Die Hunde der Hölle

Michel Parry (Hg.)
Die Hunde der Hölle


Originaltitel: The Hounds of Hell (London : Victor Gollancz 1974)
Übersetzung: Karl H. Kosmehl
Deutsche Erstausgabe: Mai 1977 (Fischer Verlag/TB Nr. 1876)
156 Seiten
ISBN-13: 978-3-596-21876-9

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Inhalt:

Sammlung von 13 Kurzgeschichten, in denen mehr oder weniger geisterhafte Hunde ihr Unwesen treiben:

– H. P. Lovecraft: Der Bluthund (The Hound, 1922): Über zwei dekadente aber dilettantische Zauberlehrlinge fällt ein wahrer Höllenhund her, als sie einen nur scheinbar toten Hexenmeister bestehlen.

– Ambrose Bierce: Stanley Flemings Halluzination (Stanley Fleming‘s Hallucination, 1906): Flemings verhasster Nachbar Barton fällt einem Verbrechen zum Opfer, aber als sich sein Mörder in Sicherheit wiegt, beginnt ihn des Nachts ein geisterhafter Hund zu bedrängen.

– Iwan Turgenjew: Der Hund (Sobaka, 1866) Viele tausend Kilometer entfernt muss sich im alten Russland ein wackerer Kosack mit einem ähnlichen Problem plagen.

– Agatha Christie: Der Hund des Todes (The Hound of Death, 1933): Ein weiterer Geisterhund schützt eine übersinnlich begabte Nonne vor einem üblen Erbschleicher.

– Manly Wade Wellman: Ohondongola – der tote Hund (Dead Dog, 1938): Grausam lässt der frustrierte Kolonialoffizier im tiefen Afrika einen schwarzen Kriegerfürsten hinrichten, doch der schickt ihm seinen verfluchten Wachhund auf den Hals.

– Catherine Crowe: Die Erzählung des holländischen Offiziers (The Dutch Officer‘s Story, 1858): Seit mehr als einem halben Jahrhundert weckt ein Geisterhund Soldaten, die auf Nachtwache einschlafen, doch wehe den Vorgesetzten, die ihn fangen wollen!

– Guy de Maupassant: Vendetta (Une vendetta, 1884): Eine Witwe dressiert auf der Insel Korsika ihren Hofhund zur rasenden Killermaschine, um den ermordeten Sohn zu rächen.

– Theo Gift: Hund oder Dämon? (Dog or Demon?, 1889): Den armen Pächter vor die Tür zu setzen, hat für den Grundbesitzer Folgen, denn sein Opfer belegt ihn mit einem wirkungsvollen Fluch.

– Fritz Leiber: Der heulende Turm (The Howling Tower, 1941): Zwei einsame Reisende treffen auf ein Rudel blutdurstiger Gespensterhunde, die im Turm des Titels ihr Lager aufgeschlagen haben.

– Ray Bradbury: Der Zwischengänger (The Emissary, 1947): Dog lockt gern Besucher an das Krankenlager seines bettlägerigen Herrchens; in der Nacht zu Halloween hätte es ihn allerdings besser nicht auf den Friedhof verschlagen.

– Robert Bloch: Pedros Hund (The Hound of Pedro, 1938): In einem abgelegenen Städtchen errichtet im Jahre 1717 der mit dem Teufel im Bunde stehende Räuberhauptmann Pedro Dominguez ein Schreckensregime.

– Ramsey Campbell: Das Winseln (The Whining, 1974): Ein böser Geist schlüpft in einen Hund, der allerdings tot und dumm ist, was seinem Mörder die gerechte Strafe beschert.

– Dion Fortune: Der Todeshund (The Death Hound, 1922): Ein verliebter aber böser Hexenmeister lässt seinen herzkranken Nebenbuhler durch einen Spuk-Hund hetzen; Okkultisten-Detektiv Taverner nimmt sich des Falles an.

Böser Hund – Geisterhund

Die Wahl der Tierart mag zunächst überraschen, da Katzen oder andere Kreaturen der Dämmerung oder Nacht geeigneter scheinen, Furcht & Schrecken zu verbreiten, während der Hund als unterwürfiger Sabberling in Literatur und Film für heldenhafte Rettungstaten oder komische Einlagen zuständig ist. Aber auf einer etwas tieferen Stufe des menschlichen Unterbewusstseins ist noch die Erinnerung an den gar nicht so freundlichen Vorfahren des Hundes präsent: den Wolf der Wildnis, der viele Jahrtausende eine echte Bedrohung darstellte und um den sich folgerichtig eine Unzahl von Mythen und ein üppiger Aberglaube ranken, die bis auf den heutigen Tag einen idealen Nährboden für gruselige Geschichten bilden.

