Louis Armstrong. Ein extravagantes Leben

Laurence Bergreen
Louis Armstrong. Ein extravagantes Leben

Originaltitel: Louis Armstrong. An Extravagant Life (New York : Broadway Books 1997)
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2000 (Haffmans Verlag/Arte Edition)
Übersetzung: Juliane Zaubitzer
639 S.
ISBN-13: 978-3 251-00467-6

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Leben mit Romanqualitäten

Louis Armstrong (1901-1971) – war das nicht der rundliche, schwarze, fast übertrieben fein gekleidete, augenrollende und von Ohr zu Ohr grinsende „Satchmo“, der – in der einen Hand die goldene Trompete, in der anderen ein weißes Schnupftuch von Bettlakengröße – mit unverwechselbar krächzender Stimme die „High Society“ der „Wonderful World“ besang? Ja, das war er – und auch wieder nicht, sondern eher das, was das (weiße) Hollywood und die menschenverachtende Rassendiskriminierung seiner Epoche aus ihm machten. Glücklicherweise wurde dies nur eine Facette dieses musikalisch genialen und im Privatleben vielschichtigen Menschen, der allemal eine Biografie von Ziegelsteinstärke ‚verdient‘ hat.

Armstrongs Leben böte auch Stoff für einen Roman in mehreren Fortsetzungen. Es begann ganz unten – im New Orleans des Jahres 1901, das wenig Ähnlichkeit mit der Hochburg lässiger Lebenslust aufwies, als die uns die alte Südstaaten-Metropole heute (und nach Hurrikan „Katrina“ wieder) verkauft wird. In Armstrongs New Orleans lag das Ende der Sklaverei erst eine Generation zurück. Eine Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung war nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Daran sollte sich in den kommenden Jahrzehnten kaum etwas ändern.

Der junge Louis verlebte im Rotlicht- und Unterweltmilieu von New Orleans eine harte Kindheit in bitterer Armut. Eine seltene Gunst des Schicksals ließ ihn, der mit einem musikalischen Ausnahmetalent gesegnet war, immerhin in einer Stadt aufwachsen, in der Musik allgegenwärtig war. Ohne jemals eine klassische Ausbildung genossen zu haben, verinnerlichte Armstrong die ungemein reiche Musikkultur seiner Heimatstadt, um sie dann in etwas Eigenes, so niemals zuvor Gehörtes zu verwandeln. Dieses Talent perfektionierte er in seinen Chicagoer Jahren. Etwa zwei Jahrzehnte personifizierte Armstrong die Jazz-Avangarde, bis er sich allmählich damit begnügte, das Erlernte und Entwickelte zu perfektionieren, sich künstlerisch behaglich und sehr erfolgreich in einer nostalgischen Nische der Musikgeschichte einrichtete und als Musiker, Sänger und Entertainer das breite Publikum begeisterte.

Biografie mit Roman-‚Qualitäten‘

Leben und Werk Louis Armstrongs an dieser Stelle auch nur ansatzweise angemessen wiederzugeben ist kaum möglich. Laurence Bergreen stand offensichtlich vor demselben Problem, wenn man dieser Feststellung den Umfang der hier vorgelegten Biografie zu Grunde legen möchte. Obwohl Armstrong in einer Umgebung aufwuchs, die nicht unbedingt für Historiker und Annalisten bekannt ist, fließen die Quellen reichlich, wenn man sie zu finden weiß. Schon der junge Louis kam weit herum und traf zahlreiche Menschen, die sich später an ihn erinnerten (oder dies zumindest vorgaben). Außerdem gibt es ein unverhofftes und dadurch umso wertvolleres Pfund, mit dem der Biograf wuchern konnte: Louis Armstrong war kein gebildeter aber ein intelligenter Mann mit zahlreichen Begabungen. Wer hätte gedacht, dass er ein überaus aktiver und fähiger Schriftsteller sowie ein eifriger Chronist in eigener Sache war?

Leider gelingt es Bergreen nicht, das reiche Quellenmaterial mit der nötigen Disziplin zu behandeln. Zu verführerisch winken die zahllosen Anekdoten und Geschichten, die sich um Louis Armstrong drehen, und die dieser selbst mit dem größten Vergnügen in die Welt zu setzen pflegte. Aber auch dort, wo sich Bergreen als korrekter und strenger Biograf zeigt, übertreibt er es in der Regel. Er zeichnet nicht nur das Leben Louis Armstrongs nach, sondern entwirft ein Panorama des amerikanischen Südens nach dem Bürgerkrieg, der in jeder Beziehung farbigen Geschichte der Musikstadt New Orleans, der Jazzszene Chicagos usw. usf.

Da Armstrongs Leben nicht isoliert von Zeit und Raum ablief und kaum jeder Leser mit den beschriebenen Milieus vertraut sein dürfte, ist dies durchaus nützlich. Doch Bergreen kommt jedes Mal vom Hundertsten ins Tausendste. Die Fakten werden mit geradezu grimmigem Ernst präsentiert, noch die unwichtigsten Ereignisse nicht mit einem, sondern fünf oder zehn Belegen markiert. Bergreen hat tief geschürft und kann stolz zitieren, was der Aushilfskellner im Imbiss schräg gegenüber vom „Cotton Club“ aufgeschnappt hat, wenn Armstrong und seine Band dort nach der Vorstellung rote Bohnen mit Reis aßen. Aber wen interessiert das?

