Der Zentaur. Ein mystischer Roman

Algernon Blackwood
Der Zentaur
Ein mystischer Roman

Originaltitel: The Centaur (London : MacMillan 1911)
Übersetzung: Usch Kiausch
Dt. Erstausgabe (geb.):  September 2014 (Festa Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens 2635)
Cover: Juan Pablo Roldan
346 S.
ISBN-13: 978-3-86552-341-0
eBook: September 2014 (Festa Verlag)
911 KB
ISBN-13: 978-3-86552-342-6

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Das geschieht:

Terrence O’Malley ist zwar ein Brite, kann sich aber mit seinen Landsleuten, die sich in diesem Jahr 1910 als Herren der Welt bzw. Bürger eines wahrhaftigen „Empires“ fühlen, nicht identifizieren. Was die Mehrheit begehrt – Macht, Reichtum, Prominenz – ist für ihn trivial und langweilig. Auch die Errungenschaften der modernen Zivilisation sind O’Malley ein Gräuel. Er liebt die Natur. Je ursprünglicher es zugeht, desto besser geht es ihm, weshalb er die meiste Zeit dorthin reist, wo es einsam und menschenleer ist; seinen kargen Lebensunterhalt verdient sich O‘Malley als Schriftsteller.

Im heimatlichen London ist er nur selten zu Gast. Immerhin hat er dort einen Freund, der zwar in einem Büro versauert, aber gern O’Malleys Reiseschilderungen oder seinen kuriosen Thesen über die Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf uralte, von der Natur vorgegebene Lebenswerte lauscht.

Gerade ist O’Malley von einer besonders eindringlichen Reise zurückgekehrt, die in einer mystischen Queste gipfelte. Dieses Mal zog es ihn nach Kleinasien und in den Kaukasus. Dorthin gelangte er an Bord eines kleinen Passagier- und Frachtschiffes, das gemächlich und mit vielen Hafenstopps in Italien und Griechenland das Osmanische Reich ansteuerte. So blieb O’Malley viel Zeit, zwei mysteriöse Reisebekanntschaften zu schließen. Ein namenlos bleibender „Russe“ und sein ‚Sohn‘ erkannten in ihm den Geistesgefährten.

Sie luden O’Malley ein, sie in ihre Heimat zu begleiten. Nach und nach wurde dem Reisenden klar, dass dieses Ziel identisch mit dem verlorenen Paradies einer ‚unverdorbenen‘ Vorzeit war. O’Malley erkannte auch, dass er diese Pforte nicht ohne Gefahr durchschreiten oder sogar dabei sterben würde – ein Risiko, das für ihn jeden Schrecken längst verloren hat …


And crawling on the planet’s face,
Some insects, called ‘the human race’ …

(The Rocky Horror Picture Show)

Früher war alles besser … (Teil 1: Blackwood in Deutschland)

Geht heutzutage ein Verlag das Risiko ein, einen erstmals vor mehr als 100 Jahren erschienenen Roman eines hierzulande kaum bekannten Verfassers nicht einfach auf den Buchmarkt zu werfen, sondern ihn aufwändig und elegant übersetzen zu lassen sowie ihm einen festen Einband, einen schön gestalteten Papierumschlag, eine solide Fadenheftung sowie ein Lesebändchen zu spendieren, verdient dies ohne Zweifel besondere Aufmerksamkeit.

Falls in diesem unseren Lande überhaupt jemand Algernon Blackwood kennt, dann höchstens als Autor großartiger Geister- und Gruselgeschichten, von denen eine repräsentative Auswahl in der legendären „Phantastischen Bibliothek“ des Suhrkamp- Verlags erschienen ist. Diese sechs Bände gehören zur Grundausstattung jedes Liebhabers der klassischen phantastischen Literatur. Sie sind nur noch antiquarisch erhältlich, und wie die „Phantastische Bibliothek“ war auch Blackwood vom deutschen Buchmarkt verschwunden.

Schon in diesen Sammelbänden zeichneten sich die längeren Erzählungen und Novellen durch ihre inhaltliche und formale Komplexität aus (was mitverantwortlich für die beschränkte Rezeption sein mag). Blackwood gehörte zu einer Generation von Schriftstellern, die sich der Phantastik mit großem Ernst und beachtlichem Talent widmeten. Auf seine besondere Weise hat er das Genre entscheidend mitgestaltet.

