Omen – Das Horror-Journal, Nr. 1

Frank Festa (Hg.)
Omen – Das Horror-Journal, Nr. 1

Originalausgabe = dt. Erstausgabe: August 2003 (Festa-Verlag/Festa Omen 1701)
Übersetzt von Alexander Amberg, Dirk Berger, Andreas Diesel, Alexander Röder
192 Seiten
ISBN-13: 978-3-93822-69-5

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Inhalt:

Artikel/Interviews:

„Der Herr der Schrecken: Kim Newman“ (S. 6-13) und „Kim Newman: Anno Dracula – Die Hintergründe“ (S. 14-21): Hochinteressant sind diese beiden Berichte über einen modernen Meister des Phantastischen und sein Lebenswerk – eine alternative Weltgeschichte, die vom Vampirismus geprägt wird und sich mit allerlei fiktiven ‚Leihgaben‘ aus Literatur und Film zu einem dichten und fesselnden Gesamtbild fügt.

„Richard Laymon: The Beastmaster“ (S. 54-62): Eine Art Nachruf auf den 2001 plötzlich verstorbenen, lange ignorierten Verfasser sehr dynamischer bzw. bizarrer Romane und Geschichten, die nur sekundär ‚richtiger‘ Horror sind und das Böse im Menschen an sich in den Vordergrund stellen.

„Interview mit Jeffrey Thomas“ (S. 88-95), der die imaginäre Science Fiction-Fantasy-Geisterstadt „Punktown“ erfunden hat, die für eine deutsche Veröffentlichung im Festa-Verlag vorgesehen ist und ergo an dieser Stelle schon einmal kräftig beworben wird. Das Interview ist interessant, die „Punktown“-Saga so, wie sie hier vorstellt wird, nicht unbedingt.

„S. T. Joshi: H. P. Lovecrafts Einfluss auf Fritz Leiber“ (S. 108-125): Der unduldsame US-Fachmann des Phantastischen hier ganz milde, weil freundlich gestimmt durch die doppelten Qualitäten des Altmeisters Lovecraft und seines selbstständigen Schülers Leiber. Joshi weist auf interessante Parallelen zwischen den Werken beider Männer hin, kann aber auch Leibers eigenständige Entwicklung Lovecraftscher Pionierarbeit im Bereich des modernen Horrors und der Science Fiction belegen.

„Interview mit Michael Marshall Smith“ (S. 126-136): Der Schriftsteller wird über sein aktuelles Werk – einen Serienkiller-Thriller – und seine frühen phantastischen Romane und Erzählungen befragt.

Stories

– Kim Newman: Das Schloss in der Wüste (Castle in the Desert), S. 22-43: Privatdetektiv Philip Marlowe ist zwar alt geworden, aber ein tüchtiger Privatschnüffler geblieben. Das ist gut in einer von Vampiren regierten Welt, in der die Menschen nur die zweite Geige spielen. Der aktuelle Fall führt den alten Kämpen in ein Schloss in der Mojawe-Wüste Kaliforniens, wo ein besonders fieser Blutsauger ein junges Mädchen gefangen hält … – Kapitel aus dem geplanten vierten Teil von Newmans grandioser „Anno Dracula“-Serie, der in den 1970er und 80er Jahren spielt und sogleich neugierig macht.

– Ralph Adams Cram: Schwester Maddelena (Sister Maddalena), S. 63-76: In einem ehemaligen Kloster an der sizilianischen Küste geht es um, bis ein unerschrockener Amerikaner sich ein Herz fasst und dem Gespenst folgt, das nichts als Erlösung ersehnt. – Eine Ausgrabung aus dem Jahre 1895, eher interessant als faszinierend, weil doch recht angestaubt und rührselig. Immerhin außerordentlich stimmungsvoll und jeden deutschen Beitrag dieses Magazins (s. u.) mit deprimierender Leichtigkeit übertreffend.

