Kettenwelt-Chroniken 1: Scar Night

Alan Campbell
Scar Night
(Kettenwelt-Chroniken, Bd. 1)

Originaltitel: Scar Night – Volume One of the Deepgate Codex (London : Tor Books/Pan Macmillan Ltd. 2006; Bantam Books : New York 2006)
Übersetzung: Jean Paul Ziller
Deutsche Erstveröffentlichung (Paperback): Juli 2007 (Goldmann Verlag/Paperback 46270)
608 S.
ISBN-13: 978-3-442-46270-4
Neuausgabe: Mai 2011 (Goldmann Verlag/TB Nr. 47577)
608 S.
ISBN-13: 978-3-442-47577-3

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Das geschieht:

An 99 gigantischen Ketten verankert schwebt die Stadt Deepgate über dem Abgrund, den einst Ulcis, der rebellische Gottessohn, bei seinem Sturz aus dem Himmel in die Erde geschlagen hat. In diese Tiefe werfen die Bürger ihre Toten, denn nach ihrem Glauben kann nur Ulcis den Seelen ihren Weg ins Paradies weisen. Die Zeremonie ist streng zu beachten, denn verärgert man diesen Gott, schickt er womöglich sein Heer der Toten aus, um die Menschen von Deepgate zu strafen. Ohnehin herrscht Unruhe in der Stadt, denn ein Seelenfänger treibt sein Unwesen; Carnival, ein abtrünniger Engel, lauert in den Neumondnächten unvorsichtigen Nachtgängern auf und saugt ihnen das Blut aus.

Seit sich vor drei Jahrtausenden die Bürger von Deepgate auf die Seite von Ulcis schlugen, existiert ein Pakt zwischen Menschen und Engeln. Diejenigen, die sich zu ihm bekannten, wurden in den Kriegen, die seither geführt wurden, jedoch aufgerieben. Dill, der letzte Tempel-Engel, wirkt wenig eindrucksvoll. Gerade 16 Jahre ist er alt und ohne jede Ausbildung im Kampf. Wenn die Toten der Tiefe übergeben werden, ist er es, der im Dienst der Kirche die Leichen zum Schacht fährt – eine Aufgabe mit Tradition aber nur noch von symbolischer Bedeutung.

Dem unerfahrenen Dill stellt Presbyter Sypes, sein Mentor, die junge Rachel Hael zur Seite. Sie gehört zu den Spine, die im Auftrag der Kirche kämpfen und töten, und soll Dill sowohl schützen als auch den Umgang mit Waffen lehren. Sypes fürchtet einen Anschlag auf das Leben des Engels. Dills Tod würde das empfindliche, von Intrigen erschütterte Machtgefüge in Deepgate zum Nachteil der Kirche verändern. Ichin Tell, der Oberste Spine, pflegt immer deutlicher politische Ambitionen. Alexander Devon, der oberste Alchemist und Giftmischer, treibt ebenfalls ein undurchsichtiges Spiel. Er ist es denn auch, der den Stein eines Tages ins Rollen bringt und einen Kampf anzettelt, der Ulcis‘ dämonische Armee aus dem Höllenschlund an die Oberfläche lockt …

Richtig dunkle Fantasy

Nie ging es ihr so gut wie heute: Fantasy-Titel haben zumindest in den deutschen Buchläden die SF-Romane aus den Regalen verdrängt. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass die Fantasy nie so stumpf wie heute war. Unendliche Serien mehr oder weniger verwässerter Tolkien-Klone, die seit einiger Zeit sogar exklusiv in deutscher Sprache zusammengebastelt werden, schwemmen die wenigen wirklich interessanten Werke an den Rand dieser homöopathisch verdünnten Papiersuppe. Jeder schriftstellernde Dilettant schreibt entweder einen Krimi, einen Historienroman, Fantasy oder gar Romantasy; es ist ja scheinbar so einfach.

Dabei verdient die Fantasy ebenso viel Sorgfalt wie andere Genres. „Scar Night“ ist ein Roman, der Anlass zur Hoffnung gibt, dass dieser Anspruch noch lebt. Alan Campbell schrieb ihn zwar ebenfalls als Auftaktband einer Serie, die indes nicht ausschließlich von recycelten Ideen, Mythentümeleien und abgepausten Figuren lebt, sondern Eigenständigkeit mit Spannung, substanziellen Charakteren und subtilem Witz vereint.

