Der wahre Schatz und andere Fantasien

Michael Schmidt (Hrsg.)
Der wahre Schatz und andere Fantasien

p.machinery, Murnau, 08/2010
TB, Fantasy, Horror, SF
ISBN 978-3-94-253302-7
Titelmotiv von Chris Schlicht
Illustrationen von Chris Schlicht, Lothar Bauer, Björn Ian Craig, Christian Günter

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www.defms.de/
www.dreamspiral.de/
www.lotharbauer.de

„Verstehst du, der Schatz darf nicht verloren gehen, auch wenn wir Drachen nicht mehr sind. Er ist zu kostbar. Nimm ihn dir jetzt, (…) und gehe dann schnell, denn meinen Todeskampf will ich alleine austragen, und es wäre womöglich noch gefährlich für dich.“ (Uschi Zietsch: „Der wahre Schatz“).

Marcus Richter – „Ein verflucht gutes Buch“:
Kaltenstedt hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Welt nach Büchern zu durchsuchen. Er konnte den Inhalt eines Buches erfühlen. Ohne es zu lesen, war er sich klar darüber, was darin geschrieben stand. Eine seltsame Fähigkeit, die ihn zu einem Außenseiter macht. Bisweilen fühlt er sich gar selbst wie eine Figur in einem Buch.

Sylke Brandt – „Elyras Spiel“:
Um die Seele ihres Geliebten zu befreien, lässt sich Elyra auf ein Spiel mit dem Seelenfänger ein. Elyras Sieg jedoch gefällt dem Seelenfänger ganz und gar nicht.

Helmuth W. Mommers – „Auf immer und ewig“:
2186. Das Sterben wurde längst durch einen Übertrag in einen jüngeren Klon abgelöst. Doch Jeremy ist krank. Ein unheilbares Organversagen, so weit fortgeschritten, dass die Aussicht auf einen gesunden Klon gegen Null geht. Jeremy beschließt, sich in Würde von seiner Familie zu verabschieden und sich in den virtuellen Raum übertragen zu lassen. Aber welche Bedeutung hat in einer solchen Welt das Versprechen „Bis dass der Tod uns scheidet“?

Uschi Zietsch – „Der wahre Schatz“:
Brom der Drachtöter macht sich bereit, den letzten Drachen von Waldsee zu töten. Doch dieser liegt nicht nur bereits im Sterben, sondern hat seinerseits Brom als Hüter für den einzigen – den wahren – Schatz ausgewählt.

Ralf Steinberg – „Ersatzteil“:
Voller Unruhe erwartet Peter seinen Besuch, der Lisas Platz einnehmen soll. Lars ist pünktlich und angenehm überrascht von Peters Betrieb. Ein Kleinbauer im Netz der Energiewirte. Es ist das erste Mal, dass er ein Teil seines kleinen Kraftwerks austauschen muss.

Christian Weis – „Der erste Tag der Ewigkeit“:
Einmal im Jahr zieht es Carina Braun nach Sardinien. Ohne Erklärung und ohne ihren Ehemann. Dieser vermutet eine Affäre und engagiert einen Privatdetektiv, der Carina folgen soll. Tatsächlich taucht bald ein Fremder in Carinas Umfeld auf, doch nun ist Carina verschwunden.

David Grashoff – „Die Jagd“:
Den Blick immer gen Himmel gerichtet, folgt Ch‟amak dem Quetzalcoatl. Man würde ihn als mutigen Jäger feiern, wenn es ihm gelänge, eine der gefiederten Schlangen zu erlegen. Doch dann wird Ch‟amak Zeuge eines faszinierenden Schauspiels und vergisst seine Jagd.

Antje Ippsen – „Unschärfe“:
Abschätzig blickt die Katze Sunny in den Himmel, zu den Maschinen, von denen die Menschen nichts wissen.

Markus K. Korb – „Die Gruft am Meer“:
Ein unbändiger Drang treibt den Erzähler voran. Hin zu dem Ort, den er schon immer als seine Heimat angesehen hatte. Die Gruft am Meer.

