Dunkle Engel

S. P. Somtow
Dunkle Engel

Originaltitel: Darker Angels (London : Victor Gollancz 1997)
Übersetzung: Christel Roßkopf
Deutsche Erstausgabe (geb.): Oktober 2001 (Festa Verlag/Edition Metzengerstein 19)
316 Seiten
ISBN-10: 3-935822-09-X
Neuausgabe: März 2005 (Festa Verlag/Horror TB 1516)
395 S.
ISBN-13: 978-3-935822-96-1

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Das geschieht:

New York im April des Jahres 1865: Der Amerikanische Bürgerkrieg ist endlich beendet, die Sezession der Vereinigten Staaten in Nord- und Südstaaten rückgängig gemacht, die Sklaverei abgeschafft – und in Washington Abraham Lincoln einem Attentat zum Opfer gefallen. Bevor er bestattet wird, reist der Körper per Eisenbahn durch die USA, damit die Bürger Abschied von ihrem Präsidenten nehmen können.

In New York macht Paula Grainger dem Toten ihre Aufwartung. Sie hat ihren Ehemann, den Militärkaplan Aloysius Grainger, im Krieg verloren. Zwar war sie ihrem Gatten schon vorher entfremdet, doch der Verlust wiegt schwer in einer Zeit, in der eine allein stehende Frau einen schweren gesellschaftlichen Stand hat.

Vor der aufgebahrten Leiche Lincolns lernt Paula den Dichter Walt Whitman kennen. Der unkonventionelle Freigeist macht sie bekannt mit einem engen Freund: Zachery Brown, der als gemeiner Soldat im Krieg diente, lernte dort Aloysius Grainger kennen. Paula erfährt, dass ihr Ehemann keineswegs der langweilige Prediger gewesen ist, den sie kannte. Grainger entpuppt sich als unkonventioneller Forscher, den die okkulten Praktiken der schwarzen Sklaven in den Südstaaten faszinierten. Wie tief Grainger in die Geheimnisse uralter afrikanischer Totenkulte und Voodoo-Praktiken eingedrungen war, kann auch der junge Jimmy Lee Cox bestätigen, der die Schlachtfelder des Bürgerkrieges nur zu gut kennengelernt hat. Und Phoebe, Paulas angebliche Dienerin, ist tatsächlich die Tochter der mächtigen afrikanischen Zauberin Eleuthera, die sich des Nachts in einer Leopardin verwandeln kann.

Sie erzählen einander ihre Geschichten, die ein Dreivierteljahrhundert abscheulicher Sklaverei, Kriegsgräuel und Schwarzmagie lebendig werden lassen – ein Drama, das in Afrika beginnt, nach einem Abstecher ins alte Europa über Westindien die jungen Vereinigten Staaten erreicht und mit historischen Persönlichkeiten wie Lord Byron, Edgar Allan Poe und den noch lebenden Abraham Lincoln prominent besetzt ist …

Urban Fantasy der anspruchsvollen Art

Für die Freunde des Unheimlichen hat sich der Dschungel des gedruckten Horrors in den letzten Jahren zunehmend in eine Monokultur verwandelt. Weiterhin allzu en vogue sind Vampir-Schmonzetten, in denen blutarme Blutsauger als Traumprinzen emotional in Aufruhr befindlicher Jungmaiden nicht mit dem Holzpfahl, sondern mit den pubertären Aufwallungen ihres Publikums ringen. Wenig zu lachen (bzw. zu gruseln) haben dagegen jene, die es gern ein wenig einfallsreicher und – sprechen wir das verpönte Wort ruhig aus – anspruchsvoller lieben. Glücklicherweise gibt es hierzulande noch einige Kleinverlage, die Alternativen bieten möchten. Mit „Dunkle Engel“ liegt ein geradezu sperriges Horror-Spektakel um Kriegsschrecken und Unmenschlichkeit, archaische Magie und Voodoo, Hexen und Zombies vor.

Die Handlung ist locker mit zwei früheren Gruselromanen Somtows verknüpft. Wie in „Vampire Junction“ (1984; dt. „Ich bin die Dunkelheit“) und vor allem „Moondance“ (1989; dt. „Wolfsruf“) spielt auch dieses Garn in einem Nordamerika, in dem die Geschichte eine Spurrille neben der uns bekannten Realität verläuft. Die meisten Ereignisse und Namen stimmen überein, doch in gewissen Punkten gestattet sich der Verfasser dichterische Freiheiten. Der zeitgenössische Abraham Lincoln war ganz sicher nicht in ein übernatürliches Komplott verstrickt, in dem Wer-Leoparden eine zentrale Rolle spielten. Ebenfalls mit Vorsicht zu genießen sind Somtows Schilderungen des Bürgerkrieges. Zwar gibt es für das reale Grauen dieses vierjährigen Gemetzels mehr als genug Augenzeugenberichte und Fotos, doch hier wird es verfremdet, um den dramatischen Hintergrund und Verstärker für das romanhaft-phantastische Geschehen zu bilden.

