Killing Kennedy – Das Ende des amerikanischen Traums

Bill O’Reilly/Martin Dugard
Killing Kennedy. Das Ende des amerikanischen Traums

Originaltitel: Killing Kennedy: The End of Camelot (New York : Henry Holt & Company 2012)
Übersetzung: Maria Zybak u. Bernhard Jendricke
Deutsche Erstausgabe (geb): April 2013 (Droemer Verlag)
400 S.
ISBN-13: 978-3-426-27612-9
eBook: April 2013 (Droemer Verlag)
5217 KB
ISBN-13: 978-3-426-41987-8

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Inhalt:

Im Januar des Jahres 1961 stehen die USA vor einer buchstäblich neuen Ära: Erstmals wird kein durch Alter und Amt gereifter Patriarch Präsident der Vereinigten Staaten. Ein junger und jugendlich wirkender Mann tritt vor seine Wähler, die er begeistern und mitreißen kann, statt sie durch Würde zu beeindrucken. John F. Kennedy passt in eine Zeit, die von Umbrüchen und Herausforderungen geprägt wird und einen Staatsführer mit ausgeprägten Qualitäten erfordert. Die Sowjetunion drängt auf eine globale, atomwaffengestützte Weltherrschaft, direkt vor der Haustür entfesselt Fidel Castro eine sozialistische Revolution, in Vietnam läuft ein Stellvertreterkrieg katastrophal aus dem Ruder. Innenpolitisch pochen die unterdrückten schwarzen Bürger zunehmend deutlicher auf Gleichberechtigung und soziale Reformen, was vor allem in den rassistischen Südstaaten mit Ablehnung und Gewalt geahndet wird.

Kennedy ist kein Messias; die in der Schweinebucht blutig gescheiterte Rückeroberung Kubas geht auch auf sein zögerliches, mutloses Handeln zurück. Aber Kennedy wächst in sein Amt hinein. In der Kubakrise bietet er 1962 erfolgreich den Sowjets die Stirn. Er beginnt sich der Bürgerrechtsproblematik zu stellen. Sein Ansehen wächst, ein zusätzliches Pfund ist Gattin Jackie. Die Bürger lieben die junge Frau, die Stil mit Schönheit zu verbinden weiß.

Doch Kennedy hat eine dunkle Seite. Er wirkt jung und fit, ist aber ein schwerkranker Mann, der mit einem Korsett und schweren Medikamenten vor dem Zusammenbruch bewahrt werden muss. Außerdem ist er promiskuitiv. Er lässt seine Sexgespielinnen ins Weiße Haus einschleusen und macht sich dadurch erpressbar.

Lebensgefährlich ist schließlich Kennedys Hang zum Bad in der Menge. Immer wieder schlägt er die Warnungen des Geheimdienstes und seiner Leibwächter in den Wind. Kennedy weiß um seine Wirkung auf die Amerikaner, die er gern direkt anspricht. Mit der Drohung eines Attentates kann und will der Präsident leben.

Das wird sein Verderben, als ihn am 22. November 1963 der unzufriedene, geltungssüchtige Lee Harvey Oswald mit einem Gewehr erschießt, das er sich für 19 Dollar im Versandhandel beschafft hat. Zwar setzt Lyndon B. Johnson, der neue Präsident, Kennedys Werk erfolgreich fort, doch der Zauber, der das Weiße Haus für einige Jahr in eine Inkarnation von Camelot – den Hof des mythischen Königs Artus – verwandelt hat, ist dahin.

Wen die Götter lieben, den lassen sie einfach nicht sterben

„Die meisten vor 1953 geborenen Amerikaner wissen genau, wo sie waren, als sie die Nachricht vom Attentat auf John F. Kennedy hörten.“ Diese Aussage fehlt in keinem Bericht, der sich mit dem Präsidentenmord beschäftigt. Sie ist griffig, und sie vermittelt einen Eindruck von der Bedeutung, die Kennedy selbst für jene Amerikaner besaß, die ihn nicht gewählt hatten.

Hinzu kam und kommt noch immer die Frage, wie dieser Mann, der zu einer historischen Persönlichkeit wurde, auf schrecklich banale Weise umkommen konnte. Ein Attentat, ohne Raffinesse durchgeführt von einem Niemand, der den Präsidenten erschoss, weil er berühmt werden wollte: So sterben keine Helden, Könige oder andere Lichtgestalten!

