Das Kabinett der Wunder

das-kabinett-der-wunderMarie Rutkoski
Das Kabinett der Wunder
Die Kronos Geheimnisse 1

The Kronos Chronicles – Cabine of Wonders, USA, 2008
cbj-Verlag, München, 02/2009
HC mit Schutzumschlag, Jugendbuch, Fantasy
ISBN 9783570136720
Aus dem Englischen von Gerold Anrich
Titelgestaltung von Hauptmann & Kompanie Werbeagentur

www.cbj-verlag.de
www.marierutkoski.com

Petra ist die zwölfjährige Tochter des Uhrmachers Mikal Kronos in einem kleinen Dorf nahe Prag. Ihr Vater baute für den Prinzen Rodolfo in Prag eine Uhr, die mehr vermag, als nur die Zeit zu messen. Um zu verhindern, dass Mikal Kronos erneut ein derartiges Meisterwerk errichtet und um selbst das Werk endgültig beenden zu können, blendet der Prinz Petras Vater und schickt ihn heim. Die Augen behält der Prinz und bewahrt sie in seinem „Kabinett der Wunder“ auf, wenn er sie nicht gerade trägt. Petra will ihrem Vater helfen und begibt sich nach Prag, um die Augen wieder zu erlangen. Begleitet wird sie von Astrophil, ihrer Spinne, e,iner sehr weisen Spinne, die ihr Vater selbst gefertigt hat. Er hat das Talent Metall nicht nur zu bearbeiten, sondern sogar zu beleben, etwas, das Petra nicht gegeben ist. Oder nur noch nicht?

In ihrer Welt sind derartige Fähigkeiten zwar auch etwas Besonderes und nicht weit verbreitet, werden aber akzeptiert und als Erweiterung aller anderen menschlichen Möglichkeiten hingenommen. So gibt es auch Menschen, die mit Tieren kommunizieren können, Petras bester Freund im Ort kann Glas bearbeiten und Objekte, sogar Eigenschaften, Gedanken und Träume in Glaskugeln aufbewahren. In Prag wird Petra beinahe von einem Roma-Jungen bestohlen, kann diesen aber zu dessen Verblüffung stellen und freundet sich schließlich mit ihm an. Dadurch wird ihr der Zugang zum Schloss des Prinzen geöffnet. Doch die Suche nach den Augen stellt sich als schwieriger dar, als sie dachte.

Die Geschichte spielt in einer Welt, die der unseren nicht unähnlich ist, aber eben doch auch ihre Eigenheiten hat. Insbesondere die schon erwähnten ‚magischen’ Fähigkeiten bringen den Roman in die Nähe anderer Fantasy-Erzählungen. Im Gegensatz zu den meisten Zauberlehrlingsgeschichten werden diese besonderen Talente auf Petras Welt allerdings als etwas Natürliches hingenommen und in den Alltag integriert, als zusätzliches Werkzeug verwendet. Es gibt zwar wohl auch eine Schule, auf der denjenigen, die eine besondere Fähigkeit an sich entdecken, der Umgang mit ihr gelehrt wird, doch ist der Zugang nur den Reichen und sozial Höhergestellten möglich. Eine gewisse Parallele könnte man eventuell zu den „Bartimäus“-Büchern sehen. Die Schüler wären dann die höhergestellten, ausgebildeten Zauberer, aber es gäbe noch unausgebildete Talente, die unter sich bleiben und ihren Lebensunterhalt u. a. mit ihren Fähigkeiten bestreiten.

Letztlich steht diese erste „Kronos“-Erzählung aber für sich. Was die Ausbildung angeht, so haben einige Schüler der Akademie einen Kurzauftritt, und dieser genügt, um die sozialen Unterschiede zu verdeutlichen. Mehr ist für die Geschichte vorerst nicht notwendig. Ohne zu lamentieren bzw. die Roma selbst ausschweifend darüber klagen zu lassen, wird auch gezeigt, wie diesen Ausgegrenzten Unrecht widerfährt, ohne dass diese Ungerechtigkeit dem Leser um die Ohren geschlagen wird. Der Leser nimmt sozusagen Teil am Erwachsenwerden Petras, die sich mit der großen Stadt und den unterschiedlichsten Menschen auseinandersetzen muss, um ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen.

Spannend, kurzweilig und äußerst unterhaltsam ist dieses Buch nicht nur für jugendliche Leser geeignet. Das Umfeld gleitet nicht zu sehr in die üblichen Fantasy-Welten ab, sondern bleibt eher einem europäischen Mittelalter verhaftet, laut Autorin der Zeit gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Dazu gibt es Spionagegeschichten, Sagen aus vergangenen Zeiten, Intrigen am Hof und nicht zuletzt die Entwicklung einer tiefen Freundschaft zwischen dem Roma-Jungen Neel und Petra. Die Welt bietet auf jeden Fall noch viel Potential, welches in einem in Kürze erscheinenden zweiten Band wohl auch weiter ausgeschöpft werden wird.
 
Copyright © 2010 by Thomas Folgmann (ft)
 
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