Das leere Haus

Algernon Blackwood
Das leere Haus
Phantastische Geschichten

Originalausgabe
Übersetzung: Friedrich Polakovics
Dt. Erstausgabe (geb.) 1969 (Insel Verlag)
216 S.
[keine ISBN]
Neuausgabe: 1972 (Suhrkamp Verlag/TB 30 = Phantastische Bibliothek 12)
241 Seiten
ISBN-10: 3-518-06530-0
Neuausgabe: 1997 (Suhrkamp Verlag/TB 1664 = Phantastische Bibliothek 339)
241 S.
ISBN-13: 978-3-518-39164-8

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Inhalt:

Das leere Haus (The Empty House, 1906), S. 7-30: Mit ihrem Neffen besucht eine eher neugierige als wagemutige Amateur-Spiritistin ein verrufenes Spukhaus. Die beiden erfahren nicht nur über die Welt der Geister, sondern auch über sich und ihre Ängste mehr, als ihnen lieb ist.

Der Wendigo (The Wendigo, 1910), S. 31-98: Eine schottische Jagdgesellschaft trifft in den endlosen Wäldern Kanadas auf einen mächtigen Naturgeist der indianischen Mythologie, der über ihren Köpfen sein Unwesen treibt, bis den lange und zäh am ‚vernünftigen‘ Denken festhaltenden Reisenden schließlich doch Hören und Sehen vergeht.

… à cause du sommeil et à cause des chats („… à cause du sommeil et à cause des chats“, 1908). S. 98-168: Ein englischer Tourist strandet nicht nur in einem kleinen und sehr einsamen französischen Städtchen, sondern gerät dort in die Fänge nur äußerlich biederer Bürger sowie in einen sprichwörtlichen Hexensabbat.

Die Weiden (The Willows, 1907), S. 169-241: Zwei abenteuerlustige Freunde befahren im Kajak die österreichisch-ungarischen Donau-Auen. In der urtümlichen, menschenleeren, von Wasser, Wind und Weiden geprägten Landschaft geraten sie in den Bann mächtiger Naturgeister, die ihnen ebenso faszinierende wie lebensgefährliche Erlebnisse bescheren.

Wenn die Grenzen fallen

Algernon Blackwood (1869-1951) gehört zu jenen Schriftstellern, deren Werk eindeutig von ihrem Leben profitieren: Die bemerkenswerte Detaildichte seiner Geschichten künden von der Weltgewandtheit eines weitgereisten, neugierigen und weltoffenen Menschen, der sich auch abseits ausgetretener Pfade wohl und trittsicher fühlte. Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, verfluchte oder besser heimgesuchte Orte – dies waren Themen, um die Blackwood in seinem Werk immer wieder kreiste. Die vorliegende Sammlung bietet – obwohl aus mehreren Original-Kollektionen eher willkürlich zusammengestellt – vier ausgezeichnete Beispiele dafür.

Schon „Das leere Haus“ ist mehr als die (zweifellos gelungene) ‚normale‘ Gespenstergeschichte, die im Vordergrund der Handlung zu stehen scheint: „Manche Häuser bringen es, nicht anders als manche Menschen, auf irgendeine Weise zustande, schon auf den ersten Blick die ganze Bösartigkeit ihres Wesens vor uns aufzudecken.“ (S. 7) In ein solches Haus verschlägt es die beiden Hauptfiguren, die ein seltsames Paar bilden: Den nüchternen, zwar durchaus der Angst fähigen aber mutigen, also ‚typischen‘ Engländer begleitet eine ältere Frau, die erwartungsfroh, jedoch bereits voller Furcht und damit geistig ‚empfangsoffen‘ das Haus“ betritt.

Die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. In dem Haus geht es tatsächlich um. Wie eine Batterie haben sich seine Wände mit jener Negativ-Energie vollgesogen, die durch emotionale Ausnahmesituationen – hier ein brutaler Mord – freigesetzt wird: eine Theorie, die nicht auf Blackwood zurückgeht, derer er sich aber immer wieder bediente, weil sie seiner Vorstellung entsprach, wie Spuk ‚funktionieren‘ könnte.

