Träumen Androiden von elektrischen Orgasmen? – Sex-Fantasien in der Hightech-Welt I

Georg Seeßlen
Träumen Androiden von elektrischen Orgasmen?
Sex-Fantasien in der Hightech-Welt I

(sfbentry)
Bertz + Fischer, Berlin, 2011
ISBN 978-3-86505-705-1
Sachbuch, Erotik & Sexualität, modernes Leben, Technik, Gesellschaft
Taschenbuch
Umfang 153 Seiten
Format DIN A6
Umschlaggestaltung: Sexvilla / Dieter F. Bertz

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Natürlich ist der Titel eine Anspielung/Hommage auf „Do Androids Dream of Elektric Sheep?“, einem Science-Fiction Roman von Philip K. Dick von 1968, der 1982 seine – wie ich finde gelungene – filmische Umsetzung in „Blade Runner“ von Ridley Scott fand; in den Hauptrollen Harrison Ford und Sean Young (als einer der Androidinnen).

Womit wir eigentlich schon am Ende von Seeßlens erstem Teil der „Sex-Fantasien …“ wären, nämlich der Kernfrage schlechthin: Träumen Androiden …? Wann ist ein Werkzeug, eine Maschine, ein von Menschen künstlich erschaffenes Ding noch ein Gegenstand? Ab wann ist es ein eigenständiges Lebewesen mit eigenen Gedanken, Gefühlen und entsprechenden Rechten?

Doch zurück zum Anfang …
Der Mensch hat sehr, wirklich sehr früh begonnen, Gegenstände zu formen, die ihm gleichen. Und wenn es nur Teile von ihm waren. Seeßlen konzentriert sich auf den Aspekt sexueller Fantasien, beginnend mit dem primitivsten – und trotzdem im wahrsten Sinne des Wortes befriedigenden – Hilfsmittel zur Erlangung sexueller Lust: dem Dildo. Die Vielzahl verwendeter Materialien ist ein Spiegelbild ihrer Zeit, der damals vorherrschenden technischen Möglichkeiten und ihrer konsequenten Umsetzung. Die Entwicklung vom bloßen Gegenstand zu funktionalen Geräten bis hin zu Fickmaschinen ist mannigfaltig und im Endergebnis sehr variabel. Der Schritt von Sexpartnern in Form von simplen – und i. d. R. eher unerotischen – aufblasbaren Puppen bis schlussendlich zu Real Dolls mit verblüffend menschenähnlichem Aussehen, Gewicht, Materialien und Funktionen ist nur logisch, weil scheinbar typisch menschlich. Was machbar ist, wird auch hergestellt; über die soziologischen und rechtlichen Auswirkungen macht man sich zunächst keine Gedanken, geschweige denn Sorgen.

Das perfekte Endresultat, ein Android – ob nun männlich oder weiblich, ist hier zunächst unerheblich – findet in der Film- und Romanfigur der Androidin Rachael ein mehr als gelungenes Beispiel. 1982 sieht Sean Young als Rachael einfach umwerfend, traumhaft, fast schon zu perfekt aus. Sie ist die Weiblichkeit, das Sexsymbol schlechthin. Um ihre – angedeutete – Eigenständigkeit oder schon existierende Individualität zu unterstreichen, raucht sie, zeigt dabei Genuss, also Gefühl; später weint sie sogar. Ob nun aus echtem Gefühl oder aufgrund eines Programmes kann man als Zuschauer selbst für sich bestimmen. Und als Krönung der Handlung besitzt sie als Prototyp einer neuen Generation keine beabsichtigte Obsoleszenz, also kein vorprogrammiertes Enddatum, kein elektronisches Todesdatum wie ihre noch einfacheren – und rebellierenden – Vorläufermodelle, die mordend durch die Megapolis ziehen und nach Leben lechzend ihre Schöpfer heimsuchen und ermorden … und am Ende doch sterben. Oder aufhören zu funktionieren? Wie ich meine, eine der ergreifendsten und nachdenklich machenden Szenen der ganzen SF-Filmindustrie.

Seeßlens Bändchen schwelgt in Zitaten vieler – naturgemäß vorwiegender – SF-Filme, manchmal gelungener, meist aber eher zweifelhafter Qualität. Sämtliche Varianten menschlicher Sexpraktiken scheinen fast zwanghaft auch eine mechanische, elektronische, und moderner: digitale Ausformung zu produzieren. An dieser Stelle muss ich einfach erwähnen, dass ich mir die Anwendung mancher Gerätschaften gar nicht vorstellen möchte; eine echte Frau ist halt eine echte Frau.

Doch halt! Wenn sie alle Vorzüge einer Frau aufweist, sprich alle erotisierenden körperlichen Eigenschaften besitzt, dazu riecht wie eine Frau, sich anfühlt wie eine Frau, spricht wie eine Frau, schlussendlich interaktiv auf Signale, also Wünsche/Befehle/Anweisungen ihres Besitzers eingeht: Ist sie dann nicht eine Frau? Oder doch nur immer noch eine Maschine? Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen? Würden sie es tun, wären sie keine Maschinen mehr, sondern Individuen, echte Lebewesen. Oder nicht?

Die im Titel gestellte Frage kann auch Seeßlen schlussendlich nicht beantworten. Auch er muss hier bis an den Punkt verharren, der heute – zumindest in Romanen und Filmen – umsetzbar ist; in der Realität gottlob noch nicht. Als Beispiel führt er die Szene zwischen Data und der Borg-Königin (im Kinofilm Star Trek: Erstkontakt von 1996) auf. Die Borg-Queen spielt mit Data bzw. seinem „Emotionschip“ und lässt ihn scheinbar Gefühle erleben. Es sind aber natürlich keine echten Gefühle, sondern nur die Auswirkungen der gespeicherten Programme, die Data so reagieren lassen wie einen Mensch.

Was mich zu der Frage bringt: Was sind das für Menschen, die sich solcher Sexspielzeuge (bis hin zu oben beschriebenen ausgetüftelten und noch zu erfindenden Sex-Androiden) bedienen? Die Art von – vorwiegend männlichen – Menschen, denen der eigene Orgasmus wichtiger ist als das echte gefühlsbetonte Miteinander eines Paares, das gemeinsam Sex erlebt? Denen auch der vorgespielte Orgasmus einer Frau egal ist, Hauptsache, sie bekommen ihren eigenen?

Für alle, die sich für diese Aspekte der Interaktion Mensch/Maschine, Mann/Frau, Mann/Maschine, Frau/Maschine interessieren, ist Seeßlens erster Band der Sex-Fantasien ein unterhaltsames Büchlein, dessen kleines Format darüber täuschen kann, was alles in ihm steckt, das weder trocken wissenschaftlich, noch sabbernd sexistisch ist, sondern informativ, verblüffend in manchen Dingen, die wir immer schon geahnt, aber nie zu Ende denken gewagt, und schon gar nicht ausgesprochen haben.

Copyright © 2013 by Werner Karl

www.wernerkarl.org

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