ebenso spektakulär ins Trudeln geriet, ist Ellroy seit Jahrzehnten fasziniert. Contino steht in seinen Augen für die wilden 1940er und 50er Jahre, eine für Ellroy geradezu mystische Ära der modernen amerikanischen Geschichte, die er in seinen Romanen und Kurzgeschichten immer wieder heraufbeschwört. Hier lässt er den heimlichen Helden seiner Jugend in eine Erpressung geraten, aus der er nur knapp und mit einigen Blessuren herauskommt.

Der vierte und letzte Teil der „Crime Wave“ schildert unter dem lakonischen Titel „L. A.“ Ellroys Erlebnisse in der realen Filmstadt Hollywood. Ein Bestseller Autor gerät in die Drehbuch Mühle der großen Studios – das ist der Stoff, aus dem seit einem Jahrhundert ganze Heerscharen hoffnungsfroher und schließlich entnervter Schriftsteller wahre Horrorgarne spinnen. Ellroy nimmt es gelassener. Zwar blieben auch ihm Enttäuschungen und Ernüchterungen nicht erspart, als sein Roman „L. A. Confidental“ 1997 verfilmt wurde, aber zumindest theoretisch war er vorgewarnt durch die Recherchen für seinen im Großraum Los Angeles/Hollywood spielenden Thriller. Außerdem endete diese Episode glücklich: „L. A. Confidental“, der Film, fand die Anerkennung der Kritik, der Zuschauer und sogar Ellroys selbst.

Abschließend beleuchtet Ellroy weitere Schwarze Löcher am Hollywood-Firmament. Besonders aufschlussreich ist seine Sicht des Falls O.-J.-Simpson, der 1994 zu einem beschämenden Medienspektakel verkam. Wie man es von ihm erwartet, nimmt Ellroy in seinem kurz nach dem Verbrechen und dem Anlaufen der Justizmühlen entstandenen Artikel kein Blatt vor den Mund und präsentiert Fakten, die beide Seiten – den Angeklagten und angeblichen Hüter des Gesetzes – in keinem guten Licht zeigen.

Unterm Strich bleibt eine mit wenigen Abstrichen überdurchschnittliche Sammlung, die eindrucksvoll belegt, dass auch der ‚kurze‘ James Ellroy – bekehrter Bösewicht, Moralist und Chronist der weniger publicitytauglichen Seiten seiner Heimatstadt – informative oder wenigstens interessante Kommentare zu den kleinen und großen Ungerechtigkeiten dieser Welt abzugeben weiß.

Autor

Lee Earle „James“ Ellroy wurde am 4. März 1948 in Los Angeles geboren. Sein Vater arbeitete als Buchhalter, seine Mutter als Krankenschwester. Ellroys Kindheit war trostlos. Die Ehe der Eltern scheiterte, Jean Hilliker – die Mutter – bekam das Sorgerecht; sie führte ein unstetes Leben und zog mit ihrem Sohn ständig um, das Geld war knapp. Am 22. Juni 1958 wurde Hilliker ermordet. Der Fall konnte nie geklärt werden.

James Ellroy landete bei seinem Vater, der zunehmend in Armut und Alkoholismus versank. Eine Episode als Soldat der US-Navy – Ellroy wurde unehrenhaft entlassen – folgten viele Jahre der Obdachlosigkeit. Kleinkriminalität, Alkohol- und Drogenmissbrauch forderten ihren Tribut. Mitte der 1970er Jahre war Ellroy ein krankes Wrack. Dem Tod konnte er gerade noch von der Schippe springen. Anschließend änderte Ellroy sein Leben radikal. Er wurde abstinent und begann zu schreiben.

Nach eigener Auskunft hatte Ellroy schon als Kind exzessiv gelesen und dabei vor allem Kriminalromane und Kriminal-Reportagen geliebt. Für seinen ersten Roman recherchierte er ausführlich und ließ außerdem seine privaten Obsessionen einfließen. „Brown‘s Requiem“ (dt. „Browns Grabgesang“) erregte 1981 Aufsehen. Die schonungslose Art der Darstellung war in dieser Prägnanz neu – und Ellroy ging weiter. Korruption, Mordlust und andere düstere Triebe prägten und verfolgten seine zwiespältigen Helden, die nicht selten ein böses Ende nahmen.

Der Durchbruch gelang Ellroy 1987 mit dem Noir-Thriller „The Black Dahlia“ (dt. „Die schwarze Dahlie“), einem bemerkenswert plausibel recherchierten sowie erfundenen Roman um den unerhört grausamen, nie geklärten Mord an der Gelegenheitsprostituierten Elizabeth Short, deren grotesk verstümmelte Leiche im Januar 1947 in Los Angeles gefunden wurde. „Black Dahlia“ war der erste von vor Romanen, die das sog. LA-Quartett bildeten. Ihm folgte die „Underworld U.S.A.“-Trilogie, die Fakten und Fiktion zu einer alternativen, sehr politischen US-Geschichte der 1950er bis 1970er Jahre verquirlte.

Ellroys Sprache wurde radikaler, kürzer, atemloser; seine Romane ähnelten nun Collagen. Er wollte sie nicht mehr als Thriller oder gar Krimis verstanden wissen. Fünf Jahre arbeitete er an „Perfidia“ (2014). Ellroy verdichtete seinen schonungslosen Blick auf die US-Gesellschaft zu einem knapp tausendseitigen Epos, das gänzlich jenseits historischer Verklärung quasi verdammte Männer und Frauen am Rand des Wahnsinns und des gewaltsamen Todes präsentierte.

Auch als True-Crime-Autor machte sich Ellroy einen Namen, wobei er auf seine exzessive Beschäftigung mit dem Verbrechen in Los Angeles seit dem Zweiten Weltkrieg aufbauen konnte. Vergeblich hat er u. a. versucht, den Mörder seiner Mutter zu entlarven. Während Ellroy wohlhabend und berühmt wurde – mehrere seiner Romane wurden verfilmt -, blieb sein Privatleben unruhig. Ellroys inzwischen konsequente Verweigerung gängiger Thriller-Konventionen verärgerte ein Publikum, das seinen Lesestoff gern schubladisiert, was den Verfasser nicht davon abhält, seiner persönlichen Sicht auf die jüngere Zeitgeschichte seines Landes umso entschlossener treu zu bleiben.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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