Ein Großmeister des phantastischen Genres eröffnet den Reigen: Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) zeigt in einer seiner frühen Geschichten, was er auch außerhalb des „Cthulhu“-Zyklus‘ zu leisten vermochte – ungeachtet seiner von der Literaturkritik angeprangerten Sünden, die hier so deutlich wie selten zu Tage treten: „Der Bluthund“, eine einfache Spukgeschichte, ächzt unter der Last von Adjektiven und Adverbien, die das Grauen förmlich herbeizwingen sollen.

Aber es kann sich behaupten, was für Ambrose Bierces (1842-1914) Story nur bedingt gilt. Von der Umsetzung Lovecrafts „Bluthund“ deutlich überlegen, weil kurz, geradezu knapp und ökonomisch Wort für Wort den Höhepunkt vorbereitend, leidet sie unter einem Plot, der schon vor einhundert Jahren das Publikum kaum überrascht haben dürfte.

Iwan Sergejewitsch Turgenjew (1818 1883) stellt den Liebhaber der nüchtern angelsächsischen Phantastik vor das Problem, sich mit einem Erzählstil anfreunden zu müssen, der dem Mythischen und Märchenhaften eng verhaftet ist und durchweg blumig ausfällt. Hat man sich jedoch eingelesen, freut man sich über eine Geistergeschichte, in der das Böse einmal nicht von den Toten ausgeht, und registriert womöglich sogar Turgenjews Spitzen gegen die verkrustete Feudalstruktur seines Heimatlandes und das daraus erwachsende soziale Elend.

Psychologie & Folklore

Quasi als Kontrast folgt mit „Der Hund des Todes“ eine klassische englische Spukstory, präsentiert von Agatha Christie (1890-1976), die als Schriftstellerin wesentlich vielseitiger war als man es ihr heute, wo primär Miss Marple & Hercule Poirot mit ihrem Namen verbunden werden, zubilligt. Christies phantastisches Werk schöpfte Anregungen aus der jungen Wissenschaft der Psychologie und kreiste hauptsächlich um die Frage, ob der Geist den Tod tatsächlich überwinden kann.

Manly Wade Wellman (1903-1986) war ein Veteran der trivialen Phantastik, die er über sechs Jahrzehnte mit unzähligen Romanen und Kurzgeschichten bereicherte, von denen wir deutschen Leser nur einen Bruchteil kennenlernen werden. Das ist schade, da Wellman echtes Kritikerlob für das Talent einstrich, seine ungewöhnlichen und (in doppeldeutigem Sinne) farbigen Geistergeschichten in die Südstaaten-Folklore seiner Heimat South Carolina einzubetten. „Ohondongola – der tote Hund“ greift allerdings auf Wellmans frühe Kindheitsjahre zurück, die er in Portugiesisch-Westafrika verbrachte, wo sein Vater als Missionar und Arzt arbeitete.

Catherine Crowe (1800-1871) war eine im viktorianischen England fleißige und überaus erfolgreiche Berufsschriftstellerin, deren Erfolg sich mit dem Walter Scotts („Ivanhoe“) durchaus messen konnte. Darüber hinaus interessierte sie sich für das Übernatürliche und sammelte eifrig Zeugnisse für angeblich echte Geistererscheinungen. Auch „Die Erzählung des holländischen Offiziers“ ist eine fast dokumentarisch anmutende Erzählung, die geschickt mit Andeutungen arbeitet und der offenen Konfrontation mit dem Paranormalen aus dem Weg geht.

Höllische Helfer im Dienst der Gerechtigkeit

Guy de Maupassant (1850-1893), der unglücklich in Wahnsinn und frühem Tod geendete französische Schriftsteller, legt mit „Vendetta“ eine zwar intensive aber heute aufgrund ihrer pseudoromantischen Vorstellungen über ein gar zu archaisches Korsika (das fatal an die wunderbare Karikatur des auf dieser Insel spielenden 20. „Asterix-&-Obelix”-Abenteuers erinnert) nicht mehr zeitgemäße Rachegeschichte vor.

Theo Gift war eigentlich eine Frau, Dora Havers (1847-1923) mit Namen, die wie Catherine Crowe ihren Lebensunterhalt mit der Feder bestritt. Dem Phantastischen widmete sie sich eher selten, doch ihre Geschichte vom hartherzigen irischen Pachtherrn, den ein wahrlich teuflischer Fluch trifft, zeugt trotzdem von Meisterschaft.

