Die Herrscherin

die-herrscherinKaren Miller
Die Herrscherin
Gottessprecher 1

Godspeaker 01: Empress of Mijak, Australien, 2005
Penhaligon, München, 8/2009
PB, Fantasy
ISBN 9783764530181
Aus dem Australischen von Michaela Link
Titelgestaltung von HildenDesign, München unter Verwendung einer Illustration von David Wyatt/Sarah Brown Angency

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Hekat ist ein überflüssiges Mädchen aus dem wilden Norden Mijaks. Sie wird an den Händler Abajai verkauft, der unter zwölf Jahren Schmutz Schönheit und Intelligenz entdeckt. Darum behandelt er die neue Sklavin anders als die übrigen und weckt dadurch Arroganz, Eitelkeit und Selbstbewusstsein in Hekat. Als sie endlich begreift, dass sie nur eine Kapitalanlage ist und kein Herr jemals eine Sklavin lieben wird, flieht sie. Sicherheit glaubt Hekat im Lager des Kriegsherrn Raklion zu finden. Da sie sich selber das Gesicht zerschnitten und dadurch ihre Schönheit zerstört hat, rührt sie niemand an. Als Küchenhilfe beobachtet sie die Krieger und ahmt ihre Übungen nach. Dabei fällt sie Raklion auf, der so beeindruckt ist von Hekats Gewandtheit, ihrer zerstörten Schönheit und ihrem Stolz, dass er ihr erlaubt, das Kriegshandwerk zu erlernen und Schlangentänzerin zu werden.

Aber Abajai erfährt vom Aufenthaltsort seiner Sklavin und fordert von Raklion, dem er oft durch wichtige Informationen dienen konnte, sein beschädigtes Eigentum zurück, um die junge Frau gemäß den Gesetzen zu bestrafen. Längst ist Hekat davon überzeugt, dass der Gott sie ausgewählt hat und alles, was ihr bisher widerfuhr, ein Teil seines Plans war und jeder, dem sie begegnete, genauso ein Werkzeug ist wie sie selbst. In Folge verweigert sie ihrem einstigen Herrn den Gehorsam, und der Gott wendet sich gegen Abajai. Von nun an ist Hekats Aufstieg nicht mehr aufzuhalten. Sie zieht mit Raklions Heer in den Krieg und rettet dem Kriegsherrn das Leben. Bald schon hört er mehr auf ihre Worte als auf die des mächtigen Gottessprechers Nagarak und seines langjährigen Freundes und Heerführers Hanochek. Nachdem Raklions junge Gemahlin ein missgestaltetes Kind zur Welt brachte und sich selber tötete, nimmt Hekat ihren Platz ein, um dem alternden Kriegsherrn den lang ersehnten Nachfolger zu schenken. Doch sie erleidet eine Fehlgeburt und erkennt, dass der nächste Kriegsherr von einem Mann gezeugt werden muss, den der Gott ihr als Helfer sandte.

Zandakar wächst zu einem schönen Jüngling heran, während Raklions Macht in Hekats Hände übergeht. Sie ist „die Herrscherin“, aber der Gott hat sein Ziel noch nicht erreicht… Der erste Band der „Gottessprecher“-Trilogie schildert den Aufstieg des Sklavenmädchens Hekat zur Herrscherin über Mijak und das Schicksal jener, die in ihrem Sinn bzw. dem des lebendigen Gottes handeln oder seinen Plänen im Weg stehen. Der namenlose Gott greift aktiv in die Geschehnisse ein, vergleichbar dem Gott des „Alten Testaments“, und enthüllt den Auserwählten winzige Facetten seines Vorhabens, schützt, straft und tötet. Seine Magie erfüllt die Gottessprecher, die Kriegsherren und manch andere Personen – sofern sie nicht durch persönlichen Ehrgeiz fehlgeleitet sind, die kryptischen Botschaften falsch deuten und den Zorn des Gottes zu spüren bekommen.

Als Leser weiß man genauso viel wie Hekat, aus deren Sicht die Ereignisse weitgehend beleuchtet werden. Zunächst bestaunt man mit dem kleinen, aber willensstarken Mädchen die sich steigernde Schönheit und den Reichtum der Ortschaften, durch die die Karawane zieht, bis sie das beeindruckende El-Raklion erreicht, dann verspürt man mit ihr die herbe Enttäuschung, als sie die Absichten von Abajai erkennt und handelt. Im Wechsel kann Hekat Erfolge verbuchen und muss Niederlagen einstecken auf ihrem Weg nach oben. Immer wieder schimmert dabei auch ihr eigener Ehrgeiz durch, und doch hält der Gott meist schützend seine Hand über sie. Damit legitimiert sie stets ihre Aktionen, bis sie auf dem Höhepunkt ihrer Macht ihres großen Traumes beraubt wird. Damit endet der Band, der durchaus für sich stehen kann, wenngleich die Entwicklung neugierig auf die Fortsetzung macht.