Nichtsdestotrotz tauchten und tauchen in einschlägigen Sammlungen klassischer Gespenstergeschichten in der Regel in erster Linie Blackwoods ‚echte‘ Gruselstorys auf. Aufgrund ihrer Dichte und Dichtkunst haben sie ihre Eindringlichkeit in keiner Weise eingebüßt. Allerdings repräsentieren die typischen Spukbolde nur eine Seite des Blackwoodschen Œvres. Der Autor besaß eine ausgeprägte ‚esoterische‘ Seite, die sein Werk womöglich noch stärker prägte.

Früher war alles besser … (Teil 2: Blackwood und die Natur)

Algernon Blackwood wurde die christliche Religion quasi ausgetrieben. Seine Eltern zwangen ihn in eine Kirche, deren Vertreter ihm mit calvinistischer Eindringlichkeit eintrichterten, dass die Erde ein Jammertal ist, in dem das Leben vor allem fromm erduldet werden muss, Der lebenslustige Blackwood suchte und fand Alternativen, indem er die engen geistigen Grenzen seines Elternhauses sprengte und seine englische Heimat gern verließ, um die Welt und ihre Bewohner kennenzulernen, was angesichts seines wachen Geistes nicht ohne Folgen bleiben konnte. Terrence O’Malley ist eindeutig ein Alter Ego Blackwoods, der auch deshalb so präzise und eindringlich eine Schiffsreise durch das Mittelmeer oder eine Expedition durch den Kaukasus beschrieb, weil er auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen konnte.

Während er sich von traditionellen Ansichten löste, zog Blackwood eigene Schlüsse bezüglich grundsätzlicher Fragen zur Beschaffenheit des Universums. Er stützte sich dabei auf die Schriften gleichgesonnener Vordenker, die er in „Der Zentaur“ immer wieder zitiert. Im Vordergrund standen die Werke von Gustav Theodor Fechner (1801-1887) und William James (1842-1910). Beide waren sie Philosophen, die der exakten Wissenschaft Grenzen aufzeigen wollten. Außerdem galten sie als Pioniere der modernen Psychologie, für die Blackwood sich stark interessierte.

Vor allem Fechner glaubte darüber hinaus an einen ‚beseelten‘ Kosmos mit buchstäblich verstandesbegabten Himmelskörpern, deren Bewohner körperfeste Projektionen des Mutterplaneten darstellen. Seine oft komplizierten Thesen griff Blackwood unterhaltsam auf, brachte sie in allgemeinverständliche Form und erweiterte sie mit eigenen Theorien. Auf diese Weise entstand eine Weltanschauung, die quasi zwangsläufig die Aufmerksamkeit des US-amerikanischen Schriftstellers Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) erregen musste (weshalb „Der Zentaur“ in der Reihe „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ erscheint).

Die Natur als das eigentliche Paradies

Lovecraft postulierte eine (fiktive) Weltgeschichte, die den urzeitlichen Kosmos zur Heimat unsterblicher und den bekannten Naturgesetzen enthobener Entitäten erklärte. Doch während Cthulhu und seine Brut noch in der Gegenwart vor allem ihr Unwesen und ihre Opfer böswillig in den Untergang treiben, würdigen Blackwoods Inkarnationen der Natur dem Gros der ohnehin ahnungslosen Menschen schlimmstenfalls keines Blickes, während sie jene, die über das Talent und den Willen verfügen, sie zu erkennen, freundlich aufnehmen und sogar dorthin mitnehmen, wo die Zeit quasi stehengeblieben ist.

Auch O’Malley gelangt auf diese Weise in das Paradies einer schöpfungsnahen Ära, das nicht verloren, sondern dem Menschen verlorengegangen ist. Nur in Nischen hat es sich erhalten, nur über meist unsichtbare Portale können Eingeweihte es betreten. Dort schütteln sie jenen Schutt von sich, den der moderne Mensch als „Errungenschaften von Wissenschaft und Technik“ kennt und schätzt. Dabei hat gerade der Zivilisationsprozess ihn der beseelten Natur entfremdet. Nur Ausnahmegestalten wie O’Malley können das Ausmaß dieses Verlustes erfassen und die ‚Rückkehr‘ ins Stadium der Unschuld würdigen.

