Harlekin

Katja „Libby Reads“ Kober
Harlekin

(sfbentry)
Cursed Side, München, 03/2011
TB, dt. Illustrated Novel
Boys Love/Slash, Romance, Drama
ISBN 978-3-942451-01-7
Titelillustration, 18 SW-Illustrationen und Skizzen im Innenteil von Janine Sander
Leseempfehlung: Ab 16 Jahre!

www.cursed-side.de
http://myblog-libbyreads.blogspot.com/
http://arnienna.livejournal.com/
http://mrsrabbit.deviantart.com/

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

Max Arndt ist 27 Jahre alt, hat einen guten Job in einer Werbeagentur, der ihn ausfüllt, und mit Abel Steiner, seinem Vorgesetzten, einen attraktiven, weltgewandten Freund, der ihn glücklich macht. Sogar mit dessen Eltern versteht sich Max blendend. Sein Leben verläuft in geordneten Bahnen und ist vorhersehbar.

Bis er Abels jüngeren Bruder Noah kennen lernt. Der 18-jährige, der ein Schweizer Internat besucht, weilt gerade zu Hause und schafft es vom ersten Moment an, Max zu verwirren. Schon wegen Abel wünscht sich Max eine gute Beziehung zu Noah und lässt sich darum auf dessen unkonventionelle Aktionen ein, bei denen er meist der Dumme ist. Je besser Max Noah kennen lernt, umso mehr entfremdet er sich von Abel und beginnt, diesen mit anderen Augen zu sehen. Was Max bei seinem Freund für Größe und Extravaganz hielt, entpuppt sich immer mehr als Karrieresucht und Egoismus, und für ihn selber ist lediglich eine Nebenrolle in Abels Plänen vorgesehen. Obwohl Max längst klar ist, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben und sein Herz Noah gehört, fällt es ihm schwer, den Schlussstrich zu ziehen und sein Leben umzukrempeln. Denn Noah ist so jung, ein gänzlich anderer Mensch und sicher heterosexuell. Das kann niemals gut gehen …

Die meisten Boys Love-Fans haben sicher auch schon die eine oder andere Light-Novel oder Nippon-Novel gelesen, die im gleichen Genre angesiedelt ist. Für gewöhnlich wird eine Beziehung zwischen zwei jungen Männern thematisiert, die sich ineinander verlieben und viele Hürden – Rivalen, Intrigen, die Akzeptanz ihrer Homo-/Bisexualität etc. – überwinden müssen, bevor sie ihr Glück finden. Selten geht die Handlung über das romantische oder erotische Hin und Her hinaus und kombiniert dieses z. B. mit Krimi-Elementen oder verlagert das Setting in eine Fantasy-Welt. Das trifft auch auf „Harlekin“ zu, die erste Illustrated Novel von Cursed Side, einem jungen Verlag für BL-Mangas und –Novels, der aus der Fusion von Cursed Publishing und The Wild Side entstand (ältere Titel beider Verlage sind weiterhin erhältlich), und dem Debütroman von Katja „Libby Reads“ Kober. Das Titelbild und der Klappentext lassen ahnen, worum es geht und dass wenig passieren wird…

… und doch, sofern man das Genre mag, lässt man sich nach wenigen Zeilen von der Autorin einfangen und folgt interessiert der Geschichte. Denn Katja „Libby Reads“ Kober kann schreiben. Sie schildert überzeugend die Geschehnisse aus der Perspektive von Max und bedient sich dabei gezielt einfacher Worte und Satzstrukturen, so dass man das Gefühl hat, der Protagonist säße einem gegenüber und erzähle von einem turbulenten Abschnitt seines Lebens. Die Ereignisse sind liebevoll mit vielen Details ausgeschmückt, mit scheinbaren Nebensächlichkeiten, die jedoch die einzelnen Charaktere definieren und den Verlauf der Handlung unauffällig und logisch lenken, insbesondere die Veränderungen, die auf Max zukommen.