– Jeffrey Thomas: Zeit der Häutung (The Flaying Season), S: 96-107: Eine junge Frau hat sich medizinisch unerfreuliche Erinnerungen aus dem Hirn tilgen lassen, aber die Vergangenheit ist damit noch lange nicht tot, sondern beginnt sie heimzusuchen. – Eine ‚Erzählung‘, die mit einigen starken Stimmungsbildern aufwartet, aber ansonsten wie ein willkürlich herausgerissenes Kapitel aus einem Roman wirkt und die angebliche Faszination der hochgelobte „Punktown“-Saga auch nicht annähernd vermitteln kann.

– M. M. Smith: Der Mann, der Katzen zeichnete (The Man Who Drew Cats), S. 138-155: Ein genialer Künstler, der nicht ganz von dieser Welt ist, rächt Familiengewalt und Missbrauch mit Hilfe ganz besonderer Gemälde … – Großartige, an Stephen King erinnernde, vom Plot nicht einmal originelle, aber intensive und dichte Gruselgeschichte aus der US-amerikanischen Provinz.

– William Hope Hodgson: Die Insel des Ud (The Island of the Ud), S. 156-171: Der Kapitän eines Handelsschiffes hat eine echte Schatzinsel entdeckt; dummerweise wird sie von allerlei Monster-Amazonen und namenlosen Schrecken bewacht … – Wunderbare, in Deutschland bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte aus dem Nachlass des 1918 in einem Schützengraben des I. Weltkriegs umgekommenen Hodgson; ein abenteuerliches Garn dieses Schriftstellers, der nicht zu Unrecht als Meister des ‚maritimen‘ Horrors gilt.

– Andreas Gruber: Im Auftrag des Kardinals, S. 44-53: Anfang des 18. Jahrhunderts schickt die katholische Kirche ein exorzistisches Rollkommando nach Wien, wo sich mörderische Vampire breitgemacht haben. – Nach vielversprechendem und atmosphärisch intensivem Beginn versackt die Handlung sogleich in dilettantischer Peinlichkeit, als sie von notgeilen Vampirweibchen übernommen wird.

– Holger Kutschmann: Rosannas Blut, S. S. 77-87: Ein Vampir will Hochzeit machen, aber die Angebetete wurde von der Konkurrenz entführt und muss befreit werden. – Kläglicher Versuch einer Gruselgeschichte im Untoten-Milieu; ein Erzählton, der offenbar ‚getragen‘ wirken soll, suggeriert eine Bedeutsamkeit, die von der wenig originellen und sprachlich trivial dargebotenen Geschichte nicht erfüllt werden kann.

– H. D. Römer: Einige Nächte im langen Leben des J…, S. 173-192: Jesus Christus war ein Vampir und hat sich nach Golgatha weiter durch die Jahrtausende gekämpft, während ihm die Jäger aus Rom stets auf den Fährten blieben, um diese Version des Neues Testaments vor der Öffentlichkeit geheim zu halten … – Die halbwegs originelle Idee vom ewigen Krieg zwischen Mensch und Vampir wird halbherzig (und unter Darbietung einer peinlich lächerlichen Sexszene mit Jesus und der ebenfalls vampirischen Maria Magdalena, die nun ein Bordell in Los Angeles führt) und unbeholfen zum überhasteten und pseudo-ironischen Finale geführt; auch hier liegt der Verdacht nahe, das Exposé zu einem bisher unveröffentlichten Roman zu lesen.

Start mit Schwierigkeiten

2003 war es wieder einmal soweit: Abseits der Fanzine-Szene unternahm ein wagemutiger Herausgeber den Versuch, ein Magazin auf den Markt zu bringen, das sich dem Horror bzw. der Phantastik in seinen und ihren vielen Spielarten widmen sollte. Die Mischung war klassisch: Kurzgeschichten älteren und jüngeren Datums wechseln sich ab mit Artikeln über die Geschichte des Genres, über Autoren und ihr Werk, hinzu kamen Rezensionen.

Herausgeber Festa raunt vom großen Vorbild „Weird Tales“, das man aber nur in Sachen Verkaufspreis weit hinter sich lassen konnte. „Omen“ war ein Nischenprodukt, für das diejenigen, die auch hinter die Kulissen blicken mochten, ihren Obolus entrichten mussten. Damit hatte der Leser in „Omen“-Fall freilich Schwierigkeiten, denn das lobenswerte Werk scheint im Detail recht überhastet realisiert worden zu sein – und das beschränkt sich nicht auf die zahlreichen, unkorrigiert gebliebenenen Rechtschreib- und Tippfehler!