Die Autorin hat eine komplexe phantastische Welt geschaffen, die sich vage an die Kulturen Nordafrikas und des vorderen Orients anlehnt. Mijak, das Land des Gottes, wird von sieben Kriegsherren regiert, doch machen sich Neid, Misstrauen und Hass breit, seit sich die Wüste ausweitet (wie die Sahara und die Gobi) und nur das Reich El-Raklion fruchtbar bleibt. Raklion fürchtet um seine Heimat und deren Bewohner und möchte mit der Macht Gottes Mijak vereinen. Das ist jedoch erst der Anfang, denn der Gott will auch alle anderen Länder unterwerfen, über die man zunächst nur sehr wenig erfährt. Damit werden die Motive des Gottes und der Hauptfiguren enthüllt: ein geeintes Mijak und dann die Eroberung der restlichen Welt – nichts Neues in der Fantasy. Politik und Religion beeinflussen sich gegenseitig. Die eigentlichen Herrscher sind die Gottessprecher, die den Kriegsherrn lenken und das Volk kontrollieren. Dafür, ebenso für die brutalen Züchtigungen der Gläubigen, die blutigen Opferungen, das Vertrauen in Amulette usw. kennt die Geschichte viele Beispiele. Alles, was geschieht, wird von einem kriegerischen, blutrünstigen und zornigen Gott inszeniert, der seine Werkzeuge skrupellos fallen lässt, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben.

Durch diese Willkür und das Ausnutzen der Allmacht wirken er und seine gehorsamen Anhänger nicht gerade sympathisch. Selbst Hekat, für die man anfangs in dieser harten, Frauen verachtenden Gesellschaft viel Mitgefühl empfindet, wahrt die Distanz zum Leser durch ihre Selbstherrlichkeit und all ihre Superlativen. Von Anfang an ist klar, dass sie etwas Besonderes ist und dem Titel des Buchs gerecht werden wird. Allerdings verhält sie sich nicht besser als ihr Umfeld: Sie behandelt ihre Geschlechtsgenossinnen und jene, die schlechter gestellt sind, mit Herablassung und Verachtung, benutzt andere und entledigt sich der Personen, die ihr gefährlich werden könnten. Daher bleibt der Leser ein Außenstehender, der sich nicht mit ihr oder den übrigen Charakteren identifizieren möchte; er beobachtet, ahnt und sieht voraus. Tatsächlich kann die Handlung kaum überraschen, da sich alles nahtlos und schlüssig aneinander fügt und mit einem flachen Spannungsbogen voller kleiner Höhepunkte auf ein absehbares – vorläufiges – Ende zusteuert. Was die Geschichte interessant macht, sind die Details, die Mijaks Kultur und den Werdegang der Protagonisten realistisch beschreiben. Leider recht ermüdend wirken sich hierbei die Wiederholungen aus, insbesondere die formellen Floskeln oder das fortwährende Ich bin Hekat, kostbar und schön. Hätte man hier reduziert, wäre das Buch gewiss mindestens hundert Seiten kürzer ausgefallen.

Trotzdem vermag der Roman in den Bann zu ziehen, denn die Autorin schreibt sicher und flüssig. Ihre weit schweifende Art lässt sich mit z. B. der von Sarah Douglas („Die Weltenbaum-Saga“) oder Patrick Rothfuss („Die Königsmöder-Chronik“) vergleichen. Man sollte jedoch diese Form des Schreibens mögen, anderenfalls könnte „Die Herrscherin“ stellenweise langweilen. Karen Miller, von der bei Penhaligon bereits der Zweiteiler „Königsmacher“ und „Königsmörder“ erschienen ist, wartet mit einem ungewöhnlichen Fantasy-Roman auf, der Religion und Magie, persönliche Kämpfe und Schlachten, Intrigen und große Pläne mit interessanten Charakteren verknüpft.

Der Schwerpunkt liegt auf der überzeugenden Weiterentwicklung der Protagonisten und den reizvollen Beschreibungen des kulturellen Hintergrunds, weniger auf der mäßig spannenden, vorhersehbaren Handlung. Der flüssige Stil zieht den Leser in die Geschehnisse hinein. Die weit schweifenden Beschreibungen sind Plus und Minus zugleich: Durch die Detailtreue entfaltet sich eine phantastische Welt, doch gibt es auch einige Längen, die vermeidbar gewesen wären. „Die Herrscherin“ wendet sich an die Freunde epischer Fantasy, vor allem an Leserinnen, die starke Frauen-Charaktere schätzen und weder die populären Genre-Archetypen noch pseudo-spannendes Gemetzel brauchen. Findet man Gefallen an dem ersten Band der „Gottessprecher“-Trilogie, wird man die anderen Bücher („The Riven Kingdom“, „Hammer of God“) sicher sehnsüchtig erwarten. (IS)

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