Interessanterweise geht es in dieser Geschichte nicht hauptsächlich um das geisterhafte Treiben. Blackwood nutzt die Gelegenheit, um dem Phänomen der menschlichen Angst auf den Grund zu gehen. Er hat auch dies mehrfach wiederholt und dabei mehrfach eine bemerkenswerte Intensität erreicht. Faktisch ist das hier vorgestellte Gespenst nicht annähernd so erschreckend wie die Beschreibung jener Furcht, die in die Protagonisten kriecht, langsam von ihnen Besitz ergreift und sie schließlich ausfüllt. Blackwood stellt klar, dass es ein existenzielles Grauen ist, das sich hier Bahn bricht – eine archaische, vergessene, vom ‚zivilisierten‘ Hirn normalerweise in den Hintergrund geschobene Angst, die einst den Zweck erfüllte, den (Ur-) Menschen vor dem flüchten zu lassen, was er nicht verstand, ihm aber lebensgefährlich werden konnte.

Alte Kräfte, alte Ängste

Die große Gefahr liegt darin, die Realität ‚übernatürlicher‘ Kräfte und Kreaturen zu leugnen und zu ignorieren, weil sich diese um solche ‚Vernunft‘ nicht scheren und der allzu rationale Zeitgenosse ihnen deshalb besonders hilflos gegenübersteht, wenn sie dennoch erscheinen. Ist man dann nicht vorbereitet, weil man nicht glauben mag, was nicht sein kann, wächst die Gefahr exponentiell: „Wie es mit den Materialisten schon ist, machte er sich und dem Neffen auf Grund seiner ungenügenden Kenntnis der Tatsachen etwas vor, weil die so lückenhaft übermittelten Fakten seinem andersgearteten Verstand als unannehmbar erschienen.“ (S. 76) In diesem Geiste folgt die schottische Jagdgesellschaft wider besseres aber unterbewusstes ‚Wissen‘ dem Wendigo tief in sein Reich. Die Männer haben Glück und überleben die Begegnung mit dem Bewohner einer Sphäre, die jenseits der Menschenwelt und schon lange vor ihr auf dieser Erde existierte, aber sie bleiben gezeichnet und versuchen erst recht zu verdrängen, was sie nun wissen und ihnen den Seelenfrieden raubt.

Immer wieder postulierte Blackwood Ausgeburten einer lebendigen Natur. In „The Centaur“ (1911; dt. „Der Zentaur“) arbeitete er sein Weltbild aus, doch schon früher schilderte er immer wieder Begegnungen zwischen der ‚realen‘ Welt und einem ‚Jenseits‘, das eigentlich fremd aber ansonsten ebenfalls real ist. Die Natur kann sich freundlich („Der Zentaur“), gleichgültig („Der Wendigo“) oder feindlich („Die Weiden“) verhalten.

In „Die Weiden“ gelingt Blackwood die Verschmelzung seines Konzeptes ‚natürlicher‘ Emanationen mit der Beschwörung von Angst vielleicht am besten. Bereits seine Ortskenntnis verleiht der Geschichte besondere Eindringlichkeit: Inspiration für diese Erzählung waren zwei Kanufahrten, die Algernon Blackwood mit einem Freund auf der Donau unternommen und über die er 1901 einen längeren Beitrag für das englische „Macmillan’s Magazine“ („Down the Danube in a Canadian Canoe“) verfasst hatte. (Dieser Text liegt seit 2007 in deutscher Sprache vor; er wurde einer separaten Veröffentlichung der „Weiden“-Geschichte angefügt: Die Weiden. Eine phantastische Erzählung und ein Reisebericht, Verlag Heinrich & Hahn, ISBN-13: 978-3865970442.)