Die Stories lesen sich ausgesprochen unterhaltsam, solange sie nicht aus deutschen Landen stammen. Traurig ist die Erkenntnis, dass es hier offenkundig weiterhin keine echten Phantastik-Talente gibt; jedenfalls glänzen sie in diesem Magazin durch Abwesenheit. Stattdessen gibt’s Billig-Grusel auf Groschenheft-Niveau – plakativ, platt, linkisch.

Zu offensichtlich eigennützlich

So interessant sich mancher Artikel und manches Interview lesen lassen: Es stellt sich die Frage, nach welchen Gesichtspunkten hier eine Auswahl getroffen wurde. Natürlich wird primär der Festa-Horror kommentiert. Kann das der Sinn eines „Horror-Journals“ sein? Das Interview mit Michael Smith oder der Lovecraft/Leiber-Artikel von Joshi hängen ziemlich in der Luft; sie sind interessant für den Fachmann, nutzten aber 2003 dem deutschen ‚Durchschnittsfan‘ wenig, denn es dauerte noch einige Jahre, bis diese u. a. Autoren in Deutschland verlegt wurden.

Rezensionen werfen angesichts des zur Verfügung stehenden Platzes stets eine Frage auf: Wieso werden gerade diese Titel vorgestellt? Sie sollen offenbar auf den Nischen-Horror abseits der gepushten Bestseller-Grusler aufmerksam machen – recht so, aber was nützt es, wenn die herausgepickten Werke trotz Kritiker-Lobeshymen keineswegs überzeugen? Und weil auch hier die Festa-Autoren überwiegen, merkt man die Absicht und ist verstimmt.

Das „Journal“ ist bebildert; schwarzweiß insgesamt und gut, wenn es darum geht, Artikel zu illustrieren. Autorenporträts und Abbildungen von Buchausgaben oder Filmen, die wir hierzulande sonst wohl nie zu sehen bekämen, erfreuen das Leserauge. Das ist auch wichtig, da es sich verfinstert, sobald sich ‚Künstler‘ daran machen, den fiktiven Grusel durch Illustrationen zu verstärken. Dies gelingt ihnen außerordentlich gut, wenn auch garantiert nicht so wie vorgesehen: Es schaudert einen wirklich ob dieser Mischung aus bedeutungsschwangerem Horrorsymbolismus der ungelenken Art und Kinderbuch-Kunsthandwerk. (Vorsatzblatt oder S. 182; wer für das eine oder das Andere jeweils verantwortlich ist, bleibt rätselhaft, da sich die Bildnachweise auf Seite 3 nur bedingt mit dem Einzelwerk in Verbindung bringen lassen.) Unter den Armlosen ist der Einhändige König, und das ist in diesem Fall Timo Kümmel, dessen Bilder zwar auch keinen hintergründigen Schrecken erzeugen, aber wenigstens professionell umgesetzt wurden; es ist kein Wunder, dass Kümmel sich inzwischen einen Namen machen konnte.

Cliffhanger der unerfreulichen Art

Einen dicken Minuspunkt verdankt „Das Omen“ der ärgerlichen (und peinlichen) Tatsache, dass fünf Seiten der Hodgson-Erzählung spurlos verschwunden sind – vom Seemonster gefressen? Werden Manuskripte heute gar nicht mehr kontrolliert, bevor sie in den Druck gehen? Falls nein, sollte man diesen Prüfgang wenigstens dann wieder einführen, wenn man ein neues Buchprojekt an den Start bringt. (Die fehlenden Seiten wurden in Ausgabe 2 nachgereicht)

So blieb Festas erstes „Horror-Journal“ eine zwiespältige Angelegenheit – mehr Versprechen als die Erfüllung des Traums, endlich mit mehr als dem mainstreamigen Kingkoontzhohlbein-Horror abgefüttert sowie mit Hintergrund-Informationen versorgt zu werden.

Copyright © 2017 by Michael Drewniok (md)

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