Lovedeath

Dan Simmons
Lovedeath

Warner Books Hardcover
ISBN 9780446517560 (sfbentry)
Erschienen: 1993
Umfang: 310 Seiten
englisches Orginal
Genres: Englisch, Phantastik

Die fünf Gesichter des Dan Simmons. So wollte ich diese Rezi ursprünglich nennen. „Es gibt aber noch viele andere“, sagte ich mir dann. Fünf Gesichter des Dan Simmons? Nein, klingt nicht. Warum überhaupt all die verschiedenen Gesichter?

„Lovedeath“, die nach Simmons‘ erster Idee Liebestod heißen sollte (aus Wagners „Tristan und Isolde“), ist eine ambitionierte Collection, die es auf mehrere Arten schwierig macht, sie zu verkaufen. Deshalb zuerst ein Dank an John Silbersack und Warner, daß sie dieses Projekt ermöglichten.

Die Sammlung vereint fünf sehr unterschiedliche Novellen. Zu lang für eine Kurzgeschichte und damit eine Zeitschriftenveröffentlichung – zu kurz für ein eigenes Hardcover, es sei denn, man schreibt Mainstream und hat einen Namen, der einen Klang wie Ernest Hemingway oder J. D. Salinger besitzt. Leser wollen (angeblich) keine solchen Geschichten in einer Collection. Und selbst wenn, „Lovedeath“ vereint Novellen, die man überhaupt nicht unter einem Label verkaufen kann: Mainstream, atmosphärischer, erotischer Horror, so etwas wie ein realistisches Indianerwestern-Märchen für Erwachsene, Science Fiction, ein Kriegstagebuch.

Zwar ranken sich alle Novellen um das Zwillingsthema, welches der Titel angibt, Liebe und Tod. Sie tun es jedoch alle auf sehr verschiedene Art und Weise, was schon in der Wahl der Erzählperspektive und des Stils ins Auge fällt. Dadurch erhält die Collection auch etwas Gezwungenes, so als ob Simmons seinen Zweiflern seine Vielseitigkeit beweisen wollte – das hat er ohne Zweifel eindrucksvoll getan, obwohl der Band keine „Superstory“ enthält, die mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat. Allerdings ist allein das Vorwort, in dem Simmons seinen Weg zu „Lovedeath“ und einige seiner Gedanken zu den einzelnen Novellen erläutert, schon das Geld für das gesamte Buch wert.

Entropy’s Bed at Midnight
Das Bett der Entropie um Mitternacht ist eine feinsinnige Liebesgeschichte. Protagonist ist ein Versicherungsvertreter, der mit seiner sechsjährigen Tochter Caroline zu einem Urlaubsausflug nach Boulder fährt. Der Stil der Erzählung ist sachlich, fast unterkühlt gehalten. Immer wieder unterbrechen Gedanken an skurrile Unfälle, die er in seiner Karriere erlebt hat und alle in einem Orange File gesammelt hat, den Fluß der einfachen Handlung. Er liebt seine Tochter abgöttisch – und er hat Angst, unbeschreibliche Angst, daß Caroline ähnliches passieren kann wie seinem Sohn Scout (der bei einem tragischen Unfall ums Leben kam, wie der Vertreter in einem Orange File erzählt, bevor er sich nicht mehr hinter der scheinbaren Objektivität der Akten verstecken kann). Er muß erkennen, daß Liebe auch immer Freiheit bedeutet.

Dying in Bangkok
Sterben in Bangkok erhielt 1994 den Bram Stoker Award für die beste Horror-Novelle und führt den amerikanischen Arzt Merrill nach Thailand, wo er ähnlich verloren wie Robert Luczak in „Göttin des Todes“ sucht. Seine Reise durch ein sehr lebendig-exotisches Rotlichtviertel-Bangkok führt seine Gedanken immer wieder zurück zu seinem ersten Aufenthalt hier, 1970 als Vietnam-Erholungsurlaub mit seinem Freund Tres, wo sie eine sehr exklusive, gruselige, vampiröse Fellatio-Vorstellung erleben, die letztlich Tres‘ Leben kostet. Die Atmosphäre des schmutzig-leuchtenden Bangkok, wo man jeden sexuellen Wunsch kaufen kann, nimmt einen sofort gefangen, die Geschichte verläuft geradlinig und spannend; die vergangenen Ereignisse beleuchten im richtigen Timing die gegenwärtige Suche des Dr. Merrill, Simmons spart nicht an expliziten Sexszenen. Das Ende ist – auch durch das Vorwort – schnell offensichtlich und (man könnte es auch abgeschmackt nennen) Klischee.
Wenn man danach ein bißchen nachdenkt, fallen einem sicherlich zuerst Parallelen zur (besseren) „Göttin des Todes“ auf, allerdings auch Parallelen im Beschreiben fremder Länder bei Simmons allgemein. Simmons hat Indien, Thailand und Rumänien bereist, läßt seine Ortskunde und als besonders schmackhafte Zutat hin und wieder ein Wort in der Landessprache einfließen in ein atmosphärisch dichtes Porträt, das absolut authentisch wirkt, gleichzeitig jedoch auch genau jenes Klischee, das der Leser von dem Land hat, bedient – sei es nun die grenzenlose Armut und faszinierende östliche Kultur Indiens, das vom Sextourismus lebende und vom AIDS-Trauma gezeichnete nächtliche Thailand oder das graue, düstere, arme, von der allmächtigen Securitate beherrschte Rumänien.

