Wer war Jack the Ripper?

Patricia Cornwell
Wer war Jack the Ripper?
Porträt eines Killers

Originaltitel: Portrait of a Killer. Jack the Ripper. Case Closed (New York : G. P. Putnam’s Son 2002)
Übersetzung: Hainer Kobel
Deutsche Erstausgabe: 2002 (Hoffmann und Campe Verlag)
415 Seiten
ISBN-10: 3-455-09365-5
Neuausgabe: März 2005 (Goldmann Verlag/TB Nr. 45806)
477 S.
ISBN-13: 978-3-442-45806-6

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Serienkiller als Garantie für Aufmerksamkeit

Er ist nicht einmal der schlimmste unter den historischen Serienmördern und im Vergleich zu den meisten modernen Nachfahren geradezu ein Waisenknabe, aber er war auf seine Art tüchtig, trieb sein Unwesen in malerischer Kulisse, wurde niemals erwischt und vor allem mit einem ausgeprägten Sinn für Selbstvermarktung begabt: Jack the Ripper, der Schrecken des Londoner Elendsviertels West End, der im Sommer und Herbst des Jahres 1888 mindestens fünf Prostituierte nicht nur ermordete, sondern schlachtete und in Stücke schnetzelte, sich seiner Taten höhnisch brüstete, von der Polizei gejagt wurde und dann so spurlos verschwand, wie er gekommen war – ein Jahrhunderträtsel, für das in den seither verstrichenen Jahrzehnten Generationen von Sensationsjournalisten in Sauregurkenzeiten ausgesprochen dankbar waren.

2003 kam ein Werk dazu, das sich nicht nur deshalb schwer übersehen ließ, weil es mit multimedialem Donnergetöse unter die zwangsfaszinierte Leserschaft geworfen wurde. Es war außerdem von St. Patricia Cornwell verfasst, der Schutzheiligen der Literatur-, Film- und Fernseh-Pathologen, die mit ihrer kriminalistisch inzwischen weltweit tätigen Skalpell-Detektivin Kay Scarpetta seit vielen Jahren ein Millionenpublikum in den Bann zieht.

Da Cornwell selbst vom Fach und außerdem erfolgreich ist, muss sie wohl mehr von der Materie verstehen als ihre eher schweigsamen Kolleginnen und Kollegen am Seziertisch. Ergo klingt es für den „True Crime“-geschulten Zeitgenossen – „Mit RTL2 auf der Kadaver-Farm des FBI“ – logisch, dass ihrer Heldin tatsächlich gelang, woran bisher viele hohle und einige kluge Köpfe gescheitert waren.

Die (angeblichen) Fakten

Also: Jack the Ripper ist – ein Deutscher; man könnte ihn auch als Münchner in der Hölle bezeichnen, denn dort wurde Cornwells Mörderschwein (und diese Bezeichnung wird mit weiter unten noch zu erläuternder Absichtlichkeit benutzt) Walter Richard Sickert 1860 geboren. Später wanderte er mit seiner Familie nach England aus, trug aber seine teutonische Tücke als Lust an Demütigung und Gewalt unter die ahnungslosen Angelsachsen. Durch eine fiese Laune der Natur zwischen den Beinen mit einem funktionsuntüchtigen Gemächt geschlagen, begann sich Sickert nach Cornwell irgendwann in den 1880er Jahren an den Frauen dieser Welt, die er nicht „haben“ konnte, zu „rächen“, indem er sie reihenweise und voll des Zorns zerpuzzelte.

Weil Sickert dämonisch schlau und die Polizei ziemlich dämlich war, schlüpfte er der Gerechtigkeit mordend durch die Maschen und starb mit 81 Jahren friedlich im Bett – jedenfalls galt dies, bis Patricia Cornwell, die Rachegöttin der geschundenen Menschenkreatur, auf der Bildfläche erschien. Mit viel Geld, Ehrgeiz und Vorurteilen stürzte sie sich auf das Ripper-Rätsel, und bald war klar, dass sie nicht ruhen würde, bis die Maske gefallen wäre, koste es was es wolle – Geld oder Glaubwürdigkeit.

