Das rote Zimmer

Frank Festa (Hrsg.)
Das rote Zimmer
Lovecrafts dunkle Idole 2

(sfbentry)
H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens 25
Festa Verlag, Leipzig, 12/2010
HC mit Schutzumschlag in Lederoptik und Lesebändchen
Kurzgeschichten, Dark Fantasy, Horror
ISBN 978-3-86552-088-3
Aus dem Amerikanischen von verschiedenen Übersetzern
Titelgestaltung von N. N.

www.festa-verlag.de

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„Die Tür zu dem roten Zimmer und die Treppe, die zu ihm führte, lagen in einer dunklen Ecke. Ich leuchtete die Nische, in der ich stand, mit der Kerze aus, um alles erkennen zu können, bevor ich die Tür öffnete. Genau hier, dachte ich, war mein Vorgänger also gefunden worden, und bei der Erinnerung an diese Geschichte erfasste mich plötzlich eine dunkle Vorahnung.“ (H. G. Wells: „Das rote Zimmer“)

In seinen Aufsätzen, Essays und Briefen an Freunde und Schriftstellerkollegen lobte H. P. Lovecraft oft die Geschichten anderer Autoren. Er stellte diese oder jene Tugend heraus und rühmte besonders diejenigen Erzählungen, die ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung vermitteln, eine beunruhigende Atmosphäre, ein „kosmisches Grauen“, das nirgendwo so recht fest zu machen ist. Frank Festa legt mit diesem Jubiläumsband 25 (nach dem Auftaktband der Bibliothek des Schreckens) nun die zweite Geschichtensammlung vor, in der 14 dieser – von Lovecraft besonders geschätzten – Storys enthalten sind:

H. G. Wells: „Das rote Zimmer“
Der Protagonist macht sich an die Untersuchung des sogenannten „roten Zimmers“ von Schloss Lorraine, in dem sein Vorgänger unter merkwürdigen Umständen zu Tode kam. Nur einer aus einer ganzen Reihe Opfer, die das Zimmer bisher forderte. Er beginnt die Nachtwache in dem nämlichen Zimmer. Da verlöschen plötzlich ohne erkennbaren Grund nach und nach die Kerzen.

Clemence Housman: „Die Werwölfin“
Nach einigen seltsamen abendlichen Vorkommnissen steht in der eiskalten Winternacht plötzlich eine schöne junge Frau vor der Tür von Sweyns Familie. Es gelingt der Frau bald, die gesamte Familie für sich einzunehmen. Lediglich Sweyns Bruder Christian, der sich auf der Jagd nach einem Wolf befand, erliegt nicht ihrem Charme, denn die Spuren, die er verfolgte, endeten vor dem Haus seiner Familie.

John Buchan: „Das grüne Gnu“
Zum Beweis für seine Theorie vom Durchsetzungsvermögen rassischer Merkmale – vor allem, was spiritistische Dinge angeht – erzählt Sir Richard Hannay seinen gebannten Zuhörern folgende Geschichte: Auf der Suche nach Kupfervorkommen in Afrika gerät Hannay mit seiner Mannschaft, u. a. dem rationalen holländischstämmigen Südafrikaner Andrew Du Preez, in dessen langem Stammbaum seinem Aussehen nach ein schwarzer Zeig vorhanden sein musste, in eine seltsame Oase. Die Quelle dort wird von einem bescheidenen alten Mann verwaltet, den die Eingeborenen wie einen König verehren. Nachdem Du Preez sich gewaltsam Zutritt zur Quelle verschafft hat, wird er eines riesigen grünen Gnus ansichtig, das ihn seit dem überallhin verfolgt.

Henry Ferris Arnold: „Telegramm in der Nacht“
Eines Nachts beginnt der Telegrafist John Morgen während einer routinemäßigen Nachtschicht auf seiner Maschine einen Bericht über eine Stadt namens Xebico zu tippen, in der sich ein unheimlicher Nebel scheinbar vom Friedhof her ausbreitet. Nur dass eine Stadt dieses Namens ganz und gar unbekannt ist und dass keiner der bekannten Absender einen solchen Bericht gesendet hat.

Mearle Prout: „Das Haus des Wurmes“
Der Jagdausflug der Freunde Art und Fred verwandelt sich in blanken Schrecken, als Fred plötzlich bei lebendigem Leib verwest. Es gelingt Art, seinen Freund zu retten, doch die Verwesung und der Tod allen Lebens breiten sich unaufhörlich weiter in dem Waldgebiet aus.