Sleeping With Teeth Women
Mit Zahnfrauen schlafen ist eine sehr realistisch gehaltene Sage, die ein uralter Lakota-Medizinmann einem anonymen Weißen anvertraut, die von einer Art unfreiwilligen Messias handelt, der die Möglichkeit hat, sein Volk zu retten und die bleichgesichtigen Eindringlinge zu vernichten. Simmons kann es sich – zu Recht – nicht verkneifen, einmal so richtig über „Der mit dem Wolf tanzt“ herzuziehen, bevor er mit Wärme und Humor die Geschichte von Hoka Ushte, Lahmer Dachs, erzählt. Der ist mehr oder weniger ein Taugenichts, der sich nirgendwo besonders hervorgetan hat, eher den Mädchen – besonders seiner Angebeteten, Rennendes Kalb, – nachschaut, als etwas Vernünftiges zu tun. In großer Verlegenheit entscheidet er sich unbewußt, er wolle Medizinmann sein, was ihn später auch zu einer wirklichen Vision und weit weg von Rennendes Kalb führt.- Ein plastisch erzähltes Abenteuer, das die meiste Zeit realistisch ist und erst am Schluß, wo Hoka Ushte aus den drei „Zahnfrauen“ wählen muß, ein richtiges Märchen wird, welches natürlich gut endet.

Flashback
Rückblende ist sehr düstere Science Fiction. Die USA haben keinerlei Chance auf eine weltweite Führungsrolle mehr. Die haben ihr die EG und vor allem die Japaner abgelaufen, die auch die Vereinigten Staaten kontrollieren. An den Straßenrändern stapeln sich meterhohe Müllberge, die Gewalt hat erschreckende Ausmaße angenommen, ein Großteil der Amerikaner ist süchtig nach einer Droge namens „Flashback“, die es ihnen ermöglicht, die schönen Momente ihres Lebens erneut zu erleben. Da ist es kein Wunder, daß das Land keine Zukunft hat – auch keine der Hauptfiguren der Geschichte, was Simmons konsequent bis zum Ende durchzieht. Da sind Carol, die als Gerichtsstenographin arbeitet und der Zeit mit ihrem Mann nachtrauert, der sie vor acht Jahren verlassen hat; ihr Vater Robert (Das könnte durchaus der Vater aus „Entropy’s Bed at Midnight“ sein und Carol seine Tochter.), der ständig zu falschen Erinnerungen an das Kennedy-Attentat zurückspringt, als könne er den Tod des Präsidenten und den Verfall des Landes verhindern; und Val, Carols fünfzehnjähriger Sohn, der mit seiner Gang auf der Suche nach immer härteren Kicks ist. Die Erzählung springt zwischen diesen drei Personen, was anfänglich etwas kompliziert ist, da man nicht so recht weiß, welchen Kulminationspunkt Simmons setzen will. Die Sprache ist hart und schnell, nur in Carols Erinnerungen auch einmal romantisierend. Hoffnung flackert nur einmal kurz auf, bevor sie endgültig erlischt.

The Great Lover
Der große Liebende ist nicht nur die längste Erzählung des Bandes, sondern auch die ambitionierteste. Es ist ein neuentdecktes Kriegstagebuch des (fiktiven) World War I Poeten James Edward Rooke, der die Schrecken der ca. fünfmonatigen Schlacht an der Somme miterlebt – und dessen Liebe zum Leben sich in einer geheimnisvollen Unbekannten materialisiert, von der er lange glaubt, sie sei der Tod. Die schier unendliche Ansammlung von schrecklichen Episoden macht einem das Grauen sehr deutlich – läßt aber auf der anderen Seite eine unüberwindbare Schranke zwischen dem Leser und dem Tagebuchschreiber. Hoher Anspruch allein macht noch keine gute Erzählung. „The Great Lover“ hat bei mir etwas zwiespältige Gefühle hinterlassen. Simmons verdichtet die grauenhaften Erlebnisse zu einer wahren Tour de Force für den Leser, läßt ihm kaum Zeit, um die Geschehnisse zu verarbeiten, die im Tagebuch nur kurz – dafür deutlich – reflektiert werden, während sich Rooke keine Gedanken über den Ursprung seiner geheimnisvollen Lady macht, was mir doch ungewöhnlich erscheint – aber, wie gesagt, ich hatte Probleme, mich in den Schreiber hineinzuversetzen. Simmons streut in die Aufzeichnungen immer wieder Zeilen aus Gedichten oder Marschliedern von Dichtern ein, die tatsächlich im 1. Weltkrieg kämpften.

Kirkus Reviews schrieb, daß diese Novellen „sogar denkwürdiger als Simmons‘ Romane“ sind, ein Urteil, dem ich mich teilweise anschließe. Diese Form zwischen Kurzgeschichte und Roman erlaubt es Simmons, seine Absichten sehr klar umzusetzen und auch zu experimentieren mit verschiedenen Stilen und Sichtweisen, so daß „Lovedeath“ in der Tat eine „Schatztruhe für den Leser“ ist, wie Simmons in seinem Vorwort schreibt, der man von Herzen einen guten deutschen (Hardcover-) Verlag wünschen kann, der nicht versucht, sie dem Leser als Horror in der Tradition von Kings „Vier Jahreszeiten“ und Anne Rices „Vampir-Chroniken“ zu verkaufen.

Copyright (C) 2007 by Andreas Hirn

Titel bei Amazon.de:
Lovedeath

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.