Das rote Zimmer. Lovecrafts dunkle Idole II

Frank Festa (Hg.)
Das rote Zimmer. Lovecrafts dunkle Idole II
Horrorgeschichten

Originalausgabe
Deutsche Erstausgabe: Dezember 2010 (Festa-Verlag/H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens Nr. 2625)
Übersetzung: Alastair/Felix Fumas (1), Felix F. Frey (1), Doris Hummel (1), Sigrid Langhaeuser (7), Michael Plogmann (1), Malte S. Sembten (1), Lore Strassl (1) Michael Weh (1)
352 S.
ISBN-13: 978-3-86562-088-3

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Inhalt

H. P. Lovecraft war nicht nur als Schriftsteller ein Meister der modernen Phantastik, sondern auch ein profunder Kenner des Genres. Diese Sammlung enthält 14 Storys berühmter, aber auch wenig bekannter oder vergessener Autoren, die Lovecraft oft mehrfach lobend erwähnte. Als roter Faden zieht sich das Motiv der elementaren und belebten Furcht durch diese manchmal literarischen, manchmal trivialen aber durchweg spannenden Geschichten:

– Frank Festa: Vorwort, S. 7

– Brief von H. P. Lovecraft an Fritz Leiber jun. (1936): S. 8-14

– H. G. Wells: Das rote Zimmer („The Red Room“, 1896), S. 15-26: In seinen Mauern geht kein böser Geist, sondern das nackte Grauen um.

– Clemence Housman: Die Werwölfin („The Were-Wolf“, 1896), S. 27-76: Eine nur scheinbar schöne Frau bringt Verderben über die Bewohner eines einsamen Hofes, bis ihr ein Mann mit reiner Seele entgegentritt.

– John Buchan: Das grüne Gnu („The Green Wildebeest“, 1927), S. 77-104: Arrogant setzt der weiße Herrenmensch das Böse frei, dem er für den kurzen Rest seines Lebens reuevoll hinterherjagt.

– Henry Ferris Arnold: Telegramm in der Nacht („The Night Wire“, 1926), S. 105-114: Durch einen bizarren Zufall empfängt die Nachtredaktion einer Zeitung furchtbare Nachrichten aus einem heimgesuchten Ort.

– Mearle Prout: Das Haus des Wurmes („The House of the Worm“, 1933), S. 115-142: Blinde Verehrung rief eine böse Macht ins Leben, die sich wie eine Seuche auszubreiten beginnt.

– M. L. Humphreys: Das obere Stockwerk („The Floor Above“, 1923), S. 143-160: Ein Hilferuf in Todesangst erreicht den alten Freund zehn Jahre zu spät aber rechtzeitig, um ihn mit den schauerlichen Folgen zu konfrontieren.

– Théophile Gautier: Der Mumienfuß („Le Pied de Momie“, 1840), S. 161-174: Dass ihr mumifizierter Fuß einem Schriftsteller als Briefbeschwerer dient, ruft in der Nacht die verärgerte Besitzerin auf den Plan.

– Arthur J. Burks: Die Glocken des Ozeans („Bells of Oceana“, 1927), S. 175-190: Auf hoher See dringen bizarre Kreaturen auf die entsetzte Besatzung eines einsamen Schiffes ein.

– Robert Louis Stevenson: Die Leichenräuber („The Body Snatchers“, 1881), S. 191-210: Sie wollen nicht auf den Tod ihrer ‚Ware‘ warten, bis eines der Opfer in einer dunklen Nacht über sie kommt.

– Arthur Machen: Die weißen Gestalten („The White People“, 1906), S. 211-260: Die junge Frau steht fasziniert mit einem Bein im Reich der Elfen und Zauberwesen, bis sie einen entscheidenden Schritt zu weit geht.

– Edward Lucas White: Lukundoo („Lukundoo“, 1927), S. 261-280: Dem Fluch der verratenen Geliebten versucht er in Afrika zu entkommen, wo er in seinem Fleisch wiedergeboren wird.

– Edgar Allan Poe: Die Auslöschung des Hauses Usher („The Fall of the House of Usher“, 1839), S. 281-304: Selbstzerstörerisch bringt Usher Verderben über sich, sein überzüchtetes Geschlecht und den Familiensitz.

– C. L. Moore: Der Kuss des Schwarzen Gottes („Black God’s Kiss“, 1934), S. 305-342: Als ihr Reich erobert wird, steigt die junge Herrscherin auf der Suche nach Rache in die Tiefen der Hölle hinab.

– Lord Dunsany: Die erschütternde Geschichte von Thangobrind, dem Juwelendieb („The Distressing Tale of Thangobrind the Jeweller“, 1911), S. 343-348: Auch für den König der Diebe kommt jener Moment der Erkenntnis, dass er nicht geschickt genug war.