Dies war die Geburtsstunde einer Verschwörungstheorie, die bis heute außerordentlich gut wächst und gedeiht. Ein Gigant wie John F. Kennedy MUSS einem genialen Komplott zum Opfer gefallen sein, hinter dem böse aber kluge und vor allem mächtige Dunkelmänner stecken! Diesen Zweiflern spielt eine an Täuschungen und Fehlern reiche Ermittlungsgeschichte in die Hände, die sich im Laufe von Jahrzehnten dicht und diffus über die Wahrheit legte.

Immer neue Theorien sprießen seit dem November 1963. Allein die Bücher über Kennedys Tod füllen Bibliotheken. Fernsehen und Internet trugen mehr als ihren Teil dazu bei, die Spekulationen zu mehren. Es war deshalb sonnenklar, dass zum 50. Todestag des Präsidenten eine weitere Woge ‚neuer‘ Berichte und Interpretationen in die Medienwelt schwappen würde. John F. Kennedy gehört zu den Menschen, die nach ihrem Tod ebenso prominent sind wie zu Lebzeiten. Noch besser: Er kann die Kreise derer, die mit ihm Ruhm und Kasse machen, nicht mehr stören.

Auch Morde feiern Jubiläen

Der Journalist William James „Bill“ O’Reilly und der Autor Martin Dugard waren bereits ein eingespieltes Team, als sie sich an die gemeinsame Arbeit machten. 2011 hatten sie ein Buch mit dem Titel „Killing Lincoln“ veröffentlicht. Es hatte sich gut verkauft und wahrscheinlich gemacht, dass ein entsprechend konzipiertes Werk über Kennedy ebenso einschlagen könnte.

Da die Zeit drängte, gingen O’Reilly und Dugard ökonomisch vor. O’Reilly ist seit den frühen 1960er Jahren als Journalist und Nachrichtensprecher aktiv. Er hat sich auf die US-Politik spezialisiert und traf im Laufe vieler Jahre mit denen zusammen, die in den USA das Sagen hatten. Für „Killing Kennedy“ griff O’Reilly vor allem auf seine frühen Notizbücher zurück, während Dugard die Kennedy-Literatur sichtete (soweit dies überhaupt menschenmöglich ist).

Inhaltlich bilden die 1036 Tage der Kennedy-Präsidentschaft das Fundament der Darstellung. Wie ein Countdown, der nicht mit dem Start einer Rakete, sondern mit dem Tod der Hauptfigur endet, lassen O’Reilly & Dugard Revue passieren, was in dieser Zeit geschah. Dabei beschränken sie sich nicht auf Kennedy, sondern kontrastieren dessen Handeln mit dem Leben seines Mörders. Lee Harvey Oswald ist es gelungen, in die Geschichte einzugehen. Bemerkenswertes gibt es über ihn nicht zu berichten. O’Reilly & Dugard zeichnen knapp aber überzeugend das Bild eines Mannes, der sich selbst im Weg stand und die Welt dafür verantwortlich machte.

Der Countdown hält dort an, wo die Autoren in die Tiefe gehen. John F. Kennedy lebte bereits vor 1961, es gibt eine interessante Familiengeschichte, und es existiert eine Welt jenseits US-amerikanischer Grenzen. Die Vernetzungen (der) Kennedys in der Weltgeschichte wissen O’Reilly und Dugard allgemeinverständlich darzulegen. Sie vereinfachen, ohne die Fakten darüber zu vernachlässigen. Diese Leichtigkeit, die sich auch im Lesefluss widerspiegelt, macht „Killing Kennedy“ zu einem ausgezeichneten Sachbuch.

Anspruch und Realität

Dagegen ist „Killing Kennedy“ kein Fachbuch, d. h. keine strikt wissenschaftlichen Vorgaben folgende Aufarbeitung der Kennedy-Ära. Diesen Anspruch erheben die Autoren nicht, obwohl sie behaupten, bisher unbekannte Fakten ausgegraben zu haben. Das trifft sogar zu, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als werbewirksamer Theaterdonner: So konnten O’Reilly & Dugard Einblick in die Unterlagen eines FBI-Agenten nehmen, der Lee Harvey Oswald einige Zeit vor dem Attentat routinemäßig befragt hatte. Das Gespräch war belanglos, es besitzt keinerlei Informationswert. Ähnlich sind weitere Brosamen zu bewerten, die O’Reilly & Dugard unter dem Tisch der Weltgeschichte zusammenkehrten.

