Von Mr. Holmes zu Sherlock – Meisterdetektiv. Mythos. Medienstar

Mattias Boström
Von Mr. Holmes zu Sherlock. Meisterdetektiv. Mythos. Medienstar

Originaltitel: Från Holmes till Sherlock (Stockholm : Piratförlaget 2013)
Übersetzung: Hanna Granz
Dt. Erstausgabe (Paperback): Januar 2016 (btb Verlag/Nr. 71336)
608 S.
ISBN-13: 978-3-442-71336-3
eBook: Januar 2016 (btb Verlag)
5233 KB
ISBN-13: 978-3-641-16684-7

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Ein Mann hat eine wirklich gute Idee

Autor Boström beginnt seine Darstellung mit der Biografie des Schriftstellers Arthur Conan Doyle, der 1859 im schottischen Edinburgh geboren wird und eigentlich die Laufbahn eines Arztes anstrebt. Allerdings läuft die Praxis anfangs schleppend, weshalb Doyle Zeit genug bleibt, seinem Hobby nachzugehen, das sich zu einem erträglichen Nebenerwerb entwickelt: Doyle schreibt gern Geschichten. Er besitzt Talent und ist bereit, sich nach den Wünschen eines möglichst kopf- und kaufstarken Publikums zu richten.

Auf der Suche nach einer zündenden Idee erinnert sich Doyle an einen Dozenten, den Arzt und Früh-Forensiker Dr. Joseph Bell (1837-1911), der dafür berühmt war, kaum sichtbare Hinweise zu entdecken, auszuwerten und zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Doyle erschafft die Figur eines Ermittlers, der diese Fähigkeit vervollkommnet und zur Aufdeckung von Verbrechen einsetzt: 1887 erscheint Sherlock Holmes in „A Study in Scarlet“ (dt. „Eine Studie in Scharlachrot“). Die intellektuelle Kühle unterstreicht und relativiert Doyle geschickt, indem er dem Detektiv einen betont ‚menschlichen‘ Chronisten zur Seite stellt – Dr. John Watson, der stellvertretend für die Leser Holmes immer wieder zwingt, seine Methoden und Schlussfolgerungen zu erläutern.

Der Erfolg lässt auf sich warten, aber als er kommt, wird Doyle bekannt und wohlhabend. Außerdem ist er geschäftstüchtig: Nachdem sich abzeichnet, dass Holmes & Watson theatertauglich sind, schreibt er mit dem Schauspieler William Gillette (1853-1937) ein Bühnenstück. Im 20. Jahrhunderte erobert Holmes rasch jedes neue Unterhaltungsmedium: Radio, Film, Fernsehen. Doyle wird reich – und wunderlich: Boström schildert seinen Glauben an den Spiritismus, dem ausgerechnet er, Schöpfer des rationalen Sherlock Holmes, allzu kritiklos anhängt.

Das Geschöpf macht sich selbstständig

Holmes hat sich längst von seinem Schöpfer emanzipiert, als Doyle 1930 stirbt. Schon zu seinen Lebzeiten haben andere Autoren begonnen, neue Kriminalfälle zu ersinnen. In einer Welt, die juristisch keine globale Einheit bildet, kämpfen Doyles Nachkommen und Erben energisch um Urheberrechte und Tantiemen. Parallel dazu beginnt die Ära der „Sherlockians“, jener fast schon fanatischen Fans, die Holmes und Watson als reale Personen betrachten, deren ‚Leben‘ quasi wissenschaftlich untersuchten und kommentieren. (Ähnlich hartnäckig sind sie nur, wenn es darum geht, ihre Reihen frauenfrei zu halten.)

Ab 1939 wird das Duo in 14 Hollywood-Spielfilmen durch die Schauspieler Basil Rathbone (1892-1967) und Nigel Bruce (1895-1953) so genial verkörpert, dass sie über Jahre Holmes bzw. Watson SIND. Später zerschlagen sich viele Film- und Fernsehprojekte, weil die zerstrittenen Doyle-Kinder überzogene Forderungen stellen oder Rechte mehrfach verkauft werden. Solange die Söhne Adrian und Denis leben, gibt es immer wieder Auseinandersetzungen.