Andreas Gruber – „Mind.in.a.Box“:
Ist er Jäger oder Gejagter? Was geschah im Club Pi, wo er Night das erste Mal getroffen hatte? Er kann sich nicht erinnern. Die Musik ist der Schlüssel. Sie enthält wesentlich mehr als nur Töne.

Torsten Scheib – „Besessen“:
Melanie ist von einem Dämon besessen. Sie muss sterben. Alles ist vorbereitet. Alle Glaubensbrüder und –schwestern sammeln sich. Doch was, wenn es ein Irrtum ist? Was, wenn Melanie nur krank ist?

Michael K. Iwoleit – „Schattenmann“:
Schwimmend in der Nährlösung eines Inkubatortanks erinnert sich der Schattenmann an seinen letzten Auftrag. Wie ist es möglich, dass er noch lebt, nachdem er fast vollständig zerfetzt wurde?

Charlotte Engmann – „Des Sprudels Kern“:
Mit einer List lockt Jeshe-Elonja den Froschling aus seinem Wasserkrater, doch nur, um ihn zu vernichten.

Jakob Schmidt – „Abfallprodukte“:
Eine offene Stelle an seinem Fuß entwickelt sich für Chris zu einem Albtraum. Immer weiter verändert sich sein Körper. Steckt sein Lebensgefährte George, ein Biologe, dahinter?

Achim Hildebrand – „Nidel – Der Erwecker des Todes (eine „Nidel“-Geschichte)“:
Er brauchte unbedingt Geld, um sich etwas zum Essen zu kaufen. Es ist an der Zeit zu improvisieren. Ein verlassenes Schaustellerzelt und ein Betrunkener kommen ihm da gerade recht.

Andreas Flögel – „Monster“:
Der Gerichtsbeschluss macht es GenTec schwer, die weiterentwickelten Kinder unter seinen Fittichen zu behalten. Erst wenn die Eltern keine adäquate Ausbildung mehr garantieren können, sollen die Kinder in den Gewahrsam von GenTec gehen. Nun wird jemand Neutrales benötigt, der das Urteil in die Tat umsetzt.

Chris Schlicht – „Dunkle Schwingen“:
Der Assassine Malik macht sich die Gabe des Rabenmenschen zunutze, die Toten lesen zu können. Eine Gabe, die den Gestaltwandler stets an den Rand der Erschöpfung bringt. Malik hat ihn in der Hand, doch der Rabenmensch wartet nur auf eine Gelegenheit, aus seinem Bann entkommen zu können.

Edgar Güttge – „Joint Venture“:
Das Einerlei der interplanetaren Transporte ist oft nur mit einem Tütchen Gras zu ertragen. Das nächste Ziel der Raumfahrer macht allerdings wenig Hoffnung, dort etwas für den weiteren Weg zu bekommen. Da macht sich plötzlich ein süßlicher Duft im Raumschiff breit.

Michael Siefener – „Das Erbe“:
Obwohl er sich alle Mühe gibt, will es Cajetan Avenarius nicht recht gelingen, sich an das Schloss zu gewöhnen, das er von einem entfernten Verwandten geerbt hat. Ständig scheinen ihn Schritte durch das Gemäuer zu verfolgen. Und dann kehren auch die Erinnerungen zurück.

Michael Schmidt – „Alles oder nichts (eine „Saramee“-Geschichte)“:
Im Kreis der Gaukler erblickt Gaarson eine schöne Tänzerin, die ihn immer eindeutiger lockt. Doch die Tänzerin hat anderes im Sinn, als ihm eine Liebesnacht zu schenken. Nachdem er wieder aus seiner Ohnmacht erwacht ist, erfährt Gaarson die wahren Motive der Schönen.