„Dunkle Engel“ ist sicherlich kein geradliniges Horror-Action-Garn, sondern lebt über weite Strecken von seiner eigentümlichen Atmosphäre, die man als Mischung aus Fiebertraum und naturmystischen Epiphanien bezeichnen könnte. So etwas liebt besonders der belesene Kritiker und Phantastik-Fachmann, dem Augenwinkel-Grusel stets mehr gilt als Bettlaken-Buhen. Davon sollte sich der ‚normale‘ Leser jedoch nicht ins Bockshorn jagen bzw. einschüchtern lassen.

Kakophonie statt Horror-Symphonie

Ohnehin sei hier in Vertretung derer, die es bei der Lektüre nur zu denken, aber nicht auszusprechen wagen, deutlich festgehalten, dass Somtow es häufig übertreibt mit seinen Schauerbildern und seinen symbolhaft verschlüsselten Rätselbildern, die sich nicht zu dem geplanten infernalischen Zaubermärchen ergänzen, sondern gegenseitig erschlagen. Die kunstvoll verschachtelte Story, die rückwärts erzählt wird, mit doppelten, dreifachen, vierfachen Rückblenden in nicht chronologischer Reihenfolge prunkt und vom Leser aus vielen Einzelgeschichten zusammengesetzt werden muss, verrät mehr über den Ehrgeiz ihres Verfassers statt wirklich zu funktionieren.

Vorbehalte weckt zudem der Plot als solcher. „Dunkle Engel“ spielt im Milieu der Südstaaten-Sklaven. Sie konnten ungeachtet der Unmenschlichkeit des Systems, in dem sie leben mussten, eine eigenständige und einmalige Kultur bewahren und entwickeln, die afrikanisch-,heidnische‘, mittelamerikanisch-magische und nordamerikanisch-christliche Elemente mischte. Somtow, der in Asien geborene und erst als junger Mann in die USA umgesiedelte Autor, ist selbst das Kind mindestens zweier sehr unterschiedlicher Kulturkreise, sodass er sowohl mit den Schwierigkeiten als auch mit den Vorteilen vertraut ist, die es mit sich bringt, ein Wanderer zwischen Welten zu sein.

Aber obwohl er andererseits erfreulich schrill auf die politische Korrektheit seiner Figuren pfeift, sich tief in die Materie eingearbeitet hat und deutlich bemüht ist, dem Thema Voodoo neue Aspekte abzuringen, ist „Dunkle Engel“ in den ‚magischen‘ Szenen etwa so überzeugend wie der Horrorfilm-Klassiker „Angel Heart“ (1986) oder anderer Grusel-Kitsch vor „Southern Comfort“-Kulisse & mit einem Schuss Anne Rice fürs glutvoll-märchenhaft-Dekadente; aber nicht zu viel, damit die US-Puritaner nicht gar zu laut aufheulen. Sie werden schon hart genug auf die Probe gestellt mit kleinen Sticheleien, die aus Nationalheiligen wie Walt Whitman einen lebensfrohen Schwulen oder aus Abe Lincoln einen Okkultisten und schließlich sogar einen Zombie machen.

Nicht zu beneiden war die Übersetzerin, denn Somtows Stil ist – gelinde ausgedrückt – eigenwillig. Er schreibt anspruchsvolle Prosa, die sich definitiv abhebt vom Subjekt-Prädikat-Objekt-Punkt-Schema der meisten zeitgenössischen Horror-Autoren. Wenn es nicht selbst schon wieder ein Klischee wäre, könnte man sagen, er mische asiatisch-assoziative Wortgewalt mit angelsächsisch-dokumentarischer Nüchternheit. Auf jeden Fall ist „Dunkle Engel“ kein Buch, dass wie der jeweils aktuelle Stephen-King-Band bereits einen Tag nach der Originalausgabe ,übersetzt‘ auf den deutschen Buchmarkt geworfen werden kann. Das wird besonders in den vielen Szenen deutlich wird, in denen Folklore, Realität und Traum sich unmerklich mischen und wieder trennen. Sie vor allem lohnen die Lektüre dieses Romans, der ansonsten mehr verspricht, als er zu halten vermag.

Autor

S. P. Somtows Biografie gleicht einem farbenfrohen Märchen. Geboren 1952 als Somtow Papinian Sucharitkul im thailändischen Bangkok als Großneffe einer Königin von Siam und Sohn eines international bekannten Anwalts für Menschenrechte, kam Somtow in den Genuss einer Elite-Ausbildung in Eton und Cambridge, bevor er eine erste Karriere als rasch renommierter Komponist avantgardistischer Musik begann.

Als echtes Multitalent verlor Somtow das Interesse an dem, was er beherrschte, und begann etwas Neues. Auch als Schriftsteller erregte er bald Aufsehen, wobei er sich längst nicht auf Horror- oder Unterhaltungsliteratur beschränkte (als Somtow Sucharitkul hat sich Somtow z. B. auch in der Science Fiction originell hervorgetan), sondern als Verfasser ,normaler‘ Belletristik, von Fabeln, mindestens einer Biografie und als Poet in allen Genresätteln behauptete. Darüber hinaus schrieb und inszenierte er Opern, Theaterstücke, Filmdrehbücher (die er nicht selten persönlich in Szene setzt) und, und, und … Einen Leonardo da Vinci des Multimedia-Zeitalters könnte man ihn nennen – oder einen Clive Barker, den das Kultur-Establishment auch durch die Vordertür einlassen würde.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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