Ungeachtet dessen bleiben Holmes & Watson nicht nur präsent. Sie erobern neue Länder, Publikumsschichten und Medien. Als nach und nach die Copyright-Rechte an den Holmes-Romanen und -Storys auslaufen, müssen der Doyle-Clan und seine Advokatenschar nicht mehr gefürchtet werden. Ohne an inhaltliche oder formale Vorgaben gebunden zu sein, experimentieren unzählige Autoren mit dem berühmten Duo. Die Zahl der Holmes-Pastiches wächst quasi exponentiell, längst steht dem „Kanon“ der originalen Doyle-Geschichten eine wahre Bibliothek eigenständiger Werke gegenüber.

Angekommen, um weiter durchzustarten

Zu einem weiteren Meilenstein der Holmes-&-Watson-Chronik wird die englische TV-Serie „The Adventures of Sherlock Holmes“ (1984-1994; dt. „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“), in der Jeremy Brett (1933-1995) in der Titelrolle brilliert. Ausführlich beschreibt Boström die Tragik eines fabelhaften Schauspielers, der einerseits in seiner Rolle aufgeht und Maßstäbe setzt, während er andererseits an seiner psychischen Krankheit zugrunde geht.

Das 21. Jahrhundert setzt vor allem medial neue Akzente: Unter der Regie von Guy Ritchie kehren Holmes & Watson nicht nur im Film zurück, sondern stoßen in die Sphäre des modernen Kino-Blockbusters vor. Ein wichtiges Merkmal ist die Modernisierung, der beide Figuren unterzogen werden. Sie sind dem problemlos gewachsen, was von Bedeutung ist, als 2010 die BBC die dreiteilige Mini-Serie „Sherlock“ ausstrahlt: Benedict Cumberbatch und Martin Freeman sind nicht Holmes & Watson, sondern Sherlock & John, die in der Gegenwart moderne Kriminalfälle lösen, ohne dass darüber die Magie der Figuren verlorengeht. In den USA ermitteln ein ‚anderer‘ Holmes (Jonny Lee Miller) und Dr. Joan (!) Watson (Lucy Liu) seit 2012 ebenfalls erfolgreich.

„Sherlock“ markiert den aktuellen Status der Holmes-Historie, deren Ende definitiv nicht in Sicht kommt, weil und solange es gelingt, Holmes und Watson neu zu interpretieren, ohne das darüber das von Doyle geschaffene Beziehungsgeflecht zu vernachlässigen. Es trägt seit mehr als einem Jahrhundert seine Figuren, die sich mühelos in der Gesellschaft moderner (Super-) Helden behaupten und die meisten von diesen – das ist kein Schuss ins Blaue – überleben werden.

Chronist aus dem hohen Norden

Die Geschichten von Arthur Conan Doyle, Sherlock Holmes & Dr. Watson sind schon oft erzählt worden; die Prominenz des Trios, das seit mehr als einem Jahrhundert aus der populären Kultur nicht mehr wegzudenken ist, lädt dazu ein. Bereits erwähnt wurden die „Sherlockians“, die in dieser Hinsicht jeglichen Realitätssinn bewusst ausblenden, um noch dem kleinsten (Pseudo-) Informationskrümel bis in den letzten wissensfreien Winkel hinterherzujagen.

