Das andere Hollywood der dreißiger Jahre

Michael E. Birdwell
Das andere Hollywood der dreißiger Jahre
Die Kampagne der Warner Bros. gegen die Nazis

(sfbentry)
Originaltitel: Celluloid Soldiers – Warner Bros.’s Campaign Against Nazism (New York : New York University Press 1999)
Übersetzung: Susanne Klockmann
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): März 2000 (Europa Verlag)
319 Seiten
ISBN-13: 978-3-203-75540-3

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Die USA als Wagenburg

Wenn man heute auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückblickt, erinnert man sich sofort daran, welche entscheidende und schließlich kriegsentscheidende Rolle die Vereinigten Staaten von Amerika ab 1942 spielten. Weniger bekannt ist jedoch, mit welcher Intensität sich die USA bis zum Zeitpunkt der formellen Kriegserklärung dagegen sträubten, diplomatisch oder gar militärisch gegen das Deutsche Reich und seine Verbündeten vorzugehen. Die Schrecken des Nazi-Regimes waren in den Jahren seit 1933 allmählich – wenn auch nicht in vollem Ausmaß – bekannt geworden. Doch die Amerikaner erinnerten sich mit Schrecken an den noch gar nicht so lange zurückliegenden Ersten Weltkrieg, dem das Land einen enormen Blutzoll entrichtet hatte.

Angesichts der ab 1918 überall in Europa einsetzenden Unruhen verfestigte sich in den USA die Überzeugung, man habe seine Opfer umsonst gebracht und solle sich zukünftig jeglicher Interventionen außerhalb der eigenen Landesgrenzen enthalten. Während in Europa der unaufhaltsame Aufstieg Nazi-Deutschlands begann, hatte man in den Vereinigten Staaten zudem mit eigenen Problemen zu kämpfen. Die „Große Depression“ stürzte das Land 1929 in eine massive Wirtschaftskrise, die zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen in Rekordhöhen führte, große Teile der Bevölkerung in soziales Elend stürzte und politische Unruhen, einen Anstieg der Kriminalität und ein generelles Misstrauen der Bevölkerung gegen eine augenscheinlich hilflose Regierung aufkommen ließen.

Amerika und die Amerikaner zuerst – das war die Losung der Stunde. Im „Isolationismus“ sah die Mehrheit den besten Ausweg aus der Krise; sollte man in Europa selbst sehen, wie man die Nazis aufhielt! Wie kurzsichtig diese Haltung war, hätte schon der Blick auf die auch in den USA seit 1933 aufblühende nationalistische Bewegung zeigen können. In gewisser Weise spiegelten diese zum Teil offen mit dem Faschismus liebäugelnden Gruppen die furchtbare Realität in einem zunehmend unter nationalsozialistischer Gewaltherrschaft geratenden Europa wider.

Vom Nationalismus zum Nationalsozialismus

Der oft offene Terror, den kriminelle aber lange geduldete Verbände wie die mächtige „Black Legion“ gegen die als Sündenbock für die Misere der „Großen Depression“ missbrauchten ethnischen oder religiösen Minderheiten ausübten und die erschreckend hohe Zahl ihrer Anhänger, die nicht selten höchste politische oder kirchliche Ämter innehatten, zeugten von einer auch in den USA vorhandenen Anfälligkeit für faschistisches Gedankengut.

Davon ausgespart blieb natürlich auch die Filmindustrie der Zelluloid-Metropole Hollywood nicht. Dieser magische Ort zog seit jeher allerlei offiziell bestallte wie selbsternannte Wächter einer angeblichen gefährdeten öffentlichen Moral an wie Motten (oder Kojoten) das Licht. Hollywood bot darüber hinaus einen weiteren Angriffspunkt: Die Mehrzahl der fünf großen und drei kleineren Filmgesellschaften wurde in den dreißiger Jahren von jüdischen Studiobossen geleitet. Sie waren meist in jungen Jahren aus Europa ins nur scheinbar ‚gelobte Land‘ Amerika gekommen und hatten praktisch aus dem Nichts Filmimperien geschaffen.

