Das ägyptische Kreuz

Ellery Queen
Das ägyptische Kreuz
(Ellery-Queen-Serie, Bd. 5)

Originaltitel: The Egyptian Cross Mystery. A Problem in Deduction (New York : Frederick A. Stokes 1932/London : Victor Gollancz 1933)
Dt. Erstausgabe (unter dem Titel „Das Rätsel des Ägyptischen Kreuzes. Ein Problem von Folgerungen“): 1934 (Kulturelle Verlags-Gesellschaft/Iris-Kriminalroman 34)
Übersetzung: G. Schubert-Stevens
349 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe (unter dem gen. Titel): 1953 (Amsel Verlag/Amsel-Kriro 2)
Übersetzung: G. Schubert-Stevens
202 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1997 (DuMont Verlag/DuMont’s Kriminal-Bibliothek 1069)
Übersetzung: Monika Schurr
295 S.
ISBN-13: 978-3-7701-2358-2

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Das geschieht:

Arroyo, ein kleiner Ort irgendwo im Hinterland des US-Staates West Virginia, war bisher ein bedeutungsloser Fleck auf der Landkarte. Das ändert sich, als eines kalten Heiligen Abends die Leiche des Schulmeisters Andrew Van gefunden wird – kopflos wurde sie an einem Wegweiser in der T-Form eines „ägyptischen Kreuzes“ außerhalb des Städtchens genagelt.

Die Presse stürzt sich begeistert auf den Fall, von dem auf diese Weise auch der Kriminalschriftsteller und Hobby-Detektiv Ellery Queen erfährt. Fasziniert vom grotesken Szenario reist er nach Arroyo und beteiligt sich an den Ermittlungen. Vor Ort möchte man sich diese möglichst einfach gestalten und hält deshalb Vans Hausdiener Kling für den Hauptverdächtigen, zumal dieser seit dem Ende seines Herrn spurlos verschwunden ist. Queen bleibt skeptisch, denn seine eigenen Nachforschungen deuten auf ein wesentlich komplizierteres Geschehen hin. Wo ist Velja Krosac, ‚Hohepriester‘ des verrückten Sektenführers „Ra-Haracht“, der sich als Wiedergeburt einer altägyptischen Gottheit feiern lässt und unweit des Städtchens lagert? Niemand außer Queen möchte offenbar wissen, wieso Krosac sich in der Mordnacht nach Arroyo chauffieren ließ.

Der Fall muss ungelöst zu den Akten gelegt werden. Ein halbes Jahr später steht Queen im Garten eines feudalen Landsitzes in Long Island. Am T-förmigen Kopfstück eines alten Totempfahls hängt die kopflose Leiche des Millionärs Thomas Brad. Die Indiziensituation ist abermals verworren. In der Nähe treibt schon wieder Ra-Haracht sein Unwesen. Dieses Mal gedenkt der Detektiv nicht aufzugeben. Dummerweise ist die Schar der Verdächtigen recht kopfstark, und sie alle scheinen über mindestens zwei Identitäten zu verfügen. Ist einer von ihnen der mysteriöse Krosac, der eine uralte Blutfehde aus dem europäischen Balkan in die USA getragen hat – und kann er aufgehalten werden, bevor er seine finstere Mission endgültig erfüllt …?

Klassischer Krimi lässt Köpfe rollen

Der klassische Rätsel-Krimi gilt vor allem in seiner „Goldenen Ära“, die etwa die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen umfasst, dem politisch korrekten Kritiker als Beispiel für ‚gute‘ Unterhaltungslektüre. Um sich dieses Prädikat zu verdienen, musste ein solcher Roman nicht nur gut geplottet und geschrieben sein, sondern durfte auch nicht allzu intensiv in den Untiefen der menschlichen Seele waten, in denen die Ungeheuer mörderischer und sexueller Raserei lauern.

Während die britischen Repräsentanten des „Whodunit“ diese Grenze sorgfältig achteten, waren die US-amerikanischen Autoren weniger streng – oder weniger heuchlerisch, wie man auch urteilen könnte. Wieso muss die Realität außen vor bleiben, damit ein (literarisches) Verbrechen Vergnügen bereiten kann? Muss es nicht, lautet Ellery Queens Antwort, der 1932 mit „Das ägyptische Kreuz“ zwar keinen „Hard-Boiled“-Thriller à la Dashiell Hammett oder Raymond Chandler, sondern einen genretypisch vertrackten aber dennoch relativ zeitgemäßen Rätsel-Krimi vorlegte, in dem mehr als ein mit Blut getränkter und detailliert beschriebener Tatort besucht wird.

