Das Gewicht der Seele

das-gewicht-der-seeleOliver Kern
Das Gewicht der Seele

Sieben Verlag, Fischbachtal, 3/2009,
PB, Mystery-Thriller, Dark Fantasy
ISBN 9783940235329
Titelgestaltung von Rainer Werkwerth

http://www.sieben-verlag.de/
www.wekwerth.com

Paul Tucholsky ist ein Kleinganove der tief verschuldet ist. Da kommt ihm die Anzeige der älteren Dame Gertrude von Ahrens und Drewsky gerade recht. Gemeinsam mit ihren drei Freundinnen Hannelore, Mathilda und Olga möchte Gertrude eine Reise durch Europa machen. Dafür benötigen die vier Damen einen Chauffeur, der ihnen darüber hinaus bei dem Gepäck behilflich ist. Paul erwartet ein fürstliches Honorar, für das er lediglich keine Fragen zu stellen hat. Doch bereits kurz nach Reiseantritt wird diese Auflage auf eine harte Probe gestellt. Konsterniert muss Paul mit ansehen, wie eine der alten Damen einen Mann an einer Tankstelle brutal zusammenschlägt. In Brüssel hat er mitten in der Nacht mit den vier alten Frauen zu einer herrschaftlichen Villa zu fahren, in der Olga verschwindet, nur um kurze Zeit später mit blutverschmierten Latexhandschuhen zurückzukehren. Was für ein düsteres Geheimnis hüten die vier älteren Damen, und was befindet sich in der Kühlbox und in der Arzttasche, die die Frauen mit sich herumschleppen und in die hineinzusehen Paul strengstens verboten wurde? Noch ahnt der junge Mann nicht im Mindesten, dass das bisher Erlebte nur der Auftakt zu weit schrecklicheren Erlebnissen sein soll…

So unscheinbar das Buch daherkommt, so faszinierend und packend ist sein Inhalt. „Das Gewicht der Seele“ ist Oliver Kerns Debütroman, denn bislang veröffentlichte der Schriftsteller nur Kurzgeschichten. Doch gleich mit seinem Erstling liefert Kern einen überzeugenden, gut durchdachten Mystery-Thriller ab, der nicht nur Genre-Fans begeistern wird. In einem ausgefeilten, minimalistischen Stil lässt er den Leser über die Schulter von Paul Tucholsky schauen und ihn an dessen Gedanken teilhaben. Dadurch bleibt der Leser auf dem Wissenstand des Protagonisten, was die Spannung konstant ansteigen lässt. Leider verrät der Titel schon sehr viel von dem Plot, so dass man die Wahrheit lange vor Tucholsky ahnt. Ein Pluspunkt für den Autor ist allerdings, dass es ihm dennoch gelingt, den Leser auf den letzten Seiten zu überraschen.

Bereits auf den ersten Seiten entwickelt sich eine düstere Krimi-Noir-Atmosphäre, die durch die mystischen Elemente eine dezente Gruselnote erhält. Trotz seines zweifelhaften Haupftcharakters gelingt es Kern, Sympathien bei dem Leser zu wecken, was vor allem an der gnadenlosen Ehrlichkeit des Ganoven liegt, denn Paul macht keinen Hehl daraus, dass er den Job in erster Linie des Geldes wegen annahm und hofft, die alten Damen im Lauf der Reise ordentlich schröpfen zu können. Leider bleibt die Geschichte aber auch von Ungereimtheiten nicht verschont, denn nachdem Paul von Gertrude mit einer Stricknadel traktiert wurde, verbringt er eine Nacht mit seiner Geliebten Laetitia, die allerdings kein Wort über die schmerzhafte Wunde im Oberschenkel ihres Freundes verliert. Dass Paul seine Hosen angelassen hat, ist höchst unwahrscheinlich.Durch überraschende Wendungen und Spekulationen, wer denn nun eigentlich die Bösen in diesem undurchsichtigen Spiel sind, fesselt der Roman bis zur letzten Seite. Hinzu kommt die sorgfältige Recherche, die verdeutlicht, wie viel Mühe sich der Verfasser mit diesem Projekt gemacht hat.

So packend der Roman ist, so unscheinbar und einfallslos ist leider das Layout des Buches. Abgesehen von der unattraktiven Schriftgröße, die vermutlich eine ökonomische Ursache hat, sagt das Covermotiv gar nichts aus. Das Spirituelle der Seele optisch darzustellen, geht hier gründlich in die Hose. Im Roman gab es eine Menge Szenen, aus denen man ansprechendere Motive für ein schönes Titelbild hätte entnehmen können. Oliver Kern entführt den Leser auf eine unheimliche Reise in die düsteren Gefilde der menschlichen Seele. Ein geheimes Forschungsprojekt der Nazis wird für die Protagonisten zu einem Horror-Trip. Atmosphärisch dicht und glänzend recherchiert bietet der Roman weitaus mehr, als das langweilige Cover verspricht.

Florian Hilleberg (FH)
 
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Das Gewicht der Seele

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