Tripoint

C. J. Cherryh
Tripoint

Warner Books
Umfang: 384 Seiten
ISBN 9780446602020 (sfbentry)
Englisches Orginal
Erschienen: 1994
Genres: Englisch, Science Fiction

Mit „Tripoint“ kehrt Cherryh zurück in ihr Pell-Universum, um eine weitere Geschichte zu erzählen, die von den Menschen handelt, welche dieses überaus komplexe und ausgefeilt erdachte Universum bevölkern. Hier näher auf den gesamten Zyklus einzugehen, würde viel zu weit führen, so vielschichtig und ausgedehnt ist er. Es gibt kaum zusammenhängende Handlung zwischen den Büchern, einige Ausnahmen wie die Cyteen-Trilogie bestätigen eher die Regel. Der Hintergrund ist allerdings immer der gleiche. Meist spielt sich die Handlung im oder nach dem Krieg der Union und der Allianz ab, bei dem die Raumflotte eine äußerst mysteriöse Rolle einnahm. Die Kräfte in diesem Universum sind sehr verschiedenartig: Es gibt die Erde, die jedoch keinen politischen Einfluß mehr auf die anderen Welten hat, die Händlerschiffe, welche in der Regel im Besitz von Familien sind, die anderen Planeten wie Pell und die riesigen Raumstationen. Und dann gibt es noch jene, die im Dunkel agieren – die Flotte mit ihren einzelnen Fraktionen. Die Kapitäne Mazian und Mallory sind regelrechte lebende Legenden.

Cherryh versteht es nun immer wieder, vor dieser gewaltigen Kulisse Geschichten zu erzählen, die auf der ganz persönlichen, individuellen Ebene erlebt werden. Ihre Helden – und Heldinnen – sind meist Raumfahrer in verschiedenen Situationen und Positionen, mal Militärs bei der Flotte, mal Handelsschiffer. Was sie alle gemeinsam haben, ist ein ziemlich hartes Problem. Man möchte meinen, in Cherryhs Welt gibt es kaum Freude und Liebe, so schlimm sind die Abgründe, in die sie ihre Protagonisten stößt. Immer müssen sie sich durch diverse Leiden kämpfen, bevor sie halbwegs an ein glückliches Ende kommen. Es sind fast nie richtig heldische Helden, in der Regel bevorzugt Cherryh den eher schwachen Typ, der erst einmal völlig hilflos allen Qualen ausgesetzt ist. Freilich triumphiert der Held ganz am Ende dann doch – wenn auch meistens nicht so, wie man das als Leser vielleicht vorauszusehen meint. Die unerwarteten Wendungen, die sich puzzleartig vereinenden Einzelheiten sind ein weiteres Charakteristikum von Cherryhs Romanen.

In „Tripoint“ geht es um den 23jährigen Tom Hawkins von der Sprite, dessen Mutter Marie einst von einem anderen Handelsschiffer vergewaltigt wurde – jedenfalls sieht sie es so. Noch nach Jahrzehnten sinnt sie auf Rache. Und als man schließlich durch Zufall auf Austin Bowes Schiff trifft, scheint der Moment gekommen. Doch dann geht alles schief. Tom wird gegen seinen Willen an Bord von Bowes Corinthian genommen, die daraufhin überstürzt nach Pell abfliegt. Da Bowe außerdem noch in dunkle Geschäfte mit der Flotte verwickelt ist, kompliziert sich die Lage Seite um Seite. Tom lernt an Bord seinen Vater und Halbbruder kennen und lebt sich gezwungenermaßen ein.

Im Laufe des Buches zeigt sich, daß wieder einmal nichts genau so ist, wie es am Anfang schien. Eine kleine Lektion darüber, daß man nicht unbedingt alles glauben soll, was einem erzählt wird, vor allem, wenn es um andere Menschen geht. Die Position der Gegenseite kann eine ebenso vernünftige und logisch überzeugende sein. Außerdem stellt sich heraus, daß es im Dunkel da draußen weit größere Gefahren gibt als die halbverrückte Marie Hawkins.

Cherryh schneidet in diesem Buch eine ganze Reihe von zwischenmenschlichen Problemen an, die in ihrer Darstellung von Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen zeugen. Das Verhältnis Maries zu ihrem Sohn ist eine Studie in Zwiespältigkeit. Sie ist nicht in der Lage, ihm so etwas wie Mutterliebe zu geben, aber sie kann ihn auch nicht um Austin Bowes willen hassen. Auch Christian Bowe, der Halbbruder, ist nicht gerade das Produkt einer Liebesbeziehung. Seine Mutter benutzt Sex nur als Mittel ihrer Machtspielchen an Bord der Corinthian.

Wie immer sind Cherryhs Charaktere außerordentlich scharf gezeichnete, einprägsame Individuen. Sie bringt es immer wieder fertig, eine Story so zu erzählen, als ob man sie erlebt – und da weiß man eben nicht immer, was die anderen Figuren eigentlich motiviert. Kein überschlauer Autor, der einem verrät, was man denken soll, das muß man schon selbst besorgen. Die Konflikte, in denen sich die Helden finden, sind einerseits sehr menschlich und alltäglich, andererseits in diesem Kosmos fremdartig genug, um nicht banal zu wirken.

Manchmal erscheinen die seelischen und körperlichen Qualen der Protagonisten etwas übertrieben, das Mißtrauen in ihre Mitmenschen zu exzessiv. Aber wie eines das andere bedingt, so steigert diese Besonderheit natürlich auch die Spannung des Buches. Man kann als Leser nie sicher sein, welche Wendung das Geschehen nehmen wird, was einem Helden noch alles zustoßen kann – oder umgekehrt, wie überraschend er plötzlich gerettet werden wird.

Bald wird der Roman auch auf Deutsch erscheinen, dessen kann man sicher sein. Wie jeder andere SF-Roman Cherryhs ist auch dieser absolut empfehlenswert.

Copyright (C) 2005 by Wilko Müller jr.

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