Der virtuelle Garten der Lüste – Sex-Fantasien in der Hightech-Welt II

Georg Seeßlen
Der virtuelle Garten der Lüste
Sex-Fantasien in der Hightech-Welt II

(sfbentry)
Bertz + Fischer, Berlin, 2011
ISBN 978-3-86505-712-9
Sachbuch, Erotik & Sexualität, modernes Leben, Technik, Gesellschaft
Taschenbuch
Umfang 212 Seiten; Format DIN A6

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Leser mit Kunstverstand mögen in Seeßlens zweitem Band der Sex-Fantasien den (zitierten) Bildtitel „Der Garten der Lüste“ des Triptychons von Hieronymus Bosch wiedererkennen. Andere vielleicht aber die leicht abgewandelten Buchtitel „Schule der Lust“/“Garten der Liebe“ von Emmanuelle Arsan, welche es aufgrund ihrer Beliebtheit zu gleichlautenden Sex-Filmchen („Emmanuelle“ (F, 1974) und „Emmanuelle II – Garten der Liebe“ (F, 1975), beide mit Sylvia Kristel in der Hauptrolle) gebracht haben.

Zeigt Bosch in seinem Werk (geschaffen ca. 1500) entgegen dem damaligen Geschmack sexuelle Andeutungen grundsätzlich als positiv – besonders den Mittelteil des Triptychons sogar als idealisiertes Liebes-Paradies – geht es in den Büchern Arsans (und den folgenden Filmen) ausschließlich um Erotik und Sex. Leider nur auf eine maskulin-lastige Befriedigung o.g. Lüste, statt auch auf wirkliche Begehrlichkeiten des weiblichen Geschlechtes einzugehen; Mitte der Siebziger war man trotz der sogenannten sexuellen Revolution noch weit entfernt von heutigen Romanen wie z.B. „Feuchtgebiete“ (2008) von Charlotte Roche.

Seit es Computer gibt, gibt es auch eben die digitale Form des Gartens der Lüste. Und mit fortschreitender Technologie, Speicherkapazität und Grafikqualitäten sind hier den virtuellen Lüsten so gut wie keine Grenzen mehr gesetzt. Aber virtuell bezieht Seeßlen natürlich nicht nur auf die digitale Form von Sexualität, sondern auch auf alle anderen unbelebten Produkte der Sexindustrie: Sexspielzeug, Sexfilme, Sexpuppen bis hin zu (noch zu realisierenden) Cyborgs mit eindeutigen Aufgaben. Der interessierte Besucher (sprich: kräftig zahlende Kunde) dieses virtuellen Gartens der Lüste kann sich schon heute aus einer Flut an Angeboten bedienen.

Alle Wünsche werden bedient: Pornobilder, -filme aller Varianten und grenzwertiger (und grenzüberschreitender!) Abarten. „Die Welt ist im Dildo-Control-Fieber!“ verspricht eine Werbung, eine andere „Du steuerst die Fickmaschine!“ Sobald es machbar ist, wird es auch selbstprogrammierbare Sex-Cyborgs geben; ein Markt scheint dafür längst vorhanden zu sein. Was mit Barbie (und von den Herstellern sicher nicht gedachten Missbrauch) und Doktorspielen begonnen hat, erlebt mit den schon in der ersten Rezi erwähnten Real Dolls einen erstaunlichen Fortschritt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Real Dolls sprechen lernen (äh … können die das vielleicht sogar schon?), sich bewegen, ihr Programm abspielen oder interaktiv mit dem Kunden agieren.

Doch: Ist dies wahre Lust? Wenn sich ein/e Einzelne/r sich seine Befriedigung aus dem Netz holt, anstelle sich einen realen Lebenspartner zu suchen, um mit ihr/ihm seine Lust zu erleben? Genügt es, das virtuelle Produkt immer und immer wieder zu benutzen, ohne neue Ideen, neue Stimmungen, neue Entdeckungen auf den vielfältigen Wegen im Garten der realen Lust? Oder liegt hier in dem immer mehr zu steigerndem Kick der beabsichtigte Zwang, sich das nächste Modell zu kaufen, das mehr Lust verspricht als das alte?

Kürzlich kam im TV eine Wiederholung von „Surrogates“ (USA, 2009, u.a. mit Bruce Willis). Er, der reale Cop, vermisst die echte Zweisamkeit mit seiner Frau. Beide – und wie es scheint, fast die ganze Welt – bedienen sich elektronischer Abbilder, Avataren, eben Surrogates, da die echte Welt scheinbar zu gefährlich für echten Straßen- und Geschlechtsverkehr, generell für zwischenmenschliche Beziehungen geworden sei. Dass das System sich selbst ad absurdum geführt hat, erkennt der aufmerksame Zuschauer z.B. darin, dass die Verbrechens- und Unfallrate auf nahezu Null gesunken ist. Kein Wunder, wenn alle in ihren Server-Stühlen sitzen, in Schlabberklamotten, sich körperlich gehen lassen und sich virtuell mit idealisierten Ersatzkörpern bewegen. Ist die dort erlebte Lust real? Der Film endet eindeutig. Seeßlen aber überlässt es den Lesern, sich eine Meinung zu den Wegen im virtuellen Garten der Lüste zu machen. Ob zu den schon vorhandenen Wegen, oder den noch zu schaffenden. Für mich stellt sich die Frage: Wie wird der Sex der Zukunft aussehen?

Seeßlen behandelt dies sicher wieder spannend, unterhaltsam, ganz sicher aber wieder sehr gekonnt in seinem dritten Band der Sex-Fantasien in der Hightech-Welt: „Future Sex in Queertopia“. Diese Rezi folgt demnächst …

Copyright © 2013 by Werner Karl

www.wernerkarl.org

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