Das schwarze Haus

Stephen King/Peter Straub
Das schwarze Haus

Originaltitel: Black House (New York : Random House 2001)
Übersetzung: Wulf Bergner
Deutsche Erstausgabe (geb.): 2002 (Heyne Verlag)
832 S.
ISBN-10: 3-453-86498-0
Neuausgabe: April 2004 (Heyne Verlag/TB Nr. 87370)
832 S.
ISBN-13: 978-3-453-87370-4
eBook: April 2008 (Heyne Verlag)
1244 KB
ISBN-13: 978-3-89480-396-4

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Das geschieht:

In French Landing, einem kleinen Landstädtchen im Westen des US-Staates Wisconsin, ist die Welt grundsätzlich in Ordnung. Polizeichef Dale Gilbertson kennt seine Pappenheimer, die den Alkohol lieben aber die Arbeit scheuen. Momentan bedrücken ihn andere Sorgen: Der „Fisherman2 geht um, ein Kindermörder und Kannibale, der bereits mehrere Opfer auf dem Gewissen hat und den untröstlichen Eltern höhnische Briefe schreibt, in denen er sich seiner Untaten brüstet.

Jack Sawyer war der Star der Mordkommission im fernen Los Angeles, bis ihn ein Fall nach French Landung führte und er sich in die Stadt verliebte. Finanziell gut abgesichert kündigte er seinen Job und führt seither ein zurückgezogenes Leben – dies auch deshalb, weil es einige Geheimnisse in Jacks Leben gibt. Als Kind hatte er entdeckt, dass es auf dieser Welt Schleusen in die „Territorien“ gibt, eine quasi in Zeit und Raum parallele „Gegenerde“. Unter mittelalterlichen Verhältnissen leben auch hier Menschen – sowie Zauberer, Ungeheuer und Geister. Einen dieser üblen Zeitgenossen konnte Jack damals besiegen. Später ist die Erinnerung an seine Erlebnisse verblasst. Stress verschafft Jack manchmal unangenehme Flashbacks.

Den wird er nunmehr erneut erfahren. Ein weiteres Dimensionstor tut sich auf. In der so zugänglichen Welt herrscht der Abbalah – der „Scharlachrote König“. Zwar sitzt er gefangen im „Dunklen Turm“, aber sein böser Geist streift frei und plant, die Herrschaft über die Territorien, unsere Welt und schließlich das gesamte Universum auszudehnen. Mord und Terror sind des Königs Waffen. Der „Fisherman“ alias Lord Malshun ist einer seiner Schergen, doch nach und nach sickern andere Schreckensgestalten über das „Schwarze Haus“, das die Pforte zum Reich des Königs darstellt, in die Realität ein.

Einige psychisch empfindliche Männer und Frauen erleben furchtbare Albträume, die von der nahen Gefahr künden. Jack muss diese potenziellen Streitgenossen um sich versammeln und in den Kampf gegen den Abbalah zu ziehen, denn das letzte Opfer des „Fisherman“ entpuppt sich des Königs Geisel, die seinen Sieg vollenden wird, sollte sie in seiner Gewalt bleiben …

Rückkehr mit Hindernissen

„Talisman“-Fantasy meets „Black House“-Horror: So lässt sich der wichtigste Unterschied zum ersten Band der Jack-Sawyer-Saga prägnant in Worte fassen. 1984 begab sich der junge Jack auf eine auch für uns Leser ebenso schreckliche wie wundersame Reise, deren Verlauf mindestens ebenso wichtig war wie ihr Ziel. „Der Talisman“ gilt als moderner Klassiker der Phantastik, und diesen Status hat der Roman sich redlich verdient.

