Die Eroberung des Horizonts

David W. Shaw
Die Eroberung des Horizonts
Die wahre Geschichte der ersten Männer, die über den atlantischen Ozean ruderten

(sfbentry)
Originaltitel: Daring the Sea: The True Story of the First Men to Row Across the Atlantic Ocean (New York : Birch Lain Press/Carol Publishing Group 1998)
Übersetzung: Hermann Kusterer
Deutsche Erstausgabe (geb.): 1999 (List Verlag)
320 S.
ISBN-10: 3-471-78662-7
Neuausgabe: April 2000 (Ullstein Verlag/TB Nr. 35989)
320 S.
ISBN-13: 978-3-548-35989-2

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Inhalt:

Im Juli 1896 sitzen irgendwo auf dem Atlantischen Ozean auf halbem Weg zwischen Nordamerika und Europa zwei Männer in einem fünfeinhalb Meter ‚langen‘, mastlosen und offenen Boot und rudern aus Leibeskräften. Die Besatzungen der seltenen Großschiffe, die diese Route steuern, glauben die Überlebenden einer Katastrophe auf See zu sichten und eilen zur Rettung herbei. Sie können kaum glauben, was sie erfahren: Die beiden Männer kämpfen nicht um ihr Leben, sondern um Ruhm und Geld. Vor einem Monat haben sie New York abgelegt, um nur mit Muskelkraft die 3000 Seemeilen zum französischen Zielhafen Le Havre zurückzulegen!

Eine Wahnsinnsidee nicht nur in den Augen der Zeitgenossen. Bis zu ihrer spektakulären Reise arbeiteten George Harbo und Frank Samuelsen als Muschelfischer an der Küste von New Jersey. Ein Jahrzehnt zuvor hatten sie ihre Heimat Norwegern verlassen, um ihr Glück in den Vereinigten Staaten zu suchen. George und Frank mussten rasch die Erfahrung machen, dass sich für sie der amerikanische Traum nicht verwirklichen würde. Eine die USA ab 1890 schüttelnde Rezession verschärft die Not weiter.

So verfallen die Freunde auf einen verzweifelten Plan: Sie wollen den Atlantik in einem simplen Ruderboot überqueren! Aufmerksam haben George und Frank in der Presse die Geschichten von kühnen Seefahrern verfolgt, denen dies in kleinen Segelbooten gelang. Auf ausgedehnten Vortragsreisen konnten sie viel Geld verdienen, denn die Ozeanüberquerung unter ungewöhnlichen Bedingungen ist quasi ein Berufszweig geworden. Man muss sich inzwischen einiges einfallen lassen, um auf diese Weise noch Interesse und Publikumszuspruch zu erregen.

George und Frank lassen sich ein fabelhaftes Boot bauen. Dann treten sie an die Medien heran. Sie erregen das Interesse von Richard Kyle Fox. Er verlegt das Revolverblatt „Police Gazette“ und ist einer jener Räuberbarone im aufblühenden „wild-west laissez-faire“-Kapitalismus des späten 19. Jahrhunderts. Fox weiß genau, dass die beiden Fischer mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit scheitern und umkommen werden. Es kümmert ihn nicht und wird auf jeden Fall die Auflage steigern. Kosten entstehen ihm nicht: Fox speist die naiven Seeleute mit dem vagen Versprechen einer Geldprämie ab, sollten sie ihr Abenteuer überleben.

George und Frank stechen am 6. Juni 1896 in See. Vor ihnen liegt eine zweimonatige Exkursion des Grauens. Ihr stoisches Wesen, ihre nautische Erfahrung und ihr Zusammengehörigkeitsgefühl lässt sie die Enge ihres Bootes, die schmerzenden Glieder, die ewige Feuchtigkeit, den Schmutz, Stürme, Killerwellen, Feuer an Bord, allzu neugierige Wale und womöglich sogar den Besuch einer Seeschlange ertragen – und schließlich durchkommen! Doch das Schicksal gewährt seinen Opfern höchstens in Hollywood ein Happy-End; die Realität sieht anders aus, sodass für unsere beiden Abenteurer die wahre Höllenfahrt erst beginnt, als sie den gerechten Lohn für ihre Mühen und Qualen fordern …

Vergessener Triumph, vergessene Qualen

Selbst schuld, denn wie kann man nur so blöd sein und ohne schriftlich fixierten Vertrag starten, urteilt nüchtern das in eine Welt ohne Illusionen geworfene Kind des 21. Jahrhunderts. Das trifft zu, doch es schmälert nicht die unglaubliche Leistung zweier Männer, die sich einer Herausforderung stellten, mit der konfrontiert auch heute noch und zu Recht 99,9% aller Menschen vielsagend mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen würden. Aber George Harbo und Frank Samuelsen überlebten nicht nur drei Monate Entbehrungen und pausenlosen Horror, sondern triumphierten über alle Gefahren und kamen heil nach einer Reise über 3000 Seemeilen – das sind 5500 km! – im Zielhafen an.

