Das Ungeheuer aus dem Sumpf

Robert E. Howard
Das Ungeheuer aus dem Sumpf

Originaltitel: Black Canaan (New York : Berkley Books 1978)
Deutsche Erstausgabe: April 1981 (Erich Pabel Verlag/Terra Fantasy 84)
Übersetzung: Klaus Mahn
Cover: Boris Vallejo
161 S.
[keine ISBN]

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Inhalt:

– Vorwort, S. 7-9

Das Ungeheuer aus dem Sumpf (Black Canaan, 1936), S. 10-54: In den Sümpfen von Louisiana übt ein Zaubermeister mit schwarzer Magie sein Schreckensregiment aus.

Delenda est (Delenda est, 1968), S. 55-63: In der Nacht vor dem Vandalen-Sturm auf Rom offenbart sich König Geiserich ein gespenstischer Verbündeter.

Der Dämon des Ringes (The Haunter of the Ring, 1934), S. 64-84: Ein eifersüchtiger Magier will sich seines Nebenbuhlers auf wahrlich teuflische Weise entledigen.

Das Haus unter den Eichen (The House in the Oaks, 1971), S. 84-107: Sein Blick durch seine Fenster fällt in eine andere Welt, doch können ihn deren Bewohner ebenfalls sehen.

Der Todestraum (The Cobra in the Dream, 1968), S. 107-115: Ein Fluch überlebt seinen höllischen Vollstrecker und macht sich selbstständig.

Dermods Fluch (Dermod’s Bane, 1967), S. 115-121: Ein grausam zu Tode gekommener Unhold sucht Opfer, die er ins Verderben locken kann.

An der schwarzen Küste (People of the Black Coast, 1969), S. 122-134: Auf einer einsamen Insel führt ein Mann einen grimmigen Rachefeldzug gegen die dämonischen Bewohner.

Die unter Gräbern hausen (The Dwellers under the Tombs, 1976), S. 134-161: Der alte Jonas plant einen Schurkenstreich, doch er fängt sich in der eigenen Falle, als er dabei schauderhafte Kreaturen aufstört.

Die schrecklich schöne Welt des Groschen-Grusels

Ein Cent pro Wort – das war der durchschnittliche Satz, nach dem die Autoren der „Pulp“-Magazine in den 1930er Jahren ‚entlohnt‘ wurden. Wer auf Geld aus dieser Quelle angewiesen war, schrieb deshalb möglichst rasch & viel. Das Ergebnis war oft entsprechend; kein Wunder, dass 9 von 10 Schriftsteller (oder Schreiberlinge) der Pulp-Ära nur noch Eingeweihten bekannt sind.

Doch die Schufterei in den Pulp-Minen bot gleichzeitig jungen und ehrgeizigen Autoren die Möglichkeit zu publizieren, sich einen Namen zu machen und diesen in klingende Münze zu verwandeln. Viele Klassiker der US-Phantastik wurden mit und durch die Groschenhefte groß.

Robert E. Howard (1906-1936) schaffte zwar den Durchbruch, doch er starb zu früh, um nachhaltig unter Beweis zu stellen, was seine Storys ankündigten: Hier stand ein Meister der unterhaltsamen Phantastik in den Startlöchern.

Horror rasant – und roh

Howard war in praktisch allen Genres präsent, die von den Pulps bedient wurden. „Das Ungeheuer aus dem Sumpf“ zeigt eine Auswahl seiner Horrorstorys. Für diesen Bereich seines Werkes sind sie einigermaßen repräsentativ, obwohl sie die wirklich guten Geschichten ausdrücklich ausklammern. Das lässt sich jedenfalls dem Vorwort entnehmen, bevor eilig erklärt wird, dass auch der ‚hastige‘ Howard, der Stoff für die Pulps strickte, sein erzählerisches Talent nicht verleugnen könne.