Mattias Boström ist zwar ein Kind des hohen europäischen Nordens, was jedoch keine Schwierigkeit darstellt, da Holmes & Watson auch diese Region schon früh und gründlich in ihren Bann gezogen haben; ein (besonders) interessantes Kapitel geht dieser Frühgeschichte nach, die auch deshalb von Bedeutung ist, weil sie eine Ära repräsentiert, in der die Urheberrechte eines Schriftstellers oder eines Verlags außerhalb der jeweiligen Landesgrenzen keineswegs gewahrt blieben. Viele Jahrzehnte war es in vielen Ländern völlig normal sowie legitim, Doyles Werke zu übersetzen und zu drucken, ohne ihn an den Erträgen zu beteiligen – ein Aspekt, den Doyle und später seine Erben verständlicherweise voller Zorn (und Advokatentücke) zu quittieren pflegten.

Boström ist ein waschechter „Sherlockian“ mit entsprechender Intention, weshalb er nicht nur die zum Teil gut bekannte Doyle-Biografie oder das Thema Holmes in den Medien aufarbeitet, sondern auch in die Historie der Super-Fans abtaucht, die ihren Teil dazu beitrugen, Holmes & Watson zu Kultfiguren zu erheben. In diesem Zusammenhang kann Boström viele wenig oder gar nicht bekannte Fakten präsentieren. Parallel dazu erzählt er von den Doyle-Kindern. Vor allem die Söhne Denis und Adrian treten als selbsternannte Stellvertreter ihres Vaters, durchaus geldgierige Erben und tragische Gestalten auf: eine fesselnde Geschichte, der Boström zu Recht viel Raum gibt.

Je später, desto hastiger

Einen deutlichen Einschnitt stellt der Leser um das Jahr 1970 fest. Nach dem Tod der Söhne beginnt der Holmes-Kosmos förmlich zu explodieren, weil nun die schärfsten Kritiker seiner Expansion nicht mehr Einhalt gebieten. Man bekommt den Eindruck, dass Boström den Anschluss verliert. Seine Darstellung beginnt auszufasern. Punktuell bleibt er präzise und ausführlich; so lernt man viel über die TV-Serie „Die Abenteuer des Sherlock Holmes“. Die immerhin im Titel aufscheinende Serie „Sherlock“ wird dagegen nur flüchtig abgehandelt. Ebenso skizzenhaft bleiben Holmes & Watson in anderen, hier vor allem den digitalen Medien. Man könnte meinen, dass Boström vom Verlag Einhalt geboten wurde, weil das konsequente Durchhalten seiner Darstellungsintensität – die nicht selten in Faktenhuberei ausartet – ein mehrbändiges Werk hervorgebracht hätte. Zunehmend stärker mischt sich außerdem Autobiografisches in den Text. Boström erzählt, wie er selbst zum „Sherlockian“ wurde und welche Abenteuer er dabei erlebte. Das ist einerseits interessant zu lesen, lenkt aber andererseits vom Thema ab. Nüchtern ausgedrückt: Da gäbe es Wichtigeres! Boström ist sichtlich eher Fan als Autor; ihm fällt es schwer, seinen Stoff rigoros zu strukturieren.

Dass hinter den Kulissen dieses Buches auch der Sparfuchs ein gewichtiges Wort mitzusprechen hatte, belegt die beklagenswerte Abbildungsarmut. Die wenigen historischen Bilder konzentrieren sich auf den Rückseiten des Pappumschlags. Zwar gibt es auch im Innenteil einige Fotos, doch die hat entweder der Verfasser selbst geschossen oder sie sind urheberfrei. Geld für Abbildungsrechte floss jedenfalls wenig.

Nichtsdestotrotz hat Boström einen gewaltigen Faktenberg nicht nur erklommen, sondern dabei auch viele Suchschnitte angelegt, wovon u. a. die Literaturangaben zeugen. Er fügt das Entdeckte quasi romanhaft zusammen, was riskant ist, da manches so klingt, aber habe es sich genauso zugetragen, wie Boström es wiedergibt. Auf der anderen Seite fördert dieser Stil die Lesbarkeit. So dominiert zwar Mr. Holmes den späten Sherlock. Trotzdem kommen beide – der ‚traditionelle‘ und der ‚moderne‘ Holmes-Freund – mit diesem Buch auf ihre Kosten!

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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