Der Struwwelpeter-Code und andere sonderbare Erzählungen

Markus K. Korb
Der Struwwelpeter-Code und andere sonderbare Erzählungen
Horror-Collection 4

(sfbentry)
BLITZ-Verlag, Windeck, 04/2014
TB, Kurzgeschichten, Horror, Dark-Fantasy
ISBN 978-3-89840-395-5
Titelgestaltung, -motiv und Satz von Mark Freier
Illustrationen im Innenteil von Peter Dawey

www.blitz-verlag.de/
www.freierstein.de/

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

„Zerschrammt und zerschunden sitze ich schwer atmend in der lichtlosen Gruft unter dem alten Irrenhaus und halte den zweiten Teil des geheimnisvollen Manuskripts in den blutenden, zitternden Händen. Mein Rücken lehnt am steinernen Sarkophag, dessen Deckel zerbrochen am Boden liegt. Um mich herum glüht eine fragile Lichtglocke, die von einer schwächer werdenden Taschenlampe erzeugt wird. In den Ecken hockt springbereit die Finsternis wie ein Monster aus grauer Vorzeit. Mir kommt es so vor, als sei meine Lampe das Einzige, was mich schützt, und ihr Schein ist mir so unglaublich wertvoll, dass nicht einmal Gold ihn aufwiegen könnte.“ („Der Struwwelpeter-Code“)

„Mutter der Puppen“:
Jeden Nachmittag verbringt der junge Eric eine Stunde bei seiner Tante Barbara. Für den Jungen ist das Arrangement eine wortkarge Pflichtübung, die stets gleich abläuft. Doch zufällig entdeckt er eines Tages Tante Barbaras Geheimnis.

„Der Blick des Lazarus“:
Der feste Vorsatz, Lazarus endgültig zu töten, jenen Lazarus, den Jesus von den Toten wieder erweckt hat, gerät ins Wanken, als der Mörder in die Augen seines Opfer blickt. Denn in diesen Augen, die vier Tage lang das Laben nach dem Tod erblickt haben, herrscht absolute Leere.

„Das Holzweiberl“:
Aus einer Laune heraus demütigt und schlägt der grobe Fürst Wilfried von Bärenfels die alte Holzsammlerin, die er während der Fasanenjagd im Wald trifft. Bevor sie verschwindet, stößt die Alte noch eine Verwünschung gegen den Edelmann aus.

„Der letzte löscht das Licht“:
In den letzten Tagen des 2. Weltkriegs, als die Konzentrationslager aufgegeben wurden, gelang es einigen Juden, aus Engelburg zu fliehen. Jedoch wurde die Flucht von parteitreuen Studenten gestoppt, die die Flüchtlinge im Keller ihres Wohnheims einsperrten. Sogar als die Bomben fielen und das Wohnheim in Flammen aufging, blieben sie taub für die Schreie und Bitten der Gefangenen. Doch damit haben die Studenten eine Schuld auf sich geladen, die es nun Jahr für Jahr zu begleichen gilt.

„Pestkönigin“:
Als im 16. Jahrhundert die Pest Franken heimsucht, begab es sich, dass die dicke Ev, die alleine in einer Hütte lebte, zwar erkrankte, aber nicht starb. Im Gegenteil, andere Kranke, die die Nacht bei ihr verbrachten, genasen wieder. Die dicke Ev schien die Krankheit ihrer Besucher förmlich aufzusaugen, denn mit jeder Genesung wurde sie fetter und fetter.

„Die Warnung des Geistersehers“:
Nachdem sein Freund Heiner beim Spielen in den Kriegstrümmern Würzburgs gestorben ist, begeht auch dessen Mutter – in ihrer nun einsamen Hoffnungslosigkeit – Selbstmord. Doch einige Nächte darauf erwartet ihn die tote Mutter seines Kameraden im nächtlichen Hausflur. Eine Begegnung, die sein Leben für immer verändert.

„Unter den Laken“:
Das verlassene Fabrikgebäude ist der ideale Ort, um Verstecken zu spielen. In einer Kammer des Gebäudes stehen sogar noch die mit Laken verhangenen Möbel und Gegenstände der einstigen Besitzer. Doch noch etwas anderes lauert unter den Laken. Lauert auf neue Opfer.