„Dark Fantasy“ wird das Subgenre genannt, in das die Kettenwelt-Chroniken einzuordnen sind. Deepgate ist wahrlich eine düstere Schöpfung – eine Stadt baumelt an gigantischen Ketten, zwischen denen ein unübersichtlicher Wirrwarr größerer und kleiner Ketten, Seile und Netze gespannt ist. Sie halten Häuser, Werkstätten, Läden und Fußwege, ein Labyrinth aus rostendem Eisen, moderndem Holz und bröckelnden Steinen, das immer wieder nachgibt und allzu sorglose Bürger – wozu den Verfall aufhalten, wenn dereinst doch nur Ulcis‘ Grube auf dich wartet? – ins Verderben reißt.

Die Hölle kann warten

Diese Kulisse ist wunderbar morbide und wie (von Tim Burton oder Neil Gaiman) geschaffen für eine Geschichte, die finstere Winkel, Schatten und Schlupflöcher benötigt. Sie erinnert sehr an das Setting eines Videogames, was nicht verwundert, da der Autor aus diesem Umfeld stammt. Aber Campbell geht weiter: Er fabuliert seiner Welt, die an ein England oder Schottland zur Zeit der Industriellen Revolution erinnert, eine Geschichte, in der sich ‚Realität‘ und Mystik endlich einmal so mischen, dass der Leser nicht frustriert mit den Zähnen knirschen muss. Hier schinden keine esoterisch hohl schwätzenden, pseudo-pompösen (Dämonen-) ‚Götter‘, Märchenbuch-Magier, von Erlöser-Phantasien und Depressionen geplagten ‚Helden‘ oder andere Pappkameraden Buchseiten: Diese und viele weitere Klischees fallen ersatzlos aus.

Die Kettenwelt mag fremdartig wirken, doch seine Bewohner sind im Guten wie (und vor allem) im Bösen überaus menschlich. Für Gefühle liefert der Verfasser handfeste Erklärungen. Deepgate ist kein Ort für Träumer; das gilt für seine Bürger ebenso wie für uns Leser. Die Menschen der Kettenwelt sind wie ihre ‚Götter‘ und ‚Engel‘ Figuren in einem Geschehen, das sie nicht steuern können. Die einstige Disziplin, die Deepgate auf der Naht zwischen der Oberwelt und Ulcis‘ Totenreich in der Waage hielt, hat sich schleichend verflüchtigt; er basierte ohnehin auf einer großen Lüge.

Anschaulich und mitreißend schildert Campbell Deepgates Fall als langsam einsetzenden und sich stetig beschleunigenden Prozess. Anfänglich meint der Leser, der Autor übertreibe es mit den Beschreibungen, so interessant sie auch geraten sind, aber die auf diese Weise gewonnene Ortskenntnis ist wichtig, wenn sich spätestens in der zweiten Hälfte die Ereignisse überstürzen.

Scheinheilige ‚Götter‘ & Schachfiguren

Bereits angesprochen wurden die wunderbar charakterisierten Figuren, die glaubhaft in ihrer außergewöhnlichen Umgebung leben. Deepgates politische und gesellschaftliche Struktur lehnt sich ebenfalls an englische Verhältnisse des frühen 19. Jahrhunderts an. Selbstverständlich überspitzt Campbell die historische Realität um des Effektes willen. Auch dabei beweist er eine glückliche Hand. Die Kirche als Bösewicht ist ein uralter und ausgeleierter Hut. Hier bürstet ihn der Verfasser geschickt auf. Presbyter Sykes ist ein hochinteressanter Zeitgenosse; leicht vertrottelt und liebenswert, gleichzeitig ein skrupelloser Intrigant und Machtmensch. Wenn er auftritt, gelingen Campbell besondere Kostproben eines knochentrockenen Humors, der Fantasy-Comedians wie Terry Pratchett oder Robert Rankin recht alt aussehen lässt.

