Mama, ich hab Krebs

Christa Scherer
Mama, ich hab Krebs

undercover books
ISBN-13: 978-3-942661-37-9
Biografien, Erinnerungen
1. Auflage 10/2012
Taschenbuch, 92 Seiten

www.swb-verlag.de

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Einen geliebten Menschen zu verlieren, zählt zum Schlimmsten, was uns im Leben geschehen kann. Heike Gaschler war gerade 30 Jahre alt, als sie nach schwerer Krankheit verstarb. Ihre Mutter Christa Scherer hat im Rahmen ihrer Trauerbewältigung ein Buch über das letzte Lebensjahr ihrer Tochter geschrieben. Der Reinerlös aus dem Buchverkauf kommt der Deutschen Kinderkrebshilfe zugute. Vier Jahre nach dem Tod ihrer Tochter möchte die Autorin den LeserInnen Heike vorstellen, wie sie in ihrem Vorwort anführt. Sie fügt hinzu, dass das Buch aus der Aufarbeitung von Heikes Tagebucheinträgen entstanden ist, die sie durch eigene Berichte und Gedanken ergänzt hat.

Und so erfährt man in einfachen Worten, dass die junge Frau frisch verheiratet war, mit ihrem Mann Thomas ein Haus baute, bei Kollegen beliebt war, ihre Freizeit aktiv gestaltete und gerne feierte. Ebenso, dass sie ein vielleicht nicht immer perfektes aber doch recht enges Verhältnis zu ihren Eltern hatte. Einige Fotos von Heike wurden in das Buch eingearbeitet.

Dieses fröhliche, aktive Leben endete im Dezember 2007. Man erfährt von Heikes Beschwerden, die mit an sich harmlosem Magendrücken begannen, zu Magenschmerzen, Entzündungen und einem Geschwür auswuchsen. Bis kurz vor ihrem Tod, wusste die junge Frau nicht, dass sie Krebs hatte, weil sie zu dem relativ kleinen Patientenanteil gehört, bei dem sich maligne Metastasen vor dem Primärtumor bemerkbar machen. Die Überlebenschancen dieser Patienten sind überaus gering, weil in der Regel erst viel zu spät mit der Behandlung begonnen werden kann.

Nicht nur aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Krebsdiagnose dazu führt, dass man sich vorkommt, als ob man aus vollem Lauf gegen eine Wand prallt. Dieses Empfinden resultiert oft aus der Art und Weise, wie mit Patienten aber auch Angehörigen umgegangen wird. Die distanzierte, teils kaltschnäuzig wirkende Haltung von Ärzten oder Pflegepersonal kommt auch in Mama, ich habe Krebs zum Ausdruck. Allerdings stehen diese oft genauso hilflos vor ihren Patienten wie die Angehörigen; wollen helfen, können es jedoch nicht. Es entschuldigt zugegebenermaßen nicht alles, erklärt aber vielleicht einiges, wenn man sich vor Augen hält, dass sie tagtäglich mit Krankheit, Tod und oft auch mit ihrer eigenen Hilflosigkeit konfrontiert werden. Darüber hinaus wird in kurzen Einschüben, in denen Heikes Mutter erwähnt, darauf hingewiesen worden zu sein, dass keine Überlebenschance bestand, auch klar, wie schwierig es auch für Angehörige ist, das Offensichtliche zu sehen und umzusetzen. Zu akzeptieren. Mehr als einmal habe ich selbst auf onkologischen Stationen die Erfahrung gemacht, dass das Unfassbare kaum ausgesprochen aus (verständlichem) Selbstschutz beiseite geschoben wird, weil es eben einfach unfassbar ist. Unmöglich. Nicht sein darf. Auf diese Weise wird betroffenen Patienten oft noch das letzte bisschen Lebensqualität genommen, weil bis zum bitteren Ende beispielsweise noch mit Chemotherapie behandelt wird, wird unbegründete Hoffnung geweckt und künstlich am Leben erhalten.

Wer angesichts des Vorwortes denkt, dass vorwiegend Heike über ihre Tagebucheinträge zu Wort kommt, irrt. Tatsächlich dürften verschiedene Zitate daraus insgesamt etwa eine Seite des Buches füllen. Sie ergänzen die Ende Oktober 2006 ansetzende Erzählung, in der sich vorwiegend Emotionen und Eindrücke von Christa Scherer in Form von Schmerz, Angst, Hilflosigkeit, Wut, Fassungslosigkeit und Verbitterung, aber immer wieder auch der Wunsch zu verdrängen bzw. zu vergessen offenbaren – über die Ursachensuche, die erste niederschmetternde Diagnose am 12. November 2007 und den Tod Heikes sechs Tage vor Weihnachten. Es offenbart sich ein Schuldgefühl dahin gehend, nicht genügend Zeit mit ihrer Tochter verbracht zu haben, die Sache nicht ernst genug genommen zu haben. Bitterkeit über die scheinbare Rücksichtslosigkeit von Heikes Ehemann, aber auch über eine offenbar karrieresüchtige Kollegin. Und wie bereits angesprochen, Wut auf die scheinbar zu spät reagierenden Ärzte.

Auch dies geschieht in einfachen Worten, teils vagen Andeutungen, teils etwas genauer ausgeführt. Dabei zeigt sich eine Einseitigkeit, die in gewisser Weise, aber nicht nur aus der erzählenden Sichtweise resultiert. Noch viel mehr enthüllt sich jedoch, wie wichtig es für Christa Scherer war, sich ihre Erlebnisse von der Seele zu schreiben. Sowohl die guten Erinnerungen zu konservieren, wie auch die eigentlich unaussprechlichen zu formulieren. Auch um sich daran zu erinnern, dass sie die Chance hatte, die letzten Tage sehr intensiv mit ihrer Tochter zu erleben. Ganz zum Schluss deutet sich auch an, dass sie auf ihrem schmerzlichen Weg der Trauerbewältigung ein Stück vorwärts gekommen ist.

Fazit:

Kein erbauliches oder Mut machendes Buch, sondern eins, in dem Schmerz zum Ausdruck kommt über etwas, worauf wir keinen Einfluss haben. Ein Buch, dem ich keine Wertung geben kann, denn Trauer lässt sich nicht werten.

Copyright © 2012, Antje Jürgens (AJ)

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