„Das seelische Moment, welches, zumindest in Augenblicken lebhafter Einbildung, von manchen Orten ausgeht, ist überaus suggestiv.“ (S. 189) „Die Weiden“ ist ein Meisterwerk subtilen, sich stetig steigernden Terrors, der durch die hoffnungslose Isolation der beiden Hauptfiguren eine besondere Dimension erfährt. Flucht ist unmöglich; die beiden Männer müssen sich dem übermächtigen Feind ohne Möglichkeit einer echten Gegenwehr stellen. Wie sie der Situation dennoch trotzen, ist ein Meisterwerk überraschender Handlungsführung.

Es kann jedem passieren

In der Regel sind es ganz ‚normale‘ Menschen, die der Zufall in Kontakt mit der Überwelt bringt: „Es gibt … gewisse durchaus unscheinbare Personen, die, obschon es ihnen auf keine Weise gegeben ist, das Abenteuer auf sich zu ziehen, dennoch im Verlauf ihres ereignislosen Daseins das eine oder andere Mal in ein so absonderliches Geschehen verwickelt werden, dass die Leute den Atem anhalten – und indigniert den Blick abwenden.“ (S. 99) Mit ihnen kann sich der Leser identifizieren, was die beschriebenen Schrecken und Wunder umso intensiver gestaltet.

Vor allem Arthur Vezin, ‚Held‘ der Geschichte „‚… à cause du sommeil et à cause des chats‘“ stellt Blackwood ausdrücklich als unscheinbares Männlein vor, der denkbar ungeeignet für die Begegnung mit dem Übernatürlichen ist, das zu allem Überfluss die Gestalt einer jungen, verführerischen Frau annimmt. Was ihm zustößt, ist dramatisch und gruselig genug, doch Blackwood hebt das Geschehen zusätzlich auf eine ‚wissenschaftliche‘ Ebene, indem er Vezin mit Dr. John Silence konfrontiert.

Um das Jahr 1900 wuchs das Interesse an der jungen, höchst umstrittenen und deshalb erst recht faszinierenden Wissenschaft der Psychoanalyse, die im kontinentalen Wien ein gewisser Professor Freud ‚erfunden‘ hatte. Die Hypothese, dass Geister Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, hatte in den Augen vieler Zeitgenossen etwas Bestechendes. Algernon Blackwood gehörte zu den Pionieren, die eine ‚psychologische‘ Sicht auf das Okkulte warfen. Sein Interesse manifestierte er in der Figur des Dr. John Silence, „Physican Extraordinary“, wie er im Untertitel einer 1908 erschienenen Sammlung diese deutlich am Vorbild Freuds orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattete Figur betitelte.

Vezins Erlebnis versucht Silence interessanterweise rational als Produkt einer außer Kontrolle geratenen Imagination zu erklären. Dadurch wirken Einleitung und Schluss der Geschichte aufgepfropft, wie überhaupt der guten Silence zum Dozieren mit erhobenem Zeigefinger neigt. Zudem rudert er letztlich zurück, wenn er Vezin als Reinkarnation eines Mannes bezeichnet, den es vor Jahrhunderten tatsächlich in ein Hexendorf verschlagen hatte – keine elegante aber weiterhin ‚sachliche‘ Auflösung, wie Blackwood sie in den Silence-Storys bevorzugte.

Der Eindringlichkeit des mysteriösen Geschehens kann auch der Doktor keinen Kniekehlen-Tritt verpassen. „Das leere Haus“ ist Horror-Klassik auf höchstem Niveau und ein Muss für jene Leser, die wissen möchten, was das Genre jenseits brünstiger Vampire oder fauliger Zombies zu bieten hat.

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill in der Grafschaft Kent (heute ein Teil Londons) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die während dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, dem Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem sein Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, floss rasch in die Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller eine. Blackwood gehörte zu den Pionieren, die einen psychologischen Blick auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „Physican Extraordinary“ Dr. John Silence (1908), der sich am Vorbild Sigmund Freud orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattet war.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) alte Mann jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

Copyright © 2015/2016 by Michael Drewniok (md)

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