Das zweite Gesicht

Kai Meyer
Das zweite Gesicht
Kai Meyer-Reihe 1

(sfbentry)
BLITZ-Verlag, Windeck, überarbeitete Neuauflage mit Bonusmaterial: 12/2012
HC mit Schutzumschlag
Dark Fantasy, Horror
ISBN 978-3-89840-349-8
Titelillustration von Mark Freier
Mit einem Vorwort von Dominik Graf und einem Artikel von Hanka Jobke:
„Die Entstehung des Romans“ und „Die Phantastik der 1920er Jahre“

http://blitz-verlag.de/
www.kaimeyer.com/
www.freierstein.de
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„Ich habe ihre Augen gefilmt“, sagte er, die Stimme gesenkt. „Sehr groß, leinwandfüllend. Keiner vor mir hat das getan. Und was ich darin fand … ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Es war nichts, dass irgendwer hätte sehen wollen. Als blickten einem all die eigenen Laster entgegen, auch die, von denen man selbst nichts wissen will, Dinge, die man vielleicht unterdrückt oder totschweigt. Ich habe eine Gänsehaut bekommen, als ich diese Augen auf der Leinwand sah.“ Berlin 1922: Chiara Mondschein kommt aus dem provinziellen Meißen nach Berlin, um der Beerdigung ihrer Schwester Jula beizuwohnen. Nachdem Jula Meißen verlassen hatte, wurde sie in Berlin ein gefeierter Stummfilmstar. Aufgrund ihrer großen Ähnlichkeit mit Jula bittet deren Gönner, der Regisseur Felix Masken, Chiara, für ihre Schwester als Darstellerin einzuspringen, um die begonnene Filmadaption von Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ fertig stellen zu können.

Nach anfänglichem Zögern willigt Chiara ein und macht damit den ersten Schritt in die dekadente und gefährliche Welt eines undurchschaubaren Zirkels. Ohne viel Zutun ihrerseits taucht Chiara nach und nach in ein Milieu aus Drogen, Sex und Tod ein. Es scheint ihr Schicksal zu sein, in allen Belangen die Stelle ihrer toten Schwester einzunehmen und deren Leben weiter zu führen. Bis sie sich die Frage stellen muss: „Bin ich wirklich noch ich selbst?“ „Die junge Frau war jetzt nicht mehr allein auf der Bühne. Jemand war bei ihr, und im ersten Augenblick glaubte Chiara, es wäre Masken, denn er saß nicht mehr auf seinem Platz. Dann aber erkannte sie, dass es kein Mensch war, sondern eine mannsgroße Puppe mit biegsamen Gliedern, eine Stoffpuppe, wie eine zum Leben erwachte Vogelscheuche. […] Aber war es wirklich das Mädchen, das die Puppe führte? Oder führte die Puppe das Mädchen?“

Offenbar ist Kai Meyer der einzige deutsche Autor (außer Gunther Arentzen mit seiner „Christoph Schwarz“-Reihe, der freilich in einer anderen Liga spielt), der sich auf das nicht eben unbeträchtliche fantastische Erbe Deutschlands besinnt und den Mut hat, dieses als maßgeblichen Hintergrund einiger seiner Romane zu verwenden. Während der Autor in „Loreley“ und „Die Geisterseher/Die Winterkönigin“ klassische Sagen- und Märchenmotive verwendet hat, dienen in „Das zweite Gesicht“ die eher ‚moderne‘ Fantastik der 1920er Jahre und die Motive der ausgehenden Dekadenzzeit als Inspiration, verbunden mit dem aufkeimenden Siegeszug des Mediums Film. Gerade in dieser Zeit spielten phantastische Stoffe im Kino eine bedeutende Rolle; man denke nur an die Klassiker dieser Zeit, wie „Nosferatur“, „Das Kabinett des Dr. Caligari“, „Metropolis“, „Der Student von Prag“, „Der Golem“ usw. Mit den fantastischen Motiven dieser Filme im Hinterkopf lässt Kai Meyer in „Das zweite Gesicht“ das ausschweifende Berlin der 1920er Jahre in einem ungeheuren Detailreichtum auferstehen, sowohl was die Ausstattung als auch die Verquickung von Fiktion mit realen Fakten und Personen angeht. ‚Auftritte‘ im Roman haben z. B. der Regisseur Fritz Lang und der bildende Künstler Alfred Kubin.

