Die Legende vom letzten König

Ellen Kushner & Delia Sherman
Die Legende vom letzten König

Riverside 2
The Fall of the King, USA, 2002
Goldmann Verlag, München, 1. Auflage: 3/2009
PB, Fantasy 46865, 978-3-442-46865-2, 668/1200
Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr
Titelgestaltung von Design Team München unter Verwendung von Kukalis, Romas B.

www.goldmann-verlag.de
www.ellenkushner.com
www.sff.net/people/kushnerSherman/Sherman/

Viele Jahre sind vergangen, seit der ‚irre Herzog’ ins Exil gegangen ist und Lady Katherine die Besitztümer der Tremontaines erbte. Obwohl sie für eine Frau ein recht unkonventionelles Leben führt, gelang es ihr, die Gerüchte über ihre Familie zum Verstummen zu bringen – bis Theron Campion, ein junger Student und ihr designierter Nachfolger, die Aufmerksamkeit der regierenden Lords auf sich zieht.

Gerüchten zu Folge verlangen die Bewohner des Nordens die Rückkehr der Könige, die einst gemeinsam mit ihren Zauberern über das Land herrschten und es erblühen ließen – was natürlich nichts als Aberglaube ist, denn die Monarchen gelten als korrupt und die Magier als Scharlatane, so die Ansicht der Menschen des Südens. Trotzdem verbreiten sich geheime Mythen und Riten, und sogar Magister Basil St. Cloud beschäftigt sich intensiv mit diesem Kapitel der alten Geschichte, das seine Kollegen am liebsten aus allen Büchern getilgt sehen würden.

Theron wird Basils Geliebter, ohne zu ahnen, dass dieser in ihm den neuen König sieht und ihn manipuliert. Doch auch die Studenten aus dem Norden sind davon überzeugt, ihren Anführer gefunden zu haben. Ohne es zu wollen und ohne zu begreifen, was ihm passiert, wird Theron in ein gefährliches Ritual hinein gezogen und lässt sich zu Dingen hinreißen, die ihm die Lords als Hochverrat anlasten könnten…

Um „Riverside“ ranken sich einige in sich abgeschlossene Romane und Kurzgeschichten. Im Goldmann Verlag ist bereits der Band „Die Dienerin des Schwertes“ erschienen, in dem erzählt wird, wie das junge Mädchen Katherine aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen und von ihrem Onkel, dem ‚irren Herzog’, in Jungenkleider gesteckt und zu einem Degenfechter ausgebildet wurde. Nachdem er mit seinem Geliebten ins Exil ging, fiel das Erbe an Katherine, die nun in der Lage war, ein ungebundenes und selbständiges Leben zu führen.

„Die Legende vom letzten König“ ist Jahrzehnte später angesiedelt. Katherine hat niemals geheiratet und betrachtet Theron, den Sohn, den der ‚irre Herzog’ kurz vor seinem Tod mit der schönen Sophia zeugte, als ihren Nachfolger. Allerdings ist der Student nicht sonderlich an den Plänen interessiert, die seine Base für ihn entwirft. So lange er kann, genießt er ein unbeschwertes Leben: Er zieht mit anderen jungen Adligen und Kommilitonen durch die Kneipen und Bordelle, liebt Frauen und Männer und lässt sich auf so manches gewagte Unternehmen ein.

Als Theron den nur wenig älteren Magister Basil St. Cloud kennen und lieben lernt, glaubt er, alles zu haben, was er sich wünscht. Doch Missverständnisse trüben schon bald die Beziehung der beiden: Basil verfällt mehr und mehr dem Bann, den ein altes Buch über die Könige und ihre Zauberer auf ihn ausübt. In einer öffentlichen Disputation will er beweisen, dass Magie tatsächlich existiert und die Geschichte, wie man sie kennt, falsch ausgelegt, wenn nicht gar verändert wurde. Theron bleibt fast bis zum Schluss ahnungslos, welche Rolle ihm bei all dem zukommt. Um die lästigen Verpflichtungen, die ihm durch seinen Rang entstehen, loszuwerden und mehr Zeit für seinen Geliebten zu haben, verlobt er sich mit einem Mädchen aus einer angesehenen Familie, für das er nichts empfindet.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Basil, Theron und die Studenten aus dem Norden geraten ins Visier der Lords, die unter allen Umständen vermeiden wollen, dass ihre Vormachtstellung in Gefahr gerät. Und so nimmt die Tragödie ihren Lauf.

Hat man den vorherigen Band gelesen, weiß man, was auf einen zukommt: ein umfangreicher Roman, dessen erste Seiten sich etwas zäh lesen, doch sobald man sich in die Handlung eingefunden hat, lässt sie einen nicht mehr los. Freilich weist sie durch ihren Reichtum an Details, die vielen Schauplätze und Charaktere einige Längen auf, aber je mehr Mosaiksteinchen ihren Platz finden, umso deutlicher wird, dass jede zunächst überflüssig erscheinende Person, Szene oder Beschreibung ihren Sinn hat. Heraus kommt ein opulentes Sittengemälde, das ein wenig an Frankreich/England oder das französisch geprägte Amerika des 18. Jahrhunderts erinnert und dabei keltisch anmutende Mythen mit einbezieht.

Der Hauch Magie ist – wie schon im anderen Buch – so vage, dass „Die Legende vom letzten König“ mehr wie ein homoerotischer Historienroman als wie ein waschechter Fantasy wirkt. Damit liegen die Autorinnen, die selbst ein Paar sind, ganz im Trend, denn was zuvor als ‚Slash’ einen kleinen Kreis interessierter Leserinnen faszinierte, ist mittlerweile durch Boys Love-Mangas und einem offeneren Umgang mit der Thematik auch in anderen Genres gesellschaftsfein geworden. Die entsprechenden Schilderungen sind diskret und nicht annähernd so grafisch wie beispielsweise in den Romantic Mystery-Serien von Autorinnen wie Lynsay Sands, Kathie MacAlister oder Lara Adrian.

Die Protagonisten brechen oft mit den Konventionen, sind vielschichtig und daher interessant. Theron mag zwar die Hauptfigur sein, doch auch den übrigen Charakteren wird genug Raum gewährt, dass sie sich entfalten und ihre Motive darlegen können.

Regelmäßig wechseln die Autorinnen die Erzählperspektiven, so dass der Leser an den Gedanken, Ängsten und Hoffnungen der Repräsentanten aller Fraktionen teilhaben kann. Die Rollen von Katherine und ihren Freunden sind sehr klein, und es gibt praktisch keine Bezüge zu den früheren Geschehnissen – man muss „Die Dienerin des Schwertes“ nicht kennen, um sich hier zurechtzufinden.

„Die Legende vom letzten König“ wendet sich in erster Linie an Leserinnen, die weit schweifende historische Romane schätzen und dabei auch phantastischen Elementen und homoerotischen Beziehungen aufgeschlossen gegenüberstehen. Wer einen ‚echten’ Fantasy-Roman erwartet, wie ihn das Label verspricht, der wird vielleicht etwas enttäuscht sein, dass jegliche Ansätze von Magie immer wieder im Keim erstickt werden.

Alles in allem bietet der Roman unterhaltsames Lesefutter, wenn man farbenprächtige, abenteuerlich-romantische Historien-Spektakel mit einer Prise Fantasy mag. (IS)

Titel bei Amazon.de
Die Legende vom letzten König

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.