Solche argumentativen Fallrückzieher hat Howard weder verdient noch nötig. Hilfreicher wären Hinweise auf das historische Umfeld des Verfassers, denn es ist weniger die Qualität – ohnehin ein Begriff mit schwammigen Definitionskriterien – der hier vorgestellten Geschichten als gewisse zeitgenössische Eigentümlichkeiten, die für Staunen oder Stirnrunzeln sorgen.

Eher ungünstig steigt der Leser mit einer Titelgeschichte ein, die tief dem alltäglichen Rassismus ihrer Entstehungszeit verhaftet ist. Nicht nur dem zwanghaften Gutmenschen der Gegenwart stößt Howards Mär vom Kampf eines weißen Herrenmenschen – diesen Begriff muss man hier nicht in Anführungsstriche setzen – gegen schwarze „Sumpf-Nigger“ übel auf. Niemand dachte sich offensichtlich etwas dabei, denn sonst wäre diese Story kaum 1936 im Magazin „Weird Tales“ veröffentlicht worden; aus ökonomischen Gründen blieben die Pulps politisch und ideologisch konformistisch. (Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob „Das Ungeheuer aus dem Sumpf“ in der die unschönen Dinge deutlich beim Namen nennenden Übersetzung von 1981 heutzutage noch erscheinen dürfte.)

Objektiv betrachtet stellt Howard freilich auch in dieser Story sein Talent für abenteuerreiche Unterhaltung unter Beweis. Die Handlung ist dynamisch, die Stimmung düster und bedrohlich. Tiefsinnigkeit ist Howards Sache nicht, das Übernatürliche ist in der diesseitigen Welt überraschend heimisch; es verbirgt sich nie, sondern agiert dynamisch im Vordergrund. Damit kommt es seinen menschlichen Widersachern entgegen, denn Howards Figuren sind – Helden und Schurken – Männer der Tat. Kommt es zur Konfrontation, dann erfolgt diese direkt. In dem dann ausbrechenden Kampf kann sich der Mensch auf atavistische Kräfte aus dem Unterbewusstsein verlassen: „All seine zivilisierte Zurückhaltung war von ihm abgefallen, und übrig blieb der primitive, elementare Mensch, rasend und über den Untergang eines verhassten Feindes jubilierend.“ (S. 79) Dazu passen Seelenwanderung („Der Dämon des Ringes“) oder die leibhaftige Wiederkehr längst verstorbener aber mit der Welt der Lebenden noch nicht ‚fertiger‘ Menschen („Delenda est“).

Des Schreckens andere Töne

Während nur eine (und glücklicherweise nur kurze) Story wirklich schlecht (= vorhersehbar und abgedroschen) geraten ist („Der Todestraum“), überwiegen in „Das Ungeheuer …“ die lesenswerten Geschichten. „An der schwarzen Küste“ ist eine eindringliche Rachegeschichte auf einer fast kulissenleeren Bühne. Einmal mehr nimmt die Handlung eine unerwartete Wende: Nicht der einsame Mann flüchtet vor seinen schrecklichen Verfolgern. Howard kehrt – typisch für ihn – die Rollen um: Die Mächte des Jenseits‘ sind vielleicht letztlich stärker als der Mensch, doch dieser leistet Widerstand, und der Sieg des Bösen muss nicht selten teuer erkauft werden.

Dass Howard keineswegs auf handfeste Prügeleien mit dem Kreaturen der Nacht fixiert war, belegt „Dermods Fluch“. Hier rettet das Opfer eines irischen Schlagetots sich nicht aus eigener Kraft. Hilfe kommt von unerwarteter Seite, und sie hinterlässt kein blutiges Trümmerfeld, sondern einen weinenden (!) Mann, dem das Erlebte endlich die Kraft gibt, um seine verstorbene Schwester zu trauern.