Doch in gewisser Weise blieben sie immer Fremde, die niemals wirklich von und in ihrer neuen Heimat akzeptiert wurden. Ihnen fehlte der ‚richtige‘ Stallgeruch, was ihnen die Aufnahme in die latent bis offen antisemitischen Kreise der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Elite verwehrte. Die Folge war ebenso verständlich wie traurig: In ihrem Bemühen, irgendwann irgendwie ‚dazuzugehören‘, verleugneten viele Studiobosse ihren Glauben – dies manchmal mit einer Radikalität, dass die eigenen Kinder von ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit nichts wussten.

Ein offenes Engagement gegen den unverhüllten Antisemitismus des nationalsozialistischen Deutschlands und seine schrecklichen Folgen, die sich in den 1930er Jahren deutlich abzuzeichnen begannen, musste unter solchen Umständen schwer fallen. Dennoch hat sich das Bild der scheinbar ungerührten, die Judenverfolgungen in Europa ignorierenden Studiobosse Hollywoods in den letzten Jahren gewandelt. Dies ist Filmhistorikern wie Michael E. Birdwell, Professor für Geschichte (und Architekturgeschichte) in Tennessee, zu verdanken, der mit der hier vorgelegten Chronik eines ‚anderen‘ Hollywood den Beweis antritt, dass zumindest ein Studio offen und vehement und ohne Furcht vor Repressionen gegen die national(sozial)istischen Attacken von innen und außen vorging.

Immigranten mit bösen Erfahrungen

Warner Bros. wurde von den Brüdern Harry und Jack Warner geführt. Harry hatte in seiner Jugend in Europa die Pogrome gegen polnische Juden miterlebt und niemals vergessen. Später war er die treibende Kraft hinter den umfangreichen Aktivitäten seines Studios gegen faschistische und faschistoide Umtriebe. Er wurde von seinem dynamischen Bruder Jack kompromisslos dabei unterstützt.

Birdwell leitet seine Dokumentation über den Kampf der Warner-Brüder mit einer kurzen Familienhistorie der Warners und einem Abriss der Studiogeschichte ein, um begreiflich zu machen, worin ihr späteres Engagement wurzelte. Ihre europäische Herkunft und ihren jüdischen Glauben blieben besonders für Harry stets wichtig. Deshalb verfolgte er aufmerksam die politische Entwicklung in Europa. Für amerikanische Verhältnisse sehr früh, nämlich kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933, erkannten die Brüder die bedrohlichen Konsequenzen. Schon im Jahr darauf begannen sie mit ihrer mühsamen Arbeit, die amerikanische Öffentlichkeit zu sensibilisieren (Kapitel 1: „1934-1939: Die erste Kampagne der Warner Brothers gegen das nationalsozialistische Deutschland“).

Im zweiten Kapitel („‚Black Legion‘: Der Faschismus in Amerika“) stellt Birdwell die zahlreichen Gegner und Feinde vor, auf die den Warners im Verlauf ihrer Kampagne bald und dann immer wieder begegneten. In Kapitel 3 legt der Autor dar, auf welche Weise die Warner Bros. ihre Ziele zu verfolgten: mit Filmen, die gleichzeitig unterhalten und die Zuschauer darauf hinweisen sollten, welche Gefahren ihnen aus dem Isolationismus Amerikas erwuchsen. Einer dieser Streifen war „Confessions of a Nazi Spy“, dessen Entstehungsgeschichte und seine Folgen Birdwell exemplarisch beleuchtet.

Standhalten und warten auf den Umschwung

1941 erreichte der Kampf der Warner Bros. mit der Produktion des Spielfilms „Sergeant York“ einen Höhepunkt. Die nun ausbrechenden Kontroversen erreichten ein nie gekanntes Ausmaß und brachten das Studio in ernste juristische Schwierigkeiten. „Sergeant York“ gewann seine Brisanz durch die Tatsache, dass hier die (wahre) Geschichte eines amerikanischen Soldaten erzählt wurde, dem es im Ersten Weltkrieg gelungen war, praktisch im Alleingang eine deutsche Einheit mit mehr als einhundert Mann auszuschalten bzw. gefangen zu nehmen. Das hatte diesen Mann in den USA zum größten Helden des Krieges aufsteigen lassen. Sein Ruhm war auch mehr als zwanzig Jahre später nicht verblasst.