Bergreen formt Satchmo

Die Nebensächlichkeiten wollen kein Ende nehmen- Plötzlich sind drei Viertel des Buches (mühsam) gelesen, und wir befinden uns gerade in den frühen 1930er Jahren! Bergreen muss aufgegangen sein, dass kaum ein Verlag eine mehrbändige Armstrong-Biografie veröffentlichen würde. Deshalb legt er nunmehr ein Tempo vor, das er bis zum Ende ständig steigert. Siehe da: Statt ins Stolpern zu geraten, gewinnt das Werk an bitter nötiger Dynamik. Allerdings geschieht dies eher unabsichtlich. Nach Bergreens Ansicht endet Armstrongs ‚wichtiges‘ Lebens irgendwann nach 1935. In dieser Phase hörte „Satchmo“ auf, der Dynamo der Jazz-Geschichte zu sein. Da lebte er noch dreieinhalb Jahrzehnte, die aber seinen Biografen nicht mehr besonders zu interessieren scheinen.

Auch dies hat nicht durchweg die erwarteten Nachteile; es bringt den Autoren von seinem unseligen Drang ab, Geschichte zu inszenieren. Louis Armstrong hat zweifellos sein Leben gelebt; besonders alt ist er nicht geworden, aber er hat mehr erlebt als drei, fünf oder zehn andere Menschen. Seinem Biografen reicht das aber nicht; er verschmäht die sachliche Darstellung und unterwirft Armstrong einer fragwürdigen Dramaturgie. Laurence Bergreens New Orleans um die Jahrhundertwende, seine Mississippi-Dampfer, sein Chicago um 1930 – das sind Kulissen, die sich an Hollywood in seiner großen, verlogenen Zeit orientieren. Der junge Louis lebt zwar im Elend unter Nutten und Zuhältern – aber er hat seine Musik, die ihn Schläge, Schmutz und Hunger vergessen lassen! Ganz New Orleans jazzt und swingt, da kann das Leben selbst ganz unten nur die reine Wonne sein! Und dann: Chicago – oho! Gangster, verbotener Alkohol, Drogen, flotte Flapper-Girls, finstere Spelunken – und überall Musik, Musik, Musik. So geht es immer weiter, bis man es wirklich nicht mehr lesen, geschweige denn glauben mag.

Wirklich wichtige Aspekte kommen dagegen zu kurz. Ohne den moralischen Zeigefinger heben zu wollen: Die Allgegenwärtigkeit der Rassendiskriminierung, der auch der berühmte Louis Armstrong sich zeit seines Lebens ausgesetzt sah, wird von Bergreen immer wieder aufgegriffen aber niemals wirklich thematisiert. Dabei war Armstrong der ideale Zeuge für die skandalöse Praxis der Rassentrennung, bereiste er doch in seiner mehr als fünfzig Jahre umspannenden Künstlerkarriere unaufhörlich die gesamten Vereinigten Staaten. Aber Bergreen ist immer eine Anekdote im Weg, die er unbedingt noch erzählen möchte. (Ein Dauerbrenner: Armstrongs seltsame und lebenslange Vorliebe für starke Abführmittel, für die er sogar einen bizarren Kreuzzug führte).

Armstrong behauptet sich gegen seinen Biografen

Ärgerlich wird dies dort, wo Bergreen wichtige Stationen in Armstrongs zweiter Lebenshälfte allzu beiläufig anspricht, ohne ihnen die erforderliche Darstellungsbreite zu widmen. Der späte Armstrong mag kein epochaler Musiker mehr gewesen sein, aber er war ein Mann, der spätestens in den 1960er Jahren genug davon hatte, zur lebenslang erduldeten Zwangstrennung von Schwarz und Weiß zu schweigen. Armstrong nahm Stellung, und das mit einer Deutlichkeit, die nicht zu Bergreens Bild vom unpolitischen Künstler, der im Leben außer seiner Trompete nichts brauchte, passen will.

Bergreen Geschwätzigkeit, seine Auslassungen oder Kürzungen (zu denen sich noch eine offensichtliche Unsicherheit in musikwissenschaftlichen Fragen gesellt, die ihn veranlasst, über jeden Trompetenstoß seitenlang zu dozieren) ändern indes nichts daran, dass der Untertitel dieser Biografie den Nagel auf den Kopf trifft: Louis Armstrong hatte tatsächlich ein außergewöhnliches (nicht extravagantes) Leben. (Was ist ein „extravagantes“ Leben?) Wieso sein immens fleißiger Chronist sich bemüßigt fühlte, es noch ein wenig aufzupeppen, bleibt rätselhaft. Erfreulicherweise bleibt unter dem ganzen überflüssigen Beiwerk ein Mann sichtbar, über den sogar der Musikbanause gern mehr erfährt – ein Mann, der ganz bestimmt nicht der archetypisch fröhliche, schwarze Musiker war, der auch auf dem Schutzumschlag der deutschen Ausgabe wieder einmal beschworen wird.

„Louis Armstrong“ wurde solide aber hausbacken übersetzt und mit einer Reihe meist wenig aussagekräftiger und allzu kleinformatiger Fotos illustriert. Ein letztes Stirnrunzeln erzeugt der mehr als 70-seitige (!) Anhang, im dem der Autor wissenschaftlich korrekt und mit lobenswerter Akribie seine Quellen offenlegt, was aber in dieser epischen Breite höchstens den Fachmann interessieren dürfte. Dasselbe gilt für die überbordende Diskografie, die in erster Linie eines verrät: Hier hat sich Bergreen eine Heidenarbeit gemacht, die er seinem Publikum nicht vorenthalten will; dies unabhängig davon, ob dem außer einigen Armstrong-Spezialisten und Sammlern jemand Beachtung schenken wird. Das fügt sich ein in den Gesamteindruck schriftstellerischer Disziplinlosigkeit bei unangemessener redaktioneller Zurückhaltung, den man von diesem ansonsten lesenswerten Buch gewonnen hat.

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