In diesem Garten Eden spielt Zeit keine Rolle. Während der Mensch ihn verlassen hat, finden andere Projektionen der lebenden Erde hier ein Refugium. Der „Russe“, den O’Malley kennenlernt, entpuppt sich dort, wo er seine Maske fallenlassen kann, als Zentaur des Titels und symbolisch griffiger Repräsentant der Vergangenheit. Auch andere Gestalten der antiken Mythologie trifft O’Malley während seines Aufenthaltes im Schoß der Mutter Erde; hinzu treten Wesenheiten, die ihm fremd sind und bleiben.

Konzentriere dich, Leser!

O’Malleys Reise in eine vergessene Welt stellte schon 1911 die Leser auf die Probe. Von Unterhaltungsliteratur im üblichen Sinn kann keine Rede sein. Der Untertitel ist Hinweis und Warnung zugleich, „Der Zentaur“ in der Tat ein „mystischer Roman“! Wer alternative Lebensentwürfe akzeptiert oder wenigstens den Wohlklang eines vorzüglich geschriebenen Textes zu schätzen weiß, wird die Lektüre schätzen. (Wesentlich plakativer und ohne philosophischen Unterbau schilderte übrigens Arthur Conan Doyle 1928 einen ‚lebendigen‘ Erdglobus in der Professor-Challenger-Story „When the World Screamed“/dt. „Als die Erde schrie“.)

Blackwood bemüht sich, seinem Publikum die vielschichtige Thematik nahezubringen. Dabei übertreibt er zweifellos, denn zentrale Aussagen werden mehrfach variiert und wiederholt und einem Leser eingehämmert, für den der eigentliche Erkenntnisprozess relativ früh abgeschlossen ist: Anders als der nach dem Willen des Verfassers begriffsstutzige O’Malley weiß er bald, worauf Blackwood hinauswill. Vermutlich befinden sich die esoterikgeplagten Leser des 21. Jahrhunderts in einer besseren Verständnisposition als ihre Vorgänger 1911, für die ein Planet als denkendes Lebewesen eine revolutionäre Vorstellung dargestellt haben mag, während wir heute daran gewöhnt sind, dass Seltsamkeiten auf uns einprasseln.

Blackwood bemüht sich redlich um Auflockerung. Er will nicht mit einem Pamphlet abschrecken und langweilen. Wichtiges Instrument ist dabei der Dialog. O’Malley berichtet nicht nur, sondern diskutiert auch seine Erlebnisse und Erkenntnisse, die seine Gesprächspartner in einen objektiven Rahmen zu stellen versuchen. Vor allem Dr. Heinrich Stahl ist eine Schlüsselfigur: Obwohl er weiß, dass O’Malleys unkonventionelle Weltsicht der Realität entspricht, versagt er sich die daraus resultierende Erlösung, sondern zwingt sich im (Un-) Geist der Rationalität, die kosmisch geprägte Wahrheit als Hirngespinst wahnkranker Zeitgenossen abzutun.

Philosophie als Unterhaltung?

O’Malley nimmt letztlich ein Ende, das für ihn die endgültige Wiedergeburt einleitet. Dabei bleibt er allein, denn Blackwood ist zu sehr Realist, um an eine globale Rückkehr des paradiesischen Zustandes zu glauben. Jeder Mensch muss für sich die Entscheidung treffen, ob und wie weit er sich auf die Natur einlassen will. Mit „Der Zentaur“ hat Blackwood seine Haltung kundgetan – wortgewandt, beinahe dokumentarisch und ohne seine Leser zwingen zu wollen, sich ihm anzuschließen; eine Toleranz, die fanatischen Weltverbesserer gemeinhin fremd ist. Darüber hinaus war und ist Blackwood zeitgemäß in seiner Ablehnung einer allzu entfesselten Wissenschaft, die er für anmaßend in ihrem Bemühen hält, dem Universum seine letzten Rätsel zu entreißen. Es kommt der Punkt – so Blackwood -, an dem der Instinkt den Verstand ablösen muss. Dies könnte jenen Lesern harmonisch in den Ohren klingen, die ebenfalls der Meinung sind, dass exakte und allzu strenge Forscher längst nicht alles wissen und dem „dritten Auge“ den Blick in übernatürliche Sphären vor allem aus Arroganz und Angst um ihre Pfründen absprechen.

