Im Herzen der See

Nathaniel Philbrick
Im Herzen der See
Die letzte Fahrt des Walfängers Essex

(sfbentry)
Originaltitel: In the Heart of the Sea. The Tragedy of the Whaleship Essex (New York : Viking Books 2000)
Übersetzung: Andrea Kann u. Klaus Fritz
Deutsche Erstausgabe (geb.): August 2000 (Karl Blessing Verlag)
352 Seiten mit 16 Seiten s/w-Illustrationen
ISBN-10: 3-89667-093-X
Neuausgabe: 2002 (btb Verlag/TB Nr. 72971)
352 S.
ISBN-13: 978-3-442-72971-5
Neuausgabe: November 2015 (Heyne Verlag/TB Nr. 64536)
352 S.
ISBN-13: 978-3-453-64536-3
eBook: November 2015 (Heyne Verlag)
ISBN: 978-3-641-14663-4

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Vorzeichen und Warnung werden missachtet

Nachträglich wussten es natürlich alle besser: War nicht im Juli über Nantucket, Massachusetts, der aufstrebenden Hafenstadt an der US-Atlantikküste und Heimathafen des Walfangschiffes „Essex“, am Nachthimmel als untrügliches Zeichen kommenden Unheils ein Komet erschienen? Doch Geschäft ist Geschäft, und die Ängste abergläubischer Seeleute stehen ganz nicht auf der Liste der Dinge, die von den Eignern der „Essex“ vorbereitet werden, bevor sie ihr Schiff im Sommer des Jahres 1819 auf eine lange und hoffentlich einträgliche Reise in die Jagdgründe des südlichen Pazifiks schicken.

Die „Essex“ ist alt und mit kaum 30 Meter Länge ziemlich klein, gilt aber als „glückliches“ Schiff, das seinen Eignern gutes Geld eingebracht hat und noch immer in seinen Heimathafen zurückgekehrt ist – keine Selbstverständlichkeit, denn der Walfang ist ein hartes und gefährliches Geschäft, und in den Weiten des oft stürmischen Meeres ist so manches Schiff mit Mann & Maus verschwunden.

In der Tat steht bereits der Beginn der Reise unter keinem guten Stern. Die „Essex“ ist gerade drei Tage auf See, da bricht ein schwerer Sturm los, der das Schiff am 15. August sogar zum Kentern bringt. Der Untergang kann verhindert werden, aber die „Essex“ ist schwer beschädigt. Dennoch entscheidet Kapitän George Pollard jr., die Fahrt fortzusetzen; eine folgenschwere Entscheidung, denn die Schäden sind größer, als Pollard sich eingestehen mag. Doch er ist seinen Eignern verantwortlich; ein vorzeitiger Abbruch der Reise wäre seiner Karriere abträglich. So macht sich die notdürftig reparierte „Essex“ weiter auf gen Kap Horn und Südpazifik. Ohne es zu ahnen, segeln Schiff und Besatzung direkt in den Untergang – und ins Land der Legenden.

Ein unerwarteter Gegenschlag

Auslöser ist jener unerhörte Vorfall, der das Ende der „Essex“ besiegelt. Nach einer anstrengenden Reise auf den Spuren der Walherden des Pazifiks trifft das Schiff am 20. November 1820 auf einen riesigen Pottwal-Bullen. Das Tier flieht nicht vor dem Walfänger. Das Unerhörte geschieht: Der Wal nimmt Anlauf – und rammt die „Essex“ mit seinem enormen Schädel! Er handelt offensichtlich mit Bedacht, denn sogleich wiederholt er seine Attacke. In den 21 Jahren, die seit dem Bau verstrichen sind, ist das Holz des Schiffsrumpfes stellenweise morsch. Außerdem hat das Unglück vom August Spuren hinterlassen. Die Planken geben nach, der Wal verschwindet, und wenige Minuten später beginnt die „Essex“ zu sinken. Der geschockten Besatzung bleibt kaum die Zeit, einige Lebensmittel und Navigationsinstrumente in drei kaum sieben Meter lange Walboote zu werfen.

Zwanzig Männer finden mutterseelenallein auf hoher See wieder. Sie wissen: Ihre Lage ist verzweifelt. Kein Schiff ist in der Nähe. Die Walboote sind nur eingeschränkt segeltauglich. Das rettende Festland ist weit entfernt: Bis zur Küste Südamerikas wären zweitausend Seemeilen zurückzulegen, doch die Meeresströmungen und der Wind verhindern dies. Wider alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit müssen die Männer der „Essex“ versuchen, eine Strömung zu finden, die sie zumindest in die Nähe ihres Ziels treibt.