„In Chicago herrschten die üblichen Zustände“, lesen wir in einem Halbsatz. Gemeint ist die gewaltreiche Neuordnung des organisierten Verbrechens nach der Inhaftierung von Al Capone. Die zeitgenössischen Leser konnten diesen Hinweis mühelos entschlüsseln und erkennen, dass „Das ägyptische Kreuz“ in der alltäglichen Gegenwart spielte – und die war, das hatten spätestens die Bandenkriege der 1920er Jahre bewiesen, reich an blutigen Zwischenfällen. Geköpfte und gekreuzigte Leichen passten problemlos in diese Welt, mochten (und mögen) die Befürworter des ‚Heile-Welt-Kuschelkrimis‘ noch so laut klagen.

Dunkel war‘s, der Mond schien helle …

Obwohl Ellery Queen also in einem recht grimmigen Umfeld ermittelt, ist „Das ägyptische Kreuz“ nicht nur ein lupenreiner „Whodunit“, sondern sogar einer der besten seiner Gattung. Frederic Dannay und Manfred B. Lee, die sich hinter dem Pseudonym „Ellery Queen“ verbargen, waren noch jung und steckten voller Ideen und Übermut, dem wir recht schräge aber solide im Plot verankerte Szenen verdanken. Ellery verhört Verdächtige auf einer Nudisten-Insel, die von einer Wiedergeburt des altägyptischen Sonnengotts geleitet wird: Das ist sicherlich nicht genretypisch aber allemal unterhaltsam.

Auch sonst geht es skurril zu, wenn Queen (= das Autorenduo) eine denkwürdige Kollektion grenzdebiler Hinterwäldler vor die Schranken eines pompös lächerlichen Provinzgerichts stolpern lässt. Solche Episoden sorgen für angenehme Atempausen, bevor der Fall in die nächste Runde geht. Sie sind zudem kein Selbstzweck, wie eine wirklich überraschende Identitätsaufdeckung im zweiten Handlungsdrittel belegt; ein Schwachkopf kann ein kluges Hirn verdecken …

Der Fall – das Rätsel des ägyptischen Kreuzes – hat es in sich. In diesem Punkt machen die Verfasser keine Zugeständnisse. Sie entwerfen einen komplexen Plot mit sorgfältig verwischten Spuren, die sie auf 300 eng bedruckten Seiten taktisch geschickt aufdecken. Dem kann der Leser die meiste Zeit nur bewundernd (oder hilflos) folgen, obwohl die Autoren – auch hier ganz klassisch – ‚fair‘ spielen: Was Ellery bei seinen Untersuchungen und Verhören zutage fördert, legt er seinem Publikum offen, bevor er das Finale einläutet. Er unterbricht sogar die Handlung für einen Aufruf an seine Leser, die er darauf hinweist, dass nunmehr Gleichstand herrscht, was die Fakten im Fall des ägyptischen Kreuzes angeht. Haben sie aufgepasst, müssten sie deshalb wissen, wer hinter den Morden steckt.

Dass Dannay & Lee nicht auf Tricks verzichten, um ihren Vorsprung zu wahren, lassen sie Ellery bereits auf der ersten Seite seines (fiktiven) Vorworts offen zugeben: „In meiner Geschichte spielt Ägypten nicht einmal eine Rolle! Warum … habe ich ihr dann diesen Titel gegeben? Lies, und Du wirst es herausfinden!“ Dabei zu entdecken, wie man vom Verfasser informiert und gleichzeitig getäuscht wird, ist ungemein reizvoll.

Alle sind irgendwie verdächtig

Der „Whodunit“ ist ein Sammelbecken eigentümlicher Charaktere. Weil sich normalerweise die Handlung auf ausgiebiges Reden – Verhöre, Indiziendiskussionen, Fallrekonstruktionen – beschränkt, müssen einprägsame Figuren für Abwechslung sorgen. Das ist (s. o.) gewährleistet, aber einmal mehr weichen Dannay & Lee vom ‚geraden‘ Weg ab: „Das ägyptische Kreuz“ ist zwar reich an einschlägigen Mono- und Dialogen – vor allem Ellerys Rekonstruktion der Ereignisse im Spielzimmer der Bradschen Villa ist brillant -, doch Queen ist gleichzeitig sehr mobil, wie es sich für einen Mann seiner allem Modernen aufgeschlossenen Epoche gehört. Er denkt ausgiebig nach, und er fährt ein Automobil der Marke Duesenberg, 1932 einer der schnellsten Sportwagen der Welt.