Zwanzig Mal die Kurzgeschichte des Monats aus dem ‚Crossover-eZine„ „Fantasyguide“ (www.fantasyguide.de), zwanzig Mal phantasievolle Unterhaltung aus allen Bereichen der Phantastik, entsprechend der thematischen Vielfalt des patenstehenden Magazins (Fantasy, Horror und Science Fiction). Den eingeschworenen Lesern deutscher Phantastik werden die Namen der AutorInnen angenehm bekannt vorkommen, doch es sind auch AutorInnen vertreten, die sich längst außerhalb der Kleinverlagsszene etabliert haben (Uschi Zietsch, Andreas Gruber). Zu der inhaltlichen gesellt sich noch die formelle Bandbreite, die hier geboten wird: Diese erstreckt sich über mehr oder weniger klassische Fantasy („Der wahre Schatz“, „Dunkle Schwingen“), düsteren Grusel („Die Gruft am Meer“, „Das Erbe“) und erdgebundene Science Fiction („Ersatzteil“, „Auf immer und ewig“) bis hin zu Parodien aus den verschiedenen Genres („Des Sprudels Kern“, „Nidel – Erwecker der Toten“, „Joint Venture“).

Dazwischen finden sich noch einige weniger klassifizierbare („Ein verflucht gutes Buch“, „Der erste Tag der Ewigkeit“, „Besessen“) und fast experimentelle Beiträge („Unschärfe“, „Mind.in.a.Box“), die aber keinesfalls weniger lesenswert sind. Besonders erwähnen möchte man die ungewöhnliche Kooperation von dem mehrfachen Preisträger Andreas Gruber (nach eigenen Aussagen ein eingefleischter Hardrock- und Heavy Metal-Fan) mit der Electro-Band Mind.in.a.Box, das hier in einer erweiterten Fassung vorliegt. Die Ursprungsversion ist auf Englisch in den CD-Booklets von Mind.in.a.Box enthalten. Möglicherweise sorgt gerade die weite thematische Fächerung dafür, dass wohl nicht jeder Leser durchgehend Freude an „Der wahre Schatz“ haben wird.

Geht man jedoch unvoreingenommen an diese Sammlung heran, wird man mit einigen herausragenden, geschliffenen Geschichten belohnt, die sich das Buch mit Finger- und Stilübungen (das geben die Autoren auch offen zu) teilen, und man wird so manche Perle aus einer ‚fremden„ Gattung finden. Besonders gut gefallen die Beiträge, die – unabhängig vom Genre – überraschen und mit der Erwartungshaltung der Leser spielen, z. B. Uschi Zietschs „Der wahre Schatz“, Ralf Steinbergs „Ersatzteil“, Christian Weis„ „Der erste Tag der Ewigkeit“, Achim Hildebrands „Nidel – Erwecker der Toten“, Andreas Flögels „Monster“. Ergänzt wird jede Geschichte mit den sympathischen, einleitenden Bemerkungen des Herausgebers und einigen abschließenden Worten der AutorInnen zu Inspiration und Intention ihrer Beiträge. Lothar Bauer, Björn Ian Craig, Christian Günter und Chris(tine) Schlicht haben einleitende SW-Grafiken zu jeder Geschichte erstellt; das Covermotiv wurde ebenfalls von Chris Schlicht geschaffen, die auch mit der Geschichte „Dunkle Schwingen“ hier vertreten ist.

„Der wahre Schatz“ kommt im klassischen Taschenbuch-Format (12 x 19) mit 340 Seiten und Glanzcover daher. Qualität, Layout und Satz überzeugen. Als Verkaufsbremse könnte sich der stolze Preis von EUR 19,90 erweisen, wenn man sich vor Augen hält, dass diese Geschichten – bis auf zwei – alle schon auf www.fantasyguide.de zu lesen waren. Der Herausgeber Michael Schmidt ist ein aufmerksamer Beobachter der deutschen Phantastik-Szene. U. a ist er Initiator und Veranstalter des „Vincent Preis – Der Deutsche Horrorpreis“ (http://vincent-preis.blogspot.com/), der seit 2007 verliehen wird.

Copyright © 2011 by Elmar Huber (EH)

Anm. der Redaktion: Keine Links zu Buch24 und Booklooker, da dort das Buch (noch nicht) erhältlich ist. Bitte direkt beim Verlag bestellen.

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