Das Familienritual

Barbara Büchner (Autorin), Alisha Bionda (Hrsg.)
Das Familienritual

(sfbentry)
Ars Litterae 9, Hrsg.: Alisha Bionda
Fabylon Verlag, Markt Rettenbach, 03/2013
TB im Großformat
Horror, Dark Fantasy
ISBN 978-3-927071-61-2
Reihenlayout von Atelier Bonzai unter Verwendung einer Illustration von Crossvalley Smith

www.fabylon-verlag.de/
http://alisha-bionda.net/
www.bbuechner.at/
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„Die Abendnebel, die von den Marschen hereinwehten, scheinen gesättigt mit einer unsichtbaren, aber deutlich spürbaren Bedrohung, als ritten Geister auf flüchtigen Pferden. Sie versuchte, sich einzureden, dass es nur die ungewohnte und nach dem Trubel von Boston unheimlich lautlose Landschaft war, die ihr Angst machte, aber sie konnte sich selber nicht täuschen.“

Schon vor ihrem Aufbruch in das kleine Städtchen in Neuengland, in dem ihr Onkel Adrian Petri die letzten Jahre verbracht hatte, plagen Kathy Belham Albträume. Eine Folge der schrecklichen Erinnerungen, die sie an diesen seltsamen und unangenehmen Menschen hat. Nun soll sie als letzte lebende Verwandte Adrians ihrer Christenpflicht folgen und die Vormundschaft über seinen elfjährigen Stiefsohn Cyril übernehmen, der mit dessen Tod zur Waise wurde.

Gemeinsam mit ihrem Mann Jerome, einen christlichen Priester, macht sich Kathy auf den Weg in die letzte Heimatstadt ihres Onkels, um Cyril abzuholen und mit in sein neues Zuhause zu nehmen. Doch in dem seltsamen Ort ist der Glaube an alte Wesen noch mächtig, und hinter vorgehaltener Hand werden Andeutungen über ein geheimes Ritual gemurmelt, das abseits der ‚normalen‘ Sommerfeier stattfindet und für das ein Opfer benötigt wird. Cyril! „Das Sommerfest hat einen schlimmen Ruf, weil es früher … in den alten Zeiten, verstehen Sie … zu Ehren von irgendeinem Teufel gefeiert wurde, dem Plumpsack, wie sie ihn nennen. Es wird erzählt, dass sie diesem Teufel zu Ehren sogar Kinder im Sumpf ertränkt hätten. […] Manche Leute behaupten, dass es auch heute abseits des normalen Sommerfestes noch immer ziemlich schlimm zuginge. Unbestrittene Tatsache ist, das können Sie auch in den Zeitungen nachlesen, dass zurzeit des Sommerfestes immer wieder Kinder verschwanden.“

Zunächst sieht „Das Familienritual“ ‚nur‘ nach einer Variation von Barbara Büchners gelungener ‚Romantic Lovecraft‘-Melange „Die Weihnachtsbraut“ (Voodoo Press, 2011) aus, doch schon bald entwickelt der vorliegende Roman ein eigenes Profil, der ihn doch eindeutig von seinem thematischen ‚Vorgänger‘ abhebt.

Zwar steht auch hier eindeutig Lovecraft Pate – insbesondere „Schatten über Innsmouth“ und „Das Fest“ –, doch schafft es die Österreicherin wieder überzeugend, aus diesen Motiven eine ganz eigene Geschichte zu basteln. So wirkt die heruntergekommene Kleinstadt, wo Kathy Belham und ihr Mann ihr Mündel abholen sollen, dank einer örtlichen Künstlerkolonie wie eine zirkushafte Version von Lovecrafts Innsmouth, und auch unheilschwangeres Getuschel und fremdartige Artefakte gibt es an (fast) jeder Ecke. Doch ist Kathy Belham eine Frau der Tat und damit alles andere als einer der blassen und vergeistigten lovecraftschen Helden, wenngleich die schmerzlichen Erinnerungen an den verstorbenen Adrian Petri und seine morbiden Interessen wie ein drohender Schatten über ihr und den Ereignissen liegen. Auch die Stadtbewohner selbst stehen im erwartungsvollen Bann des bevorstehenden Sommerfestes, das für die Bewohner eine ganz besondere Bedeutung hat.

Der Fokus der Geschichte liegt damit klar auf angenehm atmosphärischem Grusel, der sehr gut ohne Blutvergießen auskommt. Eine der Stärken der Autorin. Leider fehlt es jedoch im Gegenzug den Figurenzeichnungen an Schärfe. Lediglich Kathy ist deutlich genug ausgearbeitet, um als Identifikationsfigur funktionieren zu können. Besonders von Jerome, der so etwas wie der Joker der Geschichte ist, hätte man sich eine eingehendere Charakterisierung gewünscht. Auch einige andere Aspekte der Geschichte werden nicht zu einem runden Abschluss gebracht. So zum Beispiel die Figur des Plumpsacks, von dem man nach dem Rückentext eine sehr viel größere und gewichtigere Rolle erwartet.

Als Band 9 der Reihe „Ars Litterae“ weist „Das Familienritual“ das gelungene Reihenlayout von Atelier Bonzai auf, in das die Titelgrafik von Crossvalley Smith effektvoll eingebettet wurde. Der edle Eindruck wird noch unterstrichen durch das etwas größere Taschenbuchformat (13,5 x 21,5 cm), sowie das angenehme Schriftbild und die Innenillustrationen, ebenfalls von Crossvalley Smith.

„Das Familienritual“ überzeugt durch die hervorragend aufgebaute lovecraftsche Atmosphäre, in die Barbara Büchner ihre Geschichte einarbeitet. Insgesamt könnte der Roman jedoch etwas griffiger sein.

Copyright © 2015 by Elmar Huber (EH)

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