Der verwunschene Zwilling

Lynn Flewelling
Der verwunschene Zwilling

Tamir Triad 1
The Bone Doll’s Twin, USA, 2001
Otherworld Verlag, Graz/A, 1. Auflage in neuer Übersetzung: 7/2008
PB, Fantasy, 978-3-902607-07-2, 576/1595
Aus dem Amerikanischen von Michael Krug
Titelillustration von Otherworld Verlag Krug KEG
Autorenfoto von N. N.

www.otherworld-verlag.com
www.sff.net/people/Lynn.Flewelling/

Tobin ist Dreh- und Angelpunkt des Geschehens. Von der ersten Sekunde ihrer Geburt bestimmt eine geheimnisvolle Magie ihr Leben und Schicksal. Als sie zusammen mit ihrem Zwillingsbruder das Licht der Welt erblickt, wird ihr dank der Magie der Zauberin Lhel auferlegt, als Knabe aufzuwachsen – bis die Zeit reif ist, den Thron zu besteigen – als rechtmäßige Königin. Doch bis dahin ist es ein weiter dorniger Weg.

Tobin wächst einsam in der Feste seines Vaters auf: Ignoriert von seiner scheinbar geistig verwirrten Mutter Ariani, die den gewaltsamen Tod ihres zweiten Kindes nie verwindet und sich bis zu ihrem bitteren Ende in einem Turmzimmer verschanzt. Umgeben von seinem Vater Herzog Rhius, der ihn zwar liebt, aber oft verlässt, aufgezogen von dem Personal –  mit einem Schatten an seiner Seite. Denn da ist noch der Geist seines toten (Zwillings-) Bruders, der, als er dem Mutterschoß entflohen ist, nach seinem ersten tiefen Atemzug erstickt wird, keine Ruhe findet und über den Tod hinaus eng an Tobin gebunden ist.

Bruder, den alle furchtvoll ‚den Dämon’ nennen, spukt durch die Festung, richtet dort oft Schaden an oder greift die Bewohner an. Er ist ein zorniger Geist, der sein ‚Unglück’ und ‚Los’ auf seine Art und Weise  zum Ausdruck bringt und an den Bewohnern der Festung auslebt. Doch er hat dennoch das Herz des Lesers auf seiner Seite. Man verspürt Mitleid mit der ruhelosen Seele, die nicht leben durfte, aber auch nicht die ewige Ruhe finden kann. Und man wartet ungeduldig darauf, dass ihm Wiedergutmachung widerfährt.

Aber auch mit Tobin verspürt man Mitleid. Er lebt völlig abgeschottet von der Außenwelt und Gleichaltrigen, und schnell steht er in dem Ruf, ‚sonderbar’ zu sein, was ihn aber nicht stört, denn er fühlt sich wohl in seiner abgeschiedenen Welt  – weil er es nicht anders kennt.

Alles ändert sich, als der Zauberer Arkoniel und Tobins ‚Knappe’ Ki in der Feste Einzug halten, um Tobin auszubilden bzw. ihm Gesellschaft zu leisten/zu dienen. Dadurch wird Tobin mehr und mehr aus seiner Einsamkeit gelockt. Sein Leben wird fortan von menschlicher Zuwendung und Zuneigung geprägt, auch wenn er Arkoniel anfangs mit Misstrauen begegnet, hingegen Ki bereitwillig an sich heran lässt. Beide meistern es, Tobin aus seinem teils auferlegten, teils selbst gewählten Schneckenhaus zu befreien.

Dann schlägt das Schicksal ein weiteres Mal zu: Tobins Vater kommt zu Tode, und somit werden Tobin und Ki aus ihrer heilen Welt innerhalb der schützenden Mauern der Feste entrissen. Für die beiden Jungen beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt in Ero, am Hofe des Königs, wo alles völlig anders ist als das, was sie bisher kannten.
Und in Tobin wird der Ruf der Natur wach: Seine wahre Seele – seine Weiblichkeit – zeigt sich und fordert ihren Tribut … und Lhels erneutes magisches Handeln.

Mehr sei nicht verraten über diesen gefühlvollen, aufwühlenden Roman, der einen nicht loslässt, der geprägt ist von starken Charakteren und tiefen Emotionen.
Dieses großartige Werk lebt von dem lyrischen Erzählstil der Autorin, die jenseits jeglichen Mainstreams, eher wie eine mittelalterliche Geschichtenerzählerin, fabuliert. Sie nimmt den Leser an die Hand, nimmt ihn mit in Tobins Welt und in die Feste. Und das auf solch eindrucksvolle Weise, dass man oft vergisst, dass all das, was aus den Zeilen entgegenströmt, keine Realität ist.

Wie oft möchte man seine Hand in Tobins Richtung ausstrecken und ihn trösten. Wie oft ist man zusammen mit Bruder zornig über sein ruheloses Seelendasein. Wie sehr leidet man mit all den tragischen Charakteren und wegen der menschlichen Abgründen, die sich hinter den Fassaden verbergen.

Das ist keine blutleere Unterhaltungsliteratur, das ist Fantasy auf höchstem Niveau – und wird eine Freude für jeden Leser sein, unabhängig davon, welches Genre er bevorzugt. Denn in der „Zwillings-Trilogie“ geht es um weitaus mehr als phantastische Elemente; da geht es um das Leben, um Menschen und darum, was sie einander bedeuten, aber auch antun. Mit allen Beweggründen, aller Loyalität, aber auch Hinterhältigkeiten.

Ein anderer Aspekt wird ebenfalls deutlich: Die wahre Tragik liegt meist in der Abwägung und Wahl  zwischen Gut und Böse – und dem, was man für das vermeidlich Gute zu opfern bereit ist oder zu opfern gefordert wird.

Das ist Fantasy-Literatur mit Kaiserkrone. Da lebt, leidet, schluchzt, liebt und kämpft jedes Wort in einem nach. Man fühlt, man trauert mit Tobin und Bruder, und man grollt mit ihnen, weil ihnen das Schicksal so übel mitspielt – und sinnt auf Rache, die denen zuteil werden soll, die nicht schuldlos an allem sind.

Das ist großes Kopfkino, das ist Erzählkunst, die eine stetige, sanfte Melancholie ausschickt, das sind Charaktere, die so in die Tiefe gehen, dass einen der Text lange Zeit nicht loslässt. Das ist Literatur, wie man sie sich wünscht!
Auch die Aufmachung erfreut, denn es wurde auf ein weiteres der stereotypen Fantasy-Cover-Motive verzichtet, die die Verlagswelt überschwemmen. Das minimalistische Gemini-Zeichen ummantelt perfekt und niveauvoll den edlen Text. Dieses Buch sollte in keiner Sammlung fehlen!

„Der verwunschene Zwilling“ ist ein wundervoll melancholischer Fantasy-Roman, dessen Seele und Geist aus jeder Zeile schwingt und der den Leser voller Ungeduld auf die beiden Folgebände zurücklässt – tief erfüllt von der erzählerischen Dichte der Autorin und den Gefühlen, die sie in einem wachruft. (AB)

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Der verwunschene Zwilling: Tamir Triad 1

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