Conan und die Straße der Könige

Karl Edward Wagner
Conan und die Straße der Könige

Originaltitel: Conan – The Road of Kings (New York : Bantam Books 1979)
Übersetzung: Lore Strassl
Deutsche Erstausgabe: April 1983 (Heyne Verlag/Heyne Fantasy 06/3968
253 S.
ISBN 10: 3-453-30867-0
Neuausgabe: Januar 1995 (Heyne Verlag/Heyne Fantasy 06/3968)
253 S.
ISBN 13: 978-3-453-30900-5

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de


Das geschieht:

Conan, der Barbar aus dem eisigen Norden dieser Welt des hyborischen Zeitalters, dient im Söldnerheer König Rimanendos von Zingara. Stationiert ist er in der Haupt- und Hafenstadt Kordava. Als Conan im Zweikampf einen Vorgesetzten tötet, wird er vom General Korst zum Tode verurteilt. Unter dem Galgen trifft er Santiddio, einen der Anführer der „Weißen Rose“, einer Widerstandsbewegung, die den grausam und skrupellos herrschenden König stürzen und Zingara in eine Republik umwandeln wollen. Santiddios Zwillingsschwester Sandokazi kann den Bruder mit der Unterstützung des Banditenkönigs Mordermi in letzter Sekunde retten, und Conan schließt sich ihnen gern an.

Die Flüchtlinge schlüpfen in der „Grube“ unter: Nach einem verheerenden Erdbeben wurde Kordava auf den Trümmern der alten Stadt neu errichtet. Unterhalb des modernen Straßenniveaus blieben Keller und Gassen erhalten. In dieser Unterwelt hat sich eine kriminelle aber verschworene Parallel-Gesellschaft eingerichtet, die von der Stadtwache in Ruhe gelassen wird.

In den folgenden Monaten wird Conan zur rechten Hand Mordermis, während Santiddio und die „Weiße Rose“ weiter den Umsturz betreiben. Als der Räuberhauptmann sich erdreistet, eine königliche Gesellschaft zu überfallen, hat er den Bogen überspannt. Rimanendo schickt Korst und seine Truppen in die Grube. Durch die Zauberkraft des stygischen Hexenmeisters Callidios, der sich der Bande inzwischen angeschlossen hat, kann der Angriff nicht nur abgewehrt, sondern eine Revolution in Gang gesetzt werden, die das ‚neue‘ Zingara hervorbringen soll – ein Reich, das sich nicht nur zum Entsetzen Conans bald als Albtraum entpuppen wird …

Politik in archaischen Zeiten

Die Fantasy ist ein Genre, in dem Zauberei und Fabelwesen zum normalen Alltag gehören. Weniger einfallsreich zeigen sich die Schöpfer in der Frage, wie die fantastischen Reiche, in denen fantastische Abenteuer spielen, realpolitisch geerdet sind. L. Sprague de Camp, der selbst viele ‚neue‘ Conan-Abenteuer schrieb, drückt es im Vorwort zu „Conan der Schwertkämpfer“ (Heyne-TB Nr. 06/3895) so aus: „Geschichten dieses Genres … beabsichtigen nicht, soziale und wirtschaftliche Probleme unserer Zeit zu lösen; sie kümmern sich nicht um Fehler, die in der Entwicklungshilfe gemacht werden, oder um Belange der Rentenversicherung, auch nicht um die fortschreitende Inflation. Es ist eine Fluchtliteratur reinsten Wassers …“ (S. 13/14)

Die Fantasy bleibt der Vergangenheit verhaftet. Das kündet u. a. von ihrer Affinität zum Märchen- und Sagenschatz vor allem des europäischen Raumes, aus dem sie großzügig schöpft. Die Monarchie ist darüber hinaus zum bequemen Kürzel geworden. Der erfahrene Fantasy-Leser weiß, worauf er sich einzustellen hat, wenn ihm bedeutet wird, dass der ihm just präsentierte Roman in einem Königreich spielt, in dem die Gesellschaft sich grafisch in Pyramidenform darstellen lässt: Die Spitze bilden der König und sein Adel, die Basis das gemeine Volk.

Auch die hyborische Welt des Conan aus Cimmerien – die etwa 12 Jahrtausende in einer nicht schriftlich überlieferten Vergangenheit zu orten ist – bietet aus demokratischer Sicht eine tabula rasa. Zwar entstammt unser Barbar einer Gesellschaft, die einen König nicht kennt. Das bedeutet freilich keineswegs, dass Cimmerien eine Republik darstellt. Das eisige Land am Nordrand der Zivilisation ist ein loser Verbund vieler Stämme, die sich im Kriegsfall einem Herrscher unterwerfen.

