Geliebter Affe und andere Offenbarungen

Yoshihiro Tatsumi
Geliebter Affe und andere Offenbarungen

(sfbentry)
Carlsen Manga, Hamburg, Originalausgabe: 03/2013
PB mit Klappenbroschur
Gekiga/Graphic Novel, Drama
ISBN 978-3-551-72326-0

www.carlsen.de
www.don-tatsumi.com/index.html (dead link)

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Der Autor und Zeichner Yoshihiro Tatsumi gilt als einer der Begründer des Gekiga (dt. „Bilderdrama“ oder „dramatische Bilder“), mit dem sich eine Gruppe junger japanischer Zeichner in den 1950er Jahren von dem Begriff Manga – und der damit einhergehenden Assoziation von Bildergeschichten für Kinder – abgrenzen wollten. Und dramatisch, ungeschönt und bisweilen richtig hässlich geht es in Tatsumis Geschichten zu:

Da wird sich der frisch pensionierte Abteilungsleiter Hanayama seiner neuen Nutzlosigkeit bewusst und versucht, dies u. a. mit einer glücklosen Affäre zu kompensieren („Manneskraft“). Ein Sohn schiebt seine pflegebedürftige Mutter in ein einsames Apartment ab, um mit seiner Verlobten alleine sein zu können („Altes Zeug“). Ein Vergewaltiger kehrt nach seinem Gefängnisaufenthalt zu seinem Opfer zurück, um sich zu entschuldigen und um seinen Sohn zu sehen („Die Tränen der Bestie“). Der Schuh- und Beinfetischist Yamano sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben, und der Zufall zeigt ihm einen Weg, wie er auf erfüllte Art sterben könnte („Tacktacktack“). Eine japanische Soldatenhure ist enttäuscht, weil ihr amerikanischer Liebhaber zurück zu seiner Familie geht, und verführt daraufhin im Suff ihren eigenen Vater („Goodbye“).

Insgesamt 13 Geschichten sind hier enthalten, deren Protagonisten sich auf diese und ähnlich Art am Rand der neuzeitlichen japanischen Kultur und ebenso am unteren Ende des moralischen Spektrums bewegen – keine Epen von Ehre und Achtung, sondern bittere, ungeschminkte und nicht selten schockierende Erzählungen über Rache, Tod, Triebe und existenzielle Ängste von der Verliererseite der Gesellschaft. Oftmals sind die Figuren nur noch Geduldete, Randfiguren, die sich moralische Bedenken gar nicht mehr leisten können. Aufgrund Tatsumis stets eindringlicher Erzählart, und da er nie richtet oder offensichtlich den moralischen Zeigefinger erhebt, ist die Leseempfehlung ab 14 Jahre für einige der Beiträge doch recht tief angesetzt. Die Zeichnungen sind recht einfach gehalten und können nicht mit den Bildern moderner Mangas verglichen werden. Dennoch versteht es Tatsumi, durch das Minen- und Gestenspiel seiner Figuren deren Elend und Zerrissenheit deutlich sichtbar zu machen. So entwickeln die Geschichten eine unangenehme Eindringlichkeit, die den Band zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis macht.

Nach „Existenzen“ ist „Geliebter Affe“ der zweite Sammelband von Yoshihiro Tatsumi mit zum Teil außerhalb Japans bisher unveröffentlichten Kurzgeschichten. Carlsen veröffentlicht auch diesen Band unter der Bezeichnungen Graphic Novel schön aufbereitet als Paperback mit Klappenbroschur. Die Leserichtung wurde angepasst auf von-links-nach-rechts, wofür die Seiten gespiegelt wurden. Mit einem Preis von knapp 20,- Euro richtet sich die Veröffentlichung klar an Fans und Sammler. Außerdem ist bei Carlsen Yoshihiro Tatsumis mehr als 800-seitige „Autobiografie in Bildern“ „Gegen den Strom“ erschienen, für die der Autor zwei Eisner Awards erhalten hat.

Außergewöhnliche Kurzgeschichtensammlung von einem der Begründer der japanischen Bilderdramen Gekiga. Eindringliche Erzählungen vom gesellschaftlichen Bodensatz des modernen Japan.

Copyright © 2014 by Elmar Huber (EH)

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