Als lobenswert ist zu vermerken, dass Stephen King und Peter Straub knapp zwei Jahrzehnte später nicht einfach dieselbe Geschichte noch einmal erzählen. „Das Schwarze Haus“ ist keineswegs das bessere Buch geworden, aber das hat andere Gründe: Leider konnte King der Versuchung nicht widerstehen, „Das Schwarze Haus” als Modul jenem Opus einzuverleiben, zu dem er offensichtlich sein umfangreiches Gesamtwerk verschweißen möchte. Dies begann, als die Saga vom „Dunklen Turm“ und dem Revolvermann Roland fortschritt: eine simple Story, die King entglitt, sich verselbstständigte und aufblähte, bis sie ihren Schöpfer zu überwältigen und alle Grenzen schriftstellerischer Disziplin zu sprengen begann.

Immer neue Informationssplitter wurden zusammengetragen, die sich mehr oder weniger kunstvoll zu einer vorgeblich monumentalen Weltgeschichte der alternativen Art fügen sollen. Subtrahiert man Kings erzählerisches Talent, bleibt die „Turm“-Saga freilich Allerwelt-Fantasy. Querverweise auf andere King-Werke entschädigen nicht für die Redseligkeit, die der Autor nicht mehr in den Griff zu bekommen zu scheint. „Das Schwarze Haus“ hat es nicht verdient, zu einem Exkurs der „Turm“-Saga degradiert zu werden.

Vorlauf, Leerlauf, Endspurt

Dieser Roman müsste nicht über 800 Seiten stark sein; die Story gibt es einfach nicht her. Besonders in der ersten Hälfte zieht sie sich elend lang und ereignislos dahin. Manche belanglose Szene wird uns aus unterschiedlichen Blickwinkeln mehrfach erzählt. Dieses Konzept geht nur einmal auf, als King und Straub die erste Attacke der „Thunder Five“ auf das Schwarze Haus schildern. Hier wirkt die Zergliederung und Streckung der Handlung wie einem Peckinpah-Film entliehen, und sie ist ähnlich eindrucksvoll.

Auf den letzten 250, 300 Seiten zieht das Tempo endlich an, um bis zum (seltsam unspektakulären Hauptfinale) nicht mehr nachzulassen. Jetzt stellt sich endlich der gewohnte King-Effekt ein: Der Leser gibt das Buch nicht mehr aus der Hand. Natürlich ist wiederum viel Routine im Spiel, und der „Scharlachroten König“ könnte auch Sauron heißen und in Mordor residieren. Sei’s drum, der alte Zauber stellt sich ein – spät zwar, aber immerhin!

Unstrittig der Pluspunkt dieses Werkes ist die Figurenzeichung. Stephen King mag eher ein fähiger Handwerker als ein genialer Schriftsteller sein, aber er verstand und versteht es, normale Zeitgenossen mit einer Intensität zu charakterisieren, die sie in echte Personen verwandelt. Peter Straub bleibt ihm in diesem Punkt kaum etwas schuldig. Deshalb hofft und bangt man mit Jack Sawyer, trauert um Henry Leyden, bedauert den überforderten Dale Gilbertson, drückt Tyler Marshall die Daumen und wünscht sogar dem schleimigen Klatschreporter Wendell Green sein Überleben. Knallige Nebenfiguren wie die bierbrauende Motorrad-Gang „Thunder Five“ bleiben ganz sicher lange angenehm im Gedächtnis haften.

Die Bösen sind die Besten

Dies gilt auch für die Bösewichter, von denen King und Straub erneut eine ganze Galerie aufbieten. Klug halten sie diese Unholde die meiste Zeit im Halbdunkel, wo sie nur überfallartig hervorpreschen, um Unheil anzurichten. Vom „Scharlachroten König“ (bereits bekannt aus „Schlaflos – Insomnia“) hören wir dieses Mal nur; er tritt persönlich nicht auf. Lord Malshun, sein „schwarzer Reiter“ (wenn dieser Vergleich gestattet ist), taucht nur im Finale auf. Er hinterlässt eigentlich keinen besonderen Eindruck, füllt aber seine Rolle mit dem nötigen ‚Leben‘.