Faktisch beschränken die Autoren sich auf greifbare Sekundärliteratur und veröffentlichte Primärquellen. Auch das Internet wird fleißig genutzt. Von Gängen in diverse Bibliotheken wird im Nachwort berichtet; intensive Archivrecherche dürfte dagegen nicht betrieben worden sein. Für ein Buch wie „Killing Kennedy“ ist dies auch nicht nötig.

Viel Kritik zogen O’Reilly & Dugard als Vertreter jener Fraktion auf sich, die den Schlussfolgerungen der Warren-Kommission folgen. Die schon eine Woche nach dem Attentat von der Regierung initiierte Untersuchung kam zu dem Schluss, dass Oswald als Einzeltäter gehandelt und es keine Verschwörung zum Präsidentenmord gegeben hatte. Die Kommission stand unter Zeitdruck und beging zweifellos Fehler. Nichtsdestotrotz war ihre Arbeit grundsätzlich solide, während sämtliche Verschwörungstheoretiker nie handfeste Beweise vorlegen konnten.

Eine Welt unterdrückter Geheimnisse

Dies führen sie selbstverständlich auf eine angebliche Mauer des Schweigens zurück, die von kennedyfeindlichen Fraktionen der Regierung, des Geheimdienstes und des Militärs errichtet wurde. Viele Akten sind noch versiegelt, doch selbst ihre Öffnung wird kein Ende der Verschwörungstheorien bringen. Sie haben sich verselbstständigt und bilden zumindest für die Anhänger ein argumentativ in sich geschlossenes Verständnis-Universum. Kritiker, die zu Recht auf fragwürdige Quellen und Ringschlüsse hinweisen, ist hier kein Platz. O’Reilly & Dugard bläst deshalb ein Gegenwind in die Gesichter, der nichts mit der Qualität ihres Werkes zu tun hat, sondern der Entschlossenheit entspringt, mit der sie knapp, sachlich (und dadurch den Komplottisten erst recht ins Gesicht schlagend) erläutern, dass und wieso es keine Verschwörung gab.

Natürlich hat „Killing Kennedy“ Schwächen. Schon der Titel ist Effekthascherei. Viele durchaus interessante Seiten geht es um ganz andere Themen. Manche Interpretation wirkt fragwürdig. Ist Jackie Kennedy nach den tödlichen Schüssen tatsächlich auf das Heck der Präsidenten-Limousine geklettert, um Schädel- und Hirnfragmente ihres Gatten zu bergen? Wollte sie nicht eher – was menschlich wäre – panisch flüchten? – eine Deutung, die freilich nicht in das Jackie-Bild der Verfasser passt.

Zu kritisieren (aber gleichzeitig als Phänomen zu verstehen) ist die Offensichtlichkeit, mit der die Autoren selbst dem Camelot-Mythos erliegen. Vor allem im letzten Drittel wird es weihevoll; Seite an Seite steigen Jack & Jackie quasi in den Himmel auf. Dabei haben O’Reilly & Dugard zuvor die dunklen Seiten ihrer Helden nicht ignoriert. Doch beide werden zu tragischen, engelhaften Gestalten, die ihre Sünden hinter sich lassen. (Dummerweise lebte Jackie Kennedy lange genug, um ihren Mythos tatkräftig zu untergraben.)

Letztlich ist „Killing Kennedy“ inhaltlich ein Leichtgewicht. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches: Es bietet einen ersten Blick auf ein Thema, das den wissenschaftlich weniger bewanderten Leser leicht abschrecken könnte. O’Reilly & Dugard schreiben für Laien. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Verpflichtung, der sich gute Sachbuchautoren stellen. In diesem Rahmen ist es den beiden Autoren gelungen. Kein Wunder, dass „Killing Kennedy“ 2013 für das US-Fernsehen verfilmt wurde.

Kurzkritik für Ungeduldige: Mit dem Fokus auf die Jahre seiner Präsidentschaft fassen die Autoren das (politische und private) Leben des John F. Kennedy zusammen. Gleichzeitig lassen sie die US- und die Weltgeschichte der 1960er Jahre Revue passieren, die durch Kennedy entscheidend mitgeprägt wurde. Wirklich Neues kommt nicht zutage, doch den Autoren gelingt eine gute Überblicks-Darstellung, die sich darüber hinaus spannend liest.

[md]

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