Ein Heer cornwellscher Mit-Forscher ergoss sich über die westliche Welt, um Archive und Bibliotheken auf den Kopf zu stellen, Sickert-Gemälde, Briefe und sogar seinen Schreibtisch zu kaufen. (Es hätte sich ja ein Geheimfach öffnen und ein Geständnis herausfallen können.) Anderthalb Jahre ließ Cornwell bienenfleißig untersuchen, brüchige Briefmarken von uralten Briefumschlägen hebeln, um Ripper-Spucke auf DNA-Brocken zu sichten, ein Sickert-Gemälde auseinandernehmen, heuerte Pathologen, Genealogen und Archäologen an – und verglich vor allem Fotografien, Zeichnungen, Papiere und Wasserzeichen, bis sich nicht nur ihr der Kopf drehte. Siehe da, die Indizien häuften sich dafür, dass Sickert tatsächlich Jack the Ripper war!

Das lästige Problem der Glaubwürdigkeit

Nur zu echten Beweisen wollen sie sich leider nicht formen lassen. Anscheinend brachte es Cornwell nicht über sich einzugestehen, dass die Behauptung „Case closed“ eine arge Übertreibung – höflich ausgedrückt – ist. Aber wie sie uns in einem (erschütternd schlechten) „Warum ich das tue“-Erinnerungs-Kapitel informiert, ist sie felsenfest davon überzeugt, dass Sickert 1) der Ripper ist und 2) ein Monstrum, ein Tier, ein Unhold, der endlich zur Strecke gebracht werden muss. Letzteres drückt sie etwas (aber nicht sehr) zurückhaltender aus. Es entstand freilich der Verdacht, dass sie schon recht früh an Sickerts Schuld glaubte. Ab diesem Zeitpunkt scheint Cornwell alle Beweise in ihr bereits gefügtes Bild integriert zu haben.

Sogar der kriminalistische Laie merkt, dass sehr oft etwas faul ist an Cornwells Argumentation. Indiz wird auf Indiz getürmt. Vieles überzeugt; so ist es durchaus möglich, dass Sickert, der wohl in der Tat kein liebenswerter Zeitgenosse war, einige Ripper-Briefe verfasste, um sich an der dadurch hervorgerufenen Verwirrung zu ergötzen. Doch Cornwell behauptet nicht mehr und nicht weniger, dass die archivierten Ripper-Mails, Hunderte an der Zahl, so gut wie sämtlich von Sickert geschrieben, gepinselt, gemalt oder sogar per Flaschenpost verschickt wurden. Dabei verschweigt sie, dass es weitaus mehr ‚Bekennerpost‘ als die von ihr postulierten 211 Ripper-Schreiben gab – und die stammten garantiert nicht ebenfalls von Jack und/oder Sickert!

Fast zwanghaft stellt Cornwell Vergleiche zwischen den Zeichnungen des Rippers (Jawohl, Jack hat sich künstlerisch betätigt!) und des Künstlers Sickert an. Für die deutsche Ausgabe haben dessen Nachkommen eine fotografische Wiedergabe untersagt. Nur Zeichnungen durften abgedruckt werden. Sie verdeutlichen, was die Gemälde wohl unterstrichen hätten: Die von Cornwell behaupteten stilistischen Übereinstimmungen können einfach nicht überzeugen, selbst wenn die von ihr beauftragten Spezialisten ihrer Auftraggeberin erzählten, was diese hören wollte.

Er muss es gewesen sein = war es!