Action gibt es keine, und auch die romantischen Szenen zwischen Max und Abel wirken eher nüchtern, da beide ‚Kontroll-Freaks„ sind, man zudem früh merkt, dass nur einer ‚gibt„ und der andere ‚nimmt„, was tödlich für eine Beziehung ist. Darum fällt Noah auch wie ein Wirbelwind in Max„ Leben ein; man weiß, was geschehen wird, bloß nicht das Wann und Wie.

Noah ist das krasse Gegenteil von Abel und Max. Der Grund, der früh angedeutet und später bestätigt wird, ist keine Überraschung – überraschend ist nur, dass man überhaupt nichts von Max„ Familie erfährt. Diese wird von guten Freunden ersetzt, die schneller als er erkennen, was zwischen ihm und Noah vorgeht, und regelmäßig Impulse geben. Selbst sie, egal wie klein ihre Rolle auch sein mag, erhalten ein Gesicht. Vor allem Freda, der mehr sieht, als alle anderen, seine Lebensweisheit und Ängste hinter einer überdrehten Maske verbirgt und den Hauch einer Tragödie einbringt, weiß zu gefallen. Sobald er auftritt, hat man Szenen aus dem Film „Cabaret“ vor dem inneren Auge.

Der Roman steckt voller Metaphern und Anspielungen. Masken – auch der „Harlekin“ trägt eine – sind nur ein Beispiel: Jeder Protagonist trägt eine; Abel die des jovialen, ehrgeizigen Freundes, seine Eltern die des glücklichen, erfolgreichen Paares, Noah die des unverstandenen Rebellen, Max die des zufriedenen Anhängsels von Abel. Auch die Namen haben einen tieferen Sinn: Abel ist nach der „Bibel“ das erste Mordopfer, erschlagen durch seinen Bruder, Noah derjenige, der die Menschheit, Tiere und Pflanzen rettet (wer sich dafür interessiert, kann die Bedeutung der anderen Namen in entsprechenden Büchern nachschlagen und eigene Interpretationen abgeben). Dazu passt auch, dass Max„ Liebe und Begehren als ‚Tier„ beschrieben wird, das in seinem Innern haust und sich nach Noah verzehrt.

Fakt ist, dass wirklich nicht viel passiert, schon gar nichts Unerwartetes, und doch wird man bestens unterhalten, da die Autorin den Leser durch ihre realistische Story und interessante Protagonisten – wobei die Nebenfiguren mitunter reizvoller und glaubwürdiger als die Hauptakteure sind – zu packen versteht. Natürlich gibt es auch einige Längen, wenn die Dialoge und Nebensächlichkeiten zu sehr ausufern, aber es hält sich in Grenzen und ergibt später Sinn. Man leidet mit Max, der sehr feminin dargestellt wird (wie der klassische Uke in den Light-Novels) und einfach kein Mittel findet, um dem dreisten Noah Paroli zu bieten. Angesichts des Alters- und Bildungsunterschieds wirkt das, trotz Max„ mangelnder Spontaneität, etwas übertrieben, die Scherze, die auf seine Kosten gemacht werden, sind mitunter schon verletzend.

Das Ende fällt so aus, wie man es sich erhofft hat: bitter-süß, aber nachvollziehbar und zukunftsträchtig. Die Protagonisten haben die Konsequenzen gezogen und sich weiter entwickelt. Erwähnenswert sind auch die klaren Illustrationen und Skizzen, die an die Zeichnungen von Hinako Takanaga erinnern und junge, mädchenhaft-hübsche Bishonen zeigen. „Harlekin“ ist ein großartiges Erstlingswerk und somit eine gute Visitenkarte für Cursed Side. Über die kleinen Schwächen des Romans kann man hinweg sehen, denn er erfüllt die Erwartungen der Zielgruppe – Boys Love-Fans ab 16 Jahre – bestens, erfreut durch eine optisch ansprechende Gestaltung und sehr hübsche Illustrationen und überzeugt durch einen guten Stil und eine treffende Sprache. Wenn Cursed Side dieses Niveau halten und mit regelmäßigen Publikationen aufwarten kann, könnte den ‚großen„ Verlagen eine ernsthafte Konkurrenz erwachsen.

Copyright © 2011 by Irene Salzmann (IS)

Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei booklooker.de

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