Diese Verankerung der Ereignisse im 20 Jahrhundert führt dazu, dass Queen die Verdächtigen nicht in einem Raum zusammenführt, um sie dort mit der finalen Entlarvung des Täters zu konfrontieren. „Das ägyptische Kreuz“ endet als fulminante Verfolgungsjagd durch Amerika. Alle zeitgenössischen Verkehrsmittel – Auto, Eisenbahn, Flugzeug – kommen simultan zum Einsatz. Ellery und seine Mitstreiter rasen dem Mörder hinterher und halten dabei den Kontakt per Bote oder Telegraf. (Es geht also auch ohne Handy …) Geschickt schüren Dannay & Lee noch einmal die Spannung, bis sich die Tür eines Hotelzimmers öffnet und wir mit den Verfolgern endlich dem Schuldigen ins (pflichtschuldig irrsinnig verzerrte) Antlitz blicken.

Wenn die Autoren ihren Plot in der Vergangenheit sowie in Europa verankern, huldigen sie derzeitigen Vorurteilen: Im Balkan herrschen noch mittelalterliche Verhältnisse; die Menschen dort sind altmodisch, heißblütig und gewalttätig, Korruption, moralische Verworfenheit und Grausamkeit bestimmen die Tagesordnung. Dannay & Lee machen sich einen Spaß daraus, diese Klischees zu reiten. Sie erwähnen sogar Dracula als prominentesten Bürger Rumäniens und spielen darüber hinaus mit ihrer eigenen Herkunftsgeschichte, stammen doch auch sie wie die schrecklich nette Familie Tvar aus dem Balkan, bevor sie auswanderten, ihre Namen amerikanisierten und sich (hoffentlich) assimilierten.

Nur eine Gastrolle spielt dieses Mal Inspektor Richard Queen, Ellerys Vater. Er passt nicht recht in diese Geschichte, bleibt aber durch seinen Sohn präsent und kehrt zur Freude derer, die ihn schätzen, im großen Finale wieder ins Geschehen zurück. Seine Rolle übernimmt Ellerys ehemaliger Universitätsdozent, mit dem er sich in amüsanter Umkehrung der früheren Rollenverteilung heftige Diskussionen über die Deutung von Indizien allgemein und in diesem speziellen Fall liefert. Natürlich obsiegt der Schüler letztlich und zeigt dem alten Meister, dass er ‚erwachsen‘ geworden ist. Das erkennt auch der Leser, der 300 Seiten glänzend unterhalten und einmal mehr geistvoll an der Nase herumgeführt wurde.

Autoren

Mehr als vier Jahrzehnte umspannt die Karriere der Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971), die 1928 im Rahmen eines Wettbewerbs mit „The Roman Hat Mystery“ als Kriminalroman-Autoren debütierten. Dieses war auch das erste Abenteuer des Gentleman-Ermittlers Ellery Queen, dem noch mehr als zwei Dutzend weitere folgten.

Dabei half die gut ausgeprägte Fähigkeit, die Leserschaft mit möglichst vertrackten Kriminalplots angenehm zu verwirren. Ein Schlüssel zum Erfolg war aber auch das Pseudonym. Ursprünglich hatten Dannay und Lee es erfunden, weil dies eine Bedingung des besagten Wettbewerbs war. Ohne Absicht hatten sie damit den Stein der Weisen gefunden: Das Publikum verinnerlichte sogleich die scheinbare Identität des ‚realen‘ Schriftstellers Ellery Queen mit dem Amateur-Detektiv Ellery Queen, der sich wiederum seinen Lebensunterhalt als Autor von Kriminalromanen verdient!

Anfang der 1930er Jahre waren die Vettern jung und energisch genug, um mit „Barnaby Ross“ ein zweites Autoren-Alias aus der Taufe zu heben. Wie geplant rätselte die zeitgenössische Leserschar über die wahre Identität dieses neuen Rätselkrimi-Autors – und kaufte dessen Romane, was die eigentliche Absicht von Dannay & Lee gewesen sein dürfte. Dennoch schlossen sie die Reihe um den Gentleman-Schauspieler und Hobby-Detektiv Drury Lane nach vier Bänden ab und konzentrierten sich fortan auf den ungleich erfolgreicheren Ellery Queen.

In den späteren Jahren waren hinter den Kulissen zunehmend andere Verfasser tätig. Lee wurde Anfang der 1960er Jahre krank und litt an einer Schreibblockade, Dannay gingen allmählich die Ideen aus, während die Leser nach neuen Abenteuern verlangten. Daher wurden viele der neuen Romane unter mehr oder weniger straffer Anleitung der Cousins von Ghostwritern geschrieben.

Wer sich über Ellery Queen – den (fiktiven) Detektiv wie das (reale) Autoren-Duo – informieren möchte, stößt im Internet auf eine wahre Flut einschlägiger Websites, die ihrerseits eindrucksvoll vom Status dieses Krimihelden künden. Vielleicht die schönste findet sich hier: eine Fundgrube für alle möglichen und unmöglichen Queenarien.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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