Der Mann, der die Wörter liebte

Simon Winchester
Der Mann, der die Wörter liebte
Eine wahre Geschichte

Originaltitel: The Surgeon of Crowthorne. A Tale of Murder, Madness and the Love of Words (Penguin Books 1998)/The Professor and the Madman: A Tale of Murder, Insanity, and the Making of the „Oxford English Dictionary“ (New York : HarperCollins 1998)
Übersetzung: Harald Stadler
Deutsche Erstveröffentlichung (geb.): 1998 (Knaus Verlag)
284 S.
ISBN-10: 3-8135-0093-4
Neuausgabe: September 2000 (btb Verlag/ TB Nr. 72643)
284 Seiten
ISBN-13: 978-3-442-72643-1

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Inhalt:

London im Februar 1872: Heizer George Merritt ist auf seinem Weg zur Arbeit. Plötzlich spricht ihn ein Mann an, beschuldigt ihn grotesker Verbrechen, bedroht ihn. Merritt will fliehen, der Unbekannte zieht einen Revolver und streckt den Wehrlosen gezielt mit mehreren Schüssen nieder. Die Polizei ist rasch zur Stelle und nimmt den Mörder fest. Als Begründung für seine Tat gibt er an, vom Opfer überfallen worden zu sein. Die Unhaltbarkeit dieses Vorwurfs ist ein erster Hinweis auf die Geisteskrankheit des Mannes. Als seine Identität feststeht, ist dies eine Sensation, die sogleich von der Presse aufgegriffen wird: William Chester Minor ist Amerikaner, stammt aus gutem Hause, ist vermögend, belesen, künstlerisch begabt und hat sich als Armeearzt und Held des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1865) einen Namen gemacht.

Allerdings zeigte Minor bereits als Jugendlicher Anzeichen einer geistigen Störung. Nach verstörenden Erlebnissen während des Krieges kamen Verfolgungswahn und sexuelle Wahnvorstellungen hinzu, die Minor bereits in seiner amerikanischen Heimat in eine Anstalt führten. Halbwegs genesen schiffte er sich auf eine Erholungsreise nach Europa ein, wo ihn ein paranoider Schub zum Mörder werden ließ. Seine Krankheit ist so offensichtlich, dass sie sogar die ansonsten selten gnädige britische Justiz zur Kenntnis nimmt. Minor wird nicht als Mörder verurteilt, sondern als kranker Mann in die Straf- und Irrenanstalt Broadmoor in der Grafschaft Berkshire eingeliefert. Mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln richtet er sich die Studierstube eines Privatgelehrten ein, denn er weiß, dass er die Anstalt wohl niemals verlassen wird: Obwohl er sein Geist meist klar ist, suchen ihn besonders des Nachts heftige Irrsinnsattacken heim.

Ortswechsel: 1858 wird in London das bisher ehrgeizigste wissenschaftliche Projekt der Welt ins Leben gerufen: die Schaffung des „Oxford English Dictionary“, eines Lexikons, das sämtliche Wörter der englischen Sprache erfassen, erklären und ihren Weg durch die Jahrhunderte nachzeichnen soll. Der Aufwand ist geradezu wahnwitzig. Möglichst jedes jemals in englischer Sprache geschriebene Buch soll gelesen und ausgewertet werden. Das ist nur mit Hilfe zahlloser Freiwilliger möglich. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand, dass das OED mehr als eine halbe Million Einträge umfassen wird aber bis zu seiner Fertigstellung 70 Jahre verstreichen werden.

Es hätte noch länger dauern können, wenn in den späten 1870er Jahren der Aufruf von OED-Herausgeber James Murray nicht auch den Anstaltsinsassen William Minor erreicht hätte. Er hat die Zeit, die Energie und das Talent, die geforderte Arbeit zu leisten. In den nächsten beiden Jahrzehnten entwickelt sich Minor zum wertvollen und rasch unentbehrlichen Mitarbeiter des OED. James Murray und seine Mitarbeiter sind erfreut und dankbar über Minors Hilfe – und sie werden neugierig. Es kommt der Tag, an dem Murray den geheimnisvollen Dr. Minor persönlich kennenlernen möchte. Ihm steht eine große Überraschung bevor …

Der Geist sprengt (fast) alle Grenzen

Die besten Geschichten schreibt das Leben selbst, heißt es so schön, und manchmal stimmt es sogar. Ein geisteskranker Mörder trägt in seiner Zelle entscheidend zum Gelingen des wohl aufwändigsten (friedlichen) wissenschaftlichen Vorhabens aller Zeiten bei. Der ahnungslose Projektleiter, ein Mann, wie man ihn sich geachteter, „normaler“ und viktorianisch-langweiliger kaum vorstellen kann, lernt sein dunkles Spiegelbild schließlich kennen – und die beiden Männer werden trotz aller Gegensätze lebenslange Freunde.