Irdische Angst und kosmisches Grauen

Für den Freund der klassischen Horror-Story ist das Erscheinen eines Sammelbandes aus dem Verlag Festa stets ein Grund zur besonderen Freude. Wo sonst werden derzeit Kurzgeschichten veröffentlicht, die 50, 100 oder gar 150 Jahre alt sind? Der durch die „Urban Fantasy“ bzw. „Romantasy“ der gruselverwässerten Gegenwart verschreckte Aficionado des literarischen Grauens nimmt es dankbar zur Kenntnis. Selbst oft und anderweitig abgedruckte Storys kommen neu übersetzt und vor allem im Umfeld des gewählten Themas zu frischem Glanz.

Ein Großmeister des Genres legt persönlich die Latte vor – und zwar in eine selbst für die meisten heutigen Autoren schwindelerregende Höhe. Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) hatte dezidierte Vorstellungen über das Wesen des Schreckens und seine literarische Beschwörung. Er hat sie zentral in einem Essay („Supernatural Horror in Literature“, 1925-27, überarbeitet 1933/34; dt. „Die Literatur der Angst“) dargelegt und ist darüber hinaus in seinen Briefen immer wieder auf dieses Thema zu sprechen gekommen, wobei er in der Regel Autoren nannte, die ihm seiner Meinung nach gerecht geworden waren.

Auch „Das rote Zimmer“ wird mit einem Brief eingeleitet. Lovecraft schrieb an den jungen Nachwuchs-Schriftsteller Fritz Leiber (1910-1992), der später selbst zu einem der ganz Großen der Phantastik wurde. Es war typisch für Lovecraft, Briefanfragen sorgfältig und ausführlich zu beantworten. Glücklicherweise hat sich ein Großteil seiner enormen Korrespondenz erhalten, die deshalb immer noch Einblick in Lovecrafts Gedankenwelt ermöglicht.

Lovecraft-Schrecken ist ein handfestes Phänomen

Der Brief an Leiber spiegelt wider, was die Storys perfekt verdeutlichen: Lovecraft war kein Freund des ‚psychischen‘ Horrors, der primär in einem Menschenhirn wurzelt, das Übernatürliches – oft als Folge von Krankheit oder Seelenpein – nur vorgaukelt. Er akzeptierte ihn, aber er interessierte ihn nicht wirklich. Horror war für Lovecraft eine eigenständige Kraft, deren Manifestationen handfest über ihre Opfer kommen. Deshalb war es für Lovecraft kein Problem, die Grenzen zwischen Horror und Science Fiction verschwimmen zu lassen. Die „Großen Alten“ und ihre Schergen, die er im Cthulhu-Zyklus entfesselt, sind Kreaturen aus dem Weltall: simple Außerirdische im Grunde, doch so fremd, dass bereits ihre Anwesenheit für irdisches Grauen sorgt.

Dieses ‚reale‘ Grauen angemessen realistisch bzw. naturalistisch darzustellen, war Lovecraft eine Herausforderung, an der er sich viele Jahre und letztlich sehr erfolgreich abarbeitete. Ähnliches Gelingen suchte und fand er bei früheren und zeitgenössischen Autoren, die er neidlos bewunderte, wenn er zu dem Schluss kam, dass sie erfolgreich waren, ohne sich dabei um die Qualitätsvorgaben einer Literaturkritik zu scheren, die bereits zu seinen Lebzeiten die Phantastik primär schätzte, solange sie sich auf Andeutungen beschränkte. Ebenso gleichgültig war ihm der literarische Ruhm, der sich aus derselben Quelle speiste. Für Lovecraft galt nur der Erfolg in dem schwierigen Bemühen, des Schreckens überzeugend habhaft zu werden.

Folgerichtig stellt auch diese Festa-Sammlung einschlägiger Kurzgeschichten – die zweite seit 1999 – eine bunte Mischung ehrwürdiger Klassiker und unbekannter Pulp-Schreiber dar. Die literarische Spannbreite zwischen H. G. Wells und H. F. Arnold sind rasch auch dem Laien deutlich, aber verklammert werden die unterschiedlichen Autoren in der Tat durch Lovecrafts Manifest des Grauens. Wo er selbst keine spezielle Story nannte, wählte Herausgeber Festa ein Beispiel aus, das verdeutlicht, was Lovecraft umtrieb.

Der Schrecken hat viele Gesichter

„Kosmisch“ ist das Grauen sicher nicht, das Herbert George Wells (1866-1946) heraufbeschwört. Hier fesselt (nicht nur) Lovecraft zweifellos die Meisterschaft, mit der Wells (der 1895 mit „Die Zeitmaschine“ die Serie seiner „wissenschaftlichen“ Romanklassiker begonnen hatte, die er 1896 mit „Die Insel des Dr. Moreau“ und 1898 mit „Der Krieg der Welten“ fortsetzte) die Angst als physisches Phänomen in Worte zu fassen versteht, die den Leser mit dem entsetzten Ich-Erzähler in dem berüchtigten rote Zimmer festsetzen.