Ihr aus heutiger Sicht lückenhaftes nautisches Wissen hat die Seeleute nicht auf eine solche Herausforderung vorbereitet. Der Rettungsplan gründet sich eher auf unsichere Prognosen als auf Tatsachen. So verwandelt sich die Irr- bald in eine Höllenfahrt. Die drei Besatzungen verlieren einander aus den Augen. Schlechtes Wetter bedroht die offenen Walboote. Stürmt es nicht, brennt die Sonne herab. Mangelhafte Hygiene und unzureichende Ernährung lassen Krankheiten ausbrechen. Schließlich gehen die Wasser- und Lebensmittelvorräte endgültig zur Neige.

Das „Gesetz der See“

Was nun im Boot des Kapitäns geschieht, verbreitet sich später wie ein Lauffeuer über die Weltmeere (bzw. durch die Hafenkneipen): Die vor Hunger halb wahnsinnigen Männer beginnen, die Leichen ihrer verstorbenen Kameraden zu verzehren. Als selbst diese Nahrung knapp wird, werfen sie das Los und schlachten einen der Ihren. Den Männern des Walfängers „Dauphin“, die am 23. Februar 1821, drei Monate nach dem Untergang der „Essex“, das Boot vor der chilenischen Küste entdeckt, bietet sich ein grausiger Anblick: Zwei salz- und blutverkrustete, irrsinnige Männer hocken inmitten zersplitterter Menschenknochen.

Dem zweiten Boot der „Essex“ ist es gelungen, die Insel Henderson anzulaufen. Hier spielt sich dasselbe Drama ab, sterben die Männer auf dem unwirtlichen Eiland an Hunger und Entkräftung, bis auch hier wenige Überlebende gerettet werden können – die drei letzten erst im April 1821! Ungeklärt bleibt das Schicksal des dritten Bootes, bis Jahre später auf einem Atoll östlich von Henderson ein Walboot gefunden wird, in dem die Skelette von vier Männern liegen.

Acht Männer haben die „Essex“-Tragödie überlebt. Sie benötigen Jahre, um über das hinwegzukommen, was sie erleben und erdulden mussten. Besonders schwer fällt dies jenen, die in ihrer Not zu Kannibalen wurden, auch wenn ihre Familien, die Gesellschaft und die Kirche Nantuckets sehr verständnisvoll reagieren und die Ausnahmesituation herausstellen.

Das publizistische Nachleben

Von der Pein der Überlebenden weitgehend unbeeindruckt, stürzt sich allerdings die zeitgenössische Presse auf die Geschichte. Wahrheit, Übertreibung und Erfindung beginnen sich rasch zu mischen, doch selbst als die Sensation langsam abflaut,, bleibt die Erinnerung an ein unglaubliches Kapitel der Seefahrtsgeschichte präsent. Zu denen, die vom bizarren Ende der „Essex“ fasziniert sind, gehört der Schriftsteller Edgar Allan Poe (1809-1849). In seinem 1837 verfassten Romanfragment „Bericht des Arthur Gordon Pym“ beschreibt er die dem Wahnsinn und Kannibalismus verfallende Besatzung eines Rettungsbootes und stützt sich dabei auf einen Bericht, den ein überlebendes Mitglied der „Essex“-Crew niedergeschrieben hat.

Es bleibt dem Schriftsteller Herman Melville (1819-1891) überlassen, den Ereignissen des Jahres 1820/21 literarischen Weltruhm zu verschaffen. Als junger Mann hat Melville selbst die Weltmeere auf einem Walfänger bereist und dabei von der Geschichte der „Essex“ erfahren. In den 1840er Jahren beginnt er sämtliche Informationen über das Unglück, aber auch über den Walfang und das Meer überhaupt zu sammeln. Er formt daraus die spannende, fachkundige, überbordende Geschichte vom besessenen Kapitän Ahab, der Moby Dick, den weißen Wal, der ihm einst ein Bein abriss, über die Meere jagt und dabei sich, sein Schiff und seine Mannschaft ins Verderben führt.

Als Melville 1851 seinen Roman veröffentlicht, erregt er eher das Interesse der Kritik als eines interessierten Publikums. Heute zählt „Moby Dick“ längst zu den unbestrittenen Klassikern der Weltliteratur – und dank Herman Melville ist auch die Geschichte der „Essex“ unvergessen geblieben. (Der Autor ist übrigens kurz nach dem Erscheinen von „Moby Dick“ im Jahre 1852 nach Nantucket gereist und hat dort Überlebende der „Essex“ kennengelernt.