„Der heulende Turm“ wirkt zunächst ein wenig fehl am Platze in dieser Sammlung, lässt sie sich doch eher der Fantasy als dem Horror zuordnen. Fritz Leiber (1910-1992) verankerte sie in seinem klassischen, über fünf Jahrzehnte stetig ausgebauten Zyklus um die Abenteuer des Barbaren Fafhrd und seines zwergenhaften Gefährten, des Grauen Mauslings, auf der uralten Welt Nehwon. Doch die Horror-Elemente überwiegen dieses Mal deutlich und formen sich fern jedes Hokuspokus‘ zu einem unerhört dicht erzählten Kleinod.

Hunde, die bellen, beißen durchaus

Ray Bradbury (1920-2012) nervt mit einer seiner von der Kritik so geliebten Beschwörungen US-kleinstädtischer Kindheitsträume, die im „Zwischengänger“ trotz krokodilsträniger Rührseligkeit in einem unvermutet finsteren Höhepunkt gipfeln. Ganz anders dagegen Robert Bloch (1917-1994), den wir hierzulande vor allem als Autor von „Psycho“ kennen, der jedoch in sämtlichen Genres der Unterhaltung zu Haus war. „Pedros Hund“ ist eine knallige Gruselfabel in ungewöhnlicher Kulisse; eine hinreißend unbekümmerte Rekonstruktion der Vergangenheit à la Hollywood und eine Reminiszenz an H. P. Lovecraft (ein Mentor des jungen Bloch) und den „Cthulhu“-Mythos.

Ramsey Campbell (geb. 1946) beweist mit einer seiner frühen Geschichten bereits das Talent, eigentlich längst zum Klischee verkommene Horror-Motive aus einem gänzlich neuen Blickwinkel zu betrachten. Ein Geisterhund ist und bleibt ein Hund, so seine Prämisse, die er in „Das Winseln“ mit der ihm eigenen Konsequenz bis ins überzeugende Finale durchspielt.

Dion Fortune, eigentlich Violet Wirth (1890-1946), eine weitere Schriftstellerin mit männlichem Pseudonym, wandelt auf den Spuren William Hope Hodgsons (1874-1918) bzw. seines „Geisterfinders“ Carnacki, ohne das Vorbild auch nur annähernd zu erreichen; größer ist die Nähe zu Dennis Wheatleys pulpigen Geisterjäger De Richleau, einen James Bond des Okkulten, der sich im geheimen aber heftigen Krieg mit Hexenmeistern, Zauberorden, Dämonen und anderen Ungeheuern befindet und dabei auf ein reiches Repertoire magischer Hilfsmittel zurückgreifen kann.

Diese Hunde mussten Haare lassen

Michel Parry legte 1974 diesen schmalen aber fabelhaft zusammengestellten Band vor. Allerdings ist die deutsche Ausgabe noch um einiges kürzer geraten; es fehlen das Vorwort, das hierzulande gern weggelassen wird, um den geistig bekanntlich armen Horror-Freund nicht mit Daten und Fakten zu verwirren, sowie Geschichten von William Faulkner („The Hound“, 1931), Saki („Louis“, 1919) und Feodor Sologub („The White Dog“, 1915).

Entweder lagen hier die Rechte bei anderen deutschen Verlagen, die darauf nicht verzichten wollten, oder dieser Band sollte die Standardzahl von 160 Seiten nicht überschreiten, was wahrscheinlicher ist, da es viel zu viele Anthologien gibt, die von deutschen Verlagen auf diese Weise ‚frisiert‘ wurden. Möge nachträglich ein Geisterhund jeden der dafür Verantwortlichen in den Allerwertesten beißen!

Herausgeber

Michel Patrick Parry (1947-2014) hinterließ seine Spuren im Horror-Genre bereits in frühen Jahren. Anfang der 1970er Jahre schrieb er einige (wenig bemerkenswerte) Romane, zu denen sich diverse Drehbücher gesellten, von denen zwei sogar („The Uncanny“, 1977; dt. „Das Unheimliche“) bzw. leider („Xtro“, 1983; dt. „Xtro – Nicht alle Außerirdischen sind freundlich“) verfilmt wurden.

Nachhaltigen Ruhm gewann Parry als kundiger und eifriger Herausgeber thematisch ausgerichteter Horror- und Science-Fiction-Geschichten. Zwischen 1972 und 1980 erschienen mehr als 33 dieser Anthologien, von denen ein Dutzend ihren Weg – wenn auch gekürzt – nach Deutschland fand.

Seit 1985 gibt Parry keine Storysammlungen mehr heraus, seit 1996 scheint er überhaupt nicht mehr literarisch aktiv gewesen zu sein.

Copyright © 2014/2017 by Michael Drewniok (md)

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