Aufklärung kann der Leser von Wells ebenso wenig erwarten wie von John Buchan (1875-1940) oder Edward Lucas White (1866-1934). Wahrer Schrecken mag sich in der Realität manifestieren, enthüllt dort jedoch wenig mehr als einen schmalen Ausschnitt seiner Gesamtpräsenz. Intelligenz und Willenskraft sind offensichtlich, doch seine Motive bleiben unklar. So beschreibt Clemence Annie Housman (1861-1955) die Werwölfin seiner Story als rätselhaftes Wesen, das sich nur menschlich gibt und in dieser Tarnung besonderen Schrecken hervorruft. Ohne Deutung bleiben die Glockentöne, die Arthur J. Burks (1898-1974), ertönen lässt, während Nixen und Tang-Monster ein Schiff bedrängen. Henry Ferris Arnold (1901-1963) schildert den Untergang einer Stadt, die möglicherweise nicht einmal auf dieser Erde zu lokalisieren ist. Der Eindringlichkeit der unheimlichen Szenen, die der Leser selbst zu einem Gesamtbild zusammensetzen muss, tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil wächst mit der Ratlosigkeit die eigene Furcht.

Die Angst in ihrer Heimat

Die Existenz eines „kosmischen Schreckens“ führt unweigerlich zu der Frage, ob dieser per se bzw. nach menschlicher Definition „böse“ oder so fremd ist, dass irdische Moral hier nicht greifen kann. In diesem Punkt flüchten die Autoren sich keineswegs in politisch korrekte Schwarzweiß-Malerei. Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron of Dunsany (1878-1957), schildert das Verderben seines ohnehin unmoralischen Anti-Helden als konsequente Folge einer Entwicklung, die das Scheitern beinhaltet. Mit noch heute beindruckender Konsequenz schildert Arthur Machen (1863-1947) die Faszination, die dem Grauen innewohnen kann: Das namenlose Mädchen changiert zwischen den Welten; das Übernatürliche ist ihr nicht fremd und wirkt daher auf sie nicht erschreckend.

Doch auch Machen schließt eine Synthese aus: Als sich das Mädchen allzu weit in die Zwischenwelt vorwagt, fällt sie der dort herrschenden Realität zum Opfer. Sie hat nie wirklich verstanden, worauf sie sich einließ. Ganz anders geht Catherine Lucille Moore (1911-1987) von einer ähnlichen Prämisse aus, als sie ihre Serienheldin Jirel of Joiry buchstäblich durch die Hölle irren lässt. Jirel bleibt stets eine Fremde in dieser Unterwelt, wodurch die Moore deren erschreckende Unerklärlichkeit verstärken kann.

Die dunklen Kammern der Seele

Lovecraft schätzte wie gesagt den Schrecken nicht, der vor allem oder gar ausschließlich im Menschenhirn ausgebrütet wird. Das hielt ihn – gern verbunden mit der Ermahnung, doch besser dem ‚richtigen‘ Horror zu frönen – nicht davon ab, gelungene Beispiele für weniger kosmischen Schrecken anzuerkennen. Wie Herausgeber Festa, der jede Story kurz aber kundig einleitet, durch weitere Zitate verdeutlicht, konzentrierte sich Lovecraft dann auf jene Aspekte, die seinen Beifall fanden. In seiner Sicht ist Edgar Allan Poes (1809-1849) „Auslöschung des Hauses Usher“ nicht primär dem Wahnsinn des Hausherrn geschuldet, sondern speist sich aus einer dunklen, unbekannten Quelle, die Lovecraft in dem Teich ortet, in dem die Ushers mit ihrem Stammsitz versinken.

Deutlicher wird Lovecraft, als er Robert Louis Stevenson (1850-1894) eine „scheußliche Neigung zur Effekthascherei“ unterstellt, dann aber zugibt, dass auch der „menschliche Faktor“ seinen Stellenwert im Horror-Genre besitzt, wenn er unter gebührender Berücksichtigung der unheimlichen Atmosphäre auftritt – eine Forderung, die Stevenson mit „Die Leichenräuber“ zweifelsohne erfüllt!

M. L. Humphreys und Mearle Prout beschreiben den Schrecken sogar als primär menschliche Schöpfung. Der Wurmgott wird Realität, als man ihm huldigt, und der kranke Mann überwindet in seiner Verzweiflung Tod und Zeit. Wie bei Machen bringt die Nähe zum Unbekannten, Unmenschlichen wiederum nur Grauen und Verderben. Nur Théophile Gautier (1811-1872) kann dem nicht Rationalen eine humorvolle Seite abgewinnen.

Fantastisch in Inhalt und Form

„Das rote Zimmer“ bietet klassischen Horror in seltener Qualität. Die Übersetzungen sind akkurat, und sie belegen, dass auch eine alte Geschichte viel von ihrem Staub verlieren kann, wenn sie nah am Original neu eingedeutscht wird. Wie gewohnt ist dieser 25. Band von „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ fest und hochwertig gebunden; es macht Spaß, ihn in der Hand zu halten, darin zu blättern und natürlich ihn zu lesen, wobei das schwarze Lesebändchen hilft, den Überblick nicht zu verlieren. Neu ist der Schutzumschlag in Lederoptik, die den haptischen Schlussstrich unter das allgemeine Wohlbehagen setzt. Gibt es noch Stoff für „Lovecrafts dunkle Idole III“? Hoffentlich dauert es nicht wieder elf Jahre bis zu ihrer Wiederentdeckung!

[md]

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