Eine Geschichte vom Triumph des Geistes über scheinbar unüberwindliche Hindernisse also, die Hollywood sich nicht besser ausdenken könnte, aber halt: Da ist die ähnliche Historie vom „Vogelmann“, einem Mörder, der sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ausgerechnet auf der berüchtigten Gefängnisinsel Alcatraz zu einem angesehenen Ornithologen (Vogelkundler) mauserte (wenn der Kalauer gestattet ist) und im Film von 1962 immerhin von Burt Lancaster verkörpert wurde.

Die Geschichte von William Minor ist weniger dramatisch aber ebenso faszinierend. Dazu trägt Simon Winchester als ihr Chronist seinen erheblichen Teil bei. Als Autor stand er vor dem Problem, sein Publikum für ein Thema zu begeistern, das womöglich höchstens für Philologen von Interesse ist: Welcher normale Zeitgenosse will wissen, woher ein Wort wie „Kleister“ stammt? Winchester vermeidet trotzdem den einfachen Weg. Er konzentrierte sich nicht ausschließlich auf Minor, und er widerstand der Versuchung, diesen zu einem dämonisch-attraktiven, dunklen Helden à la Hannibal Lecter aufzubauen. Stattdessen widmet er dem Jahrhundertprojekt „Oxford English Dictionary“ und seinem Herausgeber James Murray ebenso viel Raum wie Minor.

Realität als Spannungsfaktor

Das Ergebnis liest sich spannend wie ein Roman. Mit bewundernswerter Eleganz führt Winchester seine Leser an das nur scheinbar trockene Thema heran. Verblüffend einleuchtend und gleichermaßen amüsant ist beispielsweise seine Schilderung der Schwierigkeiten, mit denen sich der Bühnenautor William Shakespeare Anfang des 17. Jahrhunderts herumplagen musste, wollte er etwa in einem seiner Stücke das Wort „Elefant“ verwenden. Für Shakespeare gab es kein Wörterbuch und kein Lexikon, in dem er nachlesen konnte, wie dieses Tier aussieht, wo und wie es lebt oder wieso der Elefant Elefant heißt. Wunderbar anschaulich wird dadurch die Notwendigkeit, die Bedeutungen und Schreibweisen aller Wörter einer Sprache zentral festzulegen, denn nur dann ist eine Kommunikation ohne Missverständnisse möglich.

Das Ergebnis ist populäre Wissenschaftsgeschichte auf höchstem Niveau, präzise, geistreich, amüsant und für Laien wie für Fachleute gleichermaßen interessant, „Der Mann, der die Wörter liebte“ ein Sachbuch, wie es sein sollte, aber offenbar primär im angelsächsischen Sprachraum entstehen kann, wo die Grenzen zwischen Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung fließend sind, ohne dass dadurch der Untergang des Abendlandes eingeläutet wurde. Auch die Großen ihrer Zünfte sind sich hier nicht zu schade, Wissen allgemeinverständlich ‚normalen‘ Menschen zugänglich zu machen, während in Deutschland das Prädikat „Sachbuch“ noch immer etwas Anrüchiges hat.

Ein Lob an den Übersetzer Harald Stadler darf an dieser Stelle keineswegs fehlen. Es liegt auf der Hand, dass seine Kunst in einem Werk, das sich mit der Geschichte des (angelsächsischen) Wörterbuches beschäftigt, in besonderem Maße gefordert war. Das OED ist berühmt aber auch berüchtigt für die unbarmherzige Präzision, mit der jedes aufgenommene Wort in allen Nuancen untersucht und vorgestellt wird. Dafür im Deutschen die jeweils passenden Entsprechungen zu finden, dürfte eine Sysiphos-Arbeit gewesen sein. Sie ist gelungen und trägt ihren Teil zu einem Buch bei, das sich wie ein Krimi an einem Stück lesen lässt.

Autor

Simon Winchester wurde 1944 in Nord-London geboren. Er studierte Geologe zwischen 1963 und 1966 im St. Cathrine’s College, Oxford, und ist passionierter Weltreisender, seit er 1965 an einer wissenschaftlichen Grönland-Expedition teilnahm.

Bereits 1967 machte er sein Hobby zum Beruf und arbeitet als Journalist und Autor, der Artikel und Sachbücher über seine ausgedehnten Reisen in die entlegenen Gegenden der Erde, aber auch in die Weiten der menschlichen Gedankenwelt schreibt.

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