Der Engel Dill ist als Katalysator des Verhängnisses eine gut gewählte und gezeichnete Figur. Als reiner Tor gerät er in ein Geschehen, das er nicht meistern kann. Nach und nach erkennt Dill, dass man ihn um seine Vergangenheit und damit sein Leben betrogen hat. Er muss erwachsen werden, und dieser für ihn schmerzhafte und abenteuerliche Prozess macht ihn nicht nur sympathisch, sondern auch für den Leser interessant.

Ein ganz anderes Kaliber ist Carnival, der (weibliche) Engel aus der Vergangenheit. Sie besitzt die ursprünglichen Fähigkeiten ihrer geflügelten Rasse noch in ungeschmälertem Maße, ist unsterblich, schier unverwundbar und übermenschlich stark. Gleichzeitig ist Carnival psychisch derangiert – sie hat keine Kenntnis mehr von den Ereignissen, die sie auf die Kettenwelt brachte, und das trägt zu ihrer Schizophrenie bei, zumal sie eine geistige Sperre daran hindert, in den Abgrund vorzudringen und Ulcis persönlich zur Rede zu stellen.

Campbell Kettenwelt 1 Scarnight Cover TB 2011

Cover der TB-Ausgabe 2011

Schurken mit scharfen Profilkanten

Alexander Devon, ein „mad scientist“ reinsten Wassers, ist das Zünglein an der Waage. Seine Untaten lassen die Seite, an der Deepgate hängt, tief ins Chaos sinken. Campbell gestaltet Devon nicht als simplen Intriganten, sondern als erst körperlich und dann geisteskranken Mann, der unfreiwillig und eher zufällig seine besondere Rolle übernimmt. Damit reiht er sich ein in die Reihe der ambivalenten Gestalten, die Campbells Kettenwelt bevölkern: Wie im wahren Leben ist der Mensch nie absolut ‚gut‘ oder ‚böse‘, sondern verkörpert beide Zustände in stetig wechselnder Stärke.

An Dills Seite steht Rachel, eine weitere zwiespältige Persönlichkeit, noch Mensch und schon halb Spine – oder zuviel Mensch und ohne Chance, ein echter Spine zu werden. Als Sykes sie zu Dills Leibwächterin ernennt, fällt er eine zweischneidige Entscheidung: Rachel kann den raffinierten Plänen des Presbyters zwar keinen Einhalt gebieten, doch sie ist gleichzeitig ein unkalkulierbarer Faktor. Die junge Frau rebelliert gegen das System, in dem sie ein Fremdling ist. Sofort beginnt sie Dill zu indoktrinieren, der daraufhin das eigene Denken lernt, was wiederum ein schmerzhafter Vorgang ist und Dill buchstäblich sterben, durch die Hölle irren und wiederauferstehen lässt – und dies, ohne dass es sich peinlich liest.

Das große Finale lässt an Wucht nichts zu wünschen übrig. Die Weichen für die Fortsetzung sind gestellt, aber die Geschichte wirkt nicht abgewürgt. „Scar Night“ schließt seine Handlung ab und weckt echte Neugier: Wie geht es mit unseren Figuren weiter? Sie werden neue Wege gehen müssen oder sind tot – aber Vorsicht: Der Tod ist in der Kettenwelt kein endgültiger Zustand. Das gilt für Freund & für Feind, was beiderseitig für Überraschungen sorgen kann, auf die wir schon gespannt sind.

Autor

Alan Campbell wurde 1971 in schottischen Falkirk geboren, wo er auch aufwuchs. Er studierte Computerwissenschaften an der Edinburgh University. Nach dem Examen arbeitete Campbell an der Entwicklung von Videospielen für PC und Playstation mit. Er verließ die Branche, um sich als Fotograf und Schriftsteller niederzulassen. „Scar Night“, der erste Band der „Deepgate Codex“-Serie, erschien 2006, war sofort sehr erfolgreich und wurde fortgesetzt. 2012 begann Campbell mit der Urban-Fantasy-Reihe „Gravedigger Chronicles“.

Campbell lebt weiterhin in Schottland (South Lanarkshire). Über sein Werk informiert er auf dieser Website.

Copyright © 2016 by Michael Drewniok (md)

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Comments

  1. Warum macht ihr die angegebenen Titel nicht alle als Bestelllinks, die Ihr am Ende der Rezis auflistet?

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