Trotzdem kannte kaum jemand mehr die Geschichte dieser außergewöhnlichen Männer, bis ihnen der Seefahrer, Meeres-Historiker und Journalist David M. Shaw 1998 endlich ein gebührendes literarisches Denkmal setzte. „Die Eroberung des Horizonts“ ist ein fabelhaftes Werk: gut recherchiert, flott geschrieben und spannend wie ein Thriller, obwohl der Verfasser betont, er habe sich auch in den erzählenden Sequenzen streng an den Quellen orientiert, die es glücklicherweise gibt. In Vorbereitung auf den Nachruhm hatten die Abenteurer ein Logbuch geführt und in späteren Jahren ihre Erinnerungen aufschreiben lassen.

Zeitgeschichte mit Thriller-Qualitäten

Shaws Verdienst ist es, sich nicht nur auf die Beschreibung einer extremen Seereise zu beschränken, sondern die Geschichte von George und Frank in die Geschichte ihrer Zeit einzubetten. Kennt man dank Shaw die näheren Umstände, unter denen diese Ruderfahrt realisiert wurde, weitet sich der Blick auf eine Vergangenheit, in der nicht Abenteuerlust oder Wissbegier, sondern schlichte Not die Menschen in Ausnahmesituationen zwang.

George und Frank prostituierten sich, um der Armut zu entkommen – so kann man es durchaus formulieren. Um diese bittere Wahrheit drückt sich Shaw nicht herum. Er weiß auch zu verdeutlichen, wie sinnlos die beschwerliche Reise eigentlich war: Ganz sicher würde niemand zukünftig den Atlantik im Ruderboot befahren, nur weil man nun wusste, dass es möglich war.

George und Frank brachten sich in Lebensgefahr, um ein Medienereignis zu inszenieren, ein sehr modern anmutendes Vorhaben, das jedoch scheiterte, weil die beiden kühnen Fischer geistig eher schlicht gestrickt waren und nicht beherzigten, dass Mut, Fleiß und Leistung allein nicht zählten in der Welt, in die sie sich vertrauensvoll aufmachten. Hier bestimmten Männer wie R. K. Fox die Regeln, und sie pflegten falsch zu spielen, weil sie gewinnen wollten und es hassten zu verlieren.

George und Frank, die dem Atlantik trotzen konnten, waren in diesem Haifischbecken rettungslos verloren. Sie hätten vielleicht nicht nur Seekarten und Schiffspläne, sondern auch die Biografien von Entdeckungsreisenden wie Henry Morton Stanley studieren sollen. Dieser und andere Pioniere in Sachen Selbstvermarktung wussten, wie man sich nicht nur den Zipfel, sondern die ganze Wurst schnappt: als Held und Heldendarsteller in Personalunion, der außerdem die Veröffentlichungsrechte an den eigenen Abenteuern tunlichst selbst behält!

Kreis des Elends

Ohne Verklärung erzählt Shaw auch diesen düsteren Teil der Geschichte. Den Lohn für die Großtat von 1896 streichen nicht unsere Seefahrer, sondern gewitztere, dreistere, brutalere Zeitgenossen ein. George und Frank bleibt wenig mehr als die Erinnerung, und selbst die verblasst sogar für die Menschen in ihrer Umgebung, ihre Familien und Freunde rasch, als der Kampf ums Überleben wieder genau dort aufgenommen werden muss, wo er schon zuvor geschlagen wurde: ganz unten auf der sozialen Leiter. Dort werden sie den Rest ihres Lebens fristen.

Eine traurige Geschichte also, doch so zu urteilen ist etwas einseitig, wie Shaw deutlich macht. Ungeachtet der Tatsache, dass sie ihre Ruderfahrt im Grunde umsonst unternommen haben, stellt sie den Triumph zweiter Männer dar, die hoch gespielt und gewonnen haben: Ihr Leben haben sie nämlich behalten, und damit hatte niemand aus guten Gründen gerechnet. Da die Geschichte der Menschheit reich ist an Zeitgenossen, die wesentlich dümmere Abenteuer in Szene gesetzt und dabei sich selbst und meist auch andere um Leben oder Gesundheit gebracht haben, ist es durchaus rechtens, Frank und George nicht zu bemitleiden oder gar zu verspotten, sondern ihre Leistung anzuerkennen. Davon haben die beiden Seefahrer zwar nichts mehr, aber es gewährleistet dem Leser einige aufregende Lektürestunden!

Kurzkritik für Ungeduldige: 1896 rudern zwei Freunde im offenen Boot medienwirksam über den Atlantik, um auf diese Weise der Armut zu entkommen; aus einem ohnehin gefährlichen Abenteuer wird ein Horrortrip, aber die eigentliche Höllenfahrt erwartet die Männer erst … – Über die packende Darstellung eines grotesken Unternehmens hinaus stellt Verfasser Shaw die Mechanismen der frühen Sensationspresse vor, die damals wie heute ihre Opfer zermalmt: ein ausgezeichnetes Sachbuch.

[md]

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.