Großartig in seiner erbärmlichen Niedertracht ist dagegen der alte Charles Burnside. King und Straub hatten nie Berührungsängste mit den ganz dunklen Seiten der menschlichen Existenz. „Burny“ ist ein Päderast und Kannibale, der sich am Elend seiner kindlichen Opfer weidet. Das ist ein denkbar schwankender Boden, auf den sich ein Unterhaltungs-Schriftsteller wagen kann, aber King und Straub obsiegen auch hier. Sie schaffen Szenen, die dem Leser kalte Schauer über den Rücken laufen lassen.

Bedienen sie sich dafür billiger Tricks, die immer funktionieren? Dieses Urteil sei der politisch korrekten Kritik vorbehalten. Zumindest dieser Rezensent findet deshalb „Burnys“ spektakuläres Ende verdient und sehr zufriedenstellend. Es versöhnt mit einem Roman, der primär durch das flankierende Getöse der Werbung seine Wichtigkeit erhielt. Tatsächlich bietet „Das Schwarze Haus“ viel Durchschnitt bzw. Routine, die hin und wieder und klugerweise im Finale durch echte Spannungsspitzen durchbrochen wird.

Autoren

Stephen King (*1947) ist ganz einer der erfolgreichsten Schriftsteller aller Zeiten. Als prominente Person der Zeitgeschichte gibt es kaum weiße Stellen in seiner Lebensgeschichte. Normalerweise lasse ich an dieser Stelle ein Autorenporträt folgen. Dies möchte ich hier unterlassen, wie man auch keine Eulen nach Athen trägt. King ist im Internet umfassend vertreten. Nur zwei Websites – eine aus den USA, eine aus Deutschland – seien stellvertretend genannt; bieten aktuelle Informationen, viel Background und zahlreiche Links.

Peter Straub kennen die Horror-Freunde vermutlich nicht so gut, obwohl er seinem Kollegen und Freund King zwar im Erfolg, keineswegs aber im Talent nachsteht. Peter Francis Straub wurde am 2. März 1943 in Milwaukee im US-Staat Wisconsin geboren. Der Schulzeit folgte ein Studium der Anglistik an der „University of Wisconsin“, das Straub an der „Columbia University“ fortsetzte und abschloss. Er heiratete, arbeitete als Englischlehrer, begann Gedichte zu schreiben. 1969 ging Straub nach Dublin in Irland, wo er einerseits an seiner Doktorarbeit schrieb und sich andererseits als ‚ernsthafter‘ Schriftsteller versuchte. Während die Dissertation misslang, etablierte sich Straub als Dichter. Geldnot veranlasste ihn 1972 zur Niederschrift eines ersten Romans („Marriages“; dt. „Die fremde Frau“), den er (zu Recht) als „nicht gut“ bezeichnet.

1979 kehrte Straub in die USA zurück. Zunächst in Westport, Connecticut, ansässig, zog er mit der inzwischen gegründeten die Familie nach New York. Ein Verleger riet Straub, es mit Unterhaltungsliteratur zu versuchen. Straub schrieb „Ghost Story“ (1979; dt. „Geisterstunde“), seine Interpretation einer klassischen Rache aus dem Reich der Toten. Der Erfolg dieses Buches (das auch verfilmt wurde), brachte Straub den Durchbruch. Mit „Shadowland“ (1980; dt. „Schattenland“) und „Floating Dragon“ (1983; dt. „Der Hauch des Drachens“) festigte er seinen Ruf – und erregte die Aufmerksamkeit von Stephen King, mit dem er sich bald anfreundete. Die beiden Schriftsteller verfassten 1984 gemeinsam den Bestseller „The Talisman“ (dt. „Der Talisman“), dem sie 2001 mit „Black House“ (dt. „Das schwarze Haus“) eine ebenso erfolgreiche Fortsetzung folgen ließen.

Straubs Werke wurden vielfach preisgekrönt; akademisch penibel zählt der Autor seine Meriten auf. Diese Website ist ebenso informativ wie kurios und verrät einen intellektuellen Geist, der über einen gesunden Sinn für hintergründigen Humor verfügt.

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