Die Sicht des Historikers

Selbstverständlich wurde die „Essex“-Saga auch später immer wieder aufgegriffen. Die Wissenschaft beschäftigte sich eingehend damit; Historiker wie Biologen rätseln gleichermaßen über die Frage, wieso dieser eine Wal ein Schiff angegriffen hat. Die kleinen Walboote, in denen die Harpuniere an ihre Beute herangerudert wurden, waren öfter Ziel derartiger Attacken. Gerade Pottwale sind unerschrockene Räuber, die sich gegen ihr Ende wehrten. Doch der Wal von 1820 hat die „Essex“ geradezu überlegt versenkt. Letztlich bleibt der Vorfall mysteriös. So lässt sich, wenn man es möchte, aus heutiger Sicht das Handeln des Wals als Akt ausgleichender Gerechtigkeit feiern; wenigstens dieses eine Mal blieb die Kreatur Sieger in einem ansonsten ungleichen Kampf zwischen Mensch und Tier.

Diese Episode der Geschichte bringt Nathaniel Philbrick einem rasch faszinierten Publikum nahe. So bemerkenswert die fatale Attacke des Wals auch ist – und Philbrick rekonstruiert die Ereignisse vom November 1820 mit erschöpfender Präzision und unter Auswertung bisher wenig oder gar nicht bekannter zeitgenössischer Quellen -, er beschränkt sich nicht darauf, sondern lässt eine längst untergegangene Epoche wiedererstehen: die Zeit der großen Segelschiffe und des Walfangs, jenes jahrhundertealten, traditionsreichen, heute aufgrund seiner Grausamkeit und des Raubbaus an der Natur zu Recht verpönten Handwerks, auf das sich einst eine eigene Industrie gründete.

Von der Perversion einmal abgesehen, die es darstellt, ein trotz seiner ungeschlachten Gestalt recht intelligentes und auch empfindsames Tier wie den Wal in schnödes Lampenöl, Parfüm und Korsettstangen (oder gar den von Kindern früher gefürchteten Lebertran) zu verwandeln, ist der Blick auf die Welt des Walfangs hochinteressant. Wie das meist so ist, verdienten am Walfang hauptsächlich jene, die nicht vor Ort die harte, schmutzige und gefährliche Arbeit leisten mussten.

Wer weiß, ist glücklicher

Man kann sich heute schwer eine rechte Vorstellung vom Alltag an Bord eines Walfängers im 19. Jahrhundert machen. Diese Wissenslücke weiß Philbrick kundig und kurzweilig zugleich zu schließen. Darauf beschränkt er sich nicht. Die Irrfahrt der „Essex“-Boote gibt ihm den Anlass allerlei Wissenswertes über das Leben auf See, das Wetter, die Navigation, die Meeresströmungen, die Tierwelt, über Inseln und weitere, ebenso fesselnde Themen zu vermitteln.

Philbrick kennt sich aus: Er lebt selbst in Nantucket und arbeitet dort als Direktor des Institute of Maritime Studies. Gleichzeitig ist er Mitglied der Nantucket Historical Association und kann sich daher auf das Quellenmaterial gleich zweier renommierter Institute stützen. Mit „Im Herzen der See“ glückt ihm ein Tatsachenbericht, der spannender als jeder Roman ist und die minutiöse Schilderung eines wahrhaft historischen Kapitels der Seefahrt mit echtem schriftstellerischem Talent verbindet (was auch in der Übersetzung erhalten bleibt).

Überhaupt ist die deutsche Ausgabe ein feines Stück Buchdruckkunst. Mehrere Karten ermöglichen es, die Reise der „Essex“ und die Irrfahrten ihrer Boote zu verfolgen, und 16 Seiten mit Zeichnungen und Fotos stellen einige der Mitwirkenden dieses Dramas und die Orte ihrer Leiden vor. So rundet sich das Bild eines Sachbuches, wie man es sich wünscht: als Werk, das deutlich macht, dass „populärwissenschaftlich“ kein Schimpfwort sein muss!

„Im Herzen der See“ – der Film

2015 drehte Ron Howard, als Regisseur auf Mainstream-Blockbuster quasi abonniert (u. a. „Apollo 13“, „Der Grinch“, „The Da-Vinci-Code – Sakrileg“), mit Owen Chase, Owen Coffey und Matthew Joy eine üppig budgetierte Film-Version dieses Buches, das daraufhin eine (verdiente) Neuauflage erfuhr.

Kurzkritik für Ungeduldige: Im Jahre 1820 versenkt ein Pottwal den Walfänger „Essex“. In offenen Beibooten versucht die Besatzung ohne Nahrung und Hilfsmittel zu überleben, was nur mit grausamen Mitteln gelingt … – Autor Philbrick geht über den eigentlichen Vorfall hinaus und schildert eine versunkene Epoche der Seefahrt: ein ausgezeichnet recherchiertes und spannend geschriebenes Sachbuch.

[md]

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