Wer leichter glaubt, wird schwerer klug

Martin Urban
Wer leichter glaubt, wird schwerer klug

Eichborn, Berlin, 9/2007
HC mit Schutzumschlag, Religion, Philosophie, Psychologie, 978-3-8218-5796-1, 256/1995
Umschlaggestaltung von Christiane Hahn unter Verwendung eines Bildmotivs von akg-images, Viele SW-Illustrationen aus verschiedenen historischen Quellen
www.eichborn.de

In den letzten Jahren lassen sich zwei Entwicklungen im Umgang mit der Religion feststellen:

Während immer mehr gebildete Mitglieder die Kirche verlassen und ihren eigenen, persönlichen Weg zu Gott verfolgen möchten, wächst die fundamentalistische Basis und greift auch schon auf die Gesellschaft über.

Wie in den USA denken hier sogar einige Politiker und Kultusminister schon darüber nach, die Evolutionslehre in der Schule abzuschaffen oder zumindest einen Kompromiss zu der Schöpfungsgeschichte zu finden.

Das ruft Martin Urban auf den Plan. „Wer leichter glaubt, wird schwerer klug” ist ein Plädoyer für den Zweifel im Glauben. Denn seiner Ansicht nach sind Wissenschaft und Religion durchaus miteinander vereinbar und können sich sogar gegenseitig befruchten. Den Glauben immer wieder in Frage zu stellen, sei wichtig, denn nur so kann er mit den Menschen und ihren Erfahrungen wachsen.

Das starre Verharren auf einmal festgelegte Regeln sei dagegen pures Gift für die Zukunft. Das versucht der Autor, in seinem Buch zu begründen. Er holt dafür weit aus, indem er zunächst einmal die Begriffe ‚Aberglaube’ und ‚Aberwissen’ erklärt und dann anhand der Werbung deutlich macht, wie leicht wir uns beeinflussen lassen. Und wenn es der Reklame in Fernsehen und Zeitungen gelingt, uns so in den Bann zu schlagen, warum dann nicht auch anderen?

Er geht sogar noch weiter und erörtert die Grundbedingungen für die leichte Verführbarkeit der heutigen Menschen. Anhand wissenschaftlicher Tests haben Wissenschaftler festgestellt, wie leicht sich nicht nur die Sinne sondern auch die Intuition in die Irre führen lassen. Linien, die gleich lang sind, scheinen durch Pfeile plötzlich sehr unterschiedlich. Buchstaben vor einem Muster sind eigentlich nicht gekippt, wirken aber trotzdem so, weil das Auge nicht anders kann.

Das Gehirn filtert die Vielfältigkeit der Informationen, und genau das kann man steuern.

Die Welt ist nicht so, wie wir sie wahrnehmen, und auch die Sicht der Menschen wird unterschiedlich. Deshalb kommt es zu Missverständnissen und Konflikten, zu verschiedenen Interpretationen, zu Vorurteilen und Tabus.

Er erläutert mittels vieler Beispiele, wie Deutungen entstehen und sich im Laufe der Zeit weiter entwickeln, wie Offenbarungen zu Ideologien wurden und sich eine Religion wie das Christentum weiter entwickeln konnte, wer sie wie beeinflusst hat und was heute daraus geworden ist.

Und so kann der Glaube schließlich auch missbraucht werden – die Beispiele dafür pflastern bis in die heutige Zeit die Geschichte, und auch jetzt kann man sich nicht von ungünstigen Entwicklungen frei sprechen. Deshalb gibt es offensichtlich nur einen Weg: den Glauben immer wieder neu zu bedenken und auch für neue Strömungen offen zu sein.

Man merkt, dass Martin Urban aus einer Theologenfamilie stammt, denn für ihn sind viele Dinge selbstverständlich, die andere erst mühsam erlernen müssen. Für jemanden, der viel und gerne über Gott und den Glauben nachdenkt, dabei auch die Wissenschaft mit einbezieht sind seine Thesen und die angeführten Beispiele durchaus nachvollziehbar. Er erklärt nichts Neues.

Jeder, der nur ein wenig mit wachen Sinnen durch die Welt geht, weiß, dass wir ständig beeinflusst und manipuliert werden, und wie die Werbefachleute – übrigens mit Hilfe wissenschaftlicher Studien – vorgehen, um das zu erreichen, was sie wollen.

Die Absicht des Autors ist löblich: Wie das Leben sollte auch der Glaube im Fluss sein. Ohne Zweifel entwickelt man sich nicht weiter. Aber gelingt es ihm auch, die Menschen zu erreichen, die nur glauben und nicht zweifeln wollen, die sich jedem Argument verschließen, das gegen ihre Weltanschauung verstößt?

Es ist einfach, offensichtliche Fehler und Schwächen anzukreiden, denn vor allem die katholische Kirche mit ihren strengen Dogmen und starren hierarchischen Strukturen bekommt hier ihr Fett weg, aber wirklich ansprechen kann der Autor nur die Leser, die wirklich bereit sind, über seine Argumente nachzudenken, die ihre Zweifel hegen und pflegen und im Grunde ähnlicher Meinung sind wie er.

Diejenigen, die sich voll und ganz dem Glauben ergeben haben oder sich auf den Weg dahin begeben, erreicht er allerdings nicht und scheint auch keine Antwort darauf zu wissen, wie er sie aufmerksam machen soll.

Trotzdem ist „Wer leichter glaubt, wird schwerer klug” ein unbequemes und nachdenkenswertes Buch.

Es fasst vieles von dem zusammen, was sich geistig rege Menschen ohnehin schon gedacht haben und zeigt, dass sie nicht alleine mit ihren Zweifeln und Widersprüchen sind. Zumindest Anlass zu interessanten Diskussionen sollte das Buch geben, um die Zahl derer, die noch nachdenken und nicht nur konsumieren wollen, nicht noch mehr schrumpfen zu lassen. (CS)

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Wer leichter glaubt, wird schwerer klug: Wie man das Zweifeln lernen und den Glauben bewahren kann

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