Die Filmelite Berlins ist fasziniert von Chiara, ist sie doch fast ein Ebenbild der verstorbenen Jula. So hat Chiara keine Schwierigkeiten, in den teils zweifelhaften Personenkreis um Felix Masken aufgenommen zu werden. Mehr noch scheint sie widerstandlos die Stelle Julas einzunehmen. So treibt Chiara durch einen dekadenten, expressionistischen (Alb-) Traum und versucht gleichzeitig, mehr über das Leben und das Schicksal ihrer Schwester zu erfahren. Immer wieder führt die Spur der Ereignisse zu Felix Masken. Trotz unzähliger Verweise auf die Fantastik der 1920er Jahre gelingt es Kai Meyer, nicht nur eine ganz und gar eigene Geschichte zu erzählen, sondern auch alle Elemente seines Romans in einem meisterhaft austarierten Gleichgewicht zu halten. Gleichzeitig treibt er Chiaras Geschichte voran, die ebenfalls noch eine Überraschung bereithält. Hier zeigt sich, wie geplant und filigran Kai Meyer als Autor vorgeht. Alle Zutaten wirken von leichter Hand verwoben, die Verknüpfungen sind stimmig in die Handlung eingefügt. Nie entsteht das Gefühl, der Autor habe dieses oder jenes nur der Vollständigkeit halber oder um des Effektes willen in seinen Roman aufgenommen.

Dass der Roman trotz der Detailfülle an keiner Stelle bemüht wirkt, zeigt, dass Kai Meyer ein begnadeter Erzähler ist. Er selbst bezeichnet „Das zweite Gesicht“ als eines seiner Lieblingsbücher, auch wenn der Roman seinerzeit bei Heyne gefloppt ist. Zu sehr hing Kay Meyer wohl dort schon der Ruf als Jugendbuchautor an, bedingt durch die immens erfolgreiche „Merle“-Trilogie („Die fließende Königin“, „Das steinerne Licht“, „Das gläserne Wort“), die bisher in rund 20 Sprachen übersetzt wurde. Als Vorbild für den undurchschaubare Felix Masken diente „Alraune“-Autor Hanns Heinz Ewers, der mit dem Stummfilm „Der Student von Prag“ tatsächlich eine frühe Sternstunde des fantastischen deutschen Films mit verantwortet hat. Auch Ewers pflegte den eigenen, undurchsichtigen Personenkult, galt als enfant terrible der damaligen Berliner Künstlerszene.

Die Erstveröffentlichung des Romans erfolgte bereits 2002 im Heyne Verlag. Für diese Neuauflage wurde der Roman vom Autor überarbeitet und mit umfangreichem Bonusmaterial versehen. Das Vorwort von Regisseur Dominik Graf („Die Sieger“), der 2007 für ARTE/WDR den Fernsehfilm „Das Gelübde“ nach dem gleichnamigen Roman von Kai Meyer inszeniert hat, geht auf die sträfliche Vernachlässigung guter Filmstoffe durch deutsche Filmverantwortliche und die Tradition des Fantastischen Films in Deutschlands ein. Die Lektorin Hanka Jobke gewährt einen Einblick in die „Entstehung des Romans“ (44 Seiten). Hierzu vergleicht sie die verschiedenen Stufen von Kai Mayers Vorbereitungen für den Roman, der zunächst „Medusa“ heißen sollte. Im Exposé sind verschiedene Schlüsselelemente und –szenen noch deutlich anders gewichtet, was nicht nur einen neuen Blick auf den Roman gewährt, sondern auch eine interessante alternative Romanversion im Kopf entstehen lässt.

Weiterhin ist ein Artikel von Hanka Jobke über „Die Phantastik der 1920er Jahre“ (29 Seiten) enthalten, der aufzeigt, wie viele Motive und (auch minimale) Verweise an die fantastische Literatur und den fantastischen Film dieser Zeit Kai Meyer in dem Roman eigentlich untergebracht hat. So spricht es für die schriftstellerische Meisterschaft, dass „Das zweite Gesicht“ dennoch ein solch stringenter und eigenständiger Roman geworden ist, der zu keiner Zeit überladen wirkt.

Die Neuauflage des Romans ist mit einem neuen Covermotiv von Mark Freier als bibliophiles Hardcover mit Schutzumschlag in einer limitierten und nummerierten Auflage von 666 Stück erschienen, die alle vom Autor signiert sind. „Das zweite Gesicht“ ist außerdem Gewinner des Voncent Preis 2012 als bester deutschsprachiger Roman. Ein großartig ausbalancierter fantastischer Film Noir in Buchform, der die fantastischen Motive der 1920er Jahre und des deutschen Stummfilms in eine dichte und eigenständige Geschichte einwebt.

Copyright © 2013 by Elmar Huber (EH)

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