Ein Barbar wird Revolutionär

Als typischer Untertan lässt sich Conan trotzdem nicht bezeichnen. Aus der Politik hält er sich tunlichst heraus. Böse Erfahrungen bestätigen ihn in seinem Entschluss, denn in Conans Welt sind Könige nicht nur unumschränkte, sondern auch grausame Zeitgenossen, denen ein Menschenleben wenig bedeutet. Dieses Mal muss Conan erleben, dass man ihn, der in einem aus seiner Sicht gerechten und gerechtfertigten Duell obsiegte, in den Kerker wirft und hinrichten will.

Kein Wunder, dass Conan den Staub von Kordava möglichst umgehend von seinen Füßen schütteln will, als er unerwartet freikommt. Stattdessen gerät er endgültig in den Mahlstrom der Politik: Conan wird Revolutionär wider Willen. Sein ‚primitives‘ Ehrgefühl bannt ihn an die Seite seiner neuen Gefährten, die vom Sturz ihres bösen Königs träumen, dem Conan nur entfliehen wollte.

So erhält ausgerechnet Conan einen Platz in der ersten Reihe, als die Revolution beginnt. Ohne echte Überzeugung bleibt er dort, als sie gelingt – und zu einer noch schlimmeren Diktatur mutiert. Wohl oder übel lässt sich Conan mitreißen; ein Prozess, den Verfasser Wagner überzeugend zu schildern weiß und der wesentlich spannender zu verfolgen ist als der x-te Zweikampf Conans mit einem Drachen oder einem Killer-Affen: „Conan und die Straße der Könige“ ist nur oberflächlich das übliche Schwerter-und-Zauberei-Garn von der Fantasy-Stange.

Zeitweise verschwindet Conan im Hintergrund der Ereignisse. Er ist nur ein Staubkorn in einem Sturm, der ihn verschlingt. Conan weiß und verabscheut das, aber er fügt sich lange in seine Rolle, obwohl er eines bereits früh begriffen hat: Im politischen Ränkespiel ist er mit seinen moralischen Standards ein Anachronismus; ein weiterer ironischer Einfall des Verfassers, gilt Conan doch als ungebildeter Wilder.

Ungewöhnliche Winkel einer bekannten Welt

Mit solcher im Conan-Kosmos ungewöhnlichen Vielschichtigkeit muss der Leser generell rechnen. „Die Straße der Könige“ ist die gelungene Absage an eine Kritik, die Conan als Vertreter einer ‚minderwertigen‘, weil ‚nur‘ der dem Bauch gewidmeten Unterhaltung disqualifiziert. Autor Wagner gelingt das Kunststück, jegliche Didaktik aus seiner Geschichte herauszuhalten, die er im Gegenteil kundig und einfallsreich in die kunterbunte hyborische Welt einbettet.

Die „Grube“ von Kordava ist eine eindrucksvolle Kreation, die sogleich den Funken zum Leser überspringen lässt. Wagner lässt eine eigens entwickelte Stadtgeschichte wie nebenbei in die Geschehnisse einfließen. Kordava ist keine Fantasy-Schablone, sondern wird vor dem geistigen Auge des Lesers zu einem realen (oder wenigstens vorstellbaren) Ort.

In diesem Zusammenhang bildet der Auftritt des Magiers Callidios einen Missklang: Die Reise auf der „Straße der Könige“ kam gut ohne ihn aus. Zauberei unterstützt die Faulheit des Schriftstellers, der sich um eine stimmige Auflösung drücken und erzählerischen Sackgassen entkommen kann, indem er Magie einsetzt. So weit lässt es Wagner nicht kommen. Schon in der Charakterisierung des Callidios weicht er vom abgegriffenen Stereotyp des stygischen Erzmagiers ab, mit denen andere Autoren den Conan-Kosmos bevölkern.

Schachfiguren in einem verlorenen Spiel

Callidios ist selbst unter seinesgleichen ein Außenseiter und Einzelgänger, der rein egoistische Ziele verfolgt. Er reiht sich in eine lange Reihe einprägsamer Figuren ein, mit denen Conan über die abschüssige, an Stolpersteinen und Abzweigungen reiche „Straße der Könige“ reist. Schwarzweiß-Zeichnungen vermeidet Wagner in der Regel. Selbst der unbarmherzige General Korst offenbart eine nachdenkliche Seite, aber noch eindrucksvoller fällt der Sturz des Revolutionshelden Mordermi aus, der sich vom gerechten und beliebten Anführer über den unwilligen und reformwilligen Volkskönig zum verräterischen und grausamen Tyrannen wandelt.