M. L. Humphreys: „Das obere Stockwerk“
Eines Tages erhält Tom unvermittelt einen Brief seines lange Zeit verschollenen Freundes Arthur Barker mit einem kurzen Hinweis auf dessen schlechten Zustand und der damit einhergehenden Bitte, ihn zu besuchen. Tom findet seinen Freund kränklich und seltsam apathisch vor. Zwar scheint Toms Anwesenheit Arthur gut zu tun, dieser dagegen fühlt sich immer bedrückter und angegriffener. Darüber hinaus hat er das Gefühl, als wäre nachts jemand bei ihm im Zimmer. Liegt das Geheimnis hinter der verriegelten Tür zum oberen Stockwerk?

Théophile Gautier: „Der Mumienfuß“
Nachdem er in einem Kuriositätenladen den mumifizierten Fuß einer angeblich echten ägyptischen Prinzessin erstanden hat, träumt der Erzähler in der folgenden Nacht von ebenjener Prinzessin, der er im Traum galant ihren Fuß zurück gibt.

Arthur J. Burks: „Die Glocken des Ozeans“
Schon bevor der Leutnant den Wachdienst eines erkrankten Offiziers übernehmen muss, beschleicht ihn das unbestimmte Gefühl, dass die Reise des Truppentransporters unter keinem guten Stern steht. Während der Nachtwache verfestigt sich zunehmend sein Eindruck einer unsichtbaren Gefahr, denn nach und nach häufen sich die Anzeichen, dass etwas Fremdes an Bord gelangt ist.

Robert Louis Stevenson: „Die Leichenräuber“
Als die Ankunft des Großstadtdoktors Wolfe Macfarlane in der kleinen Ortschaft Debenham angekündigt wird, wird der ortsansässige Fettes damit von seiner Vergangenheit eingeholt. Beide befanden sich einst als Studenten im Dienst des Anatomieprofessors K., der für seine Studien stets neues Material benötigte. Fettes wunderte sich immer über die ‚Frische‘ einiger Leichen. Schließlich erkannte er sogar eines der Objekte wieder, mit dem er am Abend zuvor noch gespeist hatte.

Arthur Machen: „Die weißen Gestalten“
Ein Mädchen unternimmt – zunächst mit seiner Amme, später alleine – Streifzüge in die nähere Natur, in der sie allerlei zauberhafte Plätze und Gestalten entdeckt. Von ihrem Kindermädchen erfährt sie alte Geschichten über verwunschene Orte und  geheime Pfade, über Zusammenkünfte und seltsame Rituale, die auch heute noch ausgeführt werden.

Edward Lucas White: „Lukundoo“
Eines Abends stößt der erschöpfte Englänger Etcham zur wissenschaftlichen Expedition von Van Rieten und Singleton und berichtet von einer unerklärlichen Krankheit, ihres gemeinsamen Bekannten Steren. Dieser spricht in seinem Zelt plötzlich mit zwei Stimmen, und sein Körper bildet unerklärliche Beulen aus, die er sich selbst abschneidet. Ohne zu zögern, folgen Van Rieten und Singleton Etcham zu dessen Lager, wo sie Zeuge grauenhafter Ereignisse werden.

Edgar Allan Poe: „Die Auslöschung des Hauses Usher“
Bereits das Äußere des „Hauses Usher“ erweckt bei dem Erzähler ein Gefühl des Unwohlseins. Auch sein Jugendfreund Roderick Usher, der ihn zu sich gebeten hatte, macht einen verwirrten Eindruck und leidet offensichtlich unter dem nahendem Tod seiner Schwester Madeline. Nach ihrem Ableben glaubt Usher schließlich, dass ihr Leichnam durch die Flure des Hauses wandelt.

C. L. Moore: „Der Kuss der Schwarzen Gottes“
Guillaume dem Eroberer ist es gelungen, Joiry zu unterwerfen. Da sich Joirys Herrscherin Jirel ihm nicht fügen will, lässt er sie ins Verlies werfen. Von dort gelingt es ihr zu entkommen und ins Reich des Schwarzen Gottes zu gelangen, um von diesem eine Waffe gegen Guillaume zu erbitten.

Lord Dunsany: „Die erschütternde Geschichte von Thangobrind, dem Juwelendieb“
Für einen reichen Handelsherren soll der mit allen Wassern gewaschene Dieb Thangobrind einen Diamanten aus dem Schoß des Spinnengottes stehlen. Den gestellten Fallen kann er entkommen, doch der Spinnengott verfolgt ihn auf seiner Flucht.