Dass Warner Bros. York für ihre Sache gewinnen konnten, sicherte ihnen und ihrer Sache die ungeteilte Aufmerksamkeit von Freund und Feind. Zum ersten Mal überhaupt wertet Autor Birdwell die in zahlreichen Archiven verstreuten Dokumente aus, die von „Sergeant York“ und den ungeheuren Echo erzählen, das dieser Spielfilm auslöste. Besonders faszinierend wird diese Episode durch den Konflikt mit einem zweiten Nationalhelden Amerikas, den Birdwell im 5. Kapitel schildert: Charles A. Lindbergh, der erste Mensch, der den Atlantik nonstop im Alleinflug überwunden hatte, war in den dreißiger Jahren zum Sprecher und zur Gallionsfigur der amerikanischen Isolationisten geworden. Er und York lieferten sich 1940 und 1941 vor den Ohren einer kopfstarken Öffentlichkeit manches Rededuell.

Kapitel 6 stellt die unrühmlichen Aktivitäten des „Nye-Clark-(Sub-) Committees“ dar, unter dessen Schirm sich im August 1941 die isolationistischen Gegner Hollywoods versammelten, um die angeblich kriegshetzerische Propaganda von Filmen wie „Sergeant York“ offenzulegen. Das Recht wurde in den Monaten der Untersuchung von den ultrakonservativen bis kryptofaschistischen Mitgliedern des Ausschusses mehr als einmal gebrochen, doch zu Fall brachte sich das „Committee“ letztlich durch seine offensichtliche Unfähigkeit sowie die Inhaltslosigkeit der vorgebrachten Vorwürfe.

Doch die böse Saat war aufgegangen: Dem glanzlosen „Nye-Clark-Committee“ sollte nach dem Krieg das berüchtigte „House Committee on Un-American Activities“ (HUAC) folgen, dessen Gesinnungsschnüffeleien in den vierziger und fünfziger Jahren Amerikas Ruf als demokratischer Staat nachhaltig beschädigen und gleichzeitig das Ende der „Goldenen Jahre“ Hollywoods und der US-Filmindustrie einleiteten.

Die Spannung der (traurigen) Wahrheit

„Das andere Hollywood“ schließt mit einem achtzigseitigen (!) Anmerkungsapparat, bei dem man sich fragt, ob hier der wissenschaftlichen Genauigkeit nicht ein wenig zu eifrig Genüge getan wurde. Zitate und herangezogene Quellen müssen belegt werden; darauf basiert die Arbeit des Historikers. Doch den ‚normalen‘ Leser dürfte dies weniger interessieren, vielleicht sogar abschrecken. Für den ‚echten‘ Filmhistoriker ist es ohnehin unumgänglich, auf die amerikanische Originalausgabe zurückzugreifen. Insofern hätte man die Anmerkungen für die deutsche Ausgabe ohne Schwierigkeiten auf das Nötigste beschränken können. Das schmälert aber nicht den Wert von Birdwells Darstellung, die ein nur auf den ersten Blick trockenes und wenig interessantes Kapitel der Filmgeschichte aufgreift, zumal es in den üblichen Hollywood-Chroniken, die sich gern auf Starlegenden und -anekdoten beschränken, bisher sträflich vernachlässigt wurde.

Kurzkritik für Ungeduldige: Lange konnten die Nationalsozialisten auf die Gleichgültigkeit der USA setzen. Nur wenige klarsichtige Menschen stellten sich gegen den Strom. Zu ihnen gehörten die Filmproduzenten Warner, die den Terror kannten und ihm den Kampf ansagten. Autor Birdwell schildert ebenso spannend wie deprimierend eine Kampagne, die nicht nur die Nazis, sondern auch Teile der eigenen US-Bevölkerung mit entschiedener und organisierter Ablehnung quittierten.

[md]

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