„Kingpin“:
Eine hingeschmierte Zeichnung an einer Scheunenwand in einem ungarischen Dorf scheint der Auslöser unerklärlicher Ereignisse zu sein. Der anfängliche Ärger über die vermeintliche Strolchentat wandelt sich zu Entsetzen, als weitere Zeichnungen auftauchen und sich im Dorf unerklärliche Krankheits- und Todesfälle häufen.

„Orpheus blickt zurück“:
Um seine Geliebte Eurydike aus dem Reich des Todes zurückzuholen, begibt sich Orpheus selbst in Hades‘ Reich. Dieser ist vom Gesang des Barden so angetan, dass er Orpheus‘ Wunsch unter einer Bedingung erfüllt. Während des gesamten Rückweges ins Reich der Lebenden darf sich Orpheus nie nach seiner Geliebten umsehen, sonst ist sie endgültig des Todes.

„Bungalow-Gespenster“:
Eine Ehetragödie soll sich in dem verlassenen und nahezu versteckt gelegenen Bungalow abgespielt haben. Das Schweigen der Eltern über die Ereignisse bildet den Nährboden für die Fantasie der Kinder. Außerdem ist es zu ganz bestimmten Zeiten möglich, einen Rest von Aktivität in dem Bungalow zu erblicken.

„Das Feld der Sonnenblumenkinder“:
Ganz in der Nähe des Großelternhauses befindet sich die ausgebrannte Ruine eines Waisenhauses, umgeben von einem Sonnenblumenfeld. Eines Tages wird die Neugier, was sich wohl in der Ruine noch befinden mag, stärker als Furcht und Abscheu. Er betritt das Feld, und die Geister der Vergangenheit enthüllen ihm ihr Geheimnis.

„Die wilde Jagd“:
Obwohl es die erste Raunacht nach der Wintersonnwende ist, die Nacht von Odins „Wilder Jagd“, gelingt es Fricka nicht, ihren Mann von der Suche nach seinem vermissten Bruder abzuhalten. Und obwohl Sigurd an den neuen, einzigen Gott der Christen glaubt, wird er im herrschenden Schneesturm Zeuge, dass die alten Götter seiner Vorfahren noch Macht besitzen.

„Horchpeilung“:
Gerade den Wasserbomben eines Zerstörers entkommen, sieht sich die Mannschaft der U-95 bald einer weiteren Bedrohung ausgesetzt. Kratzgeräusche an der Außenhülle, dumpfe Schläge und die Verhinderung des Aufstiegs fordern vom Kaleun eine Entscheidung. Leutnant Sander soll sich nach draußen begeben und feststellen, was das U-Boot unfreiwillig auf Position hält.

„Der Struwwelpeter-Code“:
Bei der Vorbereitung für die Lebenserinnerungen Heinrich Hoffmanns findet der beauftragte Autor in den autobiografischen Aufzeichnungen des „Struwwelpeter“-Autors einen verschlüsselten Brief. Das Schreiben berichtet von der Notgeburt eines schwer missgebildeten Kindes, bei der Hoffmann als Arzt zugegen war. Gegen einen beträchtlichen Obolus vom Vater des Kindes wurde der Arzt über den Vorfall zu schweigen gebeten. Ferner deutet Hoffmann beträchtliche politische Auswirkungen beim Bekanntwerden der Identität des Kindes an sowie die Tatsache, dass die ganze Wahrheit in der Gruft des Missgebildeten zu finden sein soll. Hinweise zum richtigen Ort seien im „Struwwelpeter“ versteckt. Die Neugier treibt den Autor immer weiter auf den Spuren dieses Vorfalls bis in die Katakomben des ehemaligen hoffmannschen Irrenhauses, wo er dem Grauen gegenüber treten muss.