„Ich glaube, der menschliche Geist ist die gnädigste Sache der Welt und weit davon entfernt, ein Fluch zu sein. Wir leben auf einer stillen, geschützten Insel der Unwissenheit. Die einzige Strömung, die unsere Küste streift, gibt uns eine Vorstellung von der Unendlichkeit des schwarzen Ozeans um uns herum, aber was wir sehen, sind Einfachheit und Sicherheit. Würden wir auch nur einen geringen Teil der gegenläufigen Strömungen und wirbelnden Strudel aus Geheimnis und Chaos bewusst wahrnehmen, würden wir augenblicklich den Verstand verlieren.“ (Mearle Prout: „Das Haus des Wurmes“)

Zur Verdeutlichung, welchen Typ Geschichten Lovecraft besonders schätzte und welche den Leser im Folgenden erwarten, eröffnet ein Brief von H. P. Lovecraft an Fritz Leiber Jun. diese Sammlung, in dem Lovecraft die Tugenden beschreibt, die eine gute, eine „wahre“ Horrorgeschichte ausmachen muss und die er selbst stets bestrebt war, zu Papier zu bringen. „Eine gewisse Atmosphäre der Atemlosigkeit und des unerklärlichen Grauens vor außerirdischen, unbekannte Kräften“ soll es sein, aus der eine Horrorerzählung ihre Wirkung bezieht und eben nicht „heimlicher Mord, blutige Knochen oder eine in ein Laken gehüllte Gestalt, die mit den obligatorischen Ketten rasselt.“

Tatsächlich erweist sich bereits die Titelgeschichte, H. G. Wells‘ „Das rote Zimmer“, als Paradebeispiel dieser Gattung: Ohne viele Vorinformationen – man erfährt noch nicht einmal den Namen oder die Profession des Erzählers – findet sich der Leser an einem Tisch mit dem Protagonisten und einigen befremdlichen Gestalten wieder, die sich in geheimnisvollen Vorhersagen ergehen. Zu gegebener Zeit sucht der Erzähler das „rote Zimmer“ auf, über das man währenddessen erfährt, dass hier schon einige unerklärliche Todesfälle geschehen sind. Schon mit diesen Andeutungen und der Beschreibung des ungewöhnlichen Lichtspiels, das das Zimmer in rotes Licht taucht, hat H. G. Wells den Leser – ohne unnötigen Firlefanz und vor allem ohne dass eine fassbare Gefahr aufgetaucht wäre – in gespannte Erwartung versetzt.

Im Großen und Ganzen verstehen es alle hier enthalten Geschichten, auf subtile Art dieses von Lovecraft geschätzte, leise Grauen zu erzeugen, dessen Herkunft nicht genau zu bestimmen ist. Denn „Die Atmosphäre, nicht die Handlung ist es, die in der übernatürlichen Geschichte mit besonderer Sorgfalt gestaltet werden muss.“ Ein Vorgehen, das Lovecraft auch dank seiner „dunklen Idole“ zur Meisterschaft gebracht hat. Durch geschickt gestreute Andeutungen, die sich immer weiter verdichten, bauen die AutorInnen eine sich steigernde Atmosphäre des Fremdartigen auf und schüren zugleich immer stärker die Neugier des Lesers, endlich zu erfahren, was hinter den beschriebenen Vorgängen steckt.

„Das rote Zimmer“ enthält eine ausgewogene Mischung aus Klassikern wie Edgar Allan Poes „Haus Usher“  (hier in einer Neuübersetzung von Malte S. Sembten), Robert Luis Stevensons „Die Leichendiebe“ oder Arthur Machens „Die weißen Gestalten“, die Lovecraft zweifellos beeinflusst haben, und Erzählungen von Lovecrafts Zeitgenossen und Weggefährten aus „Weird Tales“; diese größtenteils in deutscher Erstübersetzung. Abgerundet wird die Sammlung von den Kurzbiografien der enthaltenen AutorInnen. Die Ausstattung des Bandes ist als Hardcover mit Schutzumschlag (in exklusiver Festa-Lederoptik) und Lesebändchen gewohnt bibliophil ausgefallen.

Gelungene Zusammenstellung von Horrorgeschichten denen die von Lovecraft geschätzte „Atmosphäre der Atemlosigkeit und des unerklärlichen Grauens“ innewohnt und die vor allem nicht schon dutzende Male in Anthologien erschienen sind.

Copyright © 2014 by Elmar Huber (EH)

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