Auf dieser Ebene besitzt „Der Zentaur“ beachtlichen Unterhaltungswert. Trotzdem wird sich nicht jeder Leser auf O’Malleys mystische Reise einlassen. Am Text liegt es nicht, die Übersetzung ins Deutsche ist ausgezeichnet. Die Herausforderung dürfte nicht nur wegen der spezifischen Thematik groß gewesen sein. Auch stilistisch ist „Der Zentaur“ ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Übersetzerin Usch Kiausch hat den Text behutsam dem gegenwärtigen Duktus angepasst, ohne den Versuch zu unternehmen, das Alter dieser Geschichte zu verhehlen.

Sie hat mit deutscher Gründlichkeit für einem Anhang die Literatur recherchiert, derer sich Blackwood seinerzeit ausgiebig bediente, ohne die Herkunft der Zitate immer nachzuweisen. Es ist interessant zu erfahren, von wem der Verfasser sich inspirieren ließ. Wenn man überhaupt etwas vermisst, dann ist dies ein Nachwort, das diesen Roman in sein historisches und philosophisches Umfeld einbettet und erläutert, was Algernon Blackwood wieso umtrieb. Das ändert nichts daran, dass „Der Zentaur“ etwas Besonderes ist und eine Veröffentlichungslücke schließt.

(Knapp aber intensiv mit Blackwoods Naturglauben und Literatur beschäftigt sich dieser 2013 von James Machin veröffentlichte Artikel: Weird Fiction Review/WFR’s 101 Weird Writers #19 - Algernon Blackwood. Hier findet man außerdem Hinweise auf weitere Sekundärliteratur.)

Autor

1869 wurde Algernon Blackwood in Shooter’s Hill in der Grafschaft Kent (heute ein Teil Londons) geboren. Seine Eltern gehörten einer strengen calvinistischen Splittergruppe an, doch Algernon betrachtete die ‚etablierten‘ Religion skeptisch. Er verließ sein behütetes aber gefühlskaltes Elternhaus, sobald er volljährig war, und emigrierte nach Kanada. Später ging er in die Vereinigten Staaten und versuchte sich u. a. als Farmer, Hotelier, Journalist und Schauspieler. Die während dieser Lehr- und Wanderzeit gewonnenen Erfahrungen, die er später auf ausgedehnten Europareisen vertiefte, flossen in Blackwoods schriftstellerische Arbeit ein, mit der er 1899, dem Jahr seiner Rückkehr nach England, begann.

In rascher Folge veröffentlichte Blackwood mehrere Sammlungen mit Kurzgeschichten, die sich mit dem Okkulten und Übersinnlichen beschäftigten. Auch hier konnte er auf persönliche Kenntnisse zurückgreifen. Schon als 17-jähriger hatte Blackwood in Kent die Sagen und Mythen seiner Heimat studiert und sich mit den Lehren der klassischen Okkultisten und Kabbalisten vertraut gemacht. Im Jahre 1900 trat Blackwood dem berühmten „Hermetic Order of the Golden Dawn“ bei.

Natur- und Elementargeister, verschüttete Erinnerungen, Wiedergeburt: Dies sollten die Themen sein, auf die Blackwood in seinen Geschichten immer wieder zurückkam. Sie belegen außerdem sein Interesse an der neuen, noch höchst umstrittenen und daher umso faszinierenderen Wissenschaft der Psychoanalyse.

Die Hypothese, dass Geister – sollte es sie denn geben – nicht einfach ‚sind‘, sondern Ausgeburten der menschlichen Psyche sein könnten, floss rasch in die Arbeiten zeitgenössischer Schriftsteller eine. Blackwood gehörte zu den Pionieren, die einen psychologischen Blick auf die Welt des Okkulten warfen. Besonders deutlich manifestierte sich dies in der Figur des „Physican Extraordinary“ Dr. John Silence (1908), der sich am Vorbild Sigmund Freud orientierte, aber mit dem okkulten Wissen seines Schöpfers ausgestattet war.

Algernon Blackwood starb hoch betagt und als Schriftsteller halb vergessen 1951. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens war (der 1949 geadelte) alte Mann jedoch als Radiosprecher und Hörspielautor noch einmal ungemein populär geworden. Blackwood hinterließ etwa 200 Kurzgeschichten und 14 Romane, dazu Schau- und Hörspiele, Gedichte und Liedtexte.

Copyright © 2015/2016 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Oh nein, das ist eindeutig ein Kandidat für „Träume und Visionen“. Dort findet man den „Zentaur“ jetzt.

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