Santiddio ist der Repräsentant der reformpolitischen Bewegung in Kordava. Er vertritt die liberale Partei, aber es gibt auch einen eher konservativen und einen offen sozialistischen Volksvertreter. Ihre Querelen bieten Wagner immer wieder Stoff für sarkastische Bemerkungen über das Parlament als „Schwatzbude“, in der nur geredet aber wenig beschlossen oder gar umgesetzt wird. In der hyborischen Welt scheint diese Reaktion angemessen, zumal Mordermi die hehren Versprechungen einer Regierung durch und für das Volk brutal Lügen straft. Aber Wagner stößt keineswegs ins Horn derer, die eine „gerechte Diktatur“ präferieren: Zwar hat Conan vom Experiment Politik letztlich die Nase voll, doch Zingaras neuer König Santiddio will einen zweiten Versuch in Sachen Demokratie wagen.

Handfeste Fantasy benötigt ein gewisses Maß an Sex. Der beschränkt sich bei näherer Betrachtung meist auf die luftige Bekleidung der notorisch hübschen weiblichen Figuren. Zwar setzt die schöne Sandokazi dem stattlichen Conan das Messer bzw. sich selbst auf die breite Brust, doch dieser muss ablehnen: An den Bräuten guter Freunde und Lebensretter vergreift sich auch ein Barbar nicht. Frustriert verschwindet Sandokazi fürderhin im Hintergrund des Geschehens. Später kommt ihre Schwester neu ins Spiel, aber die hat sich uralten Naturmächten versprochen und lebt deshalb zölibatär. Dem wahren Fan einer „heroischen“ Fantasy ist ohnehin ein zünftiger Schwertkampf lieber als nächtliches Getümmel im Schlafgemach …

Ausgerechnet der Mann aus Cimmerien spricht die klugen letzten Worte in diesem unterhaltsam ‚anderen‘ Conan-Roman: „Ich werde meinen Entschluss [= die Krone von Zingara auszuschlagen], nicht ändern … Nicht, bis ich weiß, ob der Mensch die Macht verdirbt oder die Macht den Menschen.“ (S. 254) Da behaupte noch einmal jemand, dass einer wie Conan barbarisch dumm sein müsse …

Autor

Karl Edward Wagner wurde am 12. Dezember 1945 in Knoxville im US-Staat Tennessee geboren. In Knoxville wuchs er auf und besuchte Highschool und College. Anschließend schrieb er sich an der Universität von North Carolina und studierte Medizin. Nach seiner Promotion machte sich Wagner als Psychiater selbstständig, gab seine Praxis aber in den 1970er Jahren auf, um seiner wahren Passion zu folgen.

Schon der junge Karl Edward Wagner begeisterte sich für Fantasy, wie Robert E. Howard (1906-1936) populär gemacht hatte: Geschichten um Schwerter und Zauberei, in denen es eindimensional aber spannend zur Sache ging. 1970 veröffentlichte Wagner seinen Debütroman. „Darkness Weaves“ (dt. „Herrin der Schatten“), das erste Abenteuer des Anti-Helden Kane, der die Fantasy-Inkarnation des biblischen Brudermörders Kain darstellt. Weitere Kane-Romane sowie Pastiches zu bereits existierenden Serien wie „Conan“ und „Bran Mak Morn“ und zahlreiche Erzählungen folgten, wobei Wagner auch im Horror-Genre reüssierte. 1983 wurde er Herausgeber für die renommierte Sammelband-Reihe „Year’s Best Horror Stories“.

Wagners schriftstellerischen und editorischen Erfolge wurden von privaten Problemen überschattet; u. a. war er schwer alkoholkrank. Am 13. Oktober 1994 wurde Wagner zwei Monate vor seinem 49. Geburtstag in seinem Haus in Chapel Hill, North Carolina, tot aufgefunden.

Wagner-Website

Copyright © 2009/2017 by Michael Drewniok (md)

Titel bei Amazon.de
Titel bei Booklooker.de

Der Blutstein (Kane 1)

Kreuzzug des Bösen (Kane 2)

Diagnose: Exitus

Conan der Schwertkämpfer

sfbentry

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.