Das Geheimnis des roten Hauses

A. A. Milne
Das Geheimnis des roten Hauses

Originaltitel: The Red House Mystery (London : Metuen 1922/New York : E. P. Dutton 1922)
Dt. Erstausgabe: 1929 (J. Engelhorns Nachfolger/Engelhorns Romanbibliothek Bd. 1024/25)
Übersetzung: Gertrud Bauer
288 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: Januar 2009 (Fischer Taschenbuch Verlag/Fischer Crime Classic 18245)
Übersetzung: Elisabeth Simon
208 S.
ISBN-13: 978-3-596-18245-9

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Das geschieht:

Wenn Mark Ablett, dilettierender Schriftsteller und Mäzen der schönen Künste, ins „rote Haus“, seine Residenz auf dem englischen Land, einlädt, wird dem gern und zahlreich Folge geleistet, obwohl der Gastgeber ein arger Snob ist. Dieses Mal wird die gewohnte Sommerfrische durch die Nachricht gestört, dass Marks Bruder Robert sich zu einem Besuch einfinden möchte. Kaum jemand wusste von Roberts Existenz; zwischen den Brüdern herrscht keine Zuneigung, und vermutlich gibt es gute Gründe, wieso Robert sich seit 15 Jahren im fernen Australien aufhält.

Antony Gillingham nutzt eine Sommerpause, um seinen Freund Bill Beverly zu besuchen, der zu den Gästen des roten Hauses gehört. Bei seiner Ankunft wird er Zeuge eines dramatischen Geschehens: Nachdem sich die Brüder Ablett in Marks Studio getroffen und offenbar gestritten hatten, fiel hinter verschlossener Tür ein Schuss. Matthew Cayley, Marks Cousin und Sekretär, verschafft sich mit Gillinghams Hilfe Zutritt; man findet Robert Ablett mit durchschossenem Schädel. Mark ist spurlos verschwunden.

Für Inspektor Birch wird er damit zum Hauptverdächtigen, obwohl Cayley dem heftig widerspricht. Für ihn kann dem tödlichen Ausgang des Streites nur ein Unfall oder ein Fall von Notwehr zugrunde liegen. Gillingham, nun ein wichtiger Zeuge, bleibt im roten Haus und betätigt sich als Detektiv. Er findet Cayley verdächtig, der offensichtlich diverse Indizien manipuliert hat. Will er seinen Cousin decken oder eine eigene Schuld vertuschen? Stück für Stück rekonstruieren der neugierige Gillingham und sein „Watson“ Beverly eine geniale Rache, die zugleich eine doppelte Täuschung ist …

Rätselkrimi mit klaren Verhältnissen

„Das Geheimnis des roten Hauses“ ist sowohl ein Unikat als auch ein Unikum: Es blieb erstens der einzige Kriminalroman seines Verfassers, der zweitens durch eine völlig anders geartete Schöpfung unsterblich geworden ist: Winnie-the-Pooh alias Pu, der Bär, eine der berühmtesten Gestalten der Kinderliteratur und heute vor allem als Trickfigur im juristischen Besitz des Disney-Konzerns weiterhin präsent.

So dankbar ihm viele Generationen von Kindern sein dürften: Der Krimileser bedauert es nach der Lektüre dieses Romans, dass Milne sich nie wieder dem Verbrechen gewidmet hat. „Das Geheimnis des roten Hauses“ ist ein erstaunliches Buch. Da ist natürlich der Plot, der sorgfältig eingefädelt und sauber abgespult wird. Der kundige Krimifreund wird allerdings schon früh bemerken, worauf dieser Fall hinausläuft. Das ist einer dieser Momente, in dem man sich das Alter des Romans vergegenwärtigen sollte.

Was gar nicht so leicht fällt. „Das Geheimnis …“ ist in einer klaren, unprätentiösen und damit zeitlosen Sprache gehalten. (Die deutsche Übersetzung kann dies nur indirekt aber dennoch wirkungsvoll vermitteln.) In einem Vorwort, das Milne 1926 für die zweite Auflage formulierte – es wurde auch der deutschen Ausgabe vorangestellt -, erläutert der Verfasser das Konzept, das er „seinem‘ Krimi zu Grunde legte. Er kritisierte (vorsichtig, allgemein, ohne namentliche Nennungen) jene zeitgenössischen Schriftsteller, die das vermissen ließen, was er für unverzichtbar hielt: eine jederzeit nachvollziehbare Handlung mit realitätsnah charakterisierten Figuren, die sich als solche in Wort und Tat verhalten sollten. Keineswegs gut hieß Milne „originelle‘ Überraschungen und skurrile Gestalten, denn diese dienten seiner Meinung nach vor allem der Vertuschung der Tatsache, dass der Autor die klare Linie nicht halten konnte oder wollte, weil er die Fadenscheinigkeit seines Plots selbst erkannte.

Dieses Vorwort ist in der Kriminalliteratur berühmt geworden, denn Milne legt den Finger auf eine Wunde, die anderen Verfassern ebenfalls zu schaffen machte. Nachdem Anthony Berkeley, Agatha Christie, Dorothy L. Sayers, Freeman Wills Crofts und andere Autoren 1928 in London den berühmten „Detection Club“ gegründet hatten, formulierte Ronald A. Knox 1929 die klassischen „10 Regeln für einen fairen Kriminalroman“, die Milnes Kritik aufnahmen und ergänzten.

Mord als intellektuelles Spiel betrachtet

Noch ein berühmter Schriftsteller zitierte Milnes Krimi, doch Raymond Chandler hatte nicht Lob im Sinn, als er 1944 sein geschätztes Essay „Die simple Kunst des Mordens“ („The Simple Art of Murder“) niederschrieb. Ihm, dem prominenten Vertreter des „hard boiled“ Krimis, war der realitätsferne „Whodunit“ der britischen Prägung ungemein suspekt. Ihm missfiel u. a. der ständige Intelligenzvorsprung des Freizeit-Detektivs gegenüber der Polizei, was höchstens im Umfeld der selbst formulierten Regeln funktionierte. Obwohl der strenge Chandler immer wieder Milnes „Geheimnis des roten Hauses“ zauste, wollte er zumindest die formale Eleganz dieses Buches nicht bestreiten. Viele Jahrzehnte nach Milne und Chandler haben sich die Gemüter der Kritiker ohnehin beruhigt; beider Werke gelten heute als Klassiker.

„Realität“ definierte Milne offensichtlich anders als Chandler. „Das Geheimnis …“ ist nicht nur Krimi, sondern auch intellektuelles Spiel. Dass wir eine erfundene Geschichte lesen, wird uns vom Verfasser mehrfach bewusst gemacht, wenn er z. B. die Handlung „einfrieren‘ lässt, damit wir uns das Gesicht einer Figur besser „betrachten‘ können und Milne die Zeit bleibt, uns ihr Vorleben zu skizzieren, insoweit es für das Geschehen von Bedeutung ist. Einmal erhebt sich der im Hintergrund präsente Autor sogar hoch in die Lüfte, um uns Lesern einen Überblick über die verschiedenen Orte der Handlung zu ermöglichen.

Kriminell konstruiert fand Chandler auch den Plot – eine Kritik, die zählt, denn der Plot stellt schließlich das Herz der Geschichte dar. Auch hier darf und muss indes Milnes Wunsch nach einen kunstvoll vertrackten Rätselkrimi im Vordergrund stehen. Selbst wenn der Leser den Braten (s. o.) früh riechen mag, wird er den Prozess der Lösung trotzdem genießen.

Holmes und Watson in der Sommerfrische

Das liegt auch an der Sorgfalt, die Milne seinen beiden Hauptfiguren angedeihen ließ. Antony Gillingham ist zwar der geniale Laie des klassischen Rätselkrimis, aber er lässt die meisten Manierismen vermissen, die alle großen aber auch exzentrischen Detektive auszeichnen. Gillingham steht mit beiden Beinen im Leben, das er dank einer Erbschaft in Unabhängigkeit führen kann. Als Kriminologe ist er bisher nicht aktiv geworden; auch im roten Haus ist es in erster Linie seiner objektiven und systematischen Sichtung und Wertung der Fakten zu verdanken, dass er Erfolg hat, wo Inspektor Birch (der irgendwann still aus der Handlung verschwindet) versagt.

Hilfreich ist selbstverständlich ein fotografisches Gedächtnis, dessen sich Gillingham sehr anschaulich bedient, wie er überhaupt seine Leser stets auf dem Laufenden hält, was den Stand seiner Ermittlungen – inklusive der Irrtümer und Sackgassen – angeht. Dafür hat er bzw. hat Autor Milne Bill Beverly an seine Seite gebracht. Dass Bill als „Watson“ des (nur ironisch als solcher auftretenden) „Holmes“ Gillingham fungiert, wird wieder einmal als Bruch mit der Handlung inszeniert: Gillingham erklärt Beverly ausführlich die Aufgaben eines „Watson“, der bekanntlich die Fragen stellt, die dem Leser auf der Zunge liegen.

Diesen „Watson“ befreit Milne ausdrücklich von einer zweiten Eigenschaft, die ihm viele Kriminalautoren gern überstülpen: Bill Beverly ist kein tumber Erfüllungsgehilfe, dessen intellektuelle Schatten der Detektiv umso glänzender vertreiben kann. Beverly wird einbezogen und zeigt immer wieder Eigeninitiative, die Gillingham sehr nützlich ist. Zwar schimmert ein leichtes Lehrer/Gillingham-Schüler/Beverly-Verhältnis durch, doch die beiden Männer sind Freunde, die sich mit einer Leichtigkeit begegnen, die Holmes und Watson ziemlich autistisch aussehen lässt …

Zum Lesespaß trägt schließlich entscheidend bei, dass Milne die Geschichte nicht in die Länge zieht. Solche Ökonomie mahnt er im Vorwort ebenfalls an. Freilich trübt das Finale den erfreulichen Gesamtausdruck trotzdem: Es fällt quasi aus, die große Demaskierung erfolgt nur indirekt. Milne mochte Gillingham offenbar nicht in der Rolle dessen sehen, der den Schuldigen an den Galgen bringt. Holmes hätte dieses Problem nicht gehabt, und in diesem Punkt bewundert man seine Konsequenz mehr als Gillinghams skrupulöse Zurückhaltung. Der Beliebtheit von „Das Geheimnis …“ konnte das aber keinen Abbruch tun. Seit dieser Roman 1922 erschien, ist er nicht nur in England, sondern auch in den USA ständig neu aufgelegt worden. Nun hat auch das deutsche Publikum endlich wieder die Möglichkeit, diesen (erneut durch ein Nachwort von Lars Schafft ergänzten) Krimiklassiker zu lesen und schätzen zu lernen.

Autor

Alan Alexander Milne wurde am 18. Januar 1882 als Sohn eines Schulmeisters in London geboren. Seine  Universitätszeit verbrachte er in Cambridge, wo er Mathematik studierte. In diese Zeit fallen erste literarische Arbeiten; mit seinem Bruder Kenneth veröffentlichte er Gedichte. Nachdem er von seinem Vater 1000 £ als „Starthilfe“ bekommen hatte, ging Milne zurück nach London, wo er sich als Schriftsteller versuchte, bis ihm das Geld ausging und er Artikel für verschiedene Zeitungen verfasste.

1906 ging er zum „Punch“, einer bekannten Satirezeitschrift. Seine Beiträge fanden Anklang, seine finanzielle Situation stabilisierte sich, und schließlich bot ihm der Eigentümer des „Punch” eine Stelle als stellvertretender Herausgeber an. Als 1914 der I. Weltkrieg ausbrach, meldete sich Milne freiwillig und diente in Frankreich. Nach seiner Rückkehr ins Zivilleben kehrte 1919 er zu seiner journalistischen und literarischen Arbeit zurück. Er schrieb diverse Theaterstücke und Bücher, so 1922 seinen einzigen Kriminalroman „The Red House Mystery“ (dt. „Das Geheimnis des roten Hauses“).

1926 folgte „Winnie-the-Pooh“, das die Abenteuer des Knaben Christopher Robin – benannt nach Milnes Sohn – mit dem Bären Winnie Puh und anderen sprechenden Tieren schilderte. Mit diesem Buch und der Fortsetzung „The House at Pooh“s Corner“ wurde Milne weltberühmt. Anfang der 1950er Jahre erlitt der Autor mehrere Schlaganfälle. Er lebte die letzten Jahre seines Lebens zurückgezogen auf seinem Landsitz in Sussex. Dort ist A. A. Milne am 31. Januar 1956 gestorben.

Copyright © 2009/2016 by Michael Drewniok (md)

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