„Hinter der nächsten Kehre tauchte ein weiteres seltsames Wesen auf. […] Ich leuchtete ihm ins Gesicht und riss erstaunt die Augen auf. Es war ein kleiner Junge. Pausbäckig, gekleidet in einen grünen Wams, um den Hals eine weiße Stoffserviette. […] Der Kleine stampfte mit dem Fuß auf, es krachte. „Ich esse meine Suppe nicht!“ Die Arme des Kindes verdünnten sich. Tiefe Furchen bildeten sich auf den Wangen. Seine Brust flachte ab. Mein Gott! Der Kleine verhungerte vor meinen Augen!“ („Der Struwwelpeter-Code“)

Nach seinen letzten Veröffentlichungen bei Atlantis ist Markus K. Korb wieder zurück im BLITZ-Verlag, wo er als Herausgeber bereits die Buchreihe „Edgar Allan Poes phantastische Bibliothek“ betreut hat, in der auch seine beiden eigenen „Grausame Städte“-Storysammlungen erschienen sind. Gegenüber diesen verfügt „Der Struwwelpeter-Code“ nicht über thematische oder formale Klammern. Die Sammlung bietet ein breites Spektrum von psychologischem Horror, eingebildeten (?) Schrecken, fantastischen Rachegeschichten und sogar einigen legendenhaft geprägten Beiträgen. So finden sich hier z. B. die Nacherzählung einer lokalen Legende („Pestkönigin“), das düster-romantische Thema des künstlichen Menschen („Mutter der Puppen“) und die Bearbeitung klassischer und sogar christlicher Mythen („Die wilde Jagd“, „Orpheus blickt zurück“, „Der Blick des Lazarus“). „Der Letzte löscht das Licht“ und „Horchpeilung“ funktionieren als gelungene Ergänzung zu Markus Korbs Geschichtensammlung „Ernten des Schreckens“ (Atlantis Verlag, 2011), denn auch hier handelt es sich um „Erzählungen aus dem Umfeld des Krieges, und ebenso in „Die Warnung des Geistersehers“, „Das Feld der Sonnenblumenkinder“ und „Der Struwwelpeter-Code“ sind die Auswirkungen des Krieges zu spüren.

Was den Stil angeht sind die Nachwirkungen des direkten Vorgängerbandes „Schock!“ – eine literarische Hommage an die Pulp-Gruselcomics des EC-Verlags – insofern noch zu spüren, dass die meisten der Geschichten straight auf das Finale und den Effekt hin ausgerichtet sind. Und auch wenn sich „Der Struwwelpeter-Code“ insgesamt wieder subtiler und ‚ernsthafter‘ präsentiert als noch der bewusst plakativ angelegte Vorgänger, wirken nicht wenige Beiträge in ihrer extremen Knappheit eher wie ausgefeilte, atmosphärische Stilübungen denn wie vollständig ausgearbeitete Kurzgeschichten („Unter den Laken“, „Kingpin“, „Bungalow-Gespenster“). Die Charaktere und Protagonisten sind hier nur zweitrangig. Mit der längeren Titelerzählung liefert Markus Korb seinen Beitrag zu den Mystery-Verschwörungs-Geheimcode-Geschichten ab, die ihren Höhepunkt mit Dan Browns „Robert Langdon“-Romanen erlebten. Obwohl dieser Zug schon lange durch ist, macht „Der Struwwelpeter-Code“ als Nachtrag noch einmal richtig Spaß. Schon die Idee, dieses klassische und aus heutiger Sicht fragwürdige ‚Kinderbuch‘ als Rätselversteck seines Verfassers anzunehmen, birgt ein nicht zu unterschätzendes, skurriles Potential.

Zu guter Letzt noch der erste Eindruck: BLITZ-Stammgrafiker Mark Freier hat für das Cover einen absoluten Eye-Catcher geschaffen, der natürlich auf die „Struwwelpeter“-Geschichte abzielt. Das Buch ist als handliches Taschenbuch gefertigt und geht qualitativ absolut in Ordnung. Das Exemplar weißt auch nach dem Lesen keinerlei Knicke auf und sieht noch aus wie neu.

Markus K. Korbs neue Geschichtensammlung ist thematisch breit gefächert und sehr knapp formuliert, ohne die Atmosphäre leiden zu lassen.

Copyright © 2015 by Elmar Huber (EH)

Titel erhältlich bei Amazon.de
Titel erhältlich bei Buch24.de
Titel erhältlich bei Booklooker.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.