Noch weniger gilt dies für die Analyse des Sickertschen Motivschatzes. Frauenhass und psychopathische Mordlust quillt nach Cornwell aus jedem Pinselstrich. Das ist einfach grotesk, besonders wenn man es im Gesamtzusammenhang sieht: Walter Sickert ist für Patricia Cornwell das Böse schlechthin. Jede Sekunde seines Daseins hat er nach ihrer Überzeugung danach getrachtet zu tücken, zu lügen und zu morden. Dabei ist es ihm mehr als ein halbes Jahrhundert gelungen, die bestrebte, aber beschränkte Polizei zu foppen und nicht nur weiter zu morden, sondern Myriaden kaum verhohlener Hinweise auf seine Untaten zu streuen, welche leider vor Patricia Cornwell & Team leider niemals bemerkt wurden.

Nein, so funktioniert es nicht. Cornwell ist in mehr als einer Beziehung über ihr Ziel hinausgeschossen. „Wer war Jack the Ripper“ hat nicht grundlos ordentlich kritischen Gegenwind erfahren. Davon erfahren wir von der Autorin freilich nichts. Sie verfügt über das Glück der Tüchtigen bzw. Prominenten: Es klingt zunächst so überzeugend, was sie schreibt. Wer kennt dagegen schon die Einwände zwar gelehrter aber unbekannter Kriminalisten, die überzeugend gegen Cornwell argumentieren und dabei einige unschöne mögliche Wahrheiten äußern? Am Bestseller-Ruhm des Werkes konnten sie jedenfalls nicht rühren.

Durch Cornwells Kreuzzug gehen die positiven Aspekte ihres Ripper-Buches leider unter. Wo sie sich darauf beschränkt Tatsachen wiederzugeben, kann sie nämlich durchaus überzeugen. Ihre Darstellung von London im ausgehenden 19. Jahrhundert ist deutlich, ehrlich, unsentimental und dadurch umso eindrucksvoller. Die Grausamkeit einer Welt ohne soziales Netz wird überdeutlich, auch wenn Cornwell allzu leicht in grobfeministische Fahrwasser gerät, auf denen es sich vortrefflich gen Reiseziel Wut & Betroffenheit segeln lässt. Das viktorianische England war für den armen Mann letztlich dieselbe Hölle wie für die arme Frau.

Jenseits allzu blinden Eifers

Die pathologischen Grundseminare, mit denen Cornwell uns immer wieder beglückt, sind ebenfalls gelungen. Schließlich verdient sich die Verfasserin ihren Lebensunterhalt damit, deshalb sollte sie sich auskennen. Deshalb wirkt es nicht einmal penetrant, wenn sie ums immer wieder darauf hinweist, welcher Apparat sich heute in Bewegung setzen würde, käme der Ripper noch einmal aus seinem mythischen Versteck hervor.

Jawohl, heute würde man ihn erwischen, das glaubt man Cornwell – möchte man ihr glauben, denn ein Anliegen ihres Ripper-Buches ist die Suggestion, dass heutzutage ein grässlicher Irrtum der Natur, wie ihn ihrer Meinung nach Walter Sickert/Jack the Ripper darstellt, dank der modernen Wissenschaft nicht mehr ungesühnt sein Unwesen treiben kann. Wer’s glaubt …

Interessant ist natürlich die (nie ausgesprochene) Tatsache, dass es einer US-Amerikanerin bedurfte, den schwerfälligen Europäern beim Lösen des Ripper-Mysteriums auf die Sprünge zu helfen. Da spielt eine Menge Hochmut plus Sendungsbewusstsein mit, den wir aus anderen Zusammenhängen gut kennen. Man glaube deshalb nicht, dass Cornwell sich belehren ließ. Dies zeigte spätestens ihr 2017 veröffentlichtes Sachbuch „Ripper: The Secret Life of Walter Sickert“.

Autorin

Patricia Cornwell ist weltberühmt. Daher möchte ich es an dieser Stelle dabei bewenden lassen, auf die Website der Schriftstellerin hinzuweisen.

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