In den Schuhen des Meisters

Eine Sonderstellung nehmen in dieser Sammlung die Storys „Das Haus unter den Eichen“ und „Die unter Gräbern hausen“ ein. Der Freund der Phantastik erkennt sofort die thematische und stilistische Nähe zu den Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft (1890-1947). Sein „Cthulhu“-Zyklus gehört zu den fundamentalen Klassikern des Genres. Lovecraft ging hier von der Prämisse aus, dass die Erde Nebenschauplatz eines kosmischen Krieges ist, den mächtige und unsterbliche Wesenheiten seit Äonen miteinander führen. Allzu neugierige Menschen erfahren mehr, als sie verkraften können; sie geraten in den Bann der Kreaturen und nehmen ein schreckliches Ende.

Noch zu seinen Lebzeiten scharte Lovecraft eine kleine Gruppe meist jüngerer Autoren um sich, die seine Geschichten nicht nur bewunderten, sondern sich selbst an der „Cthulhu“-Sage versuchten. Lovecraft förderte solche Versuche belustigt oder geschmeichelt. Mit seiner Unterstützung unternahmen später selbst erfolgreiche Autoren erste literarische Gehversuche. Zu ihnen gehörten u. a. Robert Bloch, Frank Belknap Long, August Derleth – und Robert E. Howard.

„Das Haus unter den Eichen“ und „Die unter Gräbern hausen“ zeigen einen Howard, der Lovecrafts eigentümlichen Schreibduktus einerseits gut imitieren kann, während er andererseits dessen sonst eher von schwächlichen Forscherseelen dominierte Welt mit seinen Tatmenschen bevölkerte. (Wenn „Das Haus unter den Eichen“ mehr nach Lovecraft als nach Howard klingt, so mag dies allerdings daran liegen, dass diese Geschichte erst 35 Jahre nach Howards Tod und in einer ‚Bearbeitung‘ durch Lovecrafts Nachlassverwalter Derleth erstmals veröffentlicht wurde. Andere Beispiele belegen, dass dieser sich im Rahmen solcher ‚postumer Kollaborationen‘ erhebliche Freiheiten gestattete und Storys nachdrücklich ‚lovecraftisierte‘, um sie dem Mythos, wie er ihn nach Lovecrafts Tod definierte, anzupassen.)

Einige bibliografische Anmerkungen

„Das Ungeheuer aus dem Sumpf“ basiert auf der US-Original-Kollektion „Black Canaan“, die Glenn Lord 1978 herausgab. In Deutschland erschien sie als „Das Ungeheuer aus dem Sumpf“ in der Reihe „Terra Fantasy“ der Pabel Verlags. Dieser frönte noch Anfang der 1980er Jahre der Unsitte, Taschenbücher prinzipiell auf 160 Seiten zu limitieren. War ein Roman im Original zu lang, wurde gekürzt.

Auch „Das Ungeheuer aus dem Sumpf“ erfuhr dieses Schicksal. Die Kurzgeschichten selbst blieben immerhin vom Rotstift verschont. Stattdessen ließ man zwei Storys einfach weg. „The Noseless Horror“ und „Moon of Zembabwei“ sollten später nachgereicht werden, doch das Ende der „Terra Fantasy“-Reihe verhindert das. „The Noseless Horror“ erschien 1986 als „Der Fluch der Mumie“ in der 36. Folge des Magazins „Magira“, „Moon of Zembabwei“ arbeiteten Lyon Sprague de Camp und Lin Carter 1977 zur „Conan“-Story „Der rote Mond von Zembabwei“ für „Conan von Aquilonien“ (Heyne SF-TB Nr. 4113) um.

Von den acht Storys der Originalsammlung erschienen nur zwei („Der Dämon des Ringes“ und „Das Ungeheuer aus dem Sumpf“) zu Howards Lebzeiten. Er war ein Mann vieler Projekte, zu deren Verwirklichung ihm wenig Zeit blieb. Als Howard 1936 starb, hinterließ er offenbar ganze Stöße halb oder fast fertiggestellter Manuskripte, Entwürfe und Skizzen, und als er in den 1960er Jahren ‚wiederentdeckt‘ wurde, nahmen sich zahlreiche Autoren dieses ungehobenen Schatzes an. Sie schrieben Howards Werke zu Ende oder setzten seine Vorgaben um, so gut dies ging. Lange war es schwierig zu entscheiden, was tatsächlich aus Howards Feder geflossen und was ihm nachgedichtet war. Als „Das Ding aus dem Sumpf“ 1981 in Deutschland erschien, war dieses Wissen noch einer Handvoll Eingeweihter vorbehalten. Erst allmählich wurde die Spreu vom Weizen getrennt. Heute lässt sich meist per Internet ermitteln, was Howard wirklich zuzuschreiben ist.

Autor

Robert Ervin Howard wurde am 22. Januar 1906 in Peaster, einem staubigen Flecken irgendwo im US-Staat Texas, geboren. Sein Vater, ein Landarzt, zog mit seiner kleinen Familie oft um, bis er sich 1919 in Cross Plain und damit im Herzen von Texas fest niederließ. Robert erlebte nach eigener Auskunft keine glückliche Kindheit. Er war körperlich schmächtig, ein fantasiebegabter Bücherwurm und damit der ideale Prügelknabe für die rustikale Landjugend. Der Realität entzog er sich einerseits durch seine Lektüre, während er sich ihr andererseits stellte, indem er sich ein intensives Bodybuilding-Training verordnete, woraufhin ihn seine Peiniger lieber in Frieden ließen: Körperliche Kraft bedeutet Macht, der Willensstarke setzt sich durch – das war eine Lektion, die Howard verinnerlichte und die seine literarischen Helden auszeichnete, was ihm von der Kritik lange verübelt wurde; Howard wurden sogar faschistoide Züge unterstellt; er selbst lehnte den zeitgenössischen Faschismus ausdrücklich ab.

Nachdem er die Highschool verlassen hatte, arbeitete Howard in einer langen Reihe unterbezahlter Jobs. Er war fest entschlossen, sein Geld als hauptberuflicher Autor zu verdienen. Aber erst 1928 begann Howard auf dem Magazin-Markt Fuß zu fassen. Er schrieb eine Reihe von Geschichten um den Puritaner Solomon Kane, der mit dem Schwert gegen das Böse kämpfte. 1929 ließ er ihm Kull folgen, den König von Valusien, dem barbarischen Reich einer (fiktiven) Vorgeschichte, 1932 Bran Mak Morn, Herr der Pikten, der in Britannien die römischen Eindringlinge in Angst und Schrecken versetzte. Im Dezember 1932 betrat Conan die literarische Szene, ein ehemaliger Sklave, Dieb, Söldner und Freibeuter, der es im von Howard für die Zeit vor 12000 Jahren postulierten „Hyborischen Zeitalter“ bis zum König bringt.

Die Weltweltwirtschaftskrise verschonte auch die US-amerikanische Magazin-Szene nicht. 1935 und 1936 war Robert E. Howard dennoch in allen wichtigen US-Pulp-Magazinen vertreten. Er verdiente gut und sah einer vielversprechenden Zukunft entgegen, korrespondierte eifrig und selbstbewusst mit Kollegen und Verlegern und wurde umgekehrt als noch raues aber bemerkenswertes Erzähltalent gewürdigt.

Privat litt Howard an depressiven Schüben. Diese Krankheit war in den 1930er Jahren noch wenig erforscht und wurde selten als solche erkannt oder gar behandelt. In Howards Fall kam eine überaus enge Mutterbindung hinzu. Als Hester Ervin Howard 1935 an Krebs erkrankte und dieser sich als unheilbar erwies, geriet ihr Sohn psychisch in die Krise. Im Juni 1936 fiel Hester ins Koma, am 11. des Monats war klar, dass sie den Tag nicht überleben würde. Als Howard dies realisierte, setzte er sich in seinen Wagen und schoss sich eine Kugel in den Kopf. Er war erst 30 Jahre alt. Sein umfangreiches Gesamtwerk geriet in Vergessenheit, bis es in den 1950er und 60er Jahren wiederentdeckt wurde und nie gekannte Bekanntheitsgrade erreichte, was seinen frühen Tod als doppelten Verlust für die moderne Populärkultur erkennbar macht.

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

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