Die unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot

Thomas Maeder
Die unglaublichen Verbrechen des Dr. Petiot
Chronik eines Serienmordes

Originaltitel: The Unspeakable Crimes of Dr. Petiot (Boston : Little, Brown and Co. 1980)
Übersetzung: Martin Burckhardt
Deutsche Erstausgabe (geb.): Juli 2006 (Semele Verlag)
336 S.
ISBN-13: 978-3-9388-6907-9

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Inhalt:

Der 6. März 1944 nimmt in der französischen Kriminalgeschichte eine besondere Rolle ein. An diesem Tag rückt die Feuerwehr zu einem brennenden Haus aus, das in der Pariser rue Le Sueur scheinbar verlassen steht. Das kleine Feuer ist rasch gelöscht, doch was dabei zum Vorschein kommt, liefert der Presse Stoff für viele gruselige Monate: Im Keller finden sich die Überreste planvoll zerlegter Leichen, gestapelt zu Haufen, bedeckt mit ungelöschtem Kalk, brennend in einem Ofen oder einfach niedergeworfen und verwesend – ein Beinhaus, dessen Besuch bei den bald zahlreich erscheinenden Ermittlern Albträume hervorruft.

Als Besitzer des Hauses wird ein Dr. Marcel Petiot festgestellt, der allerdings untertauchen kann. Die Untersuchung ergibt, dass er sich als Fluchthelfer ausgegeben hat, um Juden, Widerstandskämpfer oder flüchtige Verbrecher in die Freiheit zu schmuggeln: Frankreich ist Anfang 1944 von Nazideutschland besetzt, die französischen Juden werden in die Konzentrationslager verschleppt und umgebracht. In dieser Situation blüht Petiots ‚Geschäft‘. Er rettet die verzweifelten Flüchtlinge nicht, sondern ermordet sie und raubt ihre Vermögen.

Erst Monate später kann Petiot gefasst werden. Ihm wird ein aufsehenerregender Prozess gemacht. Dabei kommt ein bizarrer Lebenslauf zum Vorschein, der Petiot als ebenso genialen wie wahnsinnigen Verbrecher brandmarkt. Trotzdem bleiben große Lücken; so wird beispielsweise nie geklärt, wie der Doktor seine Opfer zu Tode brachte. Bis zu seinem Ende bleibt Petiot, der Mensch, ein Rätsel. Scheinbar ungerührt besteigt er knapp zwei Jahre nach seiner Entlarvung die Guillotine. Viele offene Fragen werden – womöglich zur Erleichterung der zeitgenössischen Behörden – mit ihm begraben.

Der Serienmörder als Geschäftsmann

Der klassische Serienmörder, wie wir ihn aus der „True-Crime“-Literatur oder aus Film oder Fernsehen zu kennen glauben, ist in der Regel ein Mann, den ein weiterhin unentschlüsselter Trieb dazu bringt, andere Menschen zu Tode zu bringen, nachdem er sie nicht selten in Stücke geschnitten, geschossen oder auf andere Weise geschunden hat. Lust und Rache stehen dabei im Vordergrund, während finanzielle Vorteile am Rande und nur manchmal wahrgenommen werden.

Dr. Marcel Petiot ist offensichtlich ein Serienmörder anderen Kalibers. „Offensichtlich“ steht hier, weil es nie wirklich gelungen ist, seine wahren Motive zu dauten. Heute würde ein Täter wie Petiot ausgiebig von Psychologen untersucht, damals überführte man ihn so vieler Morde wie möglich und schlug ihm dann den Kopf ab. Dennoch scheint Petiot ein Serienmörder gewesen zu sein, der vor allem oder ausschließlich tötete, um sich zu bereichern. Andererseits lebte er nie auf großem Fuß oder litt unter Geldnot. Die Beute hortete er einfach wie ein Drache seinen Schatz.

Freilich fällt es schwer zu entscheiden, ob dem wirklich so war. Die Geschichte des Dr. Petiot weist auffällige Lücken auf. Thomas Maeder, der sie hier erzählt, spricht sie als solche an, ohne sie mit Spekulationen zu füllen. Das mag manchmal unbefriedigend sein, passt jedoch zum Tenor eines Sachbuchs, das ein unglaubliches Ereignis möglichst objektiv darzustellen versucht.

Eine Welt für Mörder

Die Fakten sprechen ohnehin für sich. Wenn Maeder in trockenen Worten wiedergibt, was sich in Dr. Petiots Mordkeller fand, mildert es das Grauen in keiner Weise. Auch sonst hält sich der Verfasser zurück, was angesichts der doppelt perfiden Verbrechen nicht leicht gewesen sein kann: Petiot tötete nicht nur, er vergriff sich auch an denen, die ohnehin in Lebensgefahr schwebten und sich fast schon gerettet wähnten, bevor sie starben.

Maeder vermag also nicht zu ‚erklären‘, was Petiot zu seinen Taten trieb. Was er indes deutlich machen kann, ist die einmalige historische Situation, die ein solches Verbrechen ermöglichte. Paris im Jahre 1944 war wie geschaffen dafür. Die nazideutschen Okkupanten jagten offen und im Geheimen Juden, Saboteure und andere Gegner, der französische Widerstand tötete deutsche Soldaten, Spitzel und Kollaborateure. Immer wieder verschwanden Menschen; man hatte sich daran gewöhnt und fragte lieber nicht nach. Darauf konnte Petiot setzen. Seine Opfer spielten ihm sogar zusätzlich in die Hände, wenn sie sich heimlich in seine ‚Obhut‘ begaben und selbst alle Spuren und Hinweise auf ihren Verbleib tilgten.

Polizei und Justiz ließen sich ihrerseits von Petiot täuschen, als er vorgab, ein Patriot und Widerstandskämpfer zu sein. Welcher aufrichtige Franzose würde einen solchen tapferen Mann verdächtigen? Folglich schützte man Petiot anfänglich sogar vor den Deutschen, zumal diese ihn – es gibt in dieser Geschichte keine klaren Fronten – zu einem früheren Zeitpunkt verdächtigt, gefangengenommen und übel gefoltert hatten, was allgemein bekannt war und Petiots Glaubwürdigkeit bei den Verfolgten untermauerte.

Maeder arbeitet heraus, wie geschickt der hochintelligente Doktor seine Nischen in dieser aus dem Gleichgewicht gebrachten Welt fand. Schon in Friedenszeiten hatte er unter Beweis gestellt, dass er ein fabelhafter Manipulator war. Schlagfertig und unerschrocken konnte er noch in für ihn aussichtslos erscheinenden Situationen auftrumpfen und jene Unsicherheit säen, die ihm mehr als einmal die Gelegenheit zur Flucht verschaffte. So wurde Petiot zu einem wahren Überlebenskünstler, der sich die Schrecken der Nazizeit zu Nutze machte, um seinen eigenen schrecklichen Taten nachzugehen. Diese direkte Verzahnung zwischen Historie und Individuum macht „Die unglaublichen Verbrechen …“ so spannend und hebt das Buch weit über die Bodycount-Schauerstorys hinaus, die im „True-Crime“-Genre dominieren.

So viele Jahre später

Ein dicker Wermutstropfen mischt sich in das Lektürevergnügen. Er speist sich nicht aus dem völligen Verzicht auf Abbildungen. Auf Bilder der Schlachtplatte, die Petiot in der rue Le Sueur hinterließ, verzichtet man gern. (Wer einen entsprechenden Bedarf decken möchte, wird natürlich im Internet fündig.) Allerdings wäre es schön, zumindest Fotos des diabolischen Doktors oder seiner Opfer zu sehen, um sich buchstäblich ein Bild von den Menschen machen zu können, die so nur vage Figuren aus einer alten Gruselgeschichte bleiben. (Auch hier bietet das Internet Ersatz.)

Es ist das Erscheinungsdatum dieses Buches, das irritiertes Kopfschütteln auslöst. Thomas Maeder veröffentlichte es 1980. Es war also mehr als ein Vierteljahrhundert alt, als es endlich in deutscher Übersetzung erschien. „Die unglaublichen Verbrechen …“ gilt noch heute als Standardwerk. Dennoch haben sich in vielen Jahren neue Erkenntnisse ergeben. Sie bringen beispielsweise Licht in das komplexe Gefüge der französisch-nazideutschen ‚Zusammenarbeit‘. Die Kollaboration der Besatzungszeit war enger, als dies noch heute viele Franzosen wahrhaben möchten. Eine Überarbeitung oder zumindest ein neues Schlusskapitel, das eine Bilanz des Falls Petiot und seiner Resonanz nach 1980 zieht, vermisst man schmerzlich. Darüber hinaus hat auch die Kriminalistik im Verbund mit der Forschung inzwischen Fortschritte in der Interpretation des Phänomens Serienmord gemacht, auf die sich der Verfasser einst nicht stützen konnte.

Aus diesem Grund sei an dieser Stelle auf eine neue Darstellung verwiesen. 2011 veröffentlichte der US-amerikanische Historiker David King sein Buch über Petiot, seine Zeit und seine Verbrechen. Es erschien 2013 unter dem Titel „Der Serienmörder von Paris. Die wahre Geschichte des Dr. Petiot, der das besetzte Frankreich in Angst und Schrecken versetzte“ auch in Deutschland, und schließt die Lücke, die das hier vorgestellte Werk hinterlässt.

Anmerkung:

1990 entstand unter der Regie von Christian de Chalonge das französische Drama „Docteur Petiot“ (dt. „Dr. Petiot“). Die Titelrolle spielte der wie immer faszinierende Michel Serrault, der dafür 1991 für einen „César“ als bester Hauptdarsteller nominiert wurde. Schon 18 Jahre früher inszenierte Jose Luis Madrid in Spanien den eher spekulativen Thriller „Los crimenes de Petiot“ mit der Gruseltrash